SCM Benutzerkonto

SCM-Benutzerkonto

Bestellhotline

Kundenservice

(jeweils Mo-Fr von 8 bis 17 Uhr)
Zur Vertiefung

Hier finden Sie umfangreiches Material, mit dem Sie die Kapitel des Buches "Christ. Glauben. Leben." vertiefen können. Die Bibeltexte und Erläuterungen stammen überwiegend aus der Wuppertaler Studienbibel und das zur Verfügung gestellte Bildmaterial aus "Glo. Die Bibel"

Am besten ist es, wenn Sie das Buch in einer Gruppe mit anderen zusammen besprechen. Wenn Sie Kontakt zu einer christlichen Gemeinde haben, könnten Sie dort eine solche Lese- und Gesprächsgruppe anregen. Sie verabreden, jeweils ein Kapitel zu lesen und sich dann zu treffen, um die entstandenen Fragen zu besprechen.

Wuppertaler Studienbibel, Gesamtausgabe im Schuber

225.364
190,00 €

Lieferbar & Portofrei

Kapitel 1 - Die Bekehrung

Vertiefung

Die Bekehrung – Wie und wann fängt’s an?

Jesus hat Klartext geredet: „Die Zeit ist erfüllt und die Königsherrschaft Gottes ist herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15). Den gleichen Klartext redet der Apostel Petrus fünfzig Tage nach der Auferweckung von Jesus: „Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen des Jesus Christus zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes“ (Apostelgeschichte 2,38). Sie fordern zur Bekehrung, zur  Änderung der Lebensrichtung um 180 Grad auf.
Aber ist sie überhaupt nötig? Religion kommt uns heute doch eher als ein Angebot neben vielen anderen im Supermarkt der Lebensstile vor. Wenn allerdings Gott wirklich existiert und der Schöpfer der Welt ist, kann unser Leben nur gelingen, wenn wir uns auf diese Tatsache einstellen. Wenn Gott nur eine Einbildung ist, dann ist Glaube an ihn auch Illusion. Lässt sich die Frage klären?
Wie  geschieht eine Bekehrung? Ist sie ein dramatisches Ereignis oder eine langsame Entwicklung? Und hat der Mensch wirklich Entscheidungsfreiheit? Ist nicht alles irgendwie durch unsere Vorgeschichte und die gesellschaftlichen Verhältnisse gesteuert? Wir müssen tatsächlich die Frage stellen: Wie viel Entscheidungsfreiheit hat ein Toter? Die Bekehrung hat nach den Aussagen von Jesus mit Totenauferweckung und Neuschöpfung von Leben zu tun. Darum geht es auch um so etwas wie aktiver Geburtshilfe. Die Frage, welche Rolle andere Menschen bei einer grundlegenden Lebenswende spiele, ist nicht zu unterschätzen. Schließlich stellen wir uns auch der Frage, welche Bedeutung die Taufe für das Leben der Christen hat. Das ist nicht das einzige heiße Eisen in diesem Buch. 

Matthäus 7,13–14

3 Gehet ein durch die enge Pforte; denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der ins Verderben führt, und viele sind, die auf ihm hineingehen.

Ps 118,20; Mt 19,24; 22,14; Lk 13,24; Jo 10,7.9

14 Wie eng ist die Pforte und schmal der Weg, der ins Leben führt, und nur wenige sind es, die ihn finden.

In diesem Gleichnis ist von einer hohen Stadtmauer die Rede, die ein breites und hohes Stadttor und ein enges und kleines Nebentor hat. Durch das große Stadttor geht auf breiter Straße, die dem allgemeinen Verkehr dient, die Menge. Durch das unscheinbare Nebentörchen gehen auf schmalem Pfad nur die einzelnen, die wenigen.

Soweit das Bild. Nun die Deutung: Neben der kleinen Jüngerschar stand die geschlossene Mehrheit des Volkes. Die Masse des israelitischen Volkes forderte einen Messias als einen Brotkönig, als einen äußeren Messias. Die Jüngerschar dagegen wußte bald um den Schmachweg des Galgentodes ihres Meisters, wußte um die Drangabe ihres ganzen Eigenwesens und Eigenseins. Das war eine schwere Sache, ein radikales Opfer, das vom Herrn gefordert wurde: Ganz anders zu handeln, ganz anders zu denken, als die große Masse handelt und denkt. Wir denken an all die radikalen Worte und Beispiele aus Mt 5 und 6 und 7, wie der Herr darin die Umwertung aller Werte proklamiert hatte. Die Forderungen Jesu standen ja allem Bisherigen gerade entgegengesetzt. Dem Weg der Masse, dem Ich-Weg, dem Selbstbehauptungsweg der breiten Straße steht der Gottesweg der wenigen, steht der Jesusweg des schmalen Weges schnurstracks entgegen. Aber dieser Bergpredigtweg, der unser ganzes Leben radikal auf das enge Gleis des schmalen Weges weist, ist der einzige Weg, der zum Leben führt. Und weil das ewige Leben auf dem Spiele steht, ist es Torheit, sich nach der breiten Straße umzusehen. Weil es ums Leben geht, darum ist kein Opfer zu groß, um für die Gewinnung des Zieles eingesetzt zu werden.

Mit diesen Bildworten von der engen und weiten Pforte, von der engen und weiten Straße hat Jesus die große Scheidung beschrieben, die sein Kommen unter den Menschen hervorgerufen hat. Der schmale Weg, das ist Er selbst, der »der Weg, die Wahrheit und das Leben ist«. - Die breite Straße, das ist der Satan! - Aus der großen Masse, die den Ich-Weg, den Weg der Sünde, das ist das Losgelöstsein von Gott, geht - ruft Jesus alle die heraus, die den Jesusweg pilgern, Ihm nachfolgen, fernab der großen Straße ihre Pfade ziehen. -

Aber noch einmal nimmt Jesus eine Scheidung vor, weil auch in der kleinen Schar, die den schmalen Weg geht, nicht alle wirklich zu der kleinen Schar gehören. - Jesus veranschaulicht diese schmerzliche Tatsache an dem Bilde einer Schafherde. Nicht alle, die wie ein Schaf aussehen, sind Schafe.

Markus 1,15

14 Nachdem aber Johannes übergeben war, kam Jesus nach Galiläa, verkündete die Freudenbotschaft[a] Gottes,

Joh 7,3ff; Lk 13,1; 23,5

Zur Übersetzung

[a] euangelion hat hier im Unterschied zu 1,1, wo es Fachausdruck für die christliche Missionspredigt ist und wo wir es deswegen als Fremdwort stehenließen, einen anderen Inhalt (s. Auslegung). Darum übersetzen wir es hier mit "Freudenbotschaft". Selbstverständlich haben die beiden Verwendungen von euangelion miteinander zu tun, aber es ist nützlich, sie zu unterscheiden.

[b] engizein hat in der LXX in der überwältigenden Mehrzahl seiner Belege den Sinn von "nahekommen", nur ausnahmsweise von "ankommen". Im NT ist es dann ganz eindeutig: An den 36 Stellen, an denen es nicht mit der Herrschaft Gottes im Zusammenhang steht, heißt es regelmäßig "nahen, nahekommen", so daß es auch an den restlichen sechs Stellen, die sich auf die Gottesherrschaft beziehen, kaum anders zu füllen ist.

[c] basileia ist vom Eigenschaftswort basileios, königlich, abgeleitet. Es handelt sich also um etwas Königliches. Ist es ein Territorium, übersetzen wir "Königreich" (z.B. 6,23; 13,8), ist es ein Zustand, sagen wir "(Königs-)herrschaft, -würde oder -gewalt". Es geht dann um machtvolles Königsein. Dieser zweite Fall ist in der Bibel der weitaus häufigere (hebr. malkut).

[d] S. zu 1,4.

[e] pisteuein, in der Umwelt der Bibel vor allem für glauben und überzeugt sein vom Dasein und Wirken der Götter, also eine "theoretische Überzeugung" weltanschaulicher Art (Michel, ThBLNT I, S. 566). Paulus und Jakobus, aber auch der Verfasser des Hebräerbriefes bezogen ihr Glaubensverständnis dagegen ausdrücklich aus der Schrift (Röm 4,1ff; Jak 2,21ff; Hebr 11,1ff), und auch Jesus lebte aus der Schrift. Darum ist es sachgemäß, sich bei der begrifflichen Füllung von pisteuein im NT an das hebr. hä'ämin zu halten (etwa 40 bis 50 Stellen im AT). Sprachliche Grundbedeutung: Beständigkeit gewinnen, sich festmachen, in sich zur Ruhe kommen, im Gegensatz zu zittern, sich beunruhigen und fürchten. Klassisch die Gegenüberstellung 5,36: "Fürchte dich nicht, glaube nur!"

[f] Wörtlich: "glaubt in der Freudenbotschaft", ohne jede Parallele im NT. Überhaupt ist "glauben in" ungriechisch. Trotzdem wollen Ausleger wissen, daß hier in der Weise der späteren Gemeindesprache geredet werde ("Terminologie der christlichen Missionspredigt", Bultmann, Geschichte, S. 124.366). Meist verwenden die Übersetzer hier eine andere Präposition: "Glaubt an das Evangelium." Aber auch dann fehlen noch urchristliche Parallelen. Im NT wird Glauben nie auf das Evangelium, das Wort oder die Verkündigung bezogen, sondern streng auf Gott, Christus oder seinen Namen. Es darf nicht auf Sachgrößen herumgebogen werden. Die Wendung ist aus dem Hebräischen zu verstehen (hä'ämin be, in der LXX mit pisteuein en übersetzt). Markus hat hier eine alte Vorlage, die auf ein vorgriechisches Stadium zurückgeht und noch nicht in die Sprechweise seiner Umgebung überführt ist.

Vorbemerkung

1. "Sammelbericht". An gut zehn Stellen unterbricht unser Buch die Erzählung durch Sammelberichte ("Summarien"). Meist eröffnen oder beschließen sie eine Serie von Geschichten. Durch sie verhindert Markus das Auseinanderfallen des Vielerlei und hilft seinen Lesern bei der Gewinnung eines geschlossenen Bildes. Er hebt bestimmte Züge als charakteristisch hervor. Er oder seine Vorlage lassen Ansatzpunkte ihrer Christologie erkennen. - Dieser erste Sammelbericht übertrifft alle späteren an Gewicht und leitet nicht nur diesen Hauptabschnitt ein, sondern überstrahlt zugleich das ganze Buch. Der Inhalt von V.15 ist einmalig, die Form einprägsam und feierlich, die Sätze kurz und ohne überleitende Partikel.

2. Bedeutung der Einleitung durch V.14. Markus verknüpft diese Charakterisierung der Verkündigung Jesu mit einem historischen Ereignis, nämlich mit dem Abtritt des Täufers. Doch beachte man, wie viele historische Fragen er dabei offenläßt: Welche Zeitspanne lag zwischen Taufe Jesu und seinem Auftreten in Galiläa? Taufte Johannes danach weiter? An welchem Ort im weiten Galiläa begann Jesus, und welchen Weg nahm er? Wer "übergab" Johannes an wen? Und was ist konkret gemeint? Diese Kürze geht ja nicht auf mangelnde Kenntnis zurück. Das läßt sich z.B., was das Ende des Täufers angeht, einmal direkt durch 6,14-29 beweisen. Vielmehr soll der Leser an dieser Stelle theologische Linien wahrnehmen.

3. "Evangelium" im NT und in der Umwelt. Wie zwei Pfeiler eine Hängebrücke hochhalten, steht hier am Anfang und am Schluß das Wort "Evangelium, Freudenbotschaft" und trägt die Verkündigung in allen ihren Teilen. Jesus war grundsätzlich Freudenbote (vgl. zu 1,1). Auch nach Matthäus hat Jesus nicht mit Seligpreisungen gespart.

Die Statistik des griech. Begriffs euangelion stellt uns allerdings vor Rätsel. Markus verwendet das Substantiv achtmal, nie das Verb euangelizein. Lukas übernimmt das Substantiv an keiner dieser acht Stellen, hat aber an anderen Stellen zehnmal das Verb. Matthäus übernimmt das Substantiv ein einziges Mal, bringt es aber noch an drei anderen Stellen und einmal das Verb. Johannes kommt für seine Darstellung sowohl ohne das Substantiv als auch ohne das Verb aus. Insgesamt finden wir in den Evangelien also das Substantiv nur 14mal, das Verb 11mal. Dagegen schwillt der Gebrauch dieser Vokabel in den Paulusbriefen, die den Sprachgebrauch der heidenchristlichen Gemeinden in vielen Ländern um das Mittelmeer herum widerspiegeln, gewaltig an. Paulus schreibt 60mal euangelion, 21mal das Verb und zweimal "Evangelist". Das Wort scheint also in der Evangelien-Überlieferung keinen festen Platz zu haben, während es in den heidenchristlichen Gemeinden gang und gäbe war. Wenn nun gleichzeitig bekannt ist, daß euangelion im öffentlichen Leben des Römischen Reiches eine bald inflationäre Rolle spielte, scheint der Schluß geboten: Der Begriff euangelion wurde zuerst in der heidenchristlichen Mission heimisch, die ihn aus ihrer Umwelt übernahm und sich zunutze machte. Markus trug ihn in die Jesus-Überlieferung zurück, worin ihm die anderen Evangelisten nur zögernd folgten.

Vor einer Stellungnahme treten wir dem politischen Gebrauch des Wortes näher. Sprechend für den Geist dieser Verwendung ist eine Inschrift aus der kleinasiatischen Stadt Priene aus dem Jahre 9 v.Chr. Sie feiert die Geburt von Kaiser Augustus (Text hier vereinfacht, vgl. ThBLNT I, S. 296 und ThWNT II, S. 438): "Dieser Tag hat der Welt ein anderes Gesicht gegeben. Sie wäre verloren, wenn nicht in seiner Geburt für alle Menschen das Heil aufgestrahlt wäre. Zum Heil der Welt ist dieser Mensch mit solchen Gaben erfüllt, daß er uns und den kommenden Geschlechtern als Heiland gesandt ist. All Fehd hat nun ein Ende, alles wird er herrlich machen. Die Hoffnungen der Väter sind erfüllt. Unmöglich, daß je ein Größerer kommen könnte. Sein Geburtstag hat der Welt die Evangelien beschert, die sich mit seinem Namen verbinden. Mit seiner Geburt beginnt eine neue Zeitrechnung."

Die Anzeige der Geburt des Augustus blieb nicht das einzige "Evangelium". Viele weitere Daten aus Leben und Werk der jeweiligen Kaiser gingen als "Evangelien" ins Land: Mündigkeitserklärung, Thronbesteigung, Regierungserklärung, Erlasse (auch Hinrichtungserlasse!) und Kriegstaten. Nichts ging vom Kaiserhof aus, das sich nicht penetrant optimistisch als "Evangelium" ausgab. Weil der Kaiser als mehr als nur ein Mensch galt, nämlich als Verkörperung des Göttlichen auf Erden, hatte all sein Tun und Lassen in der trostlosen, seufzenden Menschheit Freudenausbrüche auszulösen. In diesem Sinne wurden die Provinzen von "Evangelien" überflutet - sicher oft bis zum Überdruß einer apathischen Bevölkerung.

In dieser Umgebung mußte das "Evangelium von Jesus Christus" (1,1) zu den römischen "Evangelien" in eine polemische Beziehung treten. Das eine absolute Evangelium fegte für die Gläubigen jene Evangelien-Produktion, die sich schon durch ihre ständigen Wiederholungen selber widerlegte, hinweg. Um so weniger ist die Ableitung des christlichen Begriffs aus dem Umwelt-Begriff denkbar. Der vornehmliche Inhalt, nämlich Tod und Auferstehung Jesu, und auch seine strenge Einzahl (Gal 1,7!) schließen sie m.E. aus. Wohl mag das Gegenüber zu den Kaiserevangelien die Verbreitung des Ausdrucks gerade in heidenchristlichen Gemeinden stark befördert haben, aber für eine zutreffende Ableitung des christlichen "Evangeliums" sollte diese Vokabel nicht vom AT isoliert werden. Gerade an unserer so programmatischen Stelle erscheint es ja in einem Kranz von Begriffen, vor allem im Verbund mit dem Nahen der Königsherrschaft Gottes. Diesem Fingerzeig möchte die Auslegung folgen.

4. Erwartung der Gottesherrschaft bei den Juden und bei Jesus. Jesus konnte ohne nähere Erläuterung von der "Herrschaft Gottes" (oder dem "Königreich Gottes") reden. Ausdruck und Sache waren bekannt. Allerdings sind die Belege für den Ausdruck im jüdischen Schrifttum nur spärlich, meist auch nur floskelhaft und vor allem ganz selten auf die Zukunft bezogen. Meist ging es um das zeitlose Königsein Gottes über sein gehorsames Israel. Beispiel für das seltene Vorkommen der Herrschaft Gottes als Zukunftserwartung ist das Qaddisch, eine feierliche Schlußbitte oder ein Abschiedswort am Ende der langen Gebetsliturgie im Gottesdienst. Der mittlere Teil lautet: "Er lasse herrschen (= richte her) seine Königsherrschaft zu euren Lebzeiten und zu euren Tagen und zu Lebzeiten des ganzen Hauses Israel in Eile und Bälde" (bei Jeremias, Theologie, S. 192). Die Bitte ist verständlich. Israel wußte zwar um die gegenwärtige Gottesherrschaft, aber die Fremdherrschaft der Römer stand zu ihr in einem unerträglichen Widerspruch. Daraus ergab sich das Ausschauen nach einem Königsein Gottes, wie es gegenwärtig noch nicht existierte. So flehte Israel unablässig um Auflösung dieser Dissonanz in baldiger Zukunft. Beim Vergleich des Qaddisch mit dem Vaterunser zeigt sich nun ein augenfälliger Unterschied: Die Juden flehten erst am Ende ihres Betens um das Herbeikommen des Reiches, als Abgesang, Jesus dagegen begann sogleich damit. Und Bitte um Bitte wollen bei ihm im Lichte dieser ersten Bitte verstanden sein. Was für die Juden Letztes war, war für ihn das Erste und in gewissem Sinn auch das Einzige. Das Königsein Gottes hielt als magnetischer Kern alles zusammen, was er betete, lehrte, wollte, tat und litt. Seine Gleichnisse, sein Umkehrruf in die Nachfolge, seine ethischen Forderungen, seine Machttaten, Zeichenhandlungen wie sein Sterben und Auferstehen atmen im Horizont des kommenden Reiches. "Herrschaft Gottes" ist bei Jesus geradezu das Heilswort, das die sonst gebräuchlichen Heilsworte wie Gnade, Erbarmen, Rettung, Friede oder Gerechtigkeit überflügelte. Auch die Statistik erweist diesen Ausdruck als Zentralbegriff seiner Verkündigung: Von 122 Stellen im NT erscheinen 90 in Jesusworten. Da der Begriff weder vorher noch nachher eine so beherrschende, lebendige Rolle spielte, darf man von einer "typischen Wendung der Christussprache" reden (U. Luz, EWNT I, S. 483).

Nachdem aber Johannes übergeben war . . . Gerade die Unbestimmtheit ist hier vielsagend. An dieser Stelle ist "übergeben" nicht das bekannte Wort aus der Polizeisprache: ausliefern an den Richter, Gefängniswärter oder Henker, sondern ehrwürdiges Bibelgriechisch. Die LXX verwendet es nämlich 208mal von Gott, 122mal davon übergibt Gott "in die Hand" jemandes, also in dessen völlige Verfügungsgewalt. "Der Dahingegebene ist im wahrsten Sinne des Wortes gottverlassen; Gott hat ihn aus seinem Schutz herausgestellt in die Gewalt feindlicher Mächte" (Popkes, S. 25), damit sie an ihm tun, "was ihnen gefällt" (Mk 9,13). Zum undurchdringlichen Dunkel wird der Vorgang, wenn Gott selber seine treuen Knechte "übergibt". So geschah es himmelschreiend mit Jesus (9,31; 10,33; 14,11). Diese Hingabetheologie schwingt auch da mit, wo Menschen als Werkzeuge Gottes fungieren: Judas übergab Jesus an die Juden (3,19; 14,10f.18.21.42.44), die Juden übergaben ihn an Pilatus (15,1.10.15). Aber auch Jesu Nachfolger haben Anteil am Geschick ihres Meisters und werden "übergeben" (13,9.11.12) wie hier nun sein Vorläufer. Noch im Sterben bahnte er seinem Herrn den Weg, indem er dadurch die Gottesknechtsleiden Jesu ankündigte. Die Kette solche Ankündigungen reißt jetzt nicht mehr ab: 2,20; 3,6.19; 6,3.17-29; 8,31; 9,12f.31; 10,32-34.45; 11,18; 12,12; 14,1f.8.18-21.24.27.41 u.ö. Das alles steht also im Einklang mit der "Freudenbotschaft":

. . . kam Jesus. Die Preisgabe des Täufers ist offenbar Signal für Jesus, sein Arbeitsfeld aufzusuchen und in großem Stil zu beginnen. Er hält Johannes nicht für widerlegt, predigt er doch dasselbe weiter und dazu noch viel dringlicher und in größerem Rahmen. Er verläßt die Jordanebene und kommt nach Galiläa. Warum geht er aber in den Norden statt nach Süden, nach Jerusalem? "Wenn der Freudenbote kommt, so wird es Juda zuerst verkündet", erwarteten die Juden (bei Friedrich, ThWNT II, S. 713,3f). Hier macht sich wieder das Verhüllungsmotiv bemerkbar (s. zu V.9). In einer für uns unfaßlichen Gelassenheit geht Jesus dem klassischen Ort des Messias aus dem Wege und verschwindet in einem verheißungslosen Winkel, verbraucht Kraft und Zeit an Hinterwäldlern (vgl. Joh 7,3ff). Von der heiligen Stadt aus mußte dieses Galiläa - noch getrennt durch das halbheidnische Samaria - als hoffnungslose jüdische Insel in heidnischer Finsternis erscheinen. "Galiläa" ist ja Kurzform von gelil ha-gojim, Bezirk der Heiden (vgl. Mt 4,15). Seine jüdische Besiedlung betraf zudem auch nur die Dörfer und das Innere des Landes, aber die Städte waren stark heidnisch durchsetzt. Die aramäische Muttersprache der dortigen Juden war zudem so stark durch das Griechische verfärbt, daß man in Jerusalem einen Galiläer sofort an seiner Sprache erkannte (Mt 26,73). Überhaupt mußte man da oben aufgrund der Besiedlungsgeschichte mit einem starken Völkergemisch rechnen. Das echte Judesein eines Galiläers war einem Jerusalemer nie ganz geheuer. Schließlich bekam die religiöse Führung in der Hauptstadt die ferne Landbevölkerung nur schwer in den Griff und konnte sie nur mit Mühe zur Einhaltung der Satzungen bringen.

Auch vor der römischen Besatzungsmacht war es kein Plus, eine Bewegung in Galiläa zu beginnen. Mit Bedacht vermerkte später die Anklage, daß Jesus aus dieser Provinz stamme (Lk 23,5). Dort stand ja die Wiege der aufständischen Zeloten. Ihr großer Organisator Judas trug den Beinamen "der Galiläer" (Apg 5,37). Schon seit dem Amtsantritt des Herodes (39 v.Chr.) war der Bezirk über Generationen hinweg Unruheherd (vgl. Lk 13,1). Weil heidnische Großgrundbesitzer das Land weithin aufgekauft hatten und die Bevölkerung in Abhängigkeit hielten, erscholl der Ruf nach Freiheit hier besonders leidenschaftlich. Die ständige Konfrontation mit Heiden steigerte Fremdenhaß und Nationalismus. Galiläer waren aus Märtyrerholz geschnitzt. "Ihre Standhaftigkeit, ihr Wahnsinn oder ihre Seelengröße, wie man es nennen mag, erregte allgemeines Staunen" (ein zeitgenössisches Urteil bei Hengel, Zeloten, S. 61).

Dieses Land wurde also Urheimat des Evangeliums (vgl. auch 14,28; 16,7). Zu den unbegründeten exegetischen Konstruktionen zählt allerdings die Darstellung von Lohmeyer und Marxsen, wonach das Land auch noch nach Pfingsten und bis hinein in die Zeit der Abfassung des Markusevangeliums ein christliches Zentrum und eine Konkurrenz zur Muttergemeinde in Jerusalem gewesen sei, ja nach der Überzeugung des Markus bis zur Wiederkunft bleiben sollte. Die übrigen frühchristlichen Schriften bieten dafür keinen Anhalt. Auch hier wird Galiläa nicht als christliches Idealland erwähnt, eher als Belastung für Jesu Weg. Unter dem Vorzeichen des Lebensausganges seines Vorläufers betrat Jesus nun seinerseits den gottgewollten Leidensweg. Dieser geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Freudenbotschaft und Leidensweg soll zum Schluß von V.15 noch einmal bedacht werden.

Und verkündete die Freudenbotschaft Gottes. Selbstverständlich verkündete Jesus hier noch nicht das "Evangelium von Jesus Christus" von V.1. Noch lag seine Lebenstotalität nicht abgeschlossen vor, noch konnte die Ausrufung des Gekreuzigten und Auferstandenen nicht stattfinden, wie 1Kor 15,3-5 den Begriff Evangelium so markant und verpflichtend festgelegt hat. Die Inhaltsangabe im folgenden Vers bestätigt das. Jesus kommt darin überhaupt noch nicht vor, geschweige denn seine Erhöhung zum Herrn. Er ist hier noch nicht der Verkündigte, sondern der Verkündiger.

Das Zusätzliche nach Ostern besteht nun aber nicht darin, daß Gott gegen Jesus ausgetauscht würde, denn auch Paulus kann in Röm 1,1; 10,16; 2Kor 11,7 und 1Thes 2,2.8 weiter vom "Evangelium Gottes" schreiben. Das Evangelium bleibt also theozentrisch. Aber dieser Gott hat zu Karfreitag und Ostern gewissermaßen sein Gesicht gezeigt und sich als "Vater unseres Herrn Jesus Christus" definiert. Dahinter darf die Verkündigung nun nicht mehr zurück. Wer nach dieser Selbstvorstellung Gottes nicht auch von Jesus Christus spricht, redet nicht wahrhaft von Gott.

Die "Freudenbotschaft Gottes" in Galiläa war also noch nicht gleichlautend mit dem nachösterlichen "Evangelium von Jesus Christus", aber dieses war doch wesenhaft auf jenes zurückbezogen. Es bleibt bei demselben Botschaftserlasser und demselben Grundton. Gott hat begonnen, Freude auszuschütten: damals über das dunkle Galiläa, heute über die ganze Welt.

Atmet "Evangelium" hier also noch nicht Ostern, so doch Altes Testament. Das beweist zwingend V.15. Alle dortigen Elemente - der Freudenbote, Gott als Erlasser der Botschaft, sein Nahen zur Befreiung, das Hervortreten der Gottesherrschaft vor der ganzen Welt, der Anbruch der neuen Zeit, die Aufrichtung von Recht und Gnade und der Ruf zur Umkehr - das alles findet sich im AT und vor allem eng miteinander verschlungen in Israels Trostbuch. Man lese nur Jes 40,9; 41,27; 52,7-10 und 61,1-2. In der Wiedergabe nach der LXX kommen 49,8; 56,1; 60,6 und 61,10 hinzu. Schon von V.2 an war es das Jesaja-Buch, das den Weg Jesu beleuchtete (s. zu 1,2f).

Für die Ableitung der Freudenbotschaft aus Jes 40ff spricht auch, "daß im palästinensischen Judentum die Anschauung vom Freudenboten aus Deuterojesaja lebendig geblieben ist". Die angegebenen Stellen "kehren bei den Rabbinen immer wieder" (Friedrich, ThWNT II, S. 712ff). In diese Erwartung hinein sprach nun Jesus. Auch Paulus verknüpfte in Röm 10,15f "Evangelium" mit Jes 52,7. So blieb die Erinnerung an die biblische Herkunft des urchristlichen Standardbegriffs lebendig. Man verdankte ihn über Jesus der Heiligen Schrift. Durch die Verbreitung der Schreib- und Lesekunst ist inzwischen die Bedeutung eines Boten gesunken. Wir kennen ihn fast nur noch als den Briefboten, der kein persönliches Verhältnis zum Inhalt der Briefe hat, die er überbringt. Im Altertum verschmolzen aufgetragener Inhalt und Überbringer. Der Bote lieferte seine Botschaft nicht nur ab, sondern war in seiner Person selbst Botschaft. Insofern ist hier doch schon Jesus selbst, wenn auch indirekt, der Verkündigte. Später kommt es fast zur Gleichung: Evangelium = Jesus (8,35.38; 10,29; 13,9f).

Markus 10,17-27

17 Und als Jesus hinausging auf den Weg, lief einer hinzu und kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Lehrer, was soll ich tun, daß ich das ewige Leben erbe?

Mk 10,32; 1,40; 5,22; Joh 3,2; Apg 2,27; 9,6; 16,30

18 Jesus aber sagte ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut, außer der eine Gott.

Mk 12,29.32; 2Mo 20,2f

19 Die Gebote[a] weißt du: Töte nicht, brich nicht die Ehe, stiehl nicht, leg nicht falsches Zeugnis ab, beraube nicht[b], ehre deinen Vater und die Mutter.

Mi 6,8; Mk 7,4.7-9.13

20 Er aber sagte ihm: Lehrer, dieses alles habe ich bewahrt von meiner Jugend an.

Phil 3,6

21 Jesus aber blickte ihn an und gewann ihn lieb[c] und sagte ihm: eins fehlt dir. Geh hin, was du hast - verkaufe es und gib Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Und komm und folge mir nach.

Mk 1,16.19; 2,14; Hos 11,1; Mt 13,44; Mk 3,13; 5,18

22 Bei diesem Wort fiel ein Schatten über sein Gesicht[d] und er ging weg, traurig. Er hatte nämlich viele Besitztümer[e].

Mk 4,18

23 Und Jesus blickte ringsum und sagte seinen Jüngern: Wie schwer werden die, die Vermögen[f] haben, in die Herrschaft Gottes eingehen.

1Tim 6,9

24 Die Jünger aber erschraken über seine Worte, Jesus aber antwortete, sagte wiederum: Kinder, wie schwer ist es, in die Herrschaft Gottes einzugehen.

25 Es ist leichter, daß ein Kamel[g] durch das Loch der Nähnadel hindurchgeht, als daß ein Reicher in die Herrschaft Gottes eingeht.

26 Sie aber gerieten außer sich über die Maßen und sagten zueinander: Ja, wer kann dann gerettet werden!

1Mo 4,13

27 Jesus sah (sie) an, sagte ihnen: Bei Menschen - unmöglich, aber nicht bei Gott. Alles nämlich ist möglich bei Gott.

1Mo 18,14; Mk 9,23; 11,24

Zur Übersetzung

[a] Die von unserer Zählung abweichende Reihenfolge sollte nicht befremden. Es wurde nicht so genau gezählt. Schon die atl. Aufzählungen gehen auseinander, vgl. z.B. 2Mo 20,12-16 und 5Mo 5,16-20, auch Röm 13,9.
[b] aposterein im NT noch Jak 5,4. Dort und in der LXX für Lohnvorenthaltung (z.B. 5Mo 24,14). Oder werden mit diesem Ausdruck das neunte und zehnte Gebot zusammengefaßt? Viele Abschreiber, aber auch Matthäus und Lukas haben dieses Stück ausgelassen.
[c] "Und liebte ihn" (wörtlich) ist natürlich nicht Mitteilung der allgemeinen Menschenliebe Jesu, die auch diesen Mann einschloß, sondern bezeichnet einen jetzt eintretenden Akt der Liebe (ingressiver Aorist). Einige Ausleger fassen diesen Vorgang ganz vordergründig und übersetzen: Jesus "liebkoste ihn" (Wikenhauser), "herzte ihn" (Lohmeyer) oder "küßte ihn" (Pesch und Gnilka). Damit aber ist der ausdrückliche Zusammenhang mit dem Blick Jesu übergangen, der in Berufungsgeschichten wiederholt den Vorgang der Erwählung signalisiert (1,16.19; 2,14; vgl. auch "geliebter Sohn" in 1,11; 9,7; 12,5). Schon im vorbiblischen Griech. ist agapan die Liebe, die Unterschiede macht, ihren Gegenstand aussucht, in eine Vorzugsstellung bringt und festhält (Stauffer, ThWNT I,36). Daß die Worte "ich habe geliebt" den göttlichen Erwählungsvorgang bezeichnen können, zeigen auch Hos 11,1; Jes 43,4; Mal 1,2; Röm 9,13. Die Übersetzung oben (mit Schneider, EWNT I,22) soll diesen Sinn zum Ausdruck bringen.
[d] stygnazein eigentlich finster werden (wie in Mt 16,3!). Umschreibung mit Schmithals.
[e] Die ktämata waren ursprünglich alles Erworbene, in biblischer Zeit aber eingeschränkt und konkretisiert auf Besitz von Grund und Boden, z.B. Apg 5,1, deutlich gleichbedeutend mit chôrion in V.3, d.h. Landgut ( wie Mk 14,32 für Gethsemane).
[f] Hier der allgemeinere Begriff chrämata, der sich auf Sach- und Geldwerte bezieht, meistens auf Geldsummen (Apg 4,37; 8,18.20; 24,26).
[g] Abschreiber haben aus kamälos (Kamel) kamilos (Ankertau) gemacht. Doch hier wird absichtlich das größte auf palästinischem Boden lebende Tier der kleinsten bekannten Öffnung gegenübergestellt, um den Eindruck des Unmöglichen hervorzurufen. Diese Absicht wäre auch dann gestört, wenn man "Nadelöhr" als Bezeichnung des kleinen Törchens neben dem großen Stadttor deutete. Die Gegenüberstellung von Nadelöhr und Kamel oder Elefant ist auch sonst in jüdischen Sprichwörtern bekannt (Bill. I,828).
[h] "Äcker" scheint uns Bauern vorauszusetzen, obwohl sich doch nicht einmal der Zwölferkreis aus Bauern zusammensetzte, auch nicht die weitere Jüngerschaft. Der Plural kann auch Grundstücke oder gar Dörfer bezeichnen, also den heimatlichen Boden.  
Vorbemerkung

   1. Zusammenhang. Die dritte Unterweisung (s. Vorb. zu 10,1), nämlich zum Thema des Besitzes, macht besonders deutlich, daß Fragen unseres irdischen Lebens in den Fragen nach unserem ewigen Leben und nach der Herrschaft Gottes gründen.
   2. Reicher "Jüngling"? Die drei synoptischen Berichte stellen diesen Mann einheitlich als "reichen Gerechten" dar (Goppelt, Theologie, S. 132.135). Allein in Mt 19,20.22 wird er beiläufig ein "Jüngling" genannt, wobei jedoch zu berücksichtigen ist, daß die Juden bis zu 40 Jahre alte Männer "Jünglinge" nennen konnten. Gegen Jugendlichkeit in unserem Sinne spricht auch, daß es sich nach Lk 18,18 um einen "Obersten" (archôn) handelte. Er mochte das Amt eines Synagogenvorstehers (Lk 8,41; vgl. Anm. zu 5,22), eines Richters (Lk 12,58) oder eines Mitgliedes des Hohen Rates bekleidet haben. Von hieraus grenzen wir uns gegen einige Auslegungen ab:
   a) Jugendpsychologische Auslegung. Es nähme dem Gespräch die Tiefe und Allgemeingültigkeit, malten wir hier einen jünglingshaft überspannten und egozentrischen Fragesteller (etwa Dehn, S. 119). In dieser Begegnung ging es um Leben und Gott schlechthin (V.17.30).
   b) Angebot eines freiwilligen Zusatzchristentums? So legen gelegentlich katholische Autoren aus, z.B. Guardini, S. 338ff: In der Regel genüge es für Christen, die Gebote zu halten. Wen es aber wie diesen Mann "nach mehr drängt", für den rede Jesus ab V.21 weiter. Für ihn habe er eine "Forderung besonderer Art". Sie läge nicht mehr auf der Ebene der allgemeinen Pflicht, sondern des "Rates" für solche, die vollkommen sein wollen. Schon auf der ersten Ebene sei ewiges Leben verheißen, die höhere Ebene schafften nur Außerordentliche. Aus dieser Textauffassung nährt sich seit alters die Mönchsfrömmigkeit mit den drei "Räten" Armut, Jungfräulichkeit und Gehorsam. Die Dogmatische Konstitution des II. Vaticanum über die Kirche "Lumen Gentium" sagt es so: "Er (der Ordensangehörige) ist zwar durch die Taufe der Sünde gestorben und Gott geweiht. Um aber reichere Frucht aus der Taufgnade empfangen zu können, will er durch die Verpflichtung auf die evangelischen Räte in der Kirche von den Hindernissen, die ihn von der Glut der Liebe und der Vollkommenheit der Gottesverehrung zurückhalten könnten, frei werden und wird dem göttlichen Dienst inniger geweiht." Bezeichnend sind die Komparative, die Frömmigkeitsstufen anzeigen. Aber unsere Stelle handelt nicht von kleineren und größeren Anteilen am ewigen Leben, von geringerem und besserem Gehorsam oder von niederem und höherem Jüngersein, sondern von Leben, Gehorsam und Nachfolge überhaupt.
   c) Armenfrömmigkeit? Der V.21 kann nicht nur verengt, sondern auch überdehnt werden. Haenchen z.B. macht diesen Reichen zum "Musterfall für alle Reichen", die Christ werden wollen. Sie alle müßten ihre gesamte Habe veräußern. Auch nach Schulz (S. 148; ähnlich Lohmeyer) zeige sich hier der "Rigorismus des Markus". Manche Ausleger gehen so weit, daß die "Armen", denen der Erlös des verkauften Besitzes zu geben ist, die in Gütergemeinschaft lebenden Christen seien. So habe jeder Neubekehrte sein Vermögen in die gemeinsame Kasse einzubringen. Nur völlig Besitzlose erlangen das ewige Leben. - Aber auf diese Weise wird eine konkrete Berufung unzulässig dogmatisiert und das Gesamtbild der Evangelien verzeichnet.
   3. Einheitlichkeit des Abschnitts. Der Bericht über den zweiten Gesprächsgang V.28-31 erweckt stilistisch und auch durch eine erheblich andere Gemütsverfassung der Jünger den Eindruck, aus einer anderen Quelle hierhergenommen zu ein. Wie dem auch sei, er fügt sich jedenfalls sachlich gut ein. Von V.17 bis V.30 ist vom "ewigen Leben" die Rede, das in Beziehung gesetzt wird zum natürlichen Lebensgrund wie Besitz und Familienverband (Grundbesitz in V.22 und V.29.30, Eltern in V.19 und V.29.30). Durch den Ruf in die Nachfolge wird Problemlösung angeboten.
   Und als Jesus hinausging auf den Weg. Diese äußerliche Notiz ist vielsagend. "Weg" ist hier ja ein zielstrebiges "hinauf nach Jerusalem" (10,32), bereit zu leiden, zu sterben und aufzuerstehen (Vorb. 2 zum Hauptabschnitt 8,27-10,52). Was kann schon dabei herauskommen, wenn dieser Leidensherr nun um Lebensberatung angegangen wird, als eben Nachfolge "unter Verfolgungen" (V.30)! Lief einer herbei und kniete vor ihm nieder. So flehentlich wie der Aussätzige in 1,40 und seelisch so erschöpft wie der Synagogenvorsteher in 5,22 übte er vor Jesus die Geste tiefster Ergebenheit und äußerster Ernsthaftigkeit. Alles Biographische tritt dahinter zurück. Er war nur einer, der vor Jesus kniete; und vor wem man kniet, dessen Herrentum unterwirft man sich. Bekehrungsbereitschaft bekunden auch Anrede und Fragestellung: Er fragte ihn: Guter Lehrer. "Lehrer" (Rabbi) konnte zur Zeit Jesu bloße Höflichkeitsfloskel sein, aber der Zusatz "guter Lehrer" nahm eine Qualifizierung vor. Hier war ein Lehrer "in Vollmacht" (1,22.27), "von Gott gekommen" (Joh 3,2), in Distanz zu den üblichen Zerrbildern von Lehrern (Mk 12,14; vgl. Vorb. 3 zu 1,21-28). Typisch für Bekehrungsszenen ist dann die Bitte um umfassende Tatanweisung: Was soll ich tun - die Stelle gehört in eine Reihe mit Lk 3,10.12.14; Apg 2,37; 9,6; 16,30 - daß ich das ewige Leben erbe? Dieser Lehrer, der letzte Fragen in ihm aktiviert hatte, sollte sie ihm jetzt auch beantworten.
   Der Sprachgebrauch "ewiges Leben erben, in es hineingehen" ist echt jüdisch (Bill. I,464.808f.829). Dabei bewahrte den Juden das AT vor einer Geringschätzung des irdisch-natürlichen Lebens. Weltflucht führt hier nicht das Wort. Aber je anspruchsvoller jemand vom Leben denkt, desto mehr stört ihn daran der Tod, in allen seinen Vorformen und Nachwehen. Das ersehnte Leben herrscht eben nur da, wo der lebendige Gott herrscht. Darum kann es auch heißen: "die Gottesherrschaft erben" (Mt 25,34) oder in sie "hineingehen" (Mk 9,47; 10,15.23.24.25) oder sie "empfangen" (10,15). Ewiges Leben hängt für uns davon ab, ob Gott uns bei sich haben will. Diese Frage hatte Jesus durch seine Ausrufung der nahen Gottesherrschaft neu aufgewühlt, so daß die alten Antworten der alten Lehrer nicht mehr befriedigten. Dort hieß es: Halte die Gebote, diese "Worte des Lebens" (Bill. I,464)! Sammle emsig einen Vorrat an Gebots-Erfüllungen, damit du im jüngsten Gericht, wenn dein Konto nur hoch genug ist, im Gegenzug ewiges Leben erlangst (Bill. I,429-431.822d). Aber trotz Befolgung dieses Weges spürte dieser Mann irgendwo einen empfindlichen Mangel. So fragte er diesen Lehrer, der offenkundig mit Gott und aus Gott lebte, nach dem noch Fehlenden (V.21).
   Jesus stellt eine seiner typischen Gegenfragen, die das Eigentliche freilegen (s. zu 9,33; 10,3): Was nennst du mich gut? Unsere Verlegenheit ist beträchtlich. Wird nicht das ganze Markusevangelium unverständlich, wenn es nicht wahr wäre, daß Jesus der heilige, gottwohlgefällige Sohn war, wie die Himmelsstimme bezeugte (1,11; 9,7)? Aber das so schroffe Wort Jesu schließt sich auf, wenn wir betonen: Was nennst du mich gut, du, bei deinen Tendenzen? Hier war es eben keine Himmelsstimme, sondern ein sehr irdischer Mund, der eine Überbietung der Gebote Gottes begehrte. Praktisch sollte Jesus gut sein über die gute Offenbarung Gottes hinaus, in ethischer Selbstverfügung. Eben dazu sagte Jesus nein. Er sagte nein zu einem Gutsein ohne Sohnsein, nein zu einem Gutsein, das nicht die Einzigartigkeit Gottes auf den Leuchter stellt. Darum: Niemand ist gut außer der eine Gott.
   Der Ton liegt auf dem durchdringenden Zahlwort: ein Gott, keine Nebengötter, nicht selbst sein wollen wie Gott (vgl. 12,29.32). Jesus richtete das 1. Gebot auf: "Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir." Und Jesus selbst ist nicht gut in dem Sinne wie Gott gut ist, er ist nämlich nicht Vater, d.h. nicht Geber, Erhalter und Gebieter des Lebens, sondern der gehorsame Sohn. Auf diese Aufrichtung des 1. Gebotes, die Jesu ganze Sendung ausmachte, ist zu V.21 zurückzukommen.
   Die Gebote weißt du. Es gelingt nicht, vorbei an den altbekannten Geboten des allein guten Gottes das Leben zu gewinnen. "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist", heißt es Mi 6,8. "Sie haben Mose und die Propheten; laß sie dieselben hören", in Lk 16,29. Auch in Mk 10,3 brachte Jesus seine Partner kühl auf den Boden der Schrift zurück, die sie alle auswendig wußten. In Lk 10,26 läßt er einen Schriftgelehrten den Dekalog hersagen wie einen Konfirmanden. Dann trocken: "Du hast korrekt aufgesagt, tue das, so wirst du leben." Man muß die Spitze gegen den Wust von "Menschensatzungen" heraushören (7,4.7-9.13). Die Herrschaft Gottes ist genaht, und die Stimme des Vaters ist da. Es ist alles so einfach.
   Nun faßt Jesus zusammen: Töte nicht, brich nicht die Ehe, stiehl nicht, leg nicht falsches Zeugnis ab, beraube nicht, ehre deinen Vater und die Mutter. So geht die Richtung nicht auf vermehrtes Fasten, Beten, Besuchen der Gottesdienste oder Thorastudium, nicht auf gesteigerte Religiosität oder vertiefte Innerlichkeit. Liebe deinen Nächsten! Nächstenliebe ist die Kehrseite der Gottesliebe. Gott steht nämlich in einer fast ärgerlichen Weise immer auf der Seite des Nächsten und besteht darauf: Liebe ihn! Daran vorbei gibt es keinen Gott und kein Leben.
   Er aber sagte ihm: Lehrer, dieses alles habe ich bewahrt von meiner Jugend an. Nicht auf Geburt oder Kindheit blickt er zurück, sondern auf die Zeit von seinem dreizehnten Lebensjahr an. Damals wurde er wie alle jüdischen Jungen für das Halten der Gebote in Pflicht genommen. Mit bestem Gewissen konnte er feststellen, daß er ohne Raub, Mord, Ehebruch, Diebstahl oder Meineid gelebt hat. Das Judentum nannte leuchtende Beispiele von Gerechten, die in dieser chaotischen Welt die 365 "Tu-Gebote" und die 248 "Tu-nicht-Gebote", die man aus den fünf Mosebüchern herauslas (Bill. III,161), eingehalten hatten (Bill. I,814.816). Jesus nahm diese Auskunft schlicht als wahr hin. Auch sonst respektierte er die großen sittlichen Unterschiede zwischen Menschen und konnte ohne Ironie von den "Gerechten" sprechen (2,17). Paulus blickte mit dem gleichen Urteil auf seine pharisäische Zeit zurück: "im Gesetz gewesen unsträflich" (Phil 3,6). Man kannte im despotischen Orient aber auch die brutalen Reichen, die dementsprechend gehaßt wurden. Mit Bestechung, Erpressung und unter Verachtung aller Normen vergrößerten sie unentwegt ihr Besitztum (Lk 19,8). Bekamen sie etwa hohen Besuch, nahmen sie ein Tier eines Armen zum Schlachten, um ohne Verlust ein charmanter Gastgeber sein zu können (2Sam 12, 1-4). Wenige Schritte von ihrer Tafel entfernt lag vielleicht ein Sterbender in seinem Schmutz (Lk 16,19ff). Diesen Herren bedeutete Gott nichts. Hochmut trugen sie zur Schau. "Sie sahen vor Fett kaum aus den Augen, und ihre Einbildung wird immer unverschämter" (Ps 73,7). Aber gegen alle Skepsis müssen wir zugeben, daß es je und je gerechte Reiche gab, aufrichtig geliebt auch von ihrer Umgebung (Lk 7,4f). Ein solcher Reicher lag hier vor Jesus auf den Knien. Sein Wohlstand mochte den Juden als sichtbares Zeichen göttlichen Wohlwollens erscheinen (vgl. Hi 1,10; 42,10; Ps 37,25; 128,1-2).
   Dieser Vers bringt einen Umschwung. Aus dem Lehrgespräch (zweimal "Lehrer") wird eine regelrechte Berufungsgeschichte, wenn auch mit negativem Ausgang. Jesus aber blickte ihn an und gewann ihn lieb. Grundloses Erwählen ergreift jetzt das Wort, nicht etwa Belohnung für Tugendhaftigkeit. Und sagte ihm: Eines fehlt dir. Dabei mündet die Fortsetzung in den Nachfolgeruf. Doch wie ist Nachfolge hier einzuordnen? Auf keinen Fall als Aufstockung der zehn Gebote durch ein elftes. Das wurde schon zu V.19 klar. Was mangelte, war Qualität, nicht Quantität. Ihm fehlte die Grundlage, nicht etwas Zusätzliches. Um es genauer zu bestimmen: Das Eine ist der Eine von V.18, ist die Aufrichtung des 1. Gebots in seinem Leben, und zwar des 1. Gebots in allen anderen Geboten. Eben dies geschieht in der Nachfolge.
   Im nächsten Vers wird es hervorbrechen: Der reiche Gerechte lebte Gott gegenüber noch in einer entscheidenden Reserve. Zwar respektierte er Gottes Ordnung und konnte insofern ein gutes Gewissen haben, aber bei jeder Gebotserfüllung fehlte die Erfüllung des 1. Gebotes, dieses Ganz-Gott-Gehören. Immer blieb er dabei sein eigener Herr. Irgendwie fielen bei ihm Tun und Sein auseinander. Das gibt es: Lauter Unterwürfigkeit bei eigenen Wegen! Gott gleicht dann dem Verkehrspolizisten, dessen Winke man eilfertig befolgt, damit er einen nur ja fahren läßt. Im übrigen kümmert einen der Verkehrspolizist herzlich wenig, und man selbst gehört sich selbst.
   Wenn dem Hinweis auf das eine Fehlende nun drei Imperative folgen (geh und verkaufe, gib es den Armen, komm und folge nach), kann es sich bei diesen nicht im Ernst um dreierlei handeln, sondern nur um ein einziges. Dies eine ist eben Nachfolge. In der Nachfolge Jesu sind wir bei Gott und richtet Gott bei uns das 1. Gebot auf. Die vorangehenden Imperative sind nichts weiter als anfängliche Beschreibung der Nachfolge. Sie erwachsen schon aus Nachfolge, sind Nachfolge im Vollzug.
   Der erste Imperativ lautet: Gehe hin, was du hast - verkaufe es. Die klarste Erklärung dieses Wortes liefert das Gleichnis in Mt 13,44. Der Mann, der dort "hingeht und alles verkauft, was er hat", tat es vor lauter Freude über das Gefundenhaben. Angesichts des großen Schatzes fiel ihm sein Zeug gewissermaßen aus den Händen. Auch hier wäre das Hingehen ein Einherschreiten im Geliebtsein von V.21a gewesen, nicht etwa als Opfer davor und dafür. Als ein von seinem Besitz Befreiter wäre dieser Mann nun auch so frei gewesen, seine Freiheit fröhlich zu praktizieren. Der Gesichtspunkt der Freiheitserfahrung unter dem 1. Gebot, unter der Sendung Jesu und zugunsten dieser Sendung, ist hier leitend. Armut ist hier nicht auferlegtes Soll oder hochgerühmtes Ideal. Armut an sich hat hier ihren Wert nicht in sich selbst, sondern steht im Zeichen der Freiheit zum Dienst. Es gibt auch eine Freiheit zum Besitz in dieser oder jener Form, nämlich wenn dieser die Unabhängigkeit des Dienstes gewährt. Maßstab ist die konkrete Führung. Petrus verließ auch sein Haus, verkaufte es aber nicht (1,29), ebenfalls Levi (2,15). Ein biblisches Zeugnis aus einer bestimmten Situation darf nicht unbesehen zur generellen Forderung gemacht werden, aber biblische Situationen können sich auch wiederholen.
   Der zweite Imperativ: Und gib (den Erlös) Armen. Jesus kann Geldhaben nicht prinzipiell als ein Übel angesehen haben, sonst hätte der Mann sein Geld nicht den Armen zumuten dürfen. Auch wird deutlich, daß Entäußerung des Besitzes nicht Tugendgewinn ist, sondern im Dienst der Nächstenliebe steht. Vor lauter Geliebtwerden sollte er Liebe weitergeben. Und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Diese Wendung stammt freilich aus jüdischer Verdiensttheologie (Bill. I,429ff.817f), erhält aber hier im Zusammenhang einen neuen Sinn. Das Wohlgefallen Gottes hatte er nach V.21 bereits auf dem Wege des Geschenkes erhalten, aber es sollte im künftigen Äon auch ans Licht kommen. In dieser Zeit verkannt, von Verfolgungen eingedeckt (V.30), sollen die Lieblinge Gottes einmal aufglänzen wie die Sonne.
   Endlich kommen die Weisungen im Nachfolgeruf zur Ruhe: Und komm und folge mir nach. Dieser Mann sollte also nicht zur Gruppe der seßhaften Jesusanhänger gehören (Einleitungsfragen 8g), sondern zum kleineren mitwandernden Kreis, der Heimat, Beruf und Familie verließ. Für die Form der Zugehörigkeit zu Jesus war jeweils der Wille Jesu selbst maßgeblich (3,13). In 5,18 schickte Jesus einen Geheilten, der sich für Wanderjüngerschaft bewarb, in seine Heimat zurück.
   Bei diesem Wort fiel ein Schatten über sein Gesicht, und er ging weg, traurig. Der Mann hatte Jesus zwar gesucht, war bekehrungsbereit und hungrig nach Leben zu ihm gekommen, aber er fand ihn jetzt ganz anders, als er ihn gesucht hatte. Zu schwer waren ihm noch Jesu "sanftes Joch" und "leichte Last" (Mt 11,30). So kehrte er zurück, um sein eigenes, hundertmal schwereres Joch weiterzutragen. Doch nicht leichthin drehte er sich weg, sondern traurig, hatte ihn doch schon ein Hauch von Güte, Herrlichkeit und Leben bei Jesus erreicht. Davon sich wegwenden, kann nur in der traurigsten Traurigkeit der Welt geschehen. Warum war er noch nicht frei für Freiheit? Es bestätigt sich die Auslegung, wonach er Gott noch nicht über alle Dinge liebte. Ein typisch markinischer Nachtrag sagt es: Er hatte nämlich viele Besitztümer. Wie etwas bisher Verdrängtes schießt dieser Umstand hervor. Die Ansprüche, die sein Reichtum an ihn stellte, zwangen ihn, sein leeres Leben weiterzuführen. Dieser "Betrug des Reichtums" (4,18) soll grell in unser Blickfeld treten. Worte wie "Eigentum", "Besitz" mögen für uns ihre Heiligkeit verlieren - als ob Gold und Silber uns je erlösten (vgl. 1Petr 1,18)! Zudem ist Eigentum nicht etwas, was uns von Ewigkeit zu Ewigkeit unantastbar gehört. Über Nacht wechselt es seinen Besitzer (Lk 12,20). Nur Verwaltungsgut ist es, und wir müssen jederzeit von unserem Verwaltungsposten zurücktreten und Rechenschaft ablegen können.
   Damit ist für die Zurückbleibenden das Problem "Besitz" in den Raum gestellt. Und Jesus blickte ringsum, ohne einen auszulassen, und sagte seinen Jüngern: Wie schwer werden die, die Vermögen haben, in die Herrschaft Gottes eingehen. Gewiß ist dies Eingehen ein göttliches Geschenk, aber das heißt nicht, daß Menschen leicht hineingehen. Das menschliche Unvermögen, Göttliches zu fassen, ist schon erschreckend. Niemand ist da vor Gott ein großer Könner, so daß auch Jünger zurückprallen: Die Jünger aber erschraken über seine Worte, ganz ähnlich wie zuvor der reiche Gerechte über seine Worte traurig wurde. Sie stehen nicht weit weg von ihm. Wenn ein solcher Mann aufgibt, wer will's dann schaffen! Evangelium ist für uns alle eine chronische Überforderung.
   Jesus aber antwortete, sagte wiederum. Durch besondere Feierlichkeit (s. zu 11,22) und durch Wiederholungen zog er tiefe Furchen in das Gedächtnis der Urchristenheit. Kinder, wie schwer ist es, in die Herrschaft Gottes einzugehen. Hieß es V.16: Nur für Kinder! so jetzt: Nur für Arme! Aber wer ist arm? Die Jünger haben gut daran getan, sich angesprochen zu fühlen im Zusammenhang mit dem Reichen. Neben den materiell Reichen gibt es auch die Geistreichen, Tugendreichen, Liebreichen, Hilfreichen, Kinderreichen und viele Reiche mehr. Und wer nicht reich ist, will es zumeist werden (1Tim 6,9) und hängt insofern dem Besitz an der Angel. Kinder, sagt der Herr fürsorglich. Aber er beschönigt nichts, im Gegenteil, er faßt ihre Lage in das krasseste Bild:
   Es ist leichter, daß ein Kamel durch das Loch einer Nähnadel hindurchgeht, als daß ein Reicher in die Herrschaft Gottes eingeht. Absichtlich wird ein völlig absurdes Bild gemalt: Ein Kamel vor einem Nadelöhr. Natürlich verweigert es auch den kleinsten Schritt auf dieses Ding zu. Trotzdem steht es doch noch hoffnungsvoller da als ein Reicher vor der Himmelspforte. Sie aber gerieten außer sich über die Maßen und sagten zueinander. Obwohl Jesus vor ihnen steht, wenden sie sich resignierend einander zu, wie verlassene Kinder. An entsprechenden Stellen ertönen dann jedesmal allzu menschliche, gottverlassene Reden (1,27; 8,16; 11,31; 12,7; 16,3). Hier heißt es: Ja, wer kann dann gerettet werden!
   Jetzt schlägt die liebevolle Grundabsicht voll durch. Jesus sah (sie) an, sagte ihnen: Bei Menschen - unmöglich. Soweit das Vorwort; es war notwendig, die Jünger bis an diesen Punkt zu führen. Das Hauptwort lautet: Aber nicht bei Gott. Alles nämlich ist möglich bei Gott. Als in der Erzvätergeschichte Sara über sich lachte wie über das Kamel vor dem Nadelöhr, sprach Gott dieses Aber (1Mo 18,14). Mit diesem Aber hatte es der Glaube des Abraham zu tun (Röm 3,18-21), ebenso der Glaube aller Jünger Jesu (9,23; 11,24). Gottes Allmacht lädt sie zu grenzenlosem Vertrauen ein, gegen alle eigene Feigheit und Faulheit. Zwar ist Heil und ewiges Leben durchaus Sache menschlicher Verzweiflung. Sie wird aber begrenzt durch Gott selbst. Nachfolge ist Willigkeit zu fortwährenden Grenzerfahrungen. Der Ruf lautet: Du mußt nicht etwas können, aber du mußt kommen!

Lukas 5, 1-11

1 Es geschah aber, indem die Volksmenge Ihm zusetzt und das Wort Gottes hörte, stand Er selbst an dem See Genezareth.

Mt 4,18-22; Mk 1,16-20

2 Da sah Er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer aber waren von ihnen weggegangen und wuschen die Netze.

3 Er stieg aber in eins der Schiffe, das des Simon war. Er bat ihn, vom Lande ein wenig wegzufahren; Er setzte Sich aber und lehrte vom Schiff aus die Volksmengen.

4 Wie Er aber aufgehört hatte zu reden, sprach Er zu Simon: "Fahre hinauf auf die Höhe (des Sees) und laßt eure Netze hinunter zum Fang."

Jo 21,6

5 Und Simon antwortete und sprach: "Meister (besser "Vorgesetzter"), die ganze Nacht haben wir uns |140| abgemüht, aber nichts bekommen. Auf Dein Wort aber werde ich die Netze hinunterlassen."

6 Und als sie dieses taten, fingen sie eine große Menge Fische. Es rissen aber ihre Netze.

7 Da winkten sie den Gefährten im anderen Schiff, daß sie kämen, ihnen beizustehen. Und sie kamen, und füllten beide Schiffe, so daß sie zu sinken drohten.

8 Als aber Simon Petrus das sah, fiel er nieder zu den Knien Jesu und sagte: "Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mann, Herr!"

9 Denn ein Schauder hatte ihn ergriffen und alle, die mit ihm waren, wegen des Fischfangs, den sie gemacht hatten.

10 Ebenso erging es aber auch dem Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die Simons Genossen waren. Und Jesus sprach zu Simon: "Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen lebendig fangen!"

Mt 13,47

11 Und während sie die Schiffe auf das Land zurückgeführt hatten, verließen sie alles und folgten Ihm nach.

Mt 19,27

Jesus ruft Seine ersten Jünger, die Sünder sind, in die ausschließliche Nachfolge. Lk 5,1-11

Bis zur Zeit hatte Jesus in den Synagogen Galiläas gepredigt, ohne von einem stehenden Jüngerkreis begleitet zu sein. Indem aber Sein Werk sich erweitert, fühlt Er das Bedürfnis, diesem Seinem Werk eine festere Gestalt zu geben und diejenigen als ständige Begleiter zu Sich zu ziehen, die Ihm der Vater als die ersten Gläubigen zugeführt hat. Die Begleiter Jesu bei der Heilung der Schwiegermutter des Petrus hat Lukas noch nicht genannt (sie baten Ihn 4,38, sie, die Schwiegermutter des Petrus, diente ihnen 4,39). Nach Markus 1,29 waren es Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes. Eben diesen begegnen wir in der folgenden Erzählung.
Sie gehörten ohne Zweifel zu Seinen fleißigsten Zuhörern. Sie wußten ja seit Tagen am Jordan und besonders seit jenem Abend in Kana, daß Er der Christus (Messias) sei. Aber Jesus überall ganz und fortwährend nachzufolgen, daran hatten sie bisher noch nicht gedacht.
Jesus aber bestimmte ihnen eine gänzliche Nachfolge. Sie sollten Seine Lehren in sich aufnehmen, fortwährende Zeugen Seiner Taten sein. Indem Er sie aufforderte, ihren irdischen Beruf zu verlassen, um ihnen eine neue Betätigung anzuweisen, mit der jene unvereinbar war, hat Jesus eigentlich den christlichen Predigtdienst begründet.
Eine ähnliche Berufung, wie die hier erzählte, wird Markus 1,16-20 und Matthäus 4,18-22 berichtet. Es fragt sich, ob es dieselbe Begebenheit ist oder ob man eine zweimalige Berufung der gleichen Personen anzunehmen hat. Wir werden diese Frage am Schluß untersuchen.
Eine andere Frage ist hier noch zu lösen. Wie kommt es, daß Lukas nicht den Andreas erwähnt? Diese Frage wird dadurch beantwortet, daß man sagt. Petrus sei in dieser Erzählung des wunderbaren Fischzuges so sehr Hauptperson, daß selbst die Söhne des Zebedäus, Johannes und Jakobus, dadurch in den Schatten gestellt werden. Lukas spricht aber von andern Personen, die im Schiff des Petrus gewesen waren. Unter diesen "andern" Personen ist sicher auch Andreas gewesen. - Später ist aber Andreas von Lukas unter den Zwölfen mit Namen genannt worden.

--------------------------------------------------

Der See Genezareth ist vier Stunden lang und in der Mitte zweieinhalb Stunden breit. Er ist sehr reich an Fischen. Über der schönen Ebene am Ufer rauschen die hohen Palmenkronen. Immergrüne hohe Zypressen heben ihre Wipfel über die Häuser von Kapernaum zum klaren Himmel empor. Ein wahres Stück Paradies ist diese Gegend am See Genezareth. Er wird Matthäus 4,18 das Galiläische Meer genannt und Johannes 6,1 und 21,1 das Meer Tiberias.

Aber so schön die Gegend auch ist - wie eine schrille Dissonanz wirkt das Bild der vier Fischer am Ufer aus unserm Lukastext! Es ist ein ergreifendes Bild irdischer Mühe und Plage. Petrus hat mit seinen Gefährten die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen. Trübe und sorgenvoll gestimmt, waschen sie ihre Netze aus. Auch für den besten Arbeiter kommt vielleicht einmal eine Zeit, wo er mit aller Arbeit "nichts vor sich bringt".

Da naht den vier Fischern der Herr, umgeben von einer Volksmenge, die in stürmischer Weise, ja geradezu rücksichtslos sich zum Herrn vordrängt, um diesen einzigartigen Redner wieder einmal zu hören. Der Herr steigt in eins der am Ufer liegenden Schiffe, das dem Simon gehört, und bittet ihn, er möge sein Schiff ein wenig vom Lande wegführen. Jesus will bei der Predigt Seine Zuhörer von dort besser übersehen.

Auf zwei Dinge gilt es zu achten:

1. Der Herr bittet den Simon. Wie fein wird dies menschlich-freundliche Bitten (erotesen) unterschieden von dem machtvollen Befehlswort in V 4 "Fahre auf die Höhe ..."
2. Der Mann, dem das Schiff gehört, wird nicht Petrus, sondern Simon genannt. Es ist ein feiner Zug, daß Petrus hier noch nicht mit seinem späteren Namen, sondern mit seinem hebräischen Eigennamen bezeichnet wird, denn er steht noch nicht im Dienste Jesu. - Es ist weiter festzustellen, daß Simon ganz deutlich als der Leiter des Fischzuges erscheint. Ihn bittet Jesus. Ihn kann Er auch bitten. Hat |141|  Jesus doch nicht lange vorher seine Schwiegermutter vom Fieber geheilt (4,38.39). Jesus darf bitten und darf erwarten, daß Petrus dem Herrn sein Schiff so lange zur Verfügung stellt, bis Jesus mit Seinem Lehren zu Ende ist.
Jesus, der sonst nur in Synagogen lehrte und predigte (Lk 4,15.16-37;6,6;13,10), verkündigt jetzt einer zu Ihm drängenden Volksmenge am Seeufer das Wort Gottes. Auch bei den Rabbinern wurden als Predigtstätten nicht nur die Synagogen, sondern auch die Straßen und freien Plätze benutzt.
Welchen Inhalt diese "Seepredigt" des Herrn gehabt hat, ist uns nicht berichtet worden.[ A ] Es heißt nur kurz: "Er setzte sich und lehrte vom Schiff aus die Volksmengen."

A) Aber wir mögen es uns wohl denken, wovon Er dort geredet hat. Wir können es vielleicht schließen aus dem Zweck, den Er für Simon mit Seiner Predigt hatte. Der Inhalt mag darum sicherlich die "Frohbotschaft" vom Heil (vgl. Lk 4,18.19) gewesen sein. Für ihn hatte Er nachher noch eine ganz besondere See-Predigt zu halten, eine Predigt mit der Tat. Darauf will Er ihn wohl jetzt mit Seinen Worten: "Bitte, fahre ein wenig vom Lande weg mit deinem Boot!" vorbereiten. Von der schwimmenden Kanzel aus wirft Jesus das Netz des Wortes Gottes nach dem Volkshaufen, der am Ufer steht. - Während der Rede werden auch Petrus und die andern drei gespannt auf die Worte des Herrn gehorcht haben. Ihre gedrückte, niedergeschlagene Lage hatte ihr Herz empfänglich gemacht für Jesu großes Wort. Und nachdem Er ausgeredet hatte, erscheint dem Herrn die augenblickliche Lage der von Gott geschenkte Zeitpunkt zu sein, Petrus und die anderen drei jungen Fischer zu einem anderen, nämlich geistlichen Fischerberuf endgültig zu berufen. (Man vgl. im AT Hes 47,10).

Obgleich Jesus wußte, daß Petrus die ganze Nacht nichts gefangen hatte, sprach Jesus, nachdem Er Seine Rede geendet hatte, zu ihm: "Fahre auf die Höhe des Sees und laßt eure Netze hinunter zum Fang!" Ein merkwürdiger Befehl, den Simon empfängt, ganz entgegen allen Regeln seines Handwerks.
Jesus hatte unter anderem auch deswegen diesen so eigenartigen Befehl "Fahre auf die Mitte des Sees ..." an Simon ausgegeben, weil Er zugleich beabsichtigte, den Fischer selbst in Seinem Netz zu fangen.
Weil Petrus Dem, der es befohlen hat, nun nicht widersprechen will, antwortet er: "Meister (besser "Vorsteher") die ganze Nacht haben wir uns abgemüht, aber nichts bekommen. Auf Dein Wort aber werde ich die Netze hinunterlassen."
Es gilt hier besonders zu achten auf das Wort Meister, das im Griechischen epistates heißt. Das Wort ist besser mit "Vorsteher, Vorgesetzter" zu übersetzen. Der Vorgesetzte erteilt dem Untergebenen einen Befehl. - Jesus "bittet" hier nicht, wie das in V 3b der Fall war, sondern Jesus befiehlt. Die Antwort des Petrus ist Gehorsam. -
Was besagt das Wort epistata, mit dem Simon den Herrn anredet? Weil "epistata" die Anrede für einen höheren Aufsichtsbeamten, einen Vorsteher ist, so muß Simon in Jesus den Höheren, den Bevollmächtigten gesehen haben.[ A ]

A) Weil Simon auf Grund von Jo 1,51 von Jesus den Titel "Menschensohn" vernommen hat und auch dabei gehört hat, was "Menschensohn" bedeutet, nämlich daß die Engel Gottes Ihm fortwährend dienen (lies Jo 1,51), so wird vielleicht Simon an Psalm 8 gedacht haben. Psalm 8 ist ein messianischer Psalm; denn es wird darin vom Menschensohn i. d. Versen 5-10 gesprochen. In V 2b heißt es dabei: "Jahwe hat dem Menschensohn (= dem Messias) alles unter die Füße gelegt:  ‚Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels, die Fische im Meer und  was die Pfade der Meere durchzieht'".

 

Zu dem, was dem Bevollmächtigten untersteht, gehören, nach dem 8. Psalm, auch die Fische im Meer. Darum kann der epistates einen Fischzug befehlen zu einer Stunde, wo sonst ein Fischfang so gut wie aussichtslos ist.
Darum gehorcht der Fischer Simon der von Gott Bevollmächtigten nach Überwindung alles dessen, was sein Fischerverstand ihm auch immer sagt. Simon sieht eben in dem Mann von Nazareth nicht den Sohn des Zimmermanns, der vom Fischereigewerbe nichts versteht, sondern den Herrn, der Vollmacht hat auch über die Tiere des Meeres. - (Vgl. dazu Bornhäuser: Studien zum Sondergut des Lukas.) Darum antwortet Simon: "Auf Dein Wort aber werde ich die Netze hinunterlassen".
Mit dem Wörtlein aber fängt der Glaube des Simon an, und zwar ein Glaube, der sich als Gehorsam darstellt, als Glaubensgehorsam, der wider alle Vernunft und gegen alle Berufspraxis und Berufserfahrung dennoch und trotzdem dem Herrn ganzes und unbedingtes Vertrauen schenkt, ein Vertrauen, das sich in blindem Gehorsam offenbart.
Ludwig Schneller schreibt: "Auf dem See Genezareth wirft man die Netze nur bei Nacht aus; denn am Tage fängt man beinahe nichts. Bei einem meiner Besuche habe ich die Fischer am See Tiberias gefragt, ob sie nicht auch bei Tage Netze auswerfen. Da lachten sie über diese Unwissenheit!"
In der Zeit also, die für das Fischer-Handwerk am geeignetsten war, hatte sich Simon angestrengt und abgemüht, aber ohne Erfolg. Jetzt soll er am hellen Tage weit hinaus vom Land fort auf die Höhe fahren, d. h. dorthin fahren, wo der See sehr tief ist.
Und doch, so verwunderlich des Herrn Wort auch klingt, er sagt kurz: "Aber auf Dein Wort will ich das Netz hinunterlassen."
"Und da sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze zerrissen. Da winkten sie den Gefährten, die im andern Schiff waren, daß sie kämen, ihnen beizustehen. Und sie kamen und füllten beide Schiffe, daß sie zu sinken drohten."
Simon steht überwältigt vom Glück da. Welche Freude war dieser unerhörte Arbeitssegen für die Jünger! Und nun das Eigenartige! Während Simon die Fische in seine Netze zieht, ist er selbst in das Netz des Heilandes gefallen! Beute machend ist Simon selbst zur Beute des Heilandes geworden.[ A ]

A) "Bewundernswert", meint Chrysostomus, "ist die feine Seelsorge des Herrn, wie Er jeden durch diejenige Art und Form der Ausdrucksweise zu Sich zieht, die dem, „Sich-ziehen-lassenden' am vertrautesten ist. Die Sternforscher aus dem Morgenland „zieht' Er durch den Stern, die Fischer „zieht' Er durch den Fischfang." - Jesus und der Heilige Geist sprechen in solchen Worten und Redewendungen, wie sie am besten für diejenigen verständlich sind, denen sie gelten. Von David, der ein Hirte war, sagt die Schrift: "Von den Schafen holte Er ihn, daß er Sein Volk weiden sollte." Der Prophet Amos berichtet: "Ich bin kein Prophet noch eines Propheten Sohn, sondern ich bin ein Hirt, der Maulbeeren abliest. Aber der Herr nahm mich von der Herde weg und sprach zu mir: "Geh hin und weide Mein Volk" (Amos 7,14.15). Der Samariterin, die der Herr am Brunnen fand, predigte Er von dem Wasser des Lebens usw. "Der Heiland macht allen Menschen alles zum Himmel, damit Er alle gewinnen möchte."

Simon spürt die Nähe Gottes und fühlt um so tiefer seine große Unwürdigkeit diesem unermeßlichen Segen gegenüber. Unwillkürlich zieht es ihn in den Staub. Wir lesen:
"Als aber Simon Petrus das sah, fiel er nieder zu den Knien Jesu und sprach: „Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mann!' Denn ein Schauder hatte ihn ergriffen und alle die mit ihm waren, angesichts dieses Fischzugs, den sie miteinander getan hatten."
"Es ist bedeutungsvoll, daß hier plötzlich neben dem Namen Simon der Name Petrus auftritt, was sonst in der Geschichte nicht der Fall ist. Simon, der später den Namen Petrus erhält, weil er das große Bekenntnis zu Jesus als dem Sohne Jahwes ausspricht, erscheint auch hier schon als Bekenner, wenn auch seine Anrede „Herr' nicht schon den ganzen vollen Inhalt hat, den sie später gewann.
Man übersehe nicht, daß berichtet ist, Simon habe sich vor Jesus auf die „Knie' niedergelassen. Solche, wie uns leicht scheinen kann, äußerlichen Dinge sind für die Evangelien durchaus nicht nebensächlich. Schwerlich hat Simon bis dahin jemals vor Jesus gekniet." (Bornhäuser). Die besondere Hervorhebung des Kniefalls des Simon will darauf hinweisen, daß mit dem Erlebnis des Fischfangs sich in dem Verhältnis zwischen Jesus und Simon etwas geändert hat. Das betont an das Ende des Satzes gestellte "Herr" soll dies zum Ausdruck bringen.
Das Bekenntnis des Petrus: "Herr, ich bin ein sündiger Mann", besagt im damaligen Verständnis, daß sein Leben bisher abseits vom Gesetz, wie die Pharisäer es ausgelegt haben, verlief. Petrus fühlt sich nicht als "Gerechter", wie das bei den Pharisäern der Fall war und nennt sich darum ein Sünder. Petrus weiß, daß man die Wundermacht Gottes nicht schauen kann und das Wort Jesu nicht zu hören imstande ist, ohne das Bewußtsein der Sünde und Schuld zu haben! Darum wurde Simon so vom Schrecken vor der Majestät des Überirdischen ergriffen, wie einst Zacharias (Lk 1,12) und die Hirten (Lk 2,9). Er fürchtet wie Gideon (Ri 6,22.23), Manoah (Ri 13,22) und Jesaja (Jes 6,5) als sündiger Mensch in Gottes Gegenwart "vergehen zu müssen".
In solchen Augenblicken schwindet alles Äußerliche, alles Förmliche. Das tiefste Empfinden des Herzens bricht durch, und was da immer im Verborgenen war, kommt ans Licht. Und ein solches Bewußtsein im Menschenherzen ist das Wissen um die Heiligkeit Gottes, die Tod und Verderben bringt für das unheilige Geschöpf. |144|
Zu dem Ausdruck in V 9 "denn ein Schaudern hatte den Simon Petrus ergriffen" sei noch wiedergegeben, was Bornhäuser dazu gesagt hat: "Wir treffen das Wort Schauder "thambos" im Neuen Testament nur noch zweimal an. (Lk 4,36 und Apg 3,10) Jedesmal tritt das, was mit Schauder bezeichnet wird, als die Folge einer gnädigen Wundertat Jesu ein. Nachdem Jesus zu Kapernaum einen Besessenen geheilt hat, heißt es: Und es kam ein Schaudern über alle (4,36). In der Apostelgeschichte bei der Heilung des Lahmen heißt es: Sie wurden von Schaudern erfüllt und gerieten außer sich über dem, was sich ereignet hatte (3,10). Man ist versucht zu fragen: Warum fassungslose Furcht, warum Schaudern? Sollte man nicht eher Freude und Lobpreis erwarten, wenn Jesus bezw. Seine Jünger in Seinem Namen heilen und helfen? Es ist die Schuld der Aufklärung, daß uns Heutige weithin nicht Schauder und Furcht ergreift, wenn Gott eingreift. Sie hat aus dem Gott, zu dem selbst Jesus, der Sohn, im hohenpriesterlichen Gebet "Heiliger Vater" sagt, einen schwachen, weichherzigen, lieben Gott gemacht. Sowohl das Alte wie das Neue Testament ist der Zeugnisse dafür voll, daß, wo Gott naht, der Mensch erschrickt und sich fürchtet. Von diesem heiligen Schrecken, von dieser ehrfurchtsvollen Scheu ist Simon erfüllt, als ihm durch die Tat des Mannes, in dem er den kommenden Messias sieht, der Gott, (der voll lauterer Güte ist), in einem Ereignis, was greifbar ist, nahe kommt." Soweit Bornhäuser.
Da kommt von Jesus das ganz Große und Neue auf ihn zu, nämlich dies, daß Jesus den "Sünder", der seine Sünde und Schuld erkennt, nicht verurteilt und verdammt, sondern begnadet und an Sein Heilandsherz zieht. Jesus hatte freundlich auf den zu Seinen Knien liegenden Petrus geblickt und zu ihm gesprochen: "Fürchte dich nicht!" Wie selig wird es da dem Petrus ums Herz gewesen sein, als er aus der Tiefe des Sündenbewußtseins herausgehoben wurde auf die Höhe der Sündenvergebung. Wohl dem, den des Herrn Güte zur Umkehr leitet!
"Fürchte dich nicht, denn von nun an wirst du Menschen fangen!" (lebendig fangen)[ A ] Mit diesem Wort weist der Herr ihm einen neuen Beruf zu. Glücklich zu preisen ist der, den der Herr so unmittelbar in |145|  Seinen Dienst beruft! Immer wieder offenbart Sich Gott Seinen von Ihm in den Dienst gerufenen Propheten oder anderen Boten in einer Weise, wie sie es vorher nie geahnt haben. Im Lichte dieser Offenbarung erkennt der Mensch dann seine eigene Unzulänglichkeit und Schuld erst recht und in ganz besonderer Weise. (Vgl. 2 Mo 4,10.17; Jes 6;Jer 1,4-10;Hes 1-3;Ri 6,11-23;Apg 9,3-9;Dan 10;Offb 1,13-20).

A) Ambrosius und andere Kirchenväter haben diesen Vers vom "Menschen lebendig fangen" so übersetzt: "Du wirst Menschen beleben, d. h. du wirst Menschen durch dein Fangen zum ewigen Leben verhelfen" (Rö 6,23). - Origenes meint: "Die stummen Fische kommen in Netzen an Land und sterben ihren Tod. Wer aber durch die Fischer Jesu eingefangen wird und aus dem Meer ans Land kommt, der stirbt zwar auch, aber der Welt und der Sünde. Aber nach diesem Absterben für Welt und Sünde wird er lebendig gemacht durch das Wort der Gnade und empfängt ein neues Leben." Wie kostbar und teuer ist dieses Wort von der Gnade. Nicht der gebietende Herr, der die strenge Entsagung fordert, steht hier vor uns, sondern Der, welcher durch den überreichlichen Reichtum Seiner Gabe beglückt und segnet. Das Leitwort in diesem Bericht ist darum dies: Das erste im Evangelium ist nicht die Entsagung, der Verzicht, sondern Herrlichkeit, Größe, Freude, die auf den Jünger zukommen dadurch, daß Jesus ihn so ganz und gar überwältigt mit Wonne und Seligkeit.

Der Herr kleidet Seine Verheißung in die Sprache, die Petrus vertraut war. Der Fischer soll Menschen fangen, wie David, - (der von den Schafhürden weggeholt wurde), - Sein Volk weiden sollte (Ps 78,71.72). Petrus erfährt hier eine doppelte Beförderung: Menschen soll er in Zukunft fangen und nicht mehr Fische; und zum Leben soll er sie fangen und nicht, wie bisher seine geringe Beute, zum Tode. Dies ist auch im Worte des Grundtextes ausgedrückt. Dort steht: zogreuein, das zusammengesetzt ist aus zoos und agreuo = lebendig fangen.
Du wirst Menschen "lebendig fangen", d. h. "für das wahre Leben fangen." Vgl. Josua 2,13 nach der Septuaginta.
Gerade Josua 2,13 weist dann auch hin auf den Zweck des lebendig Erhaltens, nämlich ein dienender Gefangener zu werden. Man vergleiche 2 Tim 2,26. wo vom Gegensatz her der Ausdruck zogrein verdeutlicht: "das wunderbare Fangen der Seelen erfolgt mit der Zielsetzung des freien, lebendigen Gehorsams." So hat uns Jesus in dieser wunderbaren Geschichte vom Fischfang ein Fünffaches verdeutlicht.
1. Am Anfang des Jüngerkreises und damit auch zu Beginn des Werdens der neuen Gemeinde, der Gemeinde Jesu, steht nicht das Gerichtswort, sondern das Gnadenwort, nicht die eigene sühnende Tat, sondern der Empfang der Vergebung, nicht der Mensch, sondern Gott in Seiner Güte und Gnade.
Daraus wächst unmittelbar als naturnotwendige, herzerquickende Folge das "Sich-Herausnehmen-Lassen" aus irdischen Bindungen und Ichbezogenheiten und der freiwillige Verzicht auf das, was dem neuen Leben (dem Leben mit dem Herrn) im Wege steht. Diese Hingabe an den Herrn, und zwar aus freien Stücken, ist das Charakteristische, was die Übermacht der Gnade zuerst bei dem Sünder wirkt.
2. Jesus hat in dieser Geschichte eine Gruppe Glaubender dazu bestimmt, sich ganz Seinem Werk auf Erden zu widmen. Damit ist der Predigtdienst von Jesus als Beruf fest und tief eingesetzt. Zu diesem Predigtdienst gehört ein Zweifaches: 1. Gläubig geworden sein an Jesus; 2. Berufen zum Dienst für Jesus.
Die Jünger waren fleißig und sorgfältig im Fischerhandwerk. Solche Leute, die sich von ihrem irdischen Beruf nicht so leichten und schnellen Herzens trennen lassen und die man aus diesem Beruf ungern ziehen sieht, die kann Jesus gebrauchen. Sie brachten ihre Fahrzeuge |146|  mit der reichen Beute ans Land. Gerade jetzt, wo sie den größten Erfolg in ihrem Beruf erlebt hatten, gaben sie ihm den Abschied. Jesus war ihnen zu groß geworden.
Sie verließen ihr Haus und ihren Besitz samt ihren Angehörigen, verzichteten auf einen gesicherten Verdienst, führten mit Jesus ein Wanderleben, ohne zu wissen, wo sie am nächsten Tag ihr Haupt niederlegen und wie sie ihr Leben fristen würden.
3. Petrus erhielt zuerst den Auftrag: "Du sollst Menschen fangen" und dann: "Weide meine Schafe." - Diese Befehle sind nicht zwei verschiedene Aufträge, sondern zwei Seiten und Gesichtspunkte ein und desselben Auftrages. Die Bezeichnung Fischer, Menschenfischer will gewissermaßen den Anfang des Seelsorgedienstes zum Ausdruck bringen - also die missionarische, erweckliche Predigttätigkeit. - Die Bezeichnung "Weide meine Schafe" will auf das Ziel der Wortverkündigung hinweisen, nämlich auf die Heimführung in das ewige Land der himmlischen Heimat (Mt 13,48).
Die Bezeichnung Hirt (Schafe weiden) drückt das aus, was mit dem Bild vom Fischer (Menschen fangen) noch nicht gesagt werden konnte. Das Bildwort "Hirt" weist hin auf die tägliche und individuelle Sorge für die Glieder der Gemeinde Jesu, nachdem sie zur Gemeinde des Herrn gerufen worden sind. Darum zuerst Menschen fangen (Fischer), dann Schafe weiden (Hirte) wie Jo 21,16 ff es gesagt wird.
4. Bei diesem ganzen Wunderwerk des wunderbaren Fischzugs offenbart Sich Jesus Selbst als "Reichtum", den man nicht fassen und bergen kann in die Netze des Herzens und des Verstandes.
Das menschliche Denken und Fühlen und Wollen droht zu zerreißen vor Glück und vor Freude, und das Schifflein des Lebens droht zu sinken vor der kostbarsten Last, die je in ein menschliches Leben gekommen ist in Jesus Christus, den Herrn und Heiland unserer Seele. Es ist bekannt, wie beliebt das Fisch-Symbol bei den alten Christen war.
5. Nicht an jeden, der in die Nachfolge Jesu berufen wurde, wird die Forderung gestellt, seinen irdischen Beruf zu verlassen. Für die meisten gilt es, ihren irdischen Beruf zu verklären und im irdischen Beruf für die Ewigkeit zu wirken. Nicht jeder kann ein Prediger werden, der von der Kanzel herunter das Netz wirft. Aber jeder kann in seinem irdischen Beruf nicht bloß für seine Seele, sondern auch für die Seelen anderer sorgen. Selbst gewonnen und gefangen werden, das ist die erste Seligkeit; andere aber zu werben und ins Reich Gottes zu bringen, das ist die andere Seligkeit.
Wir sind am Schluß und kommen auf die Frage zurück: Ist in Lk 5,1-11.Mt 4,18-22 und Mk 1,16-20 ein und dieselbe Tatsache berichtet - oder nicht? Muß man eine zweimalige Berufung der gleichen Personen annehmen oder nicht?
Riggenbach und Zahn meinen, daß im Bericht des Lukas eine ganz andere Berufung erzählt sei als in der Aufzeichnung von Matthäus und Markus.

Lukas 15, 11-32

11 Wiederum sprach Er: Ein Mensch hatte zwei Söhne.

12 Der Jüngere von ihnen sprach zum Vater: „Vater, gib mir den mir zukommenden Teil des Vermögens.'

13 Da teilte der Vater das Vermögen unter seine Söhne. Nicht lange darnach, als der jüngere Sohn alles zusammengepackt hatte, wanderte er aus in ein fernes Land und verschwendete dort sein Vermögen durch ein ausschweifendes Leben.

14 Nachdem er aber alles verschwendet hatte, entstand eine starke Hungersnot in jenem Land, und er fing an, Not zu leiden.

15 Da ging er hin und suchte bei einem der Bürger jener Gegend Arbeit. Der schickte ihn auf seine Äcker, Schweine zu hüten.

16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten des Johannesbrotbaumes, welche die Schweine aßen, aber niemand gab sie ihm.

17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluß. Ich aber komme um vor Hunger.

18 Ich will |370| mich aufmachen, zu meinem Vater gehen und zu ihm sprechen: "Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.

Jer 3,12.13; Ps 51,6

19 Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Mache mich zu einem deiner Tagelöhner."

20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Während er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und, von Mitleid gepackt, lief er hin und fiel ihm um den Hals und küßte ihn.

21 Da sprach der Sohn zu ihm: "Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen."

22 Es sprach aber der Vater zu seinen Knechten: "Bringet schnell heraus das vornehmste Oberkleid und bekleidet ihn und gebt ihm einen Siegelring an seine Hand und Schuhe an die Füße.

23 Und bringet das Kalb, das Gemästete, herzu und schlachtet es, daß wir beim Essen fröhlich sind.

24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden worden." Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Eph 2,1.5;5,14

25 Es war aber sein älterer Sohn auf dem Felde. Und wie er heimkam und nahe dem Hause war, hörte er Musik und Reigentanz.

26 Da rief er einen der Knechte zu sich und erkundigte sich, was dieses bedeute.

27 Der aber sprach zu ihm: "Dein Bruder ist zurückgekommen. Darum hat dein Vater das Kalb, das Gemästete, geschlachtet, weil er ihn gesund wieder bei sich hat."

28a Da aber ward jener zornig und wollte nicht hineingehen.

28b. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm zu.

29 Er aber sprach zum Vater: "Siehe, soviele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten, und mir hast du niemals ein Böckchen gegeben, damit ich mit meinen Freunden feiern könnte.

30 Da aber dein Sohn gekommen ist, und zwar der, der dein Vermögen mit Huren verpraßt hat, hast du ihm das Kalb, das Gemästete, geschlachtet."

31 Da sprach aber der Vater zu ihm: "Kind, du bist allezeit bei mir und all das Meinige ist dein.

32 Fröhlich zu sein und sich zu freuen war aber nötig, denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und ist wiedergefunden worden."

Die Abreise des jüngeren Sohnes in ein fernes Land. Lk 15,11-13

Die zwei ersten Gleichnisse sind gleichartig nach Form und Inhalt und sie reihen sich im Redefluß aneinander. Das eingeschobene: "Wiederum sprach Er" deutet an, daß die Rede zu einem vorläufigen Abschluß gelangt ist und daß jetzt ein neuer Anfang der Erzählung beginnt. Die Erzählung geht in ihrer Anlage zu einem neuen Gleichnis über, das von den beiden vorhergehenden unabhängig ist. Die kurzen Übergangsworte: "Wiederum sprach Er" lassen aber auch erkennen, daß das Gleichnis vom verlorenen Sohn trotz seiner Verschiedenheit von den beiden vorigen aus dem gleichen Anlaß zu den gleichen Menschen gesprochen wurde wie die ersten Gleichnisse.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist auch in psychologischer Hinsicht, und da gerade ganz besonders, meisterhaft gezeichnet. - Aber der Hauptton dieses dritten Gleichnisses liegt weder auf dem verlorenen Sohn, noch auf seinem Verlust, noch auf seiner Heimkehr, sondern auf dem Vater.
Das neue Gleichnis beginnt nicht in fragender, sondern in erzählender Form. Ein Vater von zwei Söhnen wurde von dem Jüngeren um die Abfindung seines ihm zukommenden Vermögens gebeten. Nach hebräischem Erbrecht (5 Mo 21,17) war das Erbteil des Erstgeborenen doppelt so groß wie das der Nachgeborenen. Der älteste Sohn ist in diesem Fall der Haupterbe, auf den zwei Drittel des Gesamtvermögens fallen, der jüngere Sohn wurde mit einem Drittel abgefunden. Bei dem Jüngeren, der nach dem Vater und nach dem Erstgeborenen und Haupterben im Vaterhaus die dritte Stelle einnahm, konnte leicht der Wunsch entstehen, wenigstens über den Teil seines Vermögens frei verfügen zu können. Die Stellung im väterlichen Haus hat seinen Trieb nach Selbständigkeit angefacht und gesteigert.
Der Vater erfüllte den Wunsch des jüngeren Sohnes, daß er ihm das Teil des Vermögens auszahlte.
Der Vater sagt dem Sohne nichts. Der Vater ist am Anfang des Gleichnisses der große Schweiger. So läßt auch Gott schweigend den Menschen machen, was er will. Er könnte ihn durch die Kraft der |369|  Gnade vor der Sünde bewahren. Aber Gott läßt dem Menschen die Freiheit. Das ist erstaunlich und schwer begreiflich. Aber nachdem der Mensch nach Gottes Willen in Freiheit und zur Freiheit erschaffen ist, läßt Gott dem Menschen den wirklich freien Entscheid.
Gott läßt den Menschen die Straße ziehen, die er sich selber wählt, und läßt ihn nach seinen eigenen Wünschen und Willen schalten und walten. Merkwürdig ist nur, daß die Menschen, solange es ihnen dann gut geht, nicht an Gott denken. Wenn es ihnen aber dann schlecht geht, geben sie Gott die Schuld. Der jüngere Sohn im Gleichnis tut das aber nicht. Und das ist seine Rettung.

Das Elend in der Fremde. Lk 15,14-16

Kurz und übersichtlich wird hier dargestellt, welches Elend im fernen Lande nach kaum begonnener Ausschweifung dem jüngeren Sohne widerfuhr. Nachdem sein ganzes Vermögen vergeudet war, brach unglücklicherweise sogar noch eine Hungersnot in jenem ganzen Lande aus. In der Fremde, wo er glaubte, in ungezügelter Freiheit leben zu können, sah er sich bald bitter betrogen. Die Worte: "Und er fing an, Not zu leiden" besagen, in welche Notlage er durch die Hungersnot geriet. Nach Verschleuderung seines Vermögens hatte er als Fremdling im Ausland keine Hilfsquellen mehr. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Hilfe bei einem Bürger des Landes zu suchen.
Der Ausdruck: "kollao = sich anhängen" deutet an, daß der Bürger jenes Landes ihn anfangs abweisen wollte und sich nur durch anhaltendes und dringendes Bitten bewegen ließ, ihn in seine Dienste zu nehmen. Sein Elend wurde dadurch nur noch größer. Seine Arbeit, Schweine zu hüten, war für einen Juden das allerniedrigste und schimpflichste. Die Entlöhnung für seinen Dienst reichte nicht hin, um den Hunger zu stillen. Von der Nahrung der Ärmsten, von Schoten des Johannesbrotbaumes aus dem Schweinetrog, begehrte er sich zu sättigen. Mit den Worten "Er begehrte seinen Bauch zu füllen" wird das Entwürdigende betont, was im Befriedigen des Hungers durch solch ein Schweinefressen liegt. Im ganzen Lande traf er die gleiche erbarmungslose Härte an, daß er nicht einmal das übliche Schweinefutter geschenkt bekam, um seinen Hunger zu stillen.

Die Reue über die Sünde. Lk 15,17-19

Im äußersten Elend in der Fremde geht er in sich. Der Gegensatz der Not im fremden Land und der Wohlstand im Hause des Vaters kommen ihm zum Bewußtsein. Der Sohn Erinnert sich daran, wie sein Vater daheim nicht nur sein eigener lieber Vater gewesen war, sondern auch der gute Vater seiner Knechte und Tagelöhner. Gerade die harte Behandlung, die er im fremden Land erfährt, ruft ihm jene äußerst gute ins Gedächtnis. Wenn es heißt, sie hätten Überfluß an Brot, will das nicht bloß wohlhabende Haus kennzeichnen, sondern auch die weit über das Gewöhnliche hinausgehende wohlwollende Behandlung auch der Arbeiter.
Der Gedanke an den Überfluß, dessen sich die Tagelöhner seines Vaters erfreuen - im Gegensatz zu dem Mangel, durch den er hier verschmachtet -, wirkt so mächtig nun auf ihn ein, daß er den Vater bitten will, ihn als Tagelöhner anzunehmen. Der beabsichtigten Bitte gedachte er ein Bekenntnis seiner Schuld vorauszuschicken. Seine Sünde bezeichnete er als eine gegen den Himmel und vor den Augen des Vaters geschehene. Er war sich bewußt, die Gebote dessen verletzt zu haben, der im Himmel thront.
Nach diesem vorausgeschickten Bekenntnis der Sünde will er aussprechen, daß er sich durch die Sünde der Sohnesstellung unwert gemacht hat. Dadurch hat er sich den Weg zu der Bitte gebahnt, daß der Vater ihn einstellen soll wie einen seiner Tagelöhner.

Die Rückkehr zum Vater. Lk 15,20-21

Das Ausschauen des Vaters von ferne ist ein Beweis der nie erloschenen Liebe des Vaters zu dem verlorenen Sohn. Täglich hatte der Vater in Sehnsucht nach der Rückkehr des Sohnes geblickt. Schon von weitem entdeckte er ihn mit dem scharfen Auge der Liebe, als er endlich ankam. Der bejammernswerte Zustand seines heimgekehrten Kindes rührte sein Vaterherz in herzzerreißendem Erbarmen. Rückhaltlos eilte der liebende Vater dem Zurückgekehrten entgegen und fiel dem Sohn um den Hals und küßte den Sohn, als wäre sein Kindesverhältnis nie getrübt gewesen. Wie wunderbar und seltsam: Anstatt daß der Sohn dem Vater um den Hals fällt, tut das der Vater. Einen solchen einzigartigen Empfang hatte der Sohn nicht erwartet. Nicht ein einziges Wort des Vorwurfs, nicht eine Vorhaltung über das schreckliche und liederliche Leben des Sohnes ist aus dem Munde des Vaters |371|  zu hören. Der Vater ist auch hier der große Schweigsame, der liebevoll still bleibt. Das ist zuviel der Güte und Freundlichkeit gegenüber dem Heimgekehrten. Seine Bitte, doch nur als Tagelöhner beim Vater eine Stellung zu erhalten, kann er gar nicht mehr aussprechen. Der väterliche Empfang war ihm zu groß und zu überragend erhaben.

Die Wiederannahme des Sohnes. Lk 15,22-24

Der heimgekehrte Sohn vermochte der erhabenen Vaterliebe gegenüber kein Wort mehr über die Lippen zu bringen. Der Vater versichert dem Sohn auch nicht seine Vergebung durch freundliche Worte, wie: "Ja, dir ist vergeben" - nein, der Vater erteilt vielmehr den nahestehenden Knechten einen bestimmten Befehl. Der große Schweiger ist nun selber aus seinem Stillschweigen herausgetreten. Worte der Liebe strömen nur so dahin. Zuerst läßt er ein Gewand, das vornehmste und beste, hervorholen. Der Vater kann die Bettlerkleidung nicht mehr ansehen. Er führt den Sohn durch Bekleidung mit dem weißen Oberkleid wieder in den Stand eines vornehmen Juden (vgl. Mk 12,28). Der Siegelring und die Schuhe sind ein Zeichen dafür, daß er jetzt wieder ein freier Mann ist. So sind die drei Gegenstände, die der Vater austeilt, ein dreifacher Beweis für die Wiedereinsetzung in den Sohnesstand. Damit muß sich die nüchterne Texterklärung zufrieden geben. In dem Kleid die Gerechtigkeit Christi, in dem Ring das Siegel des Heiligen Geistes, in den Schuhen die Fähigkeit, auf Gottes Wegen zu wandeln, zu finden, ist Allegorie, entspricht aber doch wohl nicht dem Text als solchem.
Auf des Sohnes Bekenntnis seiner Schuld und Unwürdigkeit antwortete der Vater durch den Befehl der völligen Wiederaufnahme in die Sohnesrechte. Durch den weiteren Auftrag an die Knechte, das Kalb - das Gemästete - herzubringen, kommt seine große Freude zum Ausdruck. Weil es nicht heißt: ein gemästetes Kalb, sondern: "das Kalb, das Gemästete" wird auf das bestimmte Tier zum Schlachten hingewiesen, das für eine festliche Gelegenheit im Stall bereitstand. In diesem Zuge des Gleichnisses eine Andeutung des Opfers Christi zu finden, läßt sich nicht begründen.[ A

A) Wenn die kritische Theologie meint, weil in dieser Darstellung kein Hinweis auf das Sühne-Opfer Christi vorhanden sei - darum könne Golgatha nicht als Sühnegeschehen des Heilandes angesehen werden, so ist der kritischen Theologie zu entgegnen, daß sie vergessen hat, daß die Erzählung "vom verlornen Sohn" ein Gleichnis ist, das nicht das Golgatha-Opfer begründen oder erklären will, sondern das die suchende und wartende Liebe des Vaters im Himmel veranschaulichen möchte. Prof. Gollwitzer formuliert dies in treffender Weise wie folgt: "Triumphierend haben rationalistische Ausleger sehen wollen, daß diese Geschichte von einem Zorn Gottes und einem versöhnenden Mittlerwerk Christi nichts wisse und daß an ihr alle Theorien von Opfertod und Versöhnung, verschwinden wie drückende Alpträume' (so z. B. Ammon, Leben Jesu III, 50). Wäre hier nicht die Versöhnung Voraussetzung, so wäre die Geschichte nicht geeignet, die Pharisäer, die von der Wirklichkeit des Zornes Gottes mehr wußten als moderne Theologen, zu überwinden. Weil Jesus nicht an Stelle des heiligen und gerechten Gottes der Pharisäer die Theorie von einem selbstverständlichen und allezeit durch die Finger sehenden Vatergott verkündigt, sondern die Wirklichkeit des Wunders bringt, daß eben dieser heilige und gerechte Gott' durch Ihn als den Messias jetzt die Abgefallenen wieder an Seinen Tisch läßt, darum steht diese Geschichte nicht dem entgegen, was die Bibel vom Zorn Gottes wie von der Versöhnung durch den Tod Jesu zu sagen weiß, sondern wird durch dies allererst ausgelegt." Soweit Gollwitzer in "Die Freude Gottes" 1951, S. 177.

Die Aufforderung: "Laßt uns fröhlich sein" spricht aus (vgl. Lk 15, V 7), daß alle Hausgenossen an dieser Festfreude teilnehmen sollen. Die erfinderische Liebe des Vaters zu dem heimgekehrten Sohn wendet das Beste auf, ja, sie beweist, wie willkommen der Sohn dem glücklichen Vaterherzen ist. Im Ton überströmender Freude begründet der Vater seine Anordnungen zum Fest. Die Tatsache, daß sein Sohn tot und verloren war, aber wieder lebendig geworden und wiedergefunden ist, füllt das ganze Denken und Fühlen und Wollen des Vaters aus. Tod und Leben sind in der Schrift die Bezeichnung von Sünde und Bekehrung (vgl. Eph 2,1;1 Tim 5,6). Mit dem Bericht: "Und sie fingen an fröhlich zu sein" ist die Erzählung an der Stelle des ersten (vgl. V 7) und des zweiten Gleichnisses (vgl. V 10) angekommen, denn die Freude im Himmel bei den Engeln entspricht der Freude im Vaterhause.
Es besteht die Möglichkeit, daß zum dritten Mal, also in jedem der drei Gleichnisse, nicht immer wieder die Andeutung der Freude über das Wiedergefundene einen sichtbaren Widerwillen der pharisäischen Zuhörer erregte. Die Freude der begnadigten Zöllner, dann die Freude Gottes, Jesu und der Engel Freude verdeutlicht den stärksten Kontrast zur Gesinnung der Gegner.
Jesus fühlte Sich darum angetrieben, diese lieblose Selbstsucht der Pharisäer in dem Bild des zweiten Sohnes abschließend nochmals kräftig darzustellen. Der lieblosen Opposition und menschlichen Bosheit haben wir an dieser Stelle eine der anschaulichsten Seiten des Evangeliums zu verdanken.
Im Anfang des Gleichnisses war von zwei Söhnen des Vaters die Rede (V 11). Weil bis jetzt nur von dem jüngeren Sohn gesprochen worden ist, muß die Erwähnung des älteren Sohnes wohl erwartet werden. Es handelt sich darum nicht um eine selbständige Geschichte des älteren Sohnes im Gleichnis, sondern um den engen Anschluß an das bisher Erzählte. Jesus beleuchtet durch diese Erzählung das Murren der Pharisäer (vgl. V 2).

Die Unterredung des älteren Sohnes mit dem Knecht. Lk 15,25-28a

Der ältere Sohn ist während der Heimkehr des jüngeren abwesend. Was von ihm zu sagen ist, wird in die spätere Zeit des Tages, in die Rückkehr vom Felde verlegt. Hinter der Abwesenheit des älteren Sohnes die pharisäischen Pflichterfüllungen der gesetzlichen Satzungen zu sehen, wie einige Ausleger wollen, entspricht nicht dem schlichten Fortschritt der Erzählung. Der Heimkehrende vom Felde merkt erst, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen ist, als er sich dem Hause näherte. Er hörte Musik und Reigentanz, wie es bei festlichen Gastmählern üblich war. Vielleicht ärgerte es den Älteren heimlich, daß so etwas ohne sein Mitwissen im väterlichen Hause geschah. Mit einer Verwunderung, die seine Unzufriedenheit verrät, ruft er einen der Knechte zu sich, der ihm Auskunft erteilen soll.
Der Knecht gibt dem Fragenden durch eine schlichte Antwort Auskunft. Die Ankunft seines Bruders nennt er als Anlaß für die Veranstaltung des Festes, dessen Klänge er hört. Er sagt: "Er ist gesund heimgekommen". Nicht das Geringste von der Sünde des jüngeren Sohnes erwähnt der Knecht. Die Erwähnung des Kalbes, des Gemästeten, genügte, den älteren Sohn in Zorn zu bringen. Die Weigerung hineinzugehen kennzeichnet treffend den Stolz der Pharisäer, die mit Lasterhaften nichts zu tun haben wollen, aber auch nicht die Absicht haben, über das erfahrene Heil sich mitzufreuen.

Die Unterredung des älteren Sohnes mit dem Vater. Lk 15,28b-32

Der Vater hatte inzwischen sichtlich von der Heimkehr des älteren Sohnes gehört. Und nun geschieht etwas ganz Unglaubliches. Der Vater |374|  verläßt das festliche Treiben im Hause und eilt in freundlichem Entgegenkommen dem draußen stehenden älteren Sohn entgegen und redet ihm in Güte herzlich zu. Der Sohn aber läßt sich nicht bewegen, hereinzukommen und an der Festfreude teilzunehmen. Mit trotzigen, bitteren Worten enthüllt er die Gesinnung seines Herzens. Er redet mit seinem Vater, ohne das freundliche Wort "Vater" über seine Lippen zu bringen. Dem Vater wird sein ungerechtes Verhalten gegen ihn und seinen Bruder vorgehalten. Der Gegensatz zwischen seinem Lebenswandel und dem seines Bruders soll die Ungerechtigkeit des Vaters beleuchten. Der ältere Sohn rechnet dem Vater seinen Gehorsam und Lohndienst so unbescheiden wie möglich vor. Das liederliche Benehmen des Bruders geißelt er mit scharfer Verachtung. Mit verächtlicher Verweigerung des Brudernamens sagt er vorwurfsvoll zum Vater: "Dein Sohn, dieser da", den du noch wagst, als Sohn anzuerkennen, hat dein Vermögen im ausschweifenden Genuß verschleudert. Er zerreißt damit den Schleier, der über das sündliche Leben des Bruders ausgebreitet war.
Die nun folgende Antwort des Vaters ist ein Meisterstück der väterlichen Liebe. Ohne den geringsten Ton der Erregung, ohne die leiseste Spur des Vorwurfs rechtfertigt der Vater in Ruhe und Sanftmut sich gegen den Vorwurf der Ungerechtigkeit gegenüber dem älteren Sohn. Der Vater redet den älteren Sohn als "Kind" an. Diese Anrede des Vaters ist eine feine und liebevolle Zurechtweisung gegenüber dem Wort "Vater", das der ältere Sohn bei seinen harten und unberechtigten Vorwürfen im Groll und Zorn dem Vater gegenüber nicht gebraucht hatte. - Wie groß und meisterhaft steht dann das liebevolle "Du" des Vaters am Anfang seiner Rede. Wie versucht er, den Sohn zu überzeugen, daß nicht bloß das Kalb, das Gemästete, sein ist, sondern alles, alles, was dem Vater gehört, auch dem Sohn gehört.
Dann fährt der Vater fast wie entschuldigend fort, daß dieses Freudenfest einfach gefeiert werden mußte.
Und nun erfolgt das Schönste. Der Vater kehrt die Worte des Sohnes um. Nicht der Sohn, sondern "dieser dein Bruder" ist zurückgekehrt. Liebevoll weckt er die erstorbene Liebe zum Bruder - und doch ist auch die ganze Majestät des Vaters darin, der nun darauf besteht, daß auch dieser ältere Sohn seinen jüngeren Bruder wieder voll und ganz anerkenne, ja ihn mit gleicher Freude willkommen heiße, wie der Vater sie zeigte für den Sohn. Wenn also auch alle Züge dieses Vaters einem menschlichen Vater eignen können, sollte doch über allen Zweifel aus diesem Vater, hintergründig und geheimnisvoll, das Bild des himmlischen Vaters selbst lebendig herausleuchten: wie Er gut ist gegen Undankbare und Böse (Lk 6,35); gut - aber ohne jede Weichlichkeit und Schwäche, sondern einfach deshalb, weil Er in himmelhoher Majestät in Liebe über aller kleinlichen und erbärmlichen Bosheit der Menschen erhaben ist.
Ein Freudenfest im Hause des Vaters ist also am Platze, weil der heimgekehrte Sohn dem Tode so wunderbar entronnen ist. Der Vater |375|  fordert den älteren Sohn nicht ausdrücklich auf, an der Festfreude teilzunehmen. Das Freudenmahl wird aber des älteren Sohnes wegen keinesfalls unterbrochen. Der ältere Sohn muß jetzt selbst nach dieser Erklärung des Vaters entscheiden, ob er noch länger hart und lieblos draußen stehen bleiben will. Der Vater behält in der Erzählung das letzte Wort.
Für die Erkenntnis der charakteristischen Tendenz des Gleichnisses ist ein Rückblick auf die ganze Erzählung und auf den geschichtlichen Anlaß (vgl. V 1 u. 2), vor allem ein Vergleich mit den beiden ersten Gleichnissen notwendig (vgl. Verse 3-10). Jesus rechtfertigt Sein Tun an den Sündern gegen die murrenden Pharisäer zuerst durch das Bild eines Menschen, der sein verlorenes Schaf, und durch das einer Frau, die ihre verlorene Geldmünze wiederfindet. Jetzt beschämte Er ihr Murren durch die Erzählung von einem Vater, der seinen verlorenen Sohn liebevoll aufnahm, als dieser reumütig zu ihm heimkehrte. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist ein Bild für das Verhältnis zwischen Gott, dem himmlischen Vater, und den Menschen. In den ersten Gleichnissen rechtfertigte Jesus Sein eigenes Verhalten gegen die Sünder, jetzt greift Er weiter und tiefer zurück auf die letzte Begründung Seiner Rechtfertigung (vgl. Jo 5,19). Es ist nämlich Gottes Verhalten gegen den bekehrten Sünder. Dieser Gedanke ist in den beiden ersten Gleichnissen durch die Andeutung auf die himmlische Freude zwar vorbereitet. Die Tendenz des dritten Gleichnisses aber ist, die Freude Gottes zu dem bekehrten Sünder im Gegensatz zu dem lieblosen Murren menschlicher Mißgunst voll und ganz zum Ausdruck zu bringen. Diese Tendenz wird im Hauptabschnitt der Mitte (vgl. V 20-24) deutlich, dem eine Vorgeschichte (V 11-19) vorangeht und eine Schlußepisode (V 25-26) folgt.
Im dritten Gleichnis dient nicht ein unvernünftiges Tier oder eine leblose Münze zur Versinnbildlichung eines Sünders, sondern ein Mensch, der über sich selbst bestimmen kann. Die Aussage des Verlorenseins dehnt sich in den beiden ersten Gleichnissen zu einer bildlichen Vorgeschichte aus, welche die innere Geschichte des Sünders, der Buße tut, vorbereitet. Es sind drei Hauptmomente. Zuerst: Die Sünde im Anfang und Fortgang. Sodann: Das Elend, in welches die Sünde führt. Zuletzt: Die Umkehr, zu der das Elend hintreibt. Es ist im Grunde genommen die Geschichte eines Sünders überhaupt.
Das anfängliche Verhältnis zwischen Vater und Sohn (Lk 15, 11-12) bezieht sich auf die Zöllner und Sünder in Israel. Die Zöllner und Sünder waren ja Juden, Söhne des auserwählten Volkes, genau so wie die Pharisäer. Das Gesetz dünkte sie ein hartes Joch. Im Verlangen nach Freiheit haben sie die Schranken des göttlichen Gesetzes von sich gestoßen. Sie hatten sich damit außerhalb der Haushaltung Gottes und ihrer Ordnungen auf sich selbst gestellt. Gott hat es zugelassen. Äußere Zwangsmittel hat Gott nicht angewendet. Das Erbteil des Vermögens, das dem Sohn ausgehändigt wurde, bedarf keiner besonderen |376|  Deutung. Es ist, wie das Verlangen nach dem Erbe, nur ein Wunsch nach ungebundener Freiheit. Die Auszahlung des Erbes ist die Gewährung unbeschränkter Freiheit seitens Gottes. Von dieser Gewährung der Freiheit haben sie nach ihrem Gelüste Gebrauch gemacht. Sie haben sich der Gemeinschaft mit Gott entzogen und sich in die fremde, eigne Welt begeben, um dort in völliger Gottvergessenheit der sündigen Lust ihres Herzens zügellos leben zu können.
Sie haben getan, was sie wollten. Aber sie sind bitter enttäuscht worden. Die von Gott entfremdete Eigenwelt ihres Herzens hatte nur einen kurzen Sinnenrausch zu bieten gehabt. Sie hatte nichts zu bieten vermocht, was den Hunger der Menschenseele befriedigt. Der Sünder in der Gottesferne, der einen unbeschränkten Lebensgenuß sucht, gerät bald in den Zustand des Darbens. Er trachtete zwar nach Freiheit, verfiel aber in die Knechtschaft der Sünden der Welt. Er muß in harter Knechtschaft bis zur Grausamkeit ohne Lohne der Sünde dienen. Die innere Pein des Darbens steigert sich bis zum äußersten. Bei keinem findet der Sünder Mitgefühl und Erbarmen. Das Schmachvolle dieser Knechtschaft besteht im Hüten der Säue; das Verlangen nach den Johannesbaumschoten veranschaulicht die Steigerung der Pein des Hungers und die Schande der Sünde.
Der Sünder läßt sich in diesem Elend zur Umkehr leiten. So haben es viele Zöllner und Sünder getan. Sie gingen in ihrem Elend in sich. Sie erkannten, wie selig es ist, zu Gott zurückkehren zu dürfen und wie unselig der Dienst in der Sünde ist. Es erwachte in ihnen der Entschluß, ohne den Anspruch auf die verlorenen Sohnesrechte geltend zu machen, sich wieder zu Gott hin zu bekehren. Gerne bekannten sie ihre Unwürdigkeit. In demütigem Verlangen waren sie willig, Gott wie geringe Tagelöhner zu dienen.
Und wie verhält sich nun Gott zu solchen reumütigen und demütigen Sündern? Jesus schildert dies im strahlenden Mittelpunkt des Gleichnisses (V 20-24). Von einem Suchen des Verlorenen im engeren Sinne des Wortes wie in den beiden ersten Gleichnissen, ist im dritten Gleichnis nicht die Rede. Der Vater sucht nicht den verlorenen Sohn wie der Mensch nach dem verlorenen Schaf oder die Frau nach der verlorenen Geldmünze. Hier ist die selbstentschlossene Umkehr des Verlorenen die Voraussetzung für die Liebesbeweise des Vaters. Die Ausschau des Vaters von ferne nach dem Verlorenen deutet die göttliche Liebe an, die schon während des Sündenlebens und vor der Bekehrung des Sohnes mit Sehnsucht nach seiner Umkehr ausschaut. Gott kommt dem Sünder, der sich kaum in aufrichtiger Buße zu Ihm wendet, schon in herzlichem Erbarmen zuvor, überschüttet ihn mit Beweisen Seiner Vaterliebe, nimmt ihn, der sich so unwürdig weiß, an Sein Vaterherz und setzt ihn in alle Kindesrechte wieder ein. Die in den beiden ersten Gleichnissen erwähnte Freude über einen bekehrten Sünder wird hier als das Freudenmahl dargestellt. Damit ist nicht gesagt, daß die Knechte im Gleichnis die Engel Gottes sind. |377|
Das Gespräch zwischen dem Vater und dem älteren Sohn am Schluß der Gleichniserzählung legt die Gedanken der Pharisäer bloß, die Ursache ihres Murrens. In der Gegenrede des Vaters enthüllt der Herr ihr Unrecht. Sie glaubten, in der Aufnahme der Sünder ein schweres Unrecht gegen sich zu sehen. Sie machen ihren eigenen tadellosen Wandel im Gegensatz zu dem ausschweifenden Leben der Sünder geltend. Diesen Sündern bereitet Gott trotzdem eine so freudevolle Aufnahme. Die Antwort des Vaters enthüllt ihnen in liebevollster Form die Verkehrtheit ihrer Gedanken und die Ungerechtigkeit ihrer Anklage gegen Gottes Gerechtigkeit.
Die Freude Gottes und Seiner Engel über bekehrte Sünder besteht zu Recht, das Murren der Pharisäer aber zu Unrecht. Sie sollten an der Freude Gottes und Seiner Engel teilnehmen, statt zu murren (V 1.2).
Und was ist es doch um die eigene Gerechtigkeit, auf die der Mensch so stolz ist! Was ist sie in ihrem wahren und eigentlichen Wesen? Auch das zeigt uns der ältere Sohn im Gleichnis: Was kommt doch da plötzlich aus dem Herzen an giftigen und bitteren Worten und Gefühlen heraus! Alles frühere wird angesichts solchen Verhaltens unsicher und zweifelhaft. Eng, beschränkt, kleinlich, egoistisch, neidisch, eifersüchtig - was alles noch? - so steht er vor seinem grundgütigen Vater. Hier wird das abgründige Geheimnis offenbar, daß Gott nicht nur die Weisheit der Weisen zuschanden macht, sondern daß auch der gerechte Mensch vor ihm nicht zu bestehen vermag.
Der Blick auf den Vater: Das letzte Wort, das Er zum älteren Sohne sagt: "Denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und ist wieder gefunden worden." (V 32) ist wert, tausendmal wert, es tief in Herz und Gedächtnis einzuprägen und es niemals zu vergessen!

Apostelgeschichte 9,1-18

Apostelgeschichte 9,1-19a

1 Saulus aber, noch Drohung und Mord atmend gegen die Jünger des Herrn, trat an den Hohenpriester heran

Apg 22,8-21;26,9-20

2 und erbat von ihm Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit, wenn er einige Angehörige "des Weges" fände, Männer und Frauen, er sie gebunden nach Jerusalem bringe.

Apg 8,3;9,14

3 Auf seiner Wanderung aber geschah es, daß er sich Damaskus näherte, und plötzlich umstrahlte ihn ein Licht aus dem Himmel,

1 Ko 9,1

4 und zur Erde fallend hörte er eine Stimme zu ihm sagen: "Saul, Saul, was verfolgst du mich?"

Mt 25,40.45

5 Und er sprach: "Wer bist du, Herr?" Er aber: "Ich bin Jesus, den du verfolgst;[ A ]

A) Der von der Lutherübersetzung gebrachte Satz "Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu lecken" ist wohl aus Apg 26,14 hier eingedrungen; er ist in den Handschriften nur schwach bezeugt. Das revidierte NT hat ihn darum auch nicht mehr gebracht.

6 aber steh auf und geh in die Stadt, und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst."

7 Aber die Männer, die mit ihm reisten, standen sprachlos, denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemand.

5 Mo 4,12; Dan 10,7f

8 Es erhob sich aber Saulus von der Erde, doch obwohl seine Augen offen waren, sah er nichts. An der Hand ihn führend, brachten sie ihn nach Damaskus.

Jo 9,39

9 Und er war drei Tage lang nicht sehend, und aß und trank nicht.

10 Es war aber ein Jünger in Damaskus namens Ananias, und es sprach zu ihm im Gesicht der Herr: "Ananias!" Er aber sprach: "Hier bin ich, Herr!"

Apg 10,3.17.19;16,9f;18,9

11 Der Herr aber zu ihm: "Steh auf, geh zur Straße, die die Gerade heißt, und frage im Hause des Judas nach einem Mann aus Tarsus namens Saulus.

Gal 4,6

12 Denn siehe, er betet |173| und sah (im Gesicht) einen Mann namens Ananias hereinkommen und ihm die Hände auflegen, damit er wieder sehend werde.

Apg 6,6

13 Es antwortete aber Ananias: "Herr, ich habe gehört von vielen über diesen Mann, wieviel Schlimmes er deinen Heiligen getan hat in Jerusalem.

Apg 9,2

14 Und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, zu verhaften alle, die deinen Namen anrufen."

1 Ko 1,2

15 Es sprach aber zu ihm der Herr: "Gehe, denn ein erwähltes Rüstzeug ist mir dieser, zu tragen meinen Namen vor Nationen und Könige und vor die Söhne Israel;

Gal 1,15; Rö 1,5.14; 1 Tim 1,12; Apg 27,24

16 denn ich werde ihm zeigen, wieviel er für meinen Namen leiden muß."

Apg 23,29; 2 Ko 11,23-28; Kol 1,24

17 Da machte sich auf Ananias und kam in das Haus, und ihm die Hände auflegend sprach er: "Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir erschien auf dem Wege, den du kamst, damit du wieder sehend werdest und erfüllt mit dem Heiligen Geist."

Apg 6,6;8,17

18 Und sofort fielen von seinen Augen gleichsam Schuppen, er konnte sehen, und er stand auf und ließ sich taufen.

1/2  Bis dicht an die Heidenmission waren wir geführt worden. Unser Blick ging nicht nur von Jerusalem nach Samaria, sondern schon weit hinaus ins ferne Nubien, in das ein an Jesus Gläubiggewordener heimkehrt. Geht es nun nicht weiter? Kommt nun nicht der Bericht, wie Petrus zu wirklichen Heiden geführt wird und bei ihnen den Durchbruch der Gnade Gottes erlebt? Apg 10,1 würde sich genau an Kap. 8,40 anschließen! Aber Lukas blendet zurück. Wir sollen es über der Freude an dem Äthiopier nicht vergessen: "Saulus aber, noch Drohung und Mord atmend gegen die Jünger des Herrn." Jesus führt seine Sache voran, aber es bleibt lebensgefährlich, ein Christ zu sein. In Jerusalem wird gelitten. Und drohend erhebt sich die Gefahr auch in weiter entfernten Gebieten. Denn Saulus "trat an den Hohenpriester heran und erbat von ihm Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit, wenn er einige Angehörige des ‚Weges' fände, Männer und Frauen, er sie gebunden nach Jerusalem bringe". Damaskus war eine bedeutende Stadt am Ostabhang des Antilibanon. Schon früh wird es im AT erwähnt: Elieser, Abrahams Knecht, stammt aus Damaskus 1 Mo 15,2; Naeman rühmt "die Wasser Amana und Pharphar zu Damaskus" gegen alle Wasser in Israel (2 Kö 5,22). Damaskus war die Hauptstadt des syrischen Reiches, das Israel gefährlich genug wurde (Jes 9,10 f, freilich auch 7,3-9). Es scheint eine besonders enge Beziehung zwischen der Judenschaft in Damaskus und Jerusalem bestanden zu haben, daß Paulus gerade dort Christen vermutet und anderseits der Hohepriester dort mit sicherem Gehorsam gegen seine Anordnungen rechnen darf[ A ]. Auch die Äußerung des Ananias in V. 13 zeigt diese Verbundenheit: Ananias ist über Saulus und die Vorgänge in Jerusalem von "vielen" unterrichtet. Saul ist nicht ganz sicher, ob es schon "Christen" in Damaskus gibt und wie groß oder klein ihre Zahl ist: "Wenn er einige Angehörige des ‚Weges'[ B ] fände." Das paßt gut zu der Tatsache, |175|  daß noch keine direkte Mission von den Aposteln aus dort getrieben worden ist. Damaskus gehört - gleich andern bedeutenden Städten wie Antiochia und Rom - zu den Orten, in die das Christentum "einsickerte" und nicht durch eine Evangelisation namhafter Männer Eingang erhielt. Warum Saul nach der Zerstörung der Gemeinde in Jerusalem seinen Blick gerade auf Damaskus richtet, wissen wir nicht. Es ist ihm aber auch hier blutiger Ernst mit der Ausrottung der "Christen". Darum will er die Frauen ebenso verhaften wie die Männer. Es wird hier deutlich, daß die Frau im Christentum von Anfang an eine ganz andere Bedeutung bekam als in Israel oder in den heidnischen Religionen[ C ]. Saulus muß auch die gläubigen Frauen vernichten, wenn er dem Christentum ein Ende bereiten will[ D ].

A) In unserem Abschnitt ist besonders dieser Punkt angezweifelt, ja als geschichtlich unmöglich bezeichnet worden; der Hohepriester und das Synedrium hätten in einem fremden Land keine Rechtsmacht besessen und erst recht nicht Verhaftungen durchführen können. Aber es ist ja auch gar nicht von einer "Rechtsvollmacht" die Rede! Es genügte völlig die innere Autorität. Dann dürfen wir uns auch umgekehrt eine orientalische Stadt der damaligen Zeit nicht "modern" vorstellen. Wenn dort einzelnen Menschen der jüdischen Bevölkerung etwas passierte, wer fragte viel danach. Und wenn der Ethnarch des Königs Aretas in Damaskus der Judenschaft so willfährig gegenüberstand, daß er ihr zuliebe Paulus fangen wollte (2 Ko 11,32), warum sollte nicht unter den "Briefen" des Hohenpriesters auch einer an diesen Ethnarchen gewesen sein, der sein Einverständnis mit der Aktion des Saulus erbat? Wir sollten nach 1 900 Jahren nicht allzu genau zu wissen meinen, was "möglich" oder "unmöglich" war.
B) Hier ist nicht gemeint, daß Saul "auf seinem Wege" einige Christen finden konnte, sondern das "Christentum" selbst ist hier als "der Weg" bezeichnet. Das Christentum ist also nicht ein dogmatisches Gedankengebilde, das man im Kopf hat, sondern ein "Weg", den man mit seinem ganzen Leben geht, weil es "der Weg zum Leben" ist. Was David schon froh gerühmt hatte (vgl. Apg 2,28), ist nun voll erfüllt. Denn Jesus selbst ist "der Weg" (Jo 14,6). So meint der Ausdruck "Angehörige des Weges" einfach die "Christen".
C) Vgl. o. S. 39
D) So waren es auch in der Geschichte des Christentums bis in unsere Tage hinein oft genug die Frauen, die in Zeiten der Verfolgung am zähesten widerstanden.

Der Apostel Paulus wird in der Apostelgeschichte bis zu Kap. 13,9 nur mit seinem hebr Namen "Saulus" genannt. Da Paulus bereits von Geburt her das römische Bürgerrecht besaß (Kap. 22,28), wird er auch den römischen Namen "Paulus" (= der Kleine) von Anfang an neben seinem jüdischen Namen "Saulus" geführt haben. Wir finden in der Apostelgeschichte auch andere Doppelnamen: Joseph, genannt Barsabas, mit dem Beinamen Justus (Kap. 1,23), Johannes-Markus (Kap. 12,12), Silas und Silvanus (Kap. 15,40;1 Th 1,1). Jüdische Männer nannten sich in der grie. Umwelt gern mit einem grie. Namen. Jetzt aber steht er mit leidenschaftlichem Handeln mitten in seinem jüdischen Volk als dieser "Saulus", so wie er dann in der Heidenmission als der "Paulus" stehen wird.
1-6 Er "atmet Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn", das ist ein bezeichnender Ausdruck. Sein ganzes Wesen ist leidenschaftlich erfüllt von der Gegnerschaft gegen die Christen mit tödlichem Ernst. Das entspricht genau seiner eigenen Schilderung Gal 1,13. War er auch Schüler Gamaliels (22,3), so unterschied er sich hier doch radikal von seinem Lehrer. Auch Temperament und natürliche Anlage spielten dabei eine Rolle. Warum sollen wir diese Kräfte gering achten? Sicher, die gestaltende Hand des Künstlers ist das Ausschlaggebende, aber der Künstler weiß sehr wohl, welches Material er jeweils für sein Werk verwendet! Zu den großen geschichtlichen Leistungen auch in der Gemeinde Gottes gehört Wucht und Leidenschaft. |176|  Ein Philipp Melanchthon konnte Hervorragendes als Lehrer für die Reformation leisten; ein welterschütternder Reformator konnte er nicht werden. Saulus von Tarsus war auch in diesem Sinne ein "erwähltes Rüstzeug". Mit einem Gamaliel hätte Jesus selbst nach einer redlichen Bekehrung das nicht anfangen können, was er mit Paulus tat. Gamaliel sah seiner Natur nach die eine Seite der Wahrheit: Gegen Gottes Willen kann man weder negativ noch positiv ankommen. Saulus sah die andere Seite: Dem Willen Gottes hat man sich mit ganzem Einsatz hinzugeben! Gottes Ehre hat man mit jedem Mittel gegen seine Lästerer zu verteidigen. Saulus sah das im Gesetz klar genug bezeugt und dargestellt: 3 Mo 24,10-16;2 Mo 32,26-28;4 Mo 25,1-5. Er sah das unausweichliche Entweder-Oder: Entweder war dieser Jesus wirklich der Messias Israels, dann mußte man ihm mit jedem Blutstropfen dienen, oder er war ein falscher Messias, ein Gotteslästerer, mit Recht ans Fluchholz gehängt, dann mußte man alle mit dem Tod bestrafen und ausrotten, die ihn noch immer als den Messias propagierten. Es ging ja um Söhne Israels, die diesen "Weg" gingen, diesen unerhörten Irrweg. Darum wendet sich der "Pharisäer" Saul ohne weiteres an den Hohenpriester, das Haupt der "Sadduzäer". In dem Wunsch nach Vernichtung der Christen ist er mit ihm einig.
Dieser Saulus wird "bekehrt"! Wodurch? Der moderne Mensch liebt es, nach psychologischen Vermittlungen zu suchen. Muß nicht Paulus die Not des Gesetzes, die er später so klar und so scharf zeichnet, damals bereits selber gespürt haben? Nein! Paulus war kein Martin Luther! Nicht Rö 7,7 ff, sondern Phil 3,3 ff ist Selbstbiographie. "Nach der Gerechtigkeit im Gesetz untadelig", so sah sich der Pharisäer Saul und fand darum in dem letzten Satz der Stephanusrede eine Lästerung, die den Tod verdiente. Aber hat nicht das Sterben des Stephanus einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht? War er nicht unsicher geworden? Lukas bezeugt uns in Apg 8,1;9,1 das Gegenteil. Lukas schneidet uns mit Recht alle solchen modernen Gedankengänge ab. Die Bekehrung des Saulus ist allein das Werk Jesu durch das jähe Eingreifen in das Leben seines Feindes. Sie hat nach jeder Richtung einen ungeheuer sachlichen Charakter, den wir sehen müssen, wenn wir den biblischen Bericht und die ganze "Theologie" des Paulus recht verstehen wollen[ A ]. Nicht im Durchbruch neuer Gedanken ereignet sie sich; der völlige Umsturz der bisherigen Gedankenwelt und der Aufbau einer neuen "Theologie" |177|  vollzieht sich erst als Folge der Bekehrung. Diese selbst ist aber auch nicht ein Aufwallen tiefer Gefühle; die Gefühle sind hier - wie immer in der Bibel - nur Begleitung des eigentlichen Geschehens und werden nur sehr zurückhaltend angedeutet. Nein, Jesus gab gegen die treibende Grundüberzeugung des Saulus" "Jesus - Christus, Jesus der Messias - das ist Gotteslästerung!" den tatsächlichen Gegenbeweis: "Jesus - Christus, Jesus der Messias - das ist göttliche Wirklichkeit." Damit zerbrach die Existenz des Saulus bis auf den Grund. Aber dieser selbe Jesus beschlagnahmte diese zerbrochene Existenz für sich und seinen Dienst; und Saulus gehorchte. Das ist die Bekehrung des Paulus. So schildert sie Lukas: "Auf seiner Wanderung aber geschah es, daß er sich Damaskus näherte, und plötzlich umstrahlte ihn ein Licht aus dem Himmel, und zur Erde fallend hörte er eine Stimme zu ihm sagen: ‚Saul, Saul, was verfolgst du mich?' und er sprach:‚Wer bist du, Herr?' Er aber: ‚Ich bin Jesus, den du verfolgst; aber steh auf und geh in die Stadt, und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst'"[ B ].

A) Die kritische Auslegung wirft Lukas vor, er habe Paulus nicht verstanden und sein Bild verzeichnet; man müsse darum Paulus gegen Lukas geradezu in Schutz nehmen (vgl. Haenchen S 103). Nun, die Bekehrung des Paulus ist von Lukas völlig sachgemäß und "paulinisch" geschildert.
B) Wieder beobachten wir die respektvolle Zurückhaltung des Lukas. Es wird nicht ausgemalt, die Erscheinung Jesu nicht beschrieben. Ein jäh aufflammendes Licht, wenige Worte einer Stimme - das ist alles.

7 "Aber die Männer, die mit ihm reisten, standen sprachlos, denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemand". In Kap. 22,9 wird es umgekehrt gesagt: "Meine Begleiter sahen das Licht, aber die Stimme des zu mir Redenden hörten sie nicht." So unbefangen konnte in der ersten Christenheit der gleiche Vorgang in den Einzelheiten verschieden[ A ] erzählt werden. Wie gar nicht ängstlich, wie gewiß war seiner Sache! In beiden Fällen wird hier der gleiche Tatbestand bezeugt: Die Offenbarung Jesu im eigentlichen Sinn empfing nur Saulus; aber sie ist nicht ein bloßes inneres Gesicht[ B ]. Sie ist ein so objektives Geschehen, daß auch die Begleiter des Saulus etwas davon merken und nun ratlos dastehen. Paulus selbst hat die Begegnung mit Jesus von allen bloßen "Visionen" unterschieden und sie den Ostererfahrungen angefügt, freilich als eine letzte und |178|  ungewöhnliche nach der Himmelfahrt (1 Ko 15,8). Er tritt damit in die Reihe der "Zeugen der Auferstehung" und gründet darauf seine apostolische Autorität (Apg 1,22;1 Ko 9.1).

A) Der Unterschied in der Darstellung wird geringer, wenn wir genau zusehen. Lukas betont an unserer Stelle: "Sie sahen niemand", keine Person des Redenden. Das ist das Entscheidende; ein allgemeines Licht mögen sie gesehen haben. Umgekehrt liegt in der Schilderung von Kap. 22,9 der Ton auf der Tatsache, daß die Begleiter die persönliche Anrede nicht verstanden, wobei sie eine "Stimme" als solche wohl gehört haben können.
B) Die Bibel unterscheidet klar zwischen inneren "Schauungen" und den wirklichen Offenbarungen göttlicher Gegenwart. Es ist daher von vornherein verfehlt, wenn man etwa die Osterberichte als Schilderung bloßer "Visionen" darzustellen suchte, um sie der modernen Welt gegenüber zu "retten".

4 "Saul, Saul, was verfolgst du mich?" Die Eindringlichkeit des doppelten Anrufes finden wir in der Bibel auch sonst (1 Mo 22,11; 2 Mo 3,4). Die vorwurfsvolle Frage Jesu bringt nicht nur zum Ausdruck, daß Jesus sich ganz zu seiner verfolgten Gemeinde stellt und alles, was sie leiden muß, als ihm selbst angetan empfindet. Sie trifft vielmehr genau in das Zentrum der ganzen Unternehmung Sauls. Er greift nach dem Christen, aber er meint in allem eigentlich nur - Jesus! Er hat es in seinem Herzen immerzu schon mit Jesus selbst zu tun. Es liegt darum in seinem Eifer jene Widersinn, der viele Verfolgungen bis heute kennzeichnet: der leidenschaftliche Haß richtet sich gegen den Gott und gegen den Christus, den es angeblich gar nicht gibt und den man doch eben in seinem Haß selber als Wirklichkeit bekennt. Mich möchtest du beseitigen und ausrotten, Saul - warum? Was habe ich dir getan? Zugleich knüpft Jesus mit dieser hebr. Nennung des alten biblischen Ehrennamens bereits eine feste Verbindung mit seinem Feind. Du hassest mich -ich hasse dich nicht, ich rufe dich bei deinem Namen. Wir denken daran, was wir uns schon (o. S. 81) über die enge Verbindung von "Namen" und "Person" sagen ließen.
5 Saul stammelt nur zur Antwort: "Wer bist du, Herr?" Der Verfolger Saul kann Jesus nicht erkennen, wie der Jünger und Zeuge Stephanus ihn sofort erkennt (Apg 7,55). Er ist von dem Lichtglanz geblendet, und doch mag in seiner Frage bereits ein Klang gewesen sein: "Jesus - bist du es wirklich? Bist du also doch - der Herr?" Und nun kommt als Antwort auf diese Frage das große "Ich bin!" aus dem Mund des Auferstandenen und erhöhten Herrn. Schon auf Erden hatte es Jesus seinen pharisäischen Gegnern gesagt: "Wenn ihr nicht glaubt, daß ,Ich bin', so werdet ihr sterben in euren Sünden" (Jo 8,24). Saul, nun glaube es daß "Ich bin", Und sei errettet! Und damit hat Jesus den Sieg über seinen Verfolger schon gewonnen und ist dieses Sieges so völlig und ruhig gewiß, daß er sofort jenes Verhältnis zu Paulus beginnt, das von jetzt an das ganze Leben dieses Mannes gestaltet. Jesus verfügt über Paulus:
6 "Aber steh auf und geh in die Stadt, und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst." In seiner Selbstdarstellung Apg 26,16-17 hat es Paulus verkürzt so erzählt, als habe Jesus selbst gleich anschließend die Berufung und Sendung Sauls ausgesprochen. Hier aber erfahren wir, daß Jesus seinen Knecht auf das verweist, was man ihm in der Stadt sagen wird. Das ist einerseits Übung im Gehorsam, wie sie dieser starke und eigen willige Mann brauchte; es ist aber auch Barmherzigkeit: |179|  Saul wird Zeit gelassen, den Umsturz seines ganzen Lebens innerlich zu verarbeiten, ehe er den neuen Auftrag empfängt.
8/9 "Es erhob sich aber Saulus von der Erde, doch, obwohl seine Augen offen waren, sah er nichts. An der Hand ihn führend, brachten sie ihn nach Damaskus." Vielleicht müßten wir übersetzen: "Saulus aber wurde von der Erde aufgehoben"; er war nicht imstande, sich selbst aufzurichten. Es ist bei uns allen so, daß innere Erschütterungen sich auch leiblich auswirken und dokumentieren. Leib und Seele sind eng und tief verbunden. "Und er war drei Tage lang nicht sehend, und aß und trank nicht." Denn hier war eine "Umkehr" geschehen, die tatsächlich das Leben eines Mannes so radikal, so bis auf die Wurzeln umkehrte, wie es ganz selten geschieht. Hier wurde nicht ein Leben zerbrochen, das den Stempel der Sünde deutlich an sich trug und darum schon immer im tiefsten Herzen von seiner Verlorenheit wußte. Hier wurde jäh als Sünde und Gottesfeindschaft offenbar, was bis zu diesem Augenblick höchste Gerechtigkeit, wahre Frömmigkeit, rückhaltloser Eifer für Gott gewesen zu sein schien. Saul von Tarsus muß die Erfahrung machen, die er später den Römern in Rö 7,13 darlegen wird: Gerade in der tadellosen Gerechtigkeit, die er errungen zu haben meinte, war die Sünde "überaus sündig" geworden und der frömmste Mann Israels der "Größte unter allen Sündern" (1 Tim 1,15). Und nur dies Erstaunliche blieb als Tatsache in dieser Nacht des Trauerns: Jesus hatte ihn nicht vernichtet oder verworfen! In dem Ruf an ihn war nicht eigentlich Zorn und Gericht gewesen, sondern Erbarmen und Liebe!
Jesus selbst hat von Saul in diesen Tagen der Blindheit gesagt: "Siehe, er betet." Saul sucht sich betend und fastend in dem Geschehenen zurechtzufinden. Dabei werden es sofort notwendig die beiden Fragen gewesen sein, die ihn bestürmen und die Brennpunkte seines Denkens geblieben sind: "Warum wurde der Messias zum Gekreuzigten?" und "Was bedeutet das Gesetz?" Aber diese Fragen waren keine "theologischen", denen ein kühner und kühler Denker am Schreibtisch zu Leibe ging, sie waren Fragen seiner eigenen Existenz. Beide Fragen hängen eng miteinander zusammen und wurden miteinander gelöst. Weil unsere Gerechtigkeit durch das Gesetz gerade zur tödlichen Sünde wird, darum stirbt der Messias am Fluchholz und wirkt damit die ganz neue, wahre Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die Gerechtigkeit durch den Glauben. Und weil wir zu dieser wahren Gerechtigkeit geführt werden sollen, die vor dem heiligen Gott gilt, darum ist das Gesetz "nebeneingekommen, damit groß werde die Übertretung" (Rö 5,20).
10-12 Nun handelt Jesus an Saul durch Ananias, wie er immer wieder durch den Bruder am Bruder sein Werk tut. Er wendet sich an Ananias |180|  durch ein "Gesicht", das wir uns schwerlich als ein Traumgesicht denken dürfen, da Ananias sogleich zu Saul geht und nicht nachts in ein fremdes Haus gekommen sein kann. Saul empfing gleichzeitig das entsprechende Gesicht, das ihn schon auf Ananias' Kommen vorbereitet. Das war bei dem Hingenommensein Sauls nötig. Die "Gerade Straße" war als breite Prachtstraße bekannt. Die Judenschaft der Stadt war offensichtlich reich und angesehen, so daß ein Mann wie Judas in dieser Straße wohnen konnte.
13-16 Ananias erhebt unwillkürlich Einwände. Lukas wird nicht meinen, Ananias habe Jesus sagen wollen: "Da mag ich nicht hingehen, da habe ich Angst." Es geht vielmehr in dem Gespräch zwischen Ananias und seinem Herrn um den "Namen" Jesu. Ananias wendet ein" "Verdient denn dieser Mann Schonung und Gnade?" "Und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, zu verhaften alle, die deinen Namen anrufen." Auch Ananias sieht: Es geht bei dem Angriff Sauls auf die Christen eigentlich um den Namen Jesu. Von daher gewinnt die Antwort Jesu erst ihre Wucht und Größe: "Gehe, denn ein erwähltes Rüstzeug ist mir dieser, zu tragen meinen Namen vor Nationen und Könige und vor die Söhne Israels." Gerade der, der den Namen Jesu austilgen wollte von der Erde, wird diesen Namen in die Welt hineintragen wie kein anderer. Jetzt läßt er Christen leiden, weil sie den Namen Jesu aussprechen. Aber "ich werde ihm zeigen, wieviel er für meinen Namen Leiden muß". Wir sehen, wie dies Wort vom "Namen" Jesu die ganzen Sätze durchzieht. Das entspricht genau der Rolle, die der "Name Jesu" auch im Handeln, Kämpfen und Leiden der Apostel und der Urgemeinde in den Kapiteln 3-5 spielte.
Das "Leiden für den Namen Jesu" ist nicht so etwas wie ein zufälliger Begleitumstand des Wirkens, der hier vorausgesagt wird, weil es sich nun einmal so begeben wird. Das Leiden gehört vielmehr zu dem Wirken notwendig hinzu und ist selbst ein wesentliches Stück dieses Wirkens. Das Leiden behindert und schwächt das "auserwählte Rüstzeug" nicht, sondern macht es erst wahrhaft zu einem solchen. Genau so hat es Paulus selbst in mächtigen Selbstaussagen gesehen und bejaht: 1 Ko 4,9-13;2 Ko 4,7-11;11,23-30;Phil 3,10. Wieder erweist sich Lukas als ein echter Pauliner, wenn er in seiner Darstellung wieder und wieder zeigt, wie Paulus gerade leidend wirkt und siegt.
Nicht unwichtig ist die Tatsache, daß Saul nicht einseitig nur zum "Heidenapostel" erwählt wird. Nein, auch "vor die Söhne Israels" soll er den Namen Jesu tragen. Die große Gebietsteilung zwischen Paulus und den führenden Männern Jerusalems nach Gal 2,9 ist eine menschliche Vereinbarung, die nur die großen Linien absteckte, nicht aber Paulus verbot, auch seinen israelitischen Brüdern von |181|  Jesus zu sagen. Wie hätte er es nach Rö 9, 1-4 auch ausgehalten, an ihnen stumm vorüberzugehen und Israel die Kunde von seinem gekreuzigten Messias zu verschweigen! Seine Berufung gab ihm hier durch das eigene Wort des Herrn Jesu das gute Gewissen, wenn er auch draußen bei den "Nationen" zuerst die Synagoge aufsuchte und erst dann durch die Abweisung dort den freien Raum für die "Heidenmission" erhielt. Genauso hat er es selbst in Rö 11,11-15 grundsätzlich dargelegt.
17 Nun gehorcht Ananias, und zwar herzlich und völlig. Er gibt diesem Feind und Verfolger sofort den Brudernamen und "legt ihm die Hände auf, damit du wieder sehend werdest und erfüllt mit dem Heiligen Geist". Hier wird zweierlei deutlich. Heilung der Blindheit und Ausrüstung mit dem Heiligen Geist werden an die Handauflegung des Bruders gebunden. So wichtig ist Jesus die Bruderschaft der Seinen. Zugleich erhält das Handeln Jesu auf diese Weise die eindeutige Bestimmtheit und Klarheit. Die Heilung ist nicht "Zufall" oder "Natur", sondern Jesu eigene Gabe durch die Hand des Bruders. Aber es ist nicht die Hand eines hohen Apostels dazu nötig. Ein einfacher Christ wie Ananias kann es tun. Jedes Mißverständnis der Schilderung Kap. 8,15-17 ist damit abgewehrt. Die Handauflegung ist weder "sakramental" noch "hierarchisch".
18 "Und sofort fielen von seinen Augen gleichsam Schuppen, er konnte sehen, und er stand auf und ließ sich taufen." Saulus hat unter der Handauflegung des Ananias nicht nur Heilung, sondern auch den Heiligen Geist empfangen. Hat er damit nicht alles, was er braucht? Und doch ist es ihm selbstverständlich, "er stand auf und ließ sich taufen", offenbar sofort an Ort und Stelle von Ananias. Die Taufe ist ihm kein "Problem" und nicht mit schwierigen theologischen Fragen belastet. In ihr dokumentiert sich die Zugehörigkeit zu Jesus und zu seiner Gemeinde. Saulus erwartet nicht, erst durch die Taufe Christ zu werden und die Gnade Jesu und den Heiligen Geist zu bekommen. Er ist schon ein Eigentum Jesu, er hat die Gnade seines Herrn und den Heiligen Geist erhalten, er ist "ein erwähltes Rüstzeug". Aber darum verachtet er die Taufe nicht. Er läßt in ihr sein ganzes altes Leben in den Tod des Herrn begraben (Rö 6,3 f), läßt es sich versiegeln, daß er "mit" Christus gekreuzigt ist (Gal 2,19) und hält sich nun für gestorben der Sünde gegenüber und lebend für Gott in Christus Jesus, seinem Herrn (Rö 6,11). Zugleich fügt die Taufe ihn ein in die Gemeinde.

Das Damaskustor

Apostelgeschichte 16, 14-40

14 Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu, der der Herr das Herz öffnete, achtzugeben auf das von Paulus Gesagte.

Lk 8,18; Apg 8,6; Jo 6,44; 1 Th 2,13; Offb 1,11; Offb 2,18.24; Offb 10,35

15 Als sie aber getauft wurde und ihr Haus, bat sie und sagte: "Wenn ihr geurteilt habt, daß ich gläubig an den Herrn Jesus sei, dann kommt in mein Haus und bleibt." Und sie nötigte uns.

Jo 4,53; Mt 10,40; Lk 24,29

16 Es geschah aber, als wir zur Gebetsstätte gingen, daß eine Sklavin, die einen Wahrsagergeist hatte, uns begegnete, die viel Gewinn einbrachte ihren Herren, indem sie wahrsagte.

Apg 12,13;19,24

17 Diese folgte dem Paulus und uns und rief: "Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes, die euch den Weg der Rettung verkündigen!"

Mk 1,24.34; Lk 4,41

18 Das aber tat sie an vielen Tagen. Paulus aber wurde unwillig darüber und wandte sich um und sprach zu dem Geist: "Ich befehle dir im Namen Jesu Christi auszufahren aus ihr!" Und er fuhr aus zur selben Stunde.

Mk 16,17; Apg 4,2; 2 Ko 2,11

19 Als aber ihre Herren sahen, daß ausgefahren war die Hoffnung ihres Gewinns, ergriffen sie Paulus und Silas und schleiften sie auf den Markt zu den Behörden

Apg 15,40;19,25

20 und brachten sie zu den Prätoren und sagten: "Diese Menschen bringen |297| unsere Stadt in Unruhe; Juden sind sie,

Apg 17,6; 1 Kö 18,17; Am 7,10

21 und sie verkündigen Sitten, die uns nicht erlaubt sind anzunehmen und zu tun, da wir Römer sind."

22 Und es erhob sich die Mengen gegen sie, und die Prätoren ließen ihnen die Kleider herunterreißen und befahlen, sie mit Ruten zu schlagen.

2 Ko 11,25; Phil 1,30; 1 Th 2,2

23 Nachdem sie ihnen viele Schläge gegeben hatten, warfen sie sie ins Gefängnis, indem sie dem Gefängniswärter befahlen, sie sicher zu verwahren.

24 Der warf sie, als er solchen Befehl bekommen hatte, in das innere Gefängnis und legte ihre Füße zur Sicherheit in den Block.

Apg 12,6.10

25 Um die Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und priesen Gott mit einem Lied; es hörten ihnen aber die Gefangenen zu.

Apg 5,41; Kol 3,16; Jak 5,13

26 Plötzlich aber geschah ein große Erdbeben, so daß erschüttert wurden die Grundmauern des Gefängnisses. Es öffneten sich aber sofort alle Türen, und aller Fesseln wurden gelöst.

Apg 4,31;5,19;12,7.10

27 Als aber der Gefängniswärter jäh aufwachte und die Türen offen sah, zog er das Schwert und wollte sich töten, da er meinte, entflohen seien die Gefangenen.

Apg 12,19

28 Es rief aber Paulus mit lauter Stimme: "Tue dir kein Leid an, den alle sind wir hier!"

29 Da forderte er Licht, lief hinein, und zitternd fiel er vor Paulus und Silas nieder.

30 Und als er sie nach draußen geführt hatte, sprach er: "Ihr Herren, was muß ich tun, daß ich gerettet werde?"

Lk 3,10; Apg 2,37;22,10

31 Sie aber sprachen: "Glaube an den Herrn Jesus Christus, und gerettet werden wirst du und dein Haus."

Mk 16,16; Lk 10,25; Jo 4,53; Jo 6,29; Apg 3,16;11,14;17,36

32 Und sie sagten ihm das Wort Gottes samt, allen die in seinem Hause waren.

33 Und er nahm sie in jener Stunde der Nacht mit sich und wusch sie von den Schlägen, und getauft wurde er selbst und die Seinem alle sogleich.

34 Und er führte sie hinauf in sein Haus und setzte ihnen eine Mahlzeit (wörtlich: einen Tisch) vor und jubelte mit seinem ganzen Hause, daß er an Gott gläubig geworden war.

Ps 23,5; Jo 14,6; Apg 8,39; 1 Th 1,19

35 Als es aber Tag geworden war, sandten die Prätoren die Liktoren mit der Weisung: "Laß diese Menschen frei".

36 Es meldete aber der Gefängnisvorsteher diese Worte dem Paulus: Die Prätoren haben hergesandt, damit ihr freigelassen würdet. Nun geht hinaus und zieht in Frieden!

Mk 5,34

37 Aber Paulus sprach zu ihnen: "Geschlagen haben sie uns öffentlich ohne Verhör, die wir Römer sind, und ins Gefängnis geworfen; und jetzt schicken sie uns heimlich fort? O nein, sondern sie sollen selbst kommen und uns fortgeleiten!"

38 Es meldeten aber den Prätoren die Liktoren diese Worte. Sie bekamen es aber mit der Angst, als sie hörten, daß es Römer sind,

Apg 22,29

39 und kamen und redeten ihnen zu und führten sie (aus dem Gefängnis) hinaus und baten sie, fortzugehen aus der Stadt.

Mt 8,34; Apg 5,26

40 Da verließe sie das Gefängnis und gingen zu Lydia; sie sahen die Brüder und sprachen ihnen zu und zogen davon.

14 Unter den Frauen ist eine Nicht-Jüdin, eine "Gottesfürchtige". Sie stammt aus "Thyatira" (Offb 2,18), einer Stadt in der Asia, in die Gott seine Boten jetzt nicht gehen ließ. Das Handeln mit Purpurstoffen hatte diese Frau nach Philippi geführt. Purpurstoffe sind Luxusware. "Lydia"[ A ] ist offensichtlich eine tüchtige und energische Frau (vgl. V. 15), die es in ihrem Beruf zu etwas gebracht hat und nun ein großes Haus in der Stadt besitzt. Aber sie gehört zu den Menschen, die an Geschäft und Gewinn und reichem Leben nicht genug haben. Ihr inneres Suchen hat sie zur Judenschaft geführt, deren wunderbarer Gott sie anzieht. Sie schämt sich nicht, unter den paar Frauen am Sabbat draußen am Fluß zu sein. Sie "hörte zu". Die Form des Wortes kann darauf hinweisen, daß dies nicht nur an jenem ersten |295|  Sabbat, sondern öfter geschah. Damit jedenfalls fängt es immer an, daß ein Mensch "hört". Und nun erfolgt jener geheimnisvolle Vorgang, den man nur so beschreiben kann, wie Lukas es hier tut: "...der der Herr das Herz öffnete[ B ], achtzugeben auf das von Paulus Gesagte." Wieviel können wir hören, ohne zu "hören", ohne "achtzugeben", ohne zu fassen, was das Gesagte ist, was es für uns bedeutet. Echtes, erfassendes Hören ist schon Geschenk der Gnade. Es ist das Gegenteil jenes Gerichtes, das Mt 13,10-15 schildert. Dem gleichen Wort "achtgeben auf" oder "sich halten an" begegneten wir schon Apg 8,10-11. Es besagt mehr als unser deutsches "achtgeben". Es wird gerade an unserer Stelle ein verhaltener Ausdruck für den glaubenden Anschluß an das Wort sein. Jedenfalls erwuchs aus ihm das unmittelbare "Zum-Glauben-kommen", von dem Lukas hier nicht ausdrücklich spricht.

A) Vielleicht hieß sie einfach: "die Lydierin"; Lydien war berühmt wegen seiner Purpurfärberei und seiner Färbergilden. Thyatira lag in Lydien.
B) Hier liegt wieder das Bild von der "Tür" vor, das wir Apg 14,27 schon fanden. Dies "Öffnen der Tür" liegt völlig außerhalb unserer Macht. Mit keiner alten oder neuen "Methode" ist es zu erreichen. Es ist das reine Geschenk des Herrn: Offb 3,8.9; 2 Ko 2,12.

Wieder ist Lukas von äußerster Kürze. Wann es zum Gläubigwerden und zur Taufe kam, ob Lydia die einzige blieb oder ob auch andere Frauen gewonnen wurden, das alles erfahren wir nicht. Wie hätte es uns gefreut, diesen bewegenden Tauftag dieses Erstlings in Europa mitzuerleben! Lukas ist etwas anderes wichtig. Paulus hat mit Entschlossenheit an dem Grundsatz festgehalten, für sich und seine Mitarbeiter keinerlei Unterstützungen aus den Gemeinden anzunehmen (vgl. 1 Ko 9,15-18). Es lag ihm mit Ernst daran, nicht nur sein Werk vor jedem Verdacht des Eigennutzes freizuhalten, sondern auch in der grie. Umwelt mit ihrer Verachtung der Arbeit den eigenen Erwerb des Brotes und die Unabhängigkeit von den anderen zu Ehren zu bringen (vgl. 1 Th 2,9;4,11;2 Th 3,7-12). Nur in Philippi hat er es ausnahmsweise anders gehalten: Phil 4,10.15 f. Lukas schildert uns, wie das auf die Lydia zurückgeht.
15 An ihrem Tauftag "bat sie und sagte: ‚Wenn ihr geurteilt habt, daß ich gläubig an den Herrn Jesus sei, dann kommt in mein Haus und bleibt'". Sie schließt einen Ring des Vertrauens: Sie hat sich mit allem, was sie ist und hat, dem Herrn anvertraut; die Boten Jesu vertrauen ihr, daß es wirklich so in ihrem Leben steht; nun dürfen und sollen die Boten sich auch ihr anvertrauen und ganz zu ihr in ihr Haus ziehen. Paulus zögert von seinem wohldurchdachten Grundsatz aus. Aber "sie nötigte uns". Wie schön, daß ein so mächtiger Mann wie Paulus beides kann: mit harter Folgerichtigkeit einen als notwendig erkannten Weg durchzusetzen, aber auch sich von dem Glauben und der Liebe einer Frau überreden lassen und von da aus einer ganzen Gemeinde erlauben, für ihn zu sorgen. |296|
Getauft wurde Lydia "und ihr Haus". Das "Haus" meint dabei nicht nur die persönliche Familie. Lydia wird unverheiratet gewesen sein. Es sind vor allem die vielleicht zahlreichen Sklaven, die das "Haus" bilden. Sind sie alle persönlich zum Glauben an Jesus gekommen? Wir müssen es wohl als Tatsache hinnehmen, daß Paulus die Verbundenheit eines "Hauses" so eng und so lebendig sah, daß er mit der Hausherrin auch ihr ganzes Gesinde der Herrschaft Jesu unterstellte (vgl. Anm. 376)[ A ].

A) Ähnliches berichtet Graf Korff aus der Erweckungszeit unter dem russischen Hochadel. Die junge Fürstin Lieven vom kaiserlichen Hof bekehrte sich. Nachdem Jesus ihr Herr geworden war, öffnete sie ihm auch ihr Palais. Als sie einmal den Besuch von Graf Korff hatte und mit ihm in ihrem wundervoll ausgestatteten großen Saal war, konnte dieser sich nicht enthalten zu sagen: "Wie merkwürdig ist es, daß es hier so stark nach dem Stalle riecht." - "Das ist durchaus nicht merkwürdig", antwortete die Fürstin, "hier war vor kurzem eine Gebetsversammlung, an der alle unsere Kutscher teilnahmen. Mein Haus gehört meinem Heiland, ich bin nur seine Hausverwalterin." (Aus Karl Weber: Dr. F. W. Baedeker)

Am Schluß unseres Abschnittes sind "Brüder" da, von denen Paulus Abschied nimmt. Lukas hat bei dem beschränkten Raum für sein weitgespanntes Geschichtswerk nicht erzählt, wie die Arbeit der Boten Jesu in Philippi weiterging und wie eine Gemeinde Jesu entstand, die im Hause der Lydia ihren Sammelpunkt besaß. Wir müssen aber jedenfalls an eine längere Zeit der Wirksamkeit in Philippi denken und nicht die Vorstellung haben, als sei mit der Bekehrung der Lydia und der des Gefängnisaufsehers schon alles Wichtige in Philippi geschehen. Lukas schildert nur Beginn und Ende der paulinischen Arbeit in Philippi.
16-18 Wieder stoßen die Boten Jesu mit der okkulten Welt des Heidentums zusammen. Eine Sklavin hat einen "Wahrsagergeist"[ A ]. Sie gehört einem ganzen Konsortium von "Herren", die durch ihre Wahrsagerei gute Einnahmen haben. Es ist das bis heute eine eigenartige Tatsache, daß gerade okkult behaftete Menschen von Jesu Jüngern angezogen werden. So läuft auch dieses Mädchen "Paulus und uns nach"[ B ]365, und man hört ihr lautes, erregtes Rufen: "Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes, die euch den Weg der Rettung verkündigen." Ist das nicht Wahrheit und damit zugleich eine wirksame Unterstützung für Paulus und seine Sache? Muß Paulus nicht erfreut sein, wenn selbst eine Wahrsagerin auf ihn hinweist? "Paulus aber wurde unwillig darüber." Er ist weder geschmeichelt noch interessiert. Er weiß, wer hinter diesem Rufen steht. Er duldet keine Reklame des Teufels für die Sache Jesu. Auch wenn sich Finsternismächte "religiös" oder sogar "christlich" tarnen, bleiben sie verderbliche Mächte des Feindes. Wir brauchen uns nur auszudenken, zu welchen Mißverständnissen[ C ] in der heidnischen Bevölkerung es kommen muß, wenn die Boten Jesu auf eine Linie mit diesem Okkultismus |299|  gestellt werden. Darum "wendet sich Paulus um" und spricht das Machtwort: "‚Ich befehle dir im Namen Jesu Christi auszufahren aus ihr!' Und er fuhr aus zur selben Stunde". Den Mächten der Finsternis gegenüber gibt es keine Schonung, aber auch keine Scheu. Mit ihnen kann der Jünger Jesu nur im Befehlston reden, wie sein Herr es getan hat (z. B. Mk 1,25;5,8). Während aber Jesus selbst das einfache "Ich gebiete dir" sprechen konnte, hat der Jünger nur dann die Vollmacht, wenn er es "im Namen Jesu Christi", im glaubenden Blick auf den Kreuzessieg und die Macht des lebendigen, gegenwärtigen Herrn tut, damals wie heute[ D ].

A) Wörtlich heißt es: Einen Geist "Python". Der "Python" ist der Drache, der als Wächter des berühmten Delphischen Orakels am Fuß des Parnaß hauste. Wenn das Wort später auch ganz allgemein einen "Wahrsagergeist" bezeichnet, wird in dem Wort doch noch die Beziehung zum Delphischen Orakel mitgehört worden sein. In der Sklavin hatte man so etwas wie eine "Pythia" im Kleinformat.
B) Wörtlich heißt es: Einen Geist "Python". Der "Python" ist der Drache, der als Wächter des berühmten Delphischen Orakels am Fuß des Parnaß hauste. Wenn das Wort später auch ganz allgemein einen "Wahrsagergeist" bezeichnet, wird in dem Wort doch noch die Beziehung zum Delphischen Orakel mitgehört worden sein. In der Sklavin hatte man so etwas wie eine "Pythia" im Kleinformat.
C) Ein solches Mißverständnis lag sofort in der Gottesbezeichnung vor. Auch in Mk 5,7 konnte Jesus "Sohn des höchsten Gottes" genannt werden. Aber im Raum Israels war dieser Ausdruck die Ehrung des einen lebendigen Gottes; im Heidentum die relative Hervorhebung eines einzelnen Götterwesens in der Vielheit der andern. Es zeigt sich hier den Boten Jesu gegenüber genau die gleiche Haltung der dämonischen Welt, wie sie in den Evangelien dem Herrn selbst entgegentritt: Sie muß die Wahrheit anerkennen und hüllt sich doch in Unwahrheit und Auflehnung ein.
D) Wem entsprechende eigene Erfahrungen fehlen, wird hier psychologische Erklärungen suchen, die Tiefenpsychologie bemühen oder das Ganze für eine "Wunderlegende" halten. Dabei bestätigt die "Therapie" die "Diagnose": Krankhafte Seelenzustände weichen nicht einem kurzen Machtwort! Wer sich näher über den wahren Sachverhalt unterrichten will, sei auf das grundlegende Werk von Kurt E. Koch "Seelsorge und Okkultismus", 7. Auflage, Berghausen, hingewiesen; aber auch auf Ernst Seitz "Mächte der Finsternis", Stuttgart.

19-24 Das Mädchen ist frei, aber der mühelose Gewinn ist ebenso "ausgefahren" wie der Wahrsagergeist. Als die Besitzer der Sklavin merken, daß sie nicht mehr "wahrsagen" kann und darum nichts mehr einbringt, und als sie hören, was geschehen ist, sind sie empört. Was gilt ihnen die Gesundheit und Freiheit einer Sklavin! Was kümmern sie sich um Fragen göttlicher Wahrheit. Ihr Gewinn, ihr Geld ist angetastet, unerhört! Wenn es ans Geld geht, dann wird der Mensch ungemütlich. Wer ist denn dieser Paulus und dieser Silas? Natürlich "Juden"! Der Antisemitismus wird wach, den es damals im römischen Reich schon lebhaft gab. Man hört ordentlich die moralische Entrüstung der geschäftstüchtigen Herren. Durch diese "Juden" hat es schon allerlei Unruhen in der Stadt gegeben. Den Burschen wollen wir das Handwerk legen! So lauern sie Paulus und Silas in einer Straße auf "und schleiften sie auf den Markt zu den Behörden und brachten sie zu den Prätoren"[ A ]. Natürlich beschweren sie sich nicht über die Heilung der Sklavin. Man hat zu allen Zeiten gewußt, wie man an die "Ordnung" und an das nationale Gefühl apellieren muß, wenn es in Wirklichkeit um das eigene Geld geht! "Diese Menschen bringen unsere Stadt in Unruhe; Juden sind sie, und sie verkündigen Sitten, die uns nicht erlaubt sind anzunehmen und zu tun, da wir Römer sind." Welche "Sitten" das sind, die Paulus und Silas verkünden, wird im einzelnen nicht gesagt[ B ]. Es kommt auch gar nicht |300|  darauf an. Es gilt ja nur, Behörde und Bevölkerung gegen diese hergelaufenen jüdischen Unruhestifter aufzubringen[ C ]. Das gelingt. Es kommt zu keiner Untersuchung, bei der Paulus sein römisches Bürgerrecht hätte in die Waagschale werfen können. Hier stehen die stadtbekannten, reichen Herren, dort diese unscheinbaren, fremden Juden. Das Volk, zum großen Teil aus römischen Kolonisten bestehend, nimmt im Hochgefühl seines römischen Stolzes gegen Paulus und Silas Stellung. Die Prätoren winken den Liktoren[ D ], und schon werden den beiden auf offenem Markt die Kleider heruntergerissen, die Rutenhiebe sausen, bis der Rücken blutig ist. Dann führt man Paulus und Silas ab ins Gefängnis. In einem finsteren Raum im Inneren des Gebäudes werden ihnen die Füße in den Holzblock eingespannt, so daß sie mit dem wunden Rücken in unbequemster Lage bewegungslos Stunde um Stunde zubringen müssen.

A) Der hier von Lukas verwendete Titel "Strategie" ist nicht ganz korrekt, wird aber auch so auf Inschriften gebraucht. Eine Stadt unter italischem Recht wird von zwei Prätoren regiert, die lateinisch "duumviri", die "Zweimänner", hießen.
B) Die Ankläger hatten sogar das formale Recht auf ihrer Seite, wie das in solchen Situationen oft der Fall ist. Die Werbung für fremde Kulte unter römischen Bürgern war verboten! Die christliche Mission unter Römern war von vornherein illegal, wo das "Christentum" etwas anderes sein wollte als eine "Richtung" innerhalb des Judentums. Aber wie verlogen war dieses Pochen auf das "Recht". Diese selben stolzen Römer scheuten nicht das Geschäft mit finsterer Wahrsagerei. Die ganze Szene zeigt aber, wie sehr wir uns in Philippi in einer "römischen" Stadt befinden.
C) Wie oft hat es seitdem diese Empörung gegen die "neuen Moden", gegen die "Beunruhigung" des Volkes oder der Kirche gegeben. Und wie oft standen dabei die egoistischen Interessen im Hintergrund.
D) Die "Liktoren" sind die Gerichtsdiener des Prätorius. Sie tragen in Rom das Rutenbündel mit dem Beil darin, in der Provinzstadt nur das Rutenbündel. Sie sind die Vollstrecker der von den Prätoren verhängten Strafen.

25 Wie kann Gott das zulassen! Wie schön war das Missionswerk in Gang gekommen, zu dem Gott sie doch eigens hierher gerufen hatte. Und nun ist alles jäh zu Ende. Um "einer Wohltat willen"! (vgl. Apg 4,9) Ist es nicht zum Verzweifeln? "Um die Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und priesen Gott mit einem Lied." Hier ist erfüllt, was Hiob von den Lobgesängen sagt, die Gott in der Nacht gibt, auch in der Nacht solcher Leiden und Rätsel (Hio 35,10; auch Ps 42,9;119,55). Die Männer und Frauen sind nicht zu zählen, die in allen Jahrhunderten der Kirchengeschichte durch diesen Bericht getröstet und ermutigt worden sind. Was mögen die andern Gefangenen gedacht haben, die sonst nur Stöhnen und Schimpfen und Fluchen kannten und die nun dem Beten und dem Loblied des Paulus und Silas zuhören?
26-28 Da bricht Gottes Hilfe mit einem Erdbeben herein. Solche jähen Katastrophen machen das Herz der Menschen offenbar. Der Gefängnisaufseher /3- vermutlich ein alter römischer Offizier - aus dem Schlaf aufgeschreckt sieht nur das eine: "Die Gefängnistüren sind auf", denkt nur das eine: "Die Gefangenen sind entflohen", kennt nur den einen Ausweg: "Diese Schande kann ich als verantwortlicher |301|  Offizier nicht überleben!"[ A ] "Er zog das Schwert und wollte sich töten." Da trifft ihn der Ruf des Paulus: "Tue dir kein Leid an, denn alle sind wir hier!" Mit einer schnell entzündeten Fackel stürzt er in den Raum - da sind seine Gefangenen! Was sind das für sie Menschen! Mächtig ist eine göttliche Hilfe für sie gekommen - und sie sind dageblieben und haben ihn so herzlich angerufen und vor der raschen Tat bewahrt.

A) Es kommt hinzu, daß er mit seinem Kopf für die Gefangenen haftet! Vgl. Apg 12,18.

29-31 "Da forderte er Licht, lief hinein, und zitternd fiel er vor Paulus und Silas nieder. Und als er sie nach draußen geführt hatte, sprach er: ‚Ihr Herren, was muß ich tun, daß ich gerettet werde?'" Auch hier ist eine Geschichte Gottes vorhergegangen, die wir nicht kennen. Wieviel dieser Mann von der Wirksamkeit des Paulus in den Wochen vorher gehört hatte, wissen wir nicht; Lukas ist sehr schweigsam. Aber die Frage nach dem Heil wird nicht in wenigen Minuten äußerer Erschütterung in einem toten Herzen geboren; wohl aber kommt sie in solchen Minuten zu sich selbst und bricht endlich heraus, wenn sie ein aufgewachtes Herz schon lange im Verborgenen beunruhigt hat. Das aber ist das Kostbare am Evangelium, daß es auf diese Frage die einfache, eindeutige Antwort hat: "Glaube an den Herrn[ A ] Jesus Christus, und gerettet werden wirst du und dein Haus." Das unterscheidet das Evangelium von allen andern Religionen und Weltanschauungen, daß es nicht irgendwelche Leistungen vom Menschen fordert, nicht neue religiöse Methoden empfiehlt, nicht geheimnisvolle Erkenntnisse vermittelt, sondern zu dem einen, kindlich leichten Schritt aufruft: Hier ist Jesus - vertrau dich ihm an! Darin liegt die ganze Errettung. Wie aber haben wir den Zusatz zu verstehen: "Du und dein Haus"? Liegt hier eine spezielle Zusage für diesen einen Fall, weil Paulus und Silas hier die Gewißheit hatten, daß alle Hausgenossen ebenfalls zu dem rettenden Glauben durchdringen würden? Oder darf jedermann, der zu Jesus kommt, sich die Zusage aneignen: auch meine Frau, auch meine Kinder werden gläubig werden? Wir werden die Eigenart eines Hauses der alten Welt mit berücksichtigen müssen. Es umfaßte nicht nur Frau und Kinder, sondern vor allem auch die Schar der dem "Hause" zugehörigen Sklaven. Es ist in unserem Text offensichtlich an eine Gruppe erwachsener |302|  Menschen gedacht, denen "das Wort Gottes gesagt" wird. Diese Menschen haben die Ereignisse der Nacht miterlebt, sie standen nun mit unter der Verkündigung und jetzt wird auch ihnen wie dem Hausherrn zugesichert: die Rettung ist für euch da, wenn ihr den Schritt zu Jesus wagt. Das Wort der Boten Jesu will nicht behaupten, daß das Gläubigwerden des Hausherrn mechanisch die Rettung aller Hausbewohner in sich schließt. An Onesimus, der dem "Hause" des Philemon zugehörte, wird sehr deutlich, daß es ohne die persönliche Entscheidung für Jesus nicht ging. Gerettet war Onesimus nicht schon, als Philemon Christ wurde, sondern erst als er selber bei Paulus in Rom zum Glauben kommt. Aber das dürfen wir allerdings tröstlich wissen, daß Gott uns als diesen, mit unserem Hause fest verbundenen Menschen sieht und darum seine rettende Gnade herzlich für die Unsern bereithält und unser Gebet für sie erhört. Andererseits dürfen wir nicht vergessen, was der Herr selbst über den Riß gesagt hat, der um seines Namens willen gerade auch durch Häuser und Familien gehen wird.

A) Damit weisen die Boten zugleich die Anrede "Ihr Herren" zurück. Diese Anrede hatte im Mund und in den Ohren eines Menschen der damaligen Zeit einen ganz anderen Klang als für uns. Wir hören darin nur eine gewisse achtungsvolle Höflichkeit. ("Was bekommen die Herren?" fragt der Kellner.) Damals aber lag in dem Wort "Kyrios = Herr" sofort ein Ton religiöser Scheu vor einer jenseitigen Macht. Darum betonen die beiden: Nein, sie sind in gar keiner Weise "Herren", in keiner Weise geheimnisvolle und religiös wichtige Gestalten, was der heidnische Offizier bei dem wunderbaren Geschehen fast zwangsläufig angenommen haben wird. "Herr" ist nur Jesus! Alle Boten Jesu können immer nur leidenschaftlich von sich selbst wegweisen auf Jesus allein.

32/33 Weil das Evangelium diese eine, einfache Antwort auf die Lebensfrage unseres Herzens ist, darum kann nun auch alles so schnell gehen. Nicht ein wochenlanger Unterricht ist nötig, sondern in einer Nachtstunde "sagten sie ihm das Wort Gottes samt allen, die in seinem Hause waren". Die Herrlichkeit Jesu ist in einem ganzen Leben des Bibellesens, Nachsinnens und Betens nicht annähernd auszuschöpfen und kann doch in einer Stunde[ A ] so vor Menschen hingestellt werden, daß deren Herzen alles Wesentliche erfassen und zur ganzen Übergabe an Jesus bereit sind. Darum kann der Kerkermeister "getauft werden und die Seinen alle sogleich"[ B ]. Aber es ist fein erzählt, |303|  daß er die Taufe nicht vollziehen läßt, ohne zuvor den Boten Jesu seinen Dienst getan und ihre wunden Rücken abgewaschen zu haben. Sie aber hatten den liebevollen, lebendigen Verkündigungsdienst durchgeführt, ohne an ihren Hunger, ihre Schmerzen, überhaupt an sich selbst zu denken.

A) Unendlich mannigfaltig und immer original verlaufen die echten, von Gott gewirkten Bekehrungen. Es gibt hier kein Schema und keine Methode. Aber immer ist beides da: die durchdringende Erkenntnis der "Verlorenheit", der Schrei nach der Errettung und das ganze Ergreifen des Retters Jesus im Heilsglauben. Darum kann man in diesen eigentlichen Heilsglauben niemals "hineinwachsen". Darum ist jede Bekehrung zuletzt eine "plötzliche", so intensiv ihre "Vorgeschichte" gewesen sein mag und ihre "Nachgeschichte" sicherlich sein wird. Und darum gibt es auch dort das klare "Einst" und "Jetzt", wo ein Mensch das Datum seiner Bekehrung nicht nennen kann.
B) Die "Seinen," die "Familie" umfaßte nicht nur Frau und Kinder, sondern vor allem auch die Schar der dem "Hause" zugehörigen Sklaven. Es ist im Text offensichtlich an eine Gruppe erwachsener Menschen gedacht, denen "das Wort Gottes gesagt" worden war. Freilich ist damals ein "Haus" eine solche Einheit gewesen und der "Familienvater" eines Hauses eine so bestimmende Größe, daß die Übergabe des Hausherrn an Jesus beinah selbstverständlich sein ganzes Haus in die Zugehörigkeit zu Jesus als dem Herrn mit hineinzog. Daß ein solches Geschehen hier echt und lebendig war, zeigt die eigens hervorgehobene Mitfreude des ganzen Hauses. Es ist möglich, daß bei der Taufe eines "Hauses" auch kleine Kinder mitgetauft wurden. Das rechtfertigt aber noch nicht die Taufe von Säuglingen unter den völlig andern Verhältnissen moderner Familien. Zum wenigsten aber setzt die Taufe von Kleinkindern den lebendigen Glauben der Eltern voraus, der bei den heutigen "Kindertaufen" offenkundig fehlt.

34 Es ist schön zu sehen, wie das Verhältnis des Gefängnisaufsehers zu den Boten immer herzlicher und freier wird: zuerst stürzt er im Gefängnis ihnen zu Füßen, dann führt er sie hinaus auf den Hof, um ungestört seine drängende Frage zu stellen; dann nimmt "er sie zu sich" in sein Haus und wäscht sie; und jetzt nach vollzogener Taufe "führt er sie hinauf in sein Haus und setzte ihnen eine Mahlzeit (einen Tisch) vor". Aber es ist doch nicht nur eine wachsende persönliche Verbundenheit. Wir werden nicht fehlgehen mit der Annahme, daß dieses Mahl die Feier des Herrenmahles mit einschließt, die alle mit Jesus und darin erst ganz miteinander vereint. Bei dem alten Soldaten bricht die Freude in lautem Jubel[ A ] durch, und sein ganzes Haus freut sich mit ihm.

A) Es ist der gleiche Jubel, der in der Urgemeinde die gemeinsamen Mahlzeiten mit dem Herrenmahl erfüllt Apg 2,46.47. Und es ist die Freude des Zöllnermahles Jesu Lk 5,29;15,23.24.

Und solcher Rettungsjubel ist der beglückende Lohn der Boten Jesu damals und heute. Gott kann einer Lydia in der Stille unter dem Wort das Herz öffnen; Gott kann durch das Leiden seiner Boten und durch "Erdbeben" ein Herz aufbrechen lassen. Es ist seine Sache. Wir können nur bereit sein und auf sein Tun eingehen, sei es im schlichten Wortdienst im "kirchlichen Ghetto", sei es in einer nächtlichen Evangelisation unter Schmerzen am ungewöhnlichen Ort eines Zuchthaushofes.
35 "Als es aber Tag geworden war, sandten die Prätoren die Liktoren mit der Weisung: ‚Laß diese Menschen frei.'" Den römischen Beamten mochte ihr stürmisches Vorgehen selbst nicht mehr ganz lieb sein. Sie mochten auch die Ausprügelung und die Nacht im Gefängnis als ausreichende Strafe ansehen für Leute, denen keine bestimmten Taten vorzuwerfen waren. Voll Freude berichtet der Gefängnisaufseher seinen Brüdern diese glückliche Lösung. Wieviel bange Gedanken, die er sich bei aller Freude mehr und mehr über sein weiteres Verhältnis zu diesen seinen Gefangenen hatte machen müssen, waren nun mit einem Schlage durch Gottes wunderbare Güte erledigt. Es gab keinen Konflikt mehr zwischen seiner Pflicht als römischer Beamter und als christlicher Bruder. Aber jetzt lernt er Paulus von einer ganz neuen Seite kennen. wohl trug Paulus das in |304|  seinem Herzen, was er später seinem Timotheus als "Willigkeit zum Leiden" ans Herz legte (2 Tim 4,5). Aber darum nennt er Unrecht doch Unrecht, zumal wenn es von denen begangen wird, die in hohen staatlichen Ämtern für das Recht zu sorgen haben. Es sollte auch auf die junge Gemeinde, die es in dieser römischen Kolonie schon schwer genug haben würde, nicht der Makel fallen, daß ihre Begründer froh gewesen sein mußten, nach öffentlicher Züchtigung und Gefängnishaft heimlich aus der Stadt zu entkommen. Darum geht Paulus mit dem Gefangenenaufseher zu den Liktoren hinaus: "Geschlagen haben sie uns öffentlich ohne Verhör, die wir Römer sind, und ins Gefängnis geworfen; und jetzt schicken sie uns heimlich fort? O nein, sondern sie sollen selbst kommen und uns fortgeleiten!" Er besteht nicht auf dem Bleiben, nachdem die "Ausweisung" jetzt zur "Bitte" wird "fortzugehen aus der Stadt". Er sieht in dem Geschehen das Ende seiner Wirksamkeit von Gott hier ebenso gesetzt wie einst im Pisidischen Antiochia oder in Ikonion[ A ]. Die Gemeinde Jesu in Philippi ist da, der erste Leuchter in Makedonien steht und strahlt das Licht der Kunde von Jesus in die Umgegend. Paulus darf und soll weitergehen. Er darf es dann den Thessalonichern sagen: "Obwohl wir vorher gelitten hatten und mißhandelt worden waren, wie ihr wißt, in Philippi, gewannen wir freien Mut in unserem Gott, zu reden zu euch das Evangelium Gottes unter viel Kampf (2 Th 2,2). Er scheint aber Lukas in Philippi zurückgelassen zu haben. Denn das "Wir" in der Erzählung bricht mit Apg 16,17 und wird erst Kap. 20,6 wieder erscheinen und auch dort wieder in Philippi. So hat wohl Lukas die Arbeit in Philippi weitergeführt und ist dann mit Paulus auf die Reise nach Jerusalem gegangen.

A) Wenn Codex D die Beamten ihrerseits die Bitte um das Verlassen der Stadt damit begründen läßt: "Damit nicht etwa Leute sich gegen uns zusammenrotten und drohendes Geschrei erheben gegen euch", so wird er sachlich wieder Richtiges getroffen haben. Hier wird ein Beweggrund auch für Paulus und Silas liegen, daß sie trotz ihrer völligen Rehabilitierung und trotz der Anerkennung ihres römischen Bürgerrechtes aus der Stadt weichen.

40 Paulus sieht noch einmal die junge Gemeinde im Hause der Lydia, spricht den Brüdern zu und wandert weiter nach Westen, tiefer nach Makedonien und Europa hinein.

2. Missionsreise des Paulus

Philippi-Ausgrabungen

Kapitel 2 - Das Gebet

Vertiefung

Das Gebet - Beziehungen leben vom Gespräch

Wie gut ist unsere Beziehung zu Gott? Jesus hat auf provozierend vertrauliche Weise mit Gott gesprochen. Kein Wunder, dass sein Schüler ihn baten: Lehre uns beten! Aber wie kann zu einer vertrauensvollen Beziehung zu Gott kommen? Wenn Gott existiert, muss man nicht respektvoll Abstand halten? Die Antworten von Jesus sind überraschend. Sie irritieren die Religiösen. Aber mit denen hatte Jesus sowieso ein gespanntes Verhältnis. Besonders was das Beten anging.

Jesus sagt ausdrücklich, dass Gott weiß, was wir brauchen, bevor wir beten. Ja, warum dann noch beten. Jesus erklärt, warum und was und wie. Hier gibt es viel zu lernen. Tatsächlich muss man das Beten wie Sprechen lernen. Umfragen sagen, dass auch Leute, die gar nicht an Gott glauben, gelegentlich beten. Finden Sie das Merkwürdig? Oder fühlen Sie sich ertappt? Vielleicht haben Sie schon einmal versucht zu beten, aber nach ein paar Sätzen ist Ihnen nichts mehr eingefallen. Und überhaupt, wie betet man richtig? Schnell überkommt einen das Gefühl: Ich kann gar nicht beten. Die Erkenntnis ist gar nicht so falsch. Wir können von Natur aus nicht beten. Es geht ja nicht darum, irgendwelche Sprüche aufzusagen. Gebet ist erst möglich, wenn Gott die Verbindung zu uns herstellt. Wie das geschieht, darum geht es in diesem Buch. Aber auch wenn die Verbindung da ist, gibt es einiges zu lernen.
Das Vater unser hat ein berühmter Theologe das Gebet genannt, das die Welt umspannt. Jesus legt uns damit jedenfalls einige brisante Themen in den Mund. Sie werden dabei schnell entdecken, warum es nicht nur um ein Ritual geht, sondern dass wir im Alltag sozusagen mit Gott online sein können. Und Privatsache ist das Beten auch nicht, es baut nämlich auf wirkungsvolle Weise Brücken zu anderen Menschen – sogar zu Feinden.

 

Matthäus 6,5-15

5 Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler; denn sie lieben es, in den Synagogen und an den Ecken der breiten Straßen stehend zu beten, damit sie von den Menschen gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin.

Mt 23,6.7

6 Du aber, wenn du betest, so geh in deine Kammer, und nachdem du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.

2Kö 4,33; Jes 26,20

7 Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, denn sie meinen, daß sie um ihres Wortschwalles willen werden erhört werden.

Jes 1,15; Mk 12,40; Lk 20,47

8 Seid ihnen nun nicht gleich; denn euer Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe ihr ihn bittet.

V. 32

9 Nun betet ihr so: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name;

2Mo 20,7; 5Mo 32,6; Jes 63; 16; Jer 3,19; Hes 36,23; Lk 11,2; Jo 1,12; 17,6; 20,17

10 dein Reich komme; dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden.

Mt 26,42; 7,21; Lk 11,2; 22,42; Apg 21,14; Hbr 13,20.21; Offb 22,20

11 Unser Brot, das zum Leben notwendig ist, gib uns heute;

Spr 30,8; Lk 11,3; Jo 6,13

12 und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unsern Schuldnern;

Ps 32,1.5; Sir 28,2; Mt 6,14.15; 18,21-35; Eph 4,32; 1Jo 1,9

13 und führe uns nicht in Versuchung, sondern errette uns von dem Bösen.

Mt 13,19; 26,41; Lk 8,13; 11,4; Jo 17,11.15; 1Ko 10,13; Eph 4,23; 2Th 3,3; 2Tim 4,18; 2Pt 2,9; Jak 1,13-15; Offb 3,10

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben;

Sir 28,2; Mt 18,21-35; Mk 11,25.26; Ko 3,13; 1Pt 4,8

15 wenn ihr aber den Menschen nicht vergebet, so wird auch nicht euer Vater eure Vergehungen vergeben.

In das Verborgene hinein gehört auch das Gebet. Die Öffentlichkeit des Gebets war ebenso wie die der Wohltätigkeit Brauch bei den Juden. Weil die Gebetszeiten festlagen, morgens, mittags und abends, sah man oft auf der Straße einen Beter stehen. Die Gebetszeit wurde damit pünktlich und treu eingehalten. Der Beter sprach dabei nicht laut (das war verboten), sondern flüsterte sein Gebet![90]

91) Tersteegen sagt: »Ich suchte einstmals Ort und Zeit zum Beten und zur Einsamkeit, nun bet´ ich stets in meinem Sinn und bin nun einsam, wo ich bin.«
Luther sagt: »Denn ein Christ ist an keine Stätte gebunden und mag wohl überall beten, es sei auf der Straße, im Felde, im Gotteshaus. Denn ein Christ hat allezeit den Geist des Gebets bei sich, daß sein Herz in solchem steten Seufzen und Bitten stehet zu Gott, ob er gleich isset, trinket, arbeitet usw. Denn sein ganzes Leben ist dahin gerichtet, daß er Gottes Namen, Ehre und Reich ausbreite; das, was er sonst tut, muß alles unter dem gehen.«
»Also ist auch nicht immer als nötig geboten, daß man allezeit müsse in ein Kämmerlein gehen und sich verschließen, wiewohl es fein ist, wenn einer beten will, daß er allein sei, da er kann frei und ungehindert sein Gebet zu Gott ausschütten.«

Der Herr verwirft den Öffentlichkeitscharakter des Gebets. Er sagt V. 6: Wenn du betest, dann geh in deine Kammer, in dein Tameion hinein und schließe die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen (Krypta).
Was ist das Tameion?
Das Tameion = Kammer ist die Vorratskammer, der versteckte, geheime Raum, das innerste Gemach, weil der Vorrat vor Dieben und wilden Tieren gesichert sein muß. Diese Vorratskammer ist die einzige Stube im palästinischen Bauernhaus, die man verschließen kann. Auch besitzt sie kein Fenster. Sie ist also in doppelter Weise geeignet, den Sinn des »Verborgenen« zu veranschaulichen, und zwar insofern, als niemand weder hineingehen, noch hineinsehen kann. - Wie fein wird hiermit von Jesus das Wesen des Gebets im Unterschied zum Gebet des Pharisäers charakterisiert! Wie oft suchte Jesus selbst zum Gebet die Einsamkeit der Nacht auf.
Das Gebetskämmerlein, von dem Jesus spricht, kann aber auch als Einsamkeit mitten im Lärm der Welt und mitten unter den Menschen sein. Aber nur dann, wenn man sich zunächst nach Jesu Rat in heiliger Gewohnheit zum Gebet ins Kämmerlein zurückzieht.[91]

 

92) Das Achtzehnbittengebet, auch Tephilla genannt, lautet im Auszug wie folgt: Gepriesen seist du, Jahve, Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs, höchster Gott, Gründer von Himmel und Erde, unser Schild und Schild unserer Väter, gepriesen seist du, Jahve, Schild Abrahams.
Du starker Held, ewig Lebender, ernährend Lebendige, lebendig machend die Toten. Gepriesen seist du, Jahve, der da lebendig macht die Toten.
Heilig du und furchtbar dein Name, und es gibt keinen Gott außer dir. Gepriesen seist du, Jahve, heiliger Gott.
Habe Wohlgefallen, Jahve, unser Gott, und wohne in Zion, und es mögen dir dienen deine Knechte in Jerusalem. Gepriesen seist du, Jahve, denn dir wollen wir dienen in Furcht.
Wir danken dir, Jahve, unser Gott, für alle Guttaten der Güte. Gepriesen seist du, Jahve, dem zu danken gut ist.
Leg deinen Frieden auf Israel, dein Volk, und segne uns alle insgesamt. Gepriesen seist du, Jahve, der da macht den Frieden usw. usw.
Dies ist nur ein ganz kurzer Auszug, um den Charakter des großen Achtzehnbittengebetes kennenzulernen.

Wie trefflich wird auch, mit dem Wort vom Kämmerlein, die Stellung Gottes zu solch einem verborgenen Gebet angedeutet. »Gott will´s vergelten«, sagt der Bibeltext. Der griechische Ausdruck für »vergelten« bedeutet »Empfangenes wieder zurückgeben«, »Schuldiges abtragen«. Gott sieht also das Gebet als unser Geschenk an ihn an, das er uns wieder zurückgibt, als Schuld, die Er bei uns hat und die er wiedererstattet, und zwar in göttlicher Weise.
Mit diesem Wort, von dem Gebet im Verborgenen, will Jesus aber anderseits niemals gesagt haben, daß seine Jünger nur im Kämmerlein beten dürfen. Das Gemeindegebet in der Synagoge hat Jesus nicht untersagt. Er selbst ging nach seiner Gewohnheit auch zur Synagoge.
Neben der einen Gefahr, »mit der Gebets-Frömmigkeit öffentlich scheinen zu wollen«, macht Jesus noch auf eine andere Gefahr aufmerksam, nämlich auf die Unsitte der gedankenlosen Häufung der Gebetsworte.
Die Gebetsübungen der Juden waren damals so ins Übertriebene gesteigert, daß durch die fortwährende Wiederholung des vorgeschriebenen Wortlautes aus dem Gebet »Wortplapperei« entstand. Es wurde täglich gefordert:
 1. Das dreimalige Hersagen des Achtzehnbittengebetes[92] um 9 Uhr vormittags, 3 Uhr nachmittags und abends. (Dies Gebet war zehnmal so lang wie das Vaterunser = 970 Worte.)

93) Das Schema (Glaubensbekenntnis), das am Morgen stehend und am Abend liegend gebetet werden mußte, nach 5Mo 6,7 bestand aus 3 Teilen, aus 5Mo 6,4-9; 5Mo 11,13-21 und 4Mo 15,37-41. Wie der Inhalt dieser drei genannten Schriftstellen zeigt, will das Schema nicht ein Gebet, sondern ein Glaubensbekenntnis sein. Es ist das Grundbekenntnis Israels zu dem einen Gott und zu seinen Geboten. - Das Schema wurde von liturgischen Einkleidungen umrahmt. Das Morgen-Schema hatte 2 Einleitungen und 2 Ausleitungen. - Eine solche Einleitung lautete zum Beispiel: »Wahr und gewiß und fest und bleibend und richtig und zuverlässig und geliebt und beliebt und wert und lieblich und fruchtbar und herrlich und recht und angenehm und gut und schön ist dieses Gebet (das Schema)« usw. - Der Lohn des Schema-Betens bestand in folgendem: Es ist ein Schutzmittel gegen die bösen Geister, es verlängert das Leben des Menschen, es verbürgt dem Menschen die zukünftige Welt ... Was sollen wir hierzu sagen? Wir sagen: Wie veräußerlicht ist doch hier das Gebetsleben als Leistung!
Hinsichtlich der Vorbereitung zum Gebet ist folgendes zu sagen: Die Beter pflegten eine Stunde zu warten und dann eine Stunde zu beten und wiederum eine Stunde zu warten.

 2. Das tägliche Glaubensbekenntnis, das zweimal gesprochen werden mußte. Es wird auch »Schema« genannt.[93]

94) Der Wortlaut des Vaterunsers ist zweimal überliefert worden, in der längeren Fassung bei Matthäus und in der kürzeren bei Lukas, bei dem die 3. und die 7. Bitte fehlt und die Anrede nur Vater heißt. - Nur toter Buchstabenglaube kann daran Anstoß nehmen. - Wir glauben, daß Matthäus den ursprünglichen Wortlaut hat.

3. Die Wiederholungen der Tischgebete.
4. Bei jedem Anlaß die Doxologie (Lobpreisung Gottes).
Jesus meint weiterhin mit dem »Plappern« oder dem »gedankenlosen Beten« oder »ehrfurchtlosen Beten« dieses, daß man glaubte, Gott würde durch die vielen Worte genötigt werden, den Wünschen der Beter zu willfahren. Das wortreiche Gebet sei gewissermaßen das Zaubermittel, um sich damit den Himmel zu verdienen. Das ist heidnisch, meint der Herr.
Wenn der Herr das leere, gedankenlose, viele Worte machende (abergläubische) Gebet voll und ganz verurteilt, so denkt er aber anderseits nicht im entferntesten daran, das lange, inbrünstige, vertrauensvolle Gebet, das Gebetsringen, das unter besonderen Umständen auch eine ganze Nacht währen kann, zu untersagen. (Vgl. Jakobs Gebet bis zum Aufgang der Morgensonne.)
Wenn Paulus sagt: »Betet ohne Unterlaß«, dann meint er das ganz im Sinne seines Meisters, daß solch anhaltendes Beten nicht in mystische Frömmigkeit, in Schwärmerei ausarte, sondern stets unter die Zucht des Geistes gestellt sei, stets in biblischer Nüchternheit geschehe.
Der Einschub: das Vaterunser.[94]

95) Jes 9,5: Er heißt »Ewig-Vater«, 63,16: »Du unser Vater und Erlöser«. Jer 3,4: »Mein Vater, du Freund meiner Jugend«, und 3,19: »Ihr werdet mir zurufen: Mein Vater« usw. Vgl. Jer 31,9; Mal 1,6; 2,10 und Ps 68,6; 89,27.

 

Die einzigartige Bedeutung des Vaterunsers besteht darin, daß Jesus den Vaternamen zum ureignen Namen Gottes für seine Jünger und damit für seine Gemeinde macht. Für sie ist fortan »Vater« der erste und ureigne Name Gottes, und nicht Jahve (Jehova).
Im jüdischen »Achtzehnbittengebet« (auch das »Gebet der achtzehn Segnungen« genannt) kommt der Name »Jahve« im ganzen 27 mal vor, der Name »Gott« 13 mal und nur 2 mal, also ganz »nebenbei«, der Name »Vater«.
Für den Jünger ist durch Jesus der Name »Vater« der beseligende Ausdruck alles dessen, was Jesu Erlösungswerk vollbracht hat. Was die AT-Propheten ahnend angedeutet haben[95], das ist in Jesus herrlichste Erfüllung geworden. Im AT wird Gott nur 11 mal »Vater« genannt, im NT 155 mal!

96) Viele Ausleger meinen, die drei ersten Bitten des Vaterunsers bezögen sich nur auf die Endzeit, auf das zukünftige Gottesreich, kurz, diese drei Bitten seien nur »eschatologisch« zu verstehen! Wir lehnen das ab und meinen: Obwohl das Reich Gottes etwas Zukünftiges ist, das der Gläubige ersehnt und erfleht und auf das er sich Tag für Tag von ganzem Herzen freut, so gehört doch auch zum Wesen der Gottesherrschaft, des Gottesreiches, daß es schon jetzt Gegenwartsgut ist, schon jetzt angebrochen ist, »mitten unter uns ist« (Lk 17,21), und zwar in seinem ersten Anfang, und gleich einem Senfkorn sich entwickeln wird, gleich einem Sauerteig sich entfalten wird. - Die Bürger des Reiches Gottes haben schon jetzt auf Erden den Namen Gottes zu heiligen, das Reich Gottes schon jetzt bei sich zur Verwirklichung kommen zu lassen, dem Willen Gottes schon jetzt in ihrem Alltag zur unbedingten Geltung zu verhelfen, nicht bloß Herr, Herr zu sagen - sondern den Willen des Vaters zu tun (7,21).

»Vater in den Himmeln« bedeutet, daß es uns dringend verwehrt ist, Gott-Vater zum »Papa« zu machen. »Vater in den Himmeln« verbindet vertrauenerweckende Güte mit heiligster Ehrfurcht. Alle plumpe und falsche Vertraulichkeit ist von vornherein ausgeschlossen. Das Vatervertrauen darf nie zur ehrfurchtslosen Vatervertraulichkeit werden. Denn der Vater in den Himmeln ist und bleibt der Heilige.
In Jesu Mund ist also das Wort »Vater« das Evangelium, das er brachte. Im AT war Gott der Vater des »Volkes«! Israel war sein Sohn! Jesus sieht Gott als den Vater des einzelnen an. Der einzelne steht im Gebet persönlich mit Gott, dem Vater, in Verbindung. Das ist etwas ganz Großes und total Neues. Wiederum betet aber der einzelne als Glied der Gemeinde Jesu. Darum das Wort: »Unser Vater.« Dieser einzelne wird nun gleich ganz von sich abgelenkt und ausschließlich auf Gott gelenkt.
Die drei ersten Bitten des Vaterunsers reden von dem, was Gott will. Alle persönlichen Anliegen der Jünger werden zunächst beiseite gestellt. Es wird nicht von ihrem eignen Willen und von ihrer eignen Seligkeit gesprochen, sondern von Gottes Willen, und zwar ganz allein!
Dadurch wird das Gebet von vornherein von jeder Eigenwilligkeit und Selbstsucht gereinigt.
Durch das Wort »unser«, »unser Vater« weitet sich der Blick über das eigne stille Gebets- und Herzenskämmerlein hinaus zur Christus-Gemeinde, die auf dem ganzen Erdenrund sich ausbreitet. Das Gebet im »Verborgenen« wird damit zum Gebet, »das die Welt umspannt«. Die Gefahr der frommen Ichsucht ist damit gebannt.
Mit heiligster Ehrfurcht und weltweitem Priestertum gilt es also, das Vaterunser zu beten, das darum in Wahrheit nur von dem »Wiedergeborenen« gebetet werden kann; nur der Jünger, nur das Kind Gottes kann »Vater« sagen.
Was das kostbare Wort »Vater« bedeutet, wird am besten dadurch gekennzeichnet, daß man das Wort »Vater« vielleicht vor jeder der Bitten noch einmal besonders setzt. Also:
Vater, heilige deinen Namen, d. h. bringe deinen Namen bei uns und auch bei mir zur Geltung, voll und ganz, täglich und stündlich.
Vater, führe deine Königsherrschaft herbei, d. h. hilf mir, daß du bei uns und auch bei mir fort und fort als König und Herr regierst!
Vater, laß deinen Willen geschehen, und zwar ebenso wie im Himmel auch auf Erden, d. h. des Vaters Wille hat bei mir im Alltag fort und fort zu geschehen, nicht der eigene Wille. »Nicht wie ich will, sondern wie du willst«, ist des Kindes tägliche Bitte an den Vater im Himmel.
Gottes Verherrlichung soll sich im Leben des Jüngers in den drei Edelsteinen widerspiegeln. 96

97) Die Worte: »Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen«, stehen in der Koine und in manchen anderen Handschriften. Wir finden diese Doxologie auch in der »Lehre der 12 Apostel«, entstanden um das Jahr 100. - In dieser Lobpreisung wird die Gewißheit der Erhörung unseres Gebetes auf Gottes Macht und Herrlichkeit gestellt. - In der Form eines Reimes sei die Doxologie dargestellt: Sein ist das Reich, das wollen wir bauen, Sein ist die Kraft, der dürfen wir trauen, Sein ist die Herrlichkeit, die dürfen wir schauen.

Nachdem nunmehr die Interessen Gottes vorangestellt sind, folgen jetzt die Anliegen des Jüngers selbst, die sich auf die Erhaltung seines irdischen Lebens beziehen!
Auch hier wieder steht der einzelne vor dem Vater im Himmel, aber jetzt auch als Glied der Gemeinde, darum das Wort: Unser täglich Brot ... Und in dem Folgenden: Vergib uns unsere Schuld usw.
In der Urtextforschung hinsichtlich der schwierigen Übersetzung der 4. Bitte, ob man übersetzen soll: »Vater, gib das für den kommenden Tag bestimmte und ausreichende Brot«, oder »gib das für diesen Tag bestimmte und ausreichende Brot«, ist die Entscheidung gefallen zugunsten der Übersetzung »das Brot für den kommenden Tag gib uns heute«, d. h. das zur Existenz notwendige Brot, das Tagesbrot, gib uns heute. (Vgl. 1Tim 6,8.)
Der Hinweis des Theologen Zahn auf den Tagelöhner ist für das Verständnis der vierten Bitte wertvoll. Der Tagelöhner gehört zu den Leuten, die jeden Tag ihr Brot »vom Bäcker kaufen müssen«, d. h. die nicht, wie die Wohlhabenden, ihr Brot für eine ganze Woche backen können. Versetzen wir uns nun in seine Lage hinein und denken wir uns ihn als den Ernährer der Familie, die von der Hand in den Mund leben muß, dann ist es wahrhaftig nicht Kleinglaube, wenn er nur darum bittet: Laß mich heute so viel verdienen, daß wir, ich und die Meinen, uns morgen davon satt essen können.
Dazu kommt noch folgender Gedanke: Das Vaterunser ist in seinem Wortlaut nicht im entferntesten irgendwie übergeistlich, schwärmerisch, übernatürlich in dem Sinne, als ob das Brot nicht in ein Gebet hineinpasse, sondern sein Sinn ist sehr natürlich für die Belange der täglichen, leiblichen Bedürfnisse.
Und weiter: Das schlichte Wort »Brot« warnt vor allem Luxus, aller Genußsucht und mahnt zur Einfachheit und zur Bedürfnislosigkeit. - Und noch weiter: Luthers Erklärung zur 4. Bitte sieht im Brot alle irdischen Bedürfnisse wie: gut Wetter, gut Regiment, treue Nachbarn usw. miteinbegriffen.
Doch das Vaterunser-Gebet schreitet vom Leiblichen zum Geistigen fort!
»Gib Brot - Vergib Schuld.« Das ist als Doppelbitte die ganze Sehnsucht des Menschen. Denn der Mensch besteht aus Leib und Seele.
5. Bitte: »Vergib uns unsere Schulden!« Das Verhältnis vom »Gläubiger zum Schuldner« wird auf Gott übertragen. Der Schuldner muß zahlen, das ist eine unbedingte Verpflichtung. - Tut er das nicht, dann ist das Bruch des Rechts. Und Rechtsbruch wurde im Altertum streng bestraft.
Schulden entstehen Gott gegenüber, wenn IHM nicht gegeben wird, was IHM gehört! Erlaß von Schulden ist unerhörte Güte, die nicht groß genug im Altertum gesehen werden kann.
Ein Jünger steht vor Gott immer als Schuldner da, denn es mangelt ihm immer in allem, fort und fort an dem, was Gott zusteht und gebührt.
Der göttliche Schuldnererlaß wird dem Beter nur dann gewährt, wenn er dem Nächsten ebenso seine Schulden ihm gegenüber erläßt, nicht siebenmal, sondern 7 mal 70 mal, also immer und immer wieder.
Wer also betet: »Vater, vergib uns unsere Schulden«, der kann diese Bitte nur dann vor Gott bringen, wenn er all denen (es sind die Weltmenschen miteingeschlossen, vgl. V. 14 und 15), die sich an dem Beter versündigt haben, schon vergeben »hat«. Das Perfekt steht im Urtext. Wer nicht bereits dem andern vergeben hat, darf nicht und kann nicht das Vaterunser beten.
Die tragende Geduld und vergebende Liebe der Jünger gilt nicht nur den Schwächen und Gebrechen der Mitmenschen, sondern gilt auch ihren verwerflichen Handlungen. Nur dem fortwährend Vergebenden kann Vergebung geschenkt werden.
Wie wichtig dem Herrn Jesus gerade diese Bitte ist, beweist die Tatsache, daß der Herr nach dem »Vater-unser-Gebet« noch in V. 14 und 15 eine Erklärung hinzufügt: »Wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn aber nicht, dann wird auch euer himmlischer Vater eure Vergehungen nicht vergeben.« Eine sehr ernste Erklärung Jesu.
Während sich nun die Vergebung der Schuld auf das Vergangene bezieht, bezieht sich die folgende Bitte auf das Zukünftige.
Die sechste Bitte: »Führe uns nicht in Versuchung« denkt an all die Nöte und Anfechtungen, die bei dem Christen darin bestehen, daß es immer wieder Tatsache wird, »daß das Fleisch gelüstet wider den Geist«. (Vgl. auch dazu Jak 1,13.) Die immer wieder vorkommenden Anfechtungen und Versuchungen, die dem Christen als Bewährungsproben dienen, sind eine Forderung der göttlichen Erzieherweisheit und Gerechtigkeit. Freude und Schmerz, Trübsal und Widerwärtigkeiten, Enttäuschungen, Hunger und Elend und Verfolgung bergen nämlich fort und fort große Gefahren in sich. Im Bewußtsein seiner eigenen Ohnmacht und Schwäche wendet sich das Gotteskind darum zum Vater, er möge sein Kind der verführerischen Macht aller dieser Versuchungen entziehen. Und Gott bewirkt kraft seiner Treue, daß die Versuchung nicht zum Falle führen muß, sondern überstanden werden kann. (1Ko 10,13.)
Die siebente Bitte: »Rette uns vor dem Bösen« heißt: Rette uns, daß wir und das Böse voneinander getrennt bleiben. Das Böse ist eine Macht, hinter der der Böse, der Satan, steht. Darum ist das Getrenntsein und Getrenntbleiben vom Bösen etwas, was täglich nur durch die rettende und schützende Hand Gottes möglich ist. Vater, halte uns fest an deiner Hand.[97]

98) Der 9. Ab war im Monat August.

Luthers Erklärungen aus dem Kleinen Katechismus

Das Vater Unser

DIE ANREDE

Vater unser im Himmel.

Was ist das?

Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.

DIE ERSTE BITTE

Geheiligt werde dein Name.

Was ist das?

Gottes Name ist zwar an sich selbst heilig; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns heilig werde.

Wie geschieht das?

Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes, danach leben. Dazu hilf uns, lieber Vater im Himmel! Wer aber anders lehrt und lebt, als das Wort Gottes lehrt, der entheiligt unter uns den Namen Gottes. Davor behüte uns, himmlischer Vater!

DIE ZWEITE BITTE

Dein Reich komme.

Was ist das?

Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns komme.

Wie geschieht das?

Wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen Geist gibt, dass wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade glauben und danach leben, hier zeitlich und dort ewiglich.

DIE DRITTE BITTE

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Was ist das?

Gottes guter, gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns geschehe.

Wie geschieht das?

Wenn Gott allen bösen Rat und Willen bricht und hindert, die uns den Namen Gottes nicht heiligen und sein Reich nicht kommen lassen wollen, wie der Teufel, die Welt und unsres Fleisches Wille; sondern stärkt und behält uns fest in seinem Wort und Glauben bis an unser Ende. Das ist sein gnädiger, guter Wille.

DIE VIERTE BITTE

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Was ist das?

Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er's uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot.

Was heißt denn tägliches Brot?

Alles, was nottut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.

DIE FÜNFTE BITTE

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Was ist das?

Wir bitten in diesem Gebet, dass der Vater im Himmel nicht ansehen wolle unsere Sünden und um ihretwillen solche Bitten nicht versagen, denn wir sind dessen nicht wert, was wir bitten, haben's auch nicht verdient; sondern er wolle es uns alles aus Gnaden geben, obwohl wir täglich viel sündigen und nichts als Strafe verdienen. So wollen wir wiederum auch herzlich vergeben und gerne wohltun denen, die sich an uns versündigen.

DIE SECHSTE BITTE

Und führe uns nicht in Versuchung.

Was ist das?

Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Mißglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wir damit angefochten würden, daß wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.

DIE SIEBENTE BITTE

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Was ist das?

Wir bitten in diesem Gebet, dass uns der Vater im Himmel vom Bösen und allem Übel an Leib und Seele, Gut und Ehre erlöse und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehme in den Himmel.

DER BESCHLUSS

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Was heißt Amen?

Daß ich soll gewiss sein, solche Bitten sind dem Vater im Himmel angenehm und werden erhört. Denn er selbst hat uns geboten, so zu beten, und verheißen, dass er uns erhören will. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, so soll es geschehen.“

Quelle: www.ekd.de/bekenntnisse/kleiner_katechismus_3.html

Die Bergpredigt

Berg der Seeligpreisungen

Matthäus 7,7-11

7 Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden.

5Mo 4,29; 1Chro 28,9; Je 29,13.14; Mt 18,19; 21,22; Mk 11,24; Lk 11,9-13; 13,25; 15,6; Apg 17,27; Jak 1,5

8 Denn jeder Bittende empfängt und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird aufgetan werden.

Mt 15,19; Jak 1,5-7.17

9 Oder welcher Mensch ist unter euch, der, wenn sein Sohn ihn um ein Brot bitten würde, ihm einen Stein geben wird?

10 Und wenn er um einen Fisch bitten würde, ihm eine Schlange geben wird?

11 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset, wieviel mehr wird euer Vater, der in den Himmeln ist, Gutes geben denen, die ihn bitten!

Hier wird uns gesagt, daß wir keine großen Überlegungen anstellen müssen, sondern einfach bitten, suchen, anklopfen sollen. Das ist unsere Aufgabe, das andere ist das Werk Gottes. Es wird uns hier klar und unmißverständlich versichert, wenn wir bitten, dann wird uns gegeben, wenn wir suchen, dann werden wir finden, und wenn wir anklopfen, dann wird uns aufgetan.
Wenn uns nun aber entgegengehalten wird: Das stimmt aber nicht mit unseren Erfahrungen überein! Es war oftmals auf all unser Bitten nur ein großes Schweigen Gottes zu vernehmen! Dann gilt es zu prüfen, ob wir richtig gebeten, richtig gesucht und richtig angeklopft haben, oder ob wir nur an unser liebes Ich und seine irdischen Belange gedacht haben. Wenn das der Fall ist, dann dringt unser Gebet, und sei es noch so dringend, niemals zum Thron der Gnade.
Doch, wenn unser Gebet den Bannkreis des eigenen Ichs durchbrochen hat, dann ist uns in Christus das »Gute« schon alles zuvor bereitet; alle guten Gaben sind für uns schon da, ehe wir darum gebeten haben. Das Erlösungswerk ist vollbracht. - Durch die dreimalige Wiederholung sollen diese Worte vom »Bitten, Suchen und Anklopfen« auch das anhaltende und ernstliche Beten veranschaulichen.
Das letzte Bild vom »Anklopfen« betont besonders die heilige Majestät Gottes.
Das Anklopfen ist der Ausdruck der Achtung, die ich vor dem andern habe. Das Anklopfen bedeutet, daß ich nicht einfach »eintreten darf«, wie ich das in meiner eignen Wohnung zu tun pflege, wo ich nach Belieben von dem einen Zimmer ins andere treten kann, ohne anklopfen zu müssen. Aber dort, an der Tür des andern, wo ich anklopfe, da beginnt der Hoheitsbereich einer anderen Person, und dieser Hoheitsbereich gebietet mir Halt zu machen vor der Tür und, bevor ich eintrete, auf das »Herein« zu horchen! So ist das Gebet auch ein Anklopfen und Horchen auf das »Herein« des andern. Denn mit dem Gebet beginnt der Hoheitsbereich der allerhöchsten Person, nämlich Gottes, des Herrn. Da gilt es Halt zu machen in Ehrfurcht und Beugung; da gilt es zu horchen still und wartend, bis daß das »Herein« ertönt und die Tür aufgetan wird. - Und die Tür wird aufgetan, fort und fort, sooft ich auch immer komme! Christus ist die Tür zum Vater. Das ist das große und kostbare Wunder der Erlösung, daß er die Tür ist, daß ich eintreten und mit dem Vater sprechen darf in großer Freimütigkeit und in ganzem Vertrauen.
Die Ermahnung zum dringlichen und anhaltenden Gebet wird in den Versen 9-11 mit einem Gleichnis aus dem Alltagsleben noch unterstrichen.
Von dem Verhalten des irdischen Vaters wird auf den Vater im Himmel geschlossen. Jesus meint: Wohl kann der Mensch in seiner Bosheit dem andern Schaden zufügen. Aber dennoch zerstört diese seine Bosheit nicht die Macht der anhaltenden Bitte, weil die dem Menschen mitgegebene Liebe der Eltern zu den Kindern dem Kinde nichts Böses geben kann. Da im Blick auf Gott jeder Gedanke an Bosheit völlig und ganz wegfällt, darf die an ihn gerichtete, anhaltende Bitte erst recht und ganz der Erhörung gewiß sein.
Der Schlußsatz: »Wieviel mehr wird euer Vater, der in den Himmeln ist, Gutes geben denen, die ihn bitten« ist eine heilsame Richtigstellung gegenüber allen falschen Vorstellungen von »Gebetserhörungen«. Gott erhört jedes Gebet ganz gewiß, aber er erhört es nicht nach dem von uns zurechtgelegten Programm, sondern nach seinem Willen. Und der ist immer und ohne Ausnahme gut. (Vgl. Rö 8,28.)

Lukas 11, 1-13

1 Als Jesus an einem Orte war, betete Er. Als Er damit aufgehört hatte, sprach einer Seiner Jünger zu Ihm: "Herr, lehre uns beten, gleichwie auch Johannes seine Jünger lehrte!"

Mt 6,9-13

2 Er sprach aber zu ihnen: "Wenn ihr betet, dann sprecht: „Vater, geheiligt werde Dein Name! Es komme Dein Königreich!

Mt 6,9-13

3 Das zum Leben nötige Brot gib uns täglich!

4 Vergib uns unsere Sünden, denn auch wir selbst vergeben jedem, der uns Schuldner ist; und führe uns nicht in Versuchung hinein!'"

5 Und Er sprach zu ihnen: "Wer von euch wird einen Freund haben und wird zu ihm gehen um Mitternacht und spräche zu ihm: „Freund, leihe mir drei Brote,

6 weil mein Freund von der Reise bei mir angekommen ist, und ich nicht habe, was ich ihm vorsetze.'

7 Jener drinnen würde antworten und sprechen: „Mach mir keine Mühen! Schon ist die Türe verschlossen und meine Kinderchen sind mit mir im Bett, ich kann nicht aufstehen und dir geben.'

8 Ich sage euch: Selbst wenn er nicht aufstehen und (das Erbetene) geben würde, weil er sein Freund ist, so würde er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, so viel er nötig hat."

Lk 18,5

9 "Auch Ich, Ich sage euch: Bittet, so wird euch gegeben werden! Suchet, so werdet ihr finden! Klopfet an, so wird euch aufgetan werden!

Mt 7,7-11

10 Denn jeder, der da bittet, empfängt; und der da sucht, findet; und dem, der da anklopft, wird aufgetan werden.

11 Wer aber von euch würde, wenn der Sohn den Vater um einen Fisch bittet, (der Vater) ihm statt eines Fisches eine Schlange geben?

12 Oder auch, wenn er um ein Ei bitten würde, er ihm einen Skorpion geben würde?

13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, gute Gaben euren Kindern zu geben wißt, wieviel mehr wird der Vater aus dem Himmel Heiligen Geist denen geben, die Ihn bitten!"

Das Gebet. Lk 11,1-13

Lukas läßt hier drei kurze Abschnitte folgen, die eine Belehrung über das Gebet enthalten[ A ].

A) Im Anschluß an die Szene im Hause der Martha folgt die Unterweisung über das rechte Beten. Die stille Andacht dort hängt mit dem Gebete engstens zusammen.

Der Anlaß zur Unterweisung im Gebet. Lk 11,1

Der Herr versäumt nicht, während Er weiterreist, immer wieder die Stille des Gebets aufzusuchen. Wichtige Abschnitte Seines Lebens waren für Jesus besondere Anlässe, mit Seinem himmlischen Vater zu reden.
Er begnügte Sich nicht mit der beständigen Richtung des Herzens zum Vater, auf die man häufig die Gebetspflicht reduzieren will. Es fanden in Jesu Leben regelmäßig bestimmte Gebetszeiten statt. Das geht hier aus V 1 hervor: Als Er aufgehört hatte, zu beten. Infolge |278|  einer dieser Gebetszeiten, die wohl für Seine Umgebung immer das Zeichen zur andächtigen Sammlung waren, erbat sich ein Jünger eine besondere Anweisung für das Gebet.
Die Bitte dieses Jüngers lautet: "Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger es gelehrt hat!" Was Johannes seinen Jüngern über das Gebet gesagt hat, wissen wir nicht.
Aufgrund dieser Stelle hat die spätere Tradition einige Gebete des Johannes erdichtet, denen aber kein besonderer Wert beizumessen ist.
Der Herr versagte den Jüngern ihre Bitte nicht und gab ihnen das große, unendlich tiefe Gebet, welches das unschätzbare Kleinod der Gemeinde der Gläubigen für alle Zeiten geworden ist.

Das Vorbild des Gebetes. Lk 11,2-4

Durch die teilweise Wiederholung des schon vor längerer Zeit gesprochenen Gebets in der Bergpredigt (Mt 6,9-13) will Jesus sagen: Wenn ihr nach Worten für euer Gebet sucht, dann sprecht mit diesen Worten! Der Geist des Gebets gibt ohne Zweifel auch neue eigene Worte, was aber das Bedürfnis nicht aufhebt, sich an das von Jesus gegebene Gebets- Vorbild zu halten.[ A

A) Es ist zunächst zu beachten, daß bei Matthäus das "Unser-Vater-Gebet" in der Bergpredigt steht; Lukas berichtet es dagegen aus einer späteren Zeit des Lebens Jesu, es hat bei ihm seine Stelle im Reisebericht. Diese Tatsache hat zu mancherlei Vermutungen geführt. Der erste Synoptiker soll hierbei unchronologisch das aus einer späteren Zeit gesprochene Gebet mit der Bergrede des Herrn verschmolzen haben. Lukas habe dagegen dieses Gebet der Zeitfolge nach richtig eingeordnet. Die Schwierigkeit dieser Fragen ist wohl am besten dadurch behoben, wenn eine "Wiederholung" des gleichen Gebets angenommen wird. "Herr, lehre uns beten!", das war die Bitte des Jüngers. Jesus spricht ihnen nun jenes "Unser-Vater-Gebet" nochmals vor, nicht weil die Jünger das ausdrücklich wünschten, sondern weil Er das "Unser-Vater-Gebet" für das richtige ansah.

Auffällig ist die kürzere Fassung dieses "Unser-Vater-Gebetes" bei Lukas. Diese kürzere Fassung des "Unser-Vater-Gebetes" besteht im Urtext in der Auslassung der dritten und siebten Bitte, also im Weglassen von "Dein Wille geschehe" und "sondern erlöse uns von dem Bösen".
Das von Jesus gelehrte Gebet beginnt nach Lukas im Urtext mit der schlichten Anrufung Gottes und dem Wunsche: "Vater, geheiligt werde Dein Name!"
Das Fehlen des besitzanzeigenden Fürwortes "unser" im Grundtext des Lukas bedeutet erstens eine stärkere Betonung des Vaternamens. |279|  Es erinnert an den aramäischen Vaternamen "Abba" = "der Vater", welcher griechisch mit "pater" = "Vater", oder mit "ho pater" = "der Vater" übersetzt wird. Wie Jesus Seinen Vater "Abba" nannte (Mk 14,36), so bedienten sich auch aramäisch und griechisch redende Christen dieser Gebetsanrede (vgl. Rö 8,15;Gal 4,6).
Durch das Wort "Unser" in "Unser Vater" bei Matthäus weitet sich der Blick über das eigne stille Gebets- und Herzenskämmerlein hinaus zur Christus-Gemeinde, die auf dem ganzen Erdenrund sich ausbreitet. Das Gebet im "Verborgenen" wird damit zum Gebet, "das die Welt umspannt". - (Vgl. W. Stb. Matth. S. 73).
Bei Lukas ist im Grundtext aber das "unser Vater" nicht nur um das "unser" gekürzt, sondern auch um das "der Du bist in den Himmeln". Die vollere Form der echt jüdischen Redeweise: "der Vater in den Himmeln" findet sich außerhalb des Matthäusevangeliums nur vereinzelt (vgl. Mt 11,25;Lk 11,13).
Unter den fünf Bitten, die das Gebet des Herrn nach dem Grundtext bei Lukas enthält, beziehen sich zwei unmittelbar auf die Sache Gottes, und die stehen vornan, und drei auf die Bedürfnisse der Menschen, die nehmen die zweite Stelle ein. Dieser der Sache Gottes gegebene absolute Vorrang schließt bei dem Betenden eine solche Ichverleugnung, eine solche Liebe und einen Eifer für Gott und Seine Sache ein, die dem Menschen von Haus aus nicht eigen sind und das Herz eines wirklichen Kindes Gottes, eines Wiedergeborenen, voraussetzen muß, dem, wie dem Herrn Selber, die Angelegenheiten des himmlischen Vaters am wichtigsten sind. Erst dann, wenn der Wiedergeborene so sich selbst ganz und gar in Gott verloren hat, kommt er auf sich zurück, aber nicht auf sich allein, sondern als Glied der Gottesfamilie. Nachdem er bis jetzt Du gesagt hat, also: "Dein Name werde geheiligt - Dein Königreich komme!" fährt er nun fort mit "wir". Der brüderliche Sinn tritt so im zweiten Teil seines Gebets als Ergänzung des Kindesbewußtseins dem himmlischen Vater gegenüber auf, der den ersten Teil des Gebets bestimmt hatte. Die brüderliche Fürbitte fließt mit der persönlichen Kindes-Bitte zusammen.
Erste Bitte: "Dein Name werde geheiligt!" Der Name Gottes bezeichnet das Wesen Gottes und ist an Sich Selbst heilig. Er bleibt heilig, auch wenn Millionen Menschen als Gotteslästerer den Himmel stürmen wollten.
Aber die Gemeinde der Gläubigen muß als Zeugin des Herrn Jesus diesen Namen Gottes verklären und heiligen vor der Welt: durch den Wandel und durch das Wort. Das ist ihre Aufgabe, ihre hohe Berufung und darum auch ihr dringendstes und sehnlichstes Gebets-Anliegen.
Der Wunsch dieser Bitte ist bewußt in einer gebieterischen Form ausgesprochen. Es soll die Heiligung des Namens Gottes von Gott Selbst herbeigeführt und durchgeführt werden. Die Ausbreitung der Ehre Gottes über die ganze Welt ist das Ziel der Wege und Werke Gottes (vgl. Jes 5,16;6,3;19,18-25;29,23;Hes 20,40). |280|
Zweite Bitte: "Dein Königreich komme!" Der Ausdruck "Königreich Gottes" bezeichnet die Herrschaft Gottes, die neue Ordnung der Dinge, die durch Christus Jesus begründet ist und sich durch den Glauben an Ihn auf Erden entwickelt und ausbreitet. Jesus hat Sich während Seines ganzen Erdenwandels keinen Augenblick um etwas anderes gekümmert und gemüht als darum, es Seinem Vater im Himmel in allem recht zu machen. Nie kam ein Moment. wo Er, und zwar auch in den dunkelsten Stunden und Führungen, Sich nicht unter den Willen des Vaters gebeugt hätte. Strahlt einmal die Aufgeschlossenheit des Heiligen Willens Gottes im Grunde unseres Herzens auf, dann kann sich das Reich Gottes, d. h. die Herrschaft und der Wille Gottes, darin aufrichten.
Diese Bitte können darum genauso wie die erste Bitte nur solche sprechen, denen es wirklich ein Herzensanliegen ist, daß Gott zu Seinem Rechte, zur Herrschaft komme, daß Er das Regiment führe. Die sehnliche Bitte, ja dringendstes Anliegen: "Es komme!" setzt voraus, daß diese Königsherrschaft noch nicht so da ist, wie Gott es will.
Dieser heiße Gebetswunsch "Es komme" steht aber einerseits nicht im Gegensatz dazu, daß das Reich Gottes durch die Predigt Jesu und Seiner Jünger (Lk 4,13;8,1;9,2.60) den Hörern bereits gegenwärtig ist (Lk 10,9.11), und daß es durch Jesu Wirken schon tatsächlich Wirklichkeit wurde (Lk 11,20;17,21 f.; vgl. 4,21;7,20.22.28;13,18-21). Andererseits aber hebt das Dasein des Reiches Gottes schon hier jetzt die Vorstellung nicht auf, daß die Aufrichtung der Königsherrschaft Gottes ein Gegenstand der Hoffnung ist, die erst am Ausgang der Geschichte verwirklicht wird (vgl. Lk 1,33;19,12-27). Das gegenwärtige Gottesreich in den Herzen Seiner kleinen Herde (Lk 12,32;18,16) ist noch ein verhülltes Geheimnis (Lk 8,10;9,27), welches erst am Ende der Tage vollkommen enthüllt wird (Lk 19,11; 20,29-36), daß es von allen Menschenaugen gesehen (Lk 9,26) und von der Gemeinde Jesu vor aller Welt öffentlich in Herrlichkeit in Besitz genommen wird (Lk 6,20-23;14,14;22,16.18.29;1 Jo 3,2).
Die Brotbitte, die bei Lukas im Grundtext die dritte Bitte ist, bezieht sich auf die menschlichen Bedürfnisse, die zunächst das zeitliche Leben erfordert. Die Erklärung dieser Bitte hat wegen des Ausdruckes "epiousios"[ A ] seine Schwierigkeit.

A) Im NT kommt "epiousios" nur vor im "Unser-Vater-Gebet" Mt 6,11 und Lk 11,3. Das Wort "epiousios" scheint dem profanen und dem biblischen Griechisch fremd zu sein. "Es scheint", sagt Origenes, "von den Evangelisten gebildet worden zu sein." Es geht wahrscheinlich aus von dem Wort "usia", welches Wesen, die Existenz bedeutet. Dieses Wort "usia" steht im Gegensatz zu "periusios", das "überflüssig" heißt. Der Sinn der vierten Bitte ist also demnach: "Gib uns jeden Tag das zum Leben notwendige Brot." So aufgefaßt, entspricht der Ausdruck sehr genau den Worten in Spr 30,8: "Das Brot meines bestimmten Teils", wo der Ausdruck das "Bestimmte" ein stiller Gegensatz ist zu dem Überflüssigen.

In dem bekannten Kittel'schen Theologischen Wörterbuch schlägt Foerster, nachdem er sich 8 Seiten lang mit vielen Quellen und Literatur-Angaben |281|  über die Entstehung und Bedeutung von "epiousios" eingehend und wissenschaftlich ausgelassen hat (Bd. II, S. 595) folgende Übersetzung vor: "Das Brot, das wir brauchen, gib uns heute (Tag für Tag.)"
Jesus, der mit Seinen Aposteln von den täglichen Gaben Seines Vaters lebte, wußte aus Seiner eigenen Erfahrung, wie sehr Seine Jünger eine solche Bitte nötig hatten und haben werden.
Die gläubige Gemeinde weiß, daß sie abhängig ist einzig und allein von ihrem Gott, auch in denjenigen Dingen, die sich auf die Erhaltung ihres irdischen Leibes und Lebens beziehen. Das Vaterunser ist nicht so übergeistlich in dem Sinn, als ob das Brot nicht in ein Gebet passe.
"Vergib uns unsere Sünden, denn auch wir selbst vergeben jedem, der uns schuldig ist." Das Gebet des Herrn enthält nach der Bitte um leibliche Versorgung einen Gebetswunsch, der sich auf das geistliche Leben bezieht. Wie Gott allein Brot geben kann, vermag auch Er ganz allein die Vergebung der Sünden zu schenken und zu geben. Das tiefste Bewußtsein und Wissen des Jüngers Jesu um seine völlige Abhängigkeit von Gott hinsichtlich seines Lebens und seines Seins überhaupt ist das der Sünde. Und die erste Bedingung, um in dem brennenden Eintreten für die Ehre Gottes tätig sein zu können, ist, von der Sündenschuld durch die Vergebung befreit zu sein. Lukas gebraucht hier den Ausdruck "Sünden" (hamartiai). Matthäus sagt an der gleichen Stelle "Schulden" (opheilemata). Das Verhältnis Gläubiger - Schuldner oder Heiliger - Sünder wird auf Gott übertragen. In der Tat, wenn Gott nicht gegeben wird, was Ihm gehört, so ist es eine Schuld der Sünde geworden. Das Kind Gottes wird vor Gott immer ein Schuldner oder Sünder bleiben.
Die Bitte um Vergebung der begangenen Sünden zerfällt in zwei eng zusammenhängende Sätze, die von den beiden Evangelisten Matthäus und Lukas nicht mit gleichen Worten im Urtext überliefert sind. Die Perfektform "aphekamen = wir haben erlassen" bei Matthäus setzt voraus, daß der Gläubiger, der Gott um Schuldenerlaß bittet, seinem Schuldner bereits verziehen hat. Die Gegenwartsform: "aphiomen = wir erlassen" bei Lukas drückt nicht allein die Gleichzeitigkeit aus, sondern weist auf die Notwendigkeit der beharrlich anhaltenden versöhnlichen Gesinnung des Betenden hin.
Lukas sagt: "Denn auch wir selbst vergeben jedem . ." Matthäus: "Wie auch wir vergeben haben den . ." Godet meint dazu: "Wir selbst, so arg wir sind, machen Gebrauch von dem uns zustehenden Recht der Gnade und erlassen ihre Schulden denen, die uns schuldig sind; „wie vielmehr wirst Du, Vater, der Du die Güte Selbst bist, Dein Gnadenrecht gegen uns gebrauchen!' In demselben Sinn ist wohl auch das „wie auch wir' des Matthäus zu fassen. Der Unterschied ist bloß der, daß das, was Lukas als Motiv anführt (denn auch), Matthäus als Vergleichspunkt hinstellt (wie auch). |282|  Der Ausdruck: „Jeder, der uns schuldig ist', bei Lukas kann ebensogut die Schuldner im eigentlichen Sinn bezeichnen als die, die ihren Liebespflichten gegen uns nicht nachgekommen sind. - Der ganze unbedingte Ausdruck des Lukas: „Wir vergeben jedem, der uns schuldig ist', setzt voraus, daß der Gläubige in der Liebessphäre und Versöhnungslinie lebt, die in der Bergpredigt als Prinzip des Handelns gesetzt ist."
Wir sagen's nochmals: Nicht nur muß der Beter des Vaterunsers ein Kind Gottes sein, sondern ein gelöstes Kind Gottes. Gelöst am Kreuz - im Blute des Lammes muß er nicht nur Tilgung der Sünden der Vergangenheit gefunden haben, sondern Loslösung von dem unversöhnlichen Wesen.
"Warum wird es vielen so schwer, andern ganz zu vergeben? Warum stecken sie immer wieder armselige Grenzen? Erstens ahnen sie gar nicht, wie groß ihre Schuld Gott gegenüber ist, fallen dann aber über ihren Bruder her und würgen ihn. Erkennt man einmal die eigene Schuld und die Tiefe seines eigenen Falles Gott gegenüber, so hat man nicht solche Mühe, dem Bruder zu vergeben. Zweitens verstehen sie noch nicht die tiefe Bedeutung jenes Wortes: „Denen, die Gott lieben, wirken alle Dinge zusammen zum Guten', d. h. zur Umgestaltung in Christi Bild. Zuweilen benutzt Gott gerade die Unart des Bruders oder der Schwester, um uns die eigene Unart aufzudecken. Gott braucht die Fehler und Unzulänglichkeiten unseres Bruders, um uns unsere eigenen Rückstände unserm Gott gegenüber zum Bewußtsein zu bringen. Das Vergeben und Tragen wird leicht, ja, kann sogar süß und selig werden, wenn wir in denen, die uns Unrecht tun, Mitarbeiter an unserer Seligkeit sehen, Mitarbeiter an der Ausgestaltung des vollen Heils. Es ist eine ganze Werkstatt, wo alles unter einer Leitung steht, zur Erreichung dessen, was Gott Sich vorgenommen, nämlich die Umgestaltung eines adamitischen Wesens in die Gestalt eines Christus-Wesens hinein, und zwar von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.
Wenn wir das einmal erkennen, sehen wir hinter der Hand des Bruders die Hand des Vaters. Dann ist das Ertragen nicht mehr so schwer; dann gibt man dem Bruder zurück, aber nicht Schlag für Schlag, sondern Liebe und Güte; man häuft feurige Kohlen auf sein Haupt. (Vgl. Stockmayer)[ A

A) Gregor von Nyssa sagt treffend zu dieser Bitte: "In der Tat sind es doch nur einige Pfennige, unbedeutend und leicht abtragbar im Vergleich zu den Zehntausenden von Talenten, wenn wir die Schulden unserer Brüder uns gegenüber mit den eigenen Verfehlungen Gott gegenüber zusammenstellen." (Greg. v. N. S. 147.)


"Führe uns nicht in Versuchung hinein!" Auf die Bitte um Vergebung begangener Sünden folgt die Bitte um Bewahrung vor Versuchung. Die beiden Bitten bei Lukas: "Vergib uns unsere Sünden . . ." und: "Führe uns nicht in Versuchung hinein!" stehen in Beziehung zueinander! |283|
Die Bewahrungsbitte vor der Versuchung setzt Beter voraus, welche die Vergebung der Sünden erlangt haben und welche bitten, in Zukunft ein heiliges Leben zu führen. - Mit anderen Worten: Mit dem Bewußtsein seiner vergangenen Übertretungen verbindet sich die dem Christen das Gefühl seiner Schwachheit und daher die Furcht vor künftigen Verfehlungen.
Das Wort Versuchung (peirasmos) im Griechischen hat eine dreifache Bedeutung: Prüfung, Versuchung und Anfechtung, was an den einzelnen Stellen der Schrift vielleicht zu unterscheiden ist. Die Bitte: "Führe uns nicht in Versuchung" will besagen, daß hier "peirasmos" wie folgt zu verstehen ist, d. h.: "Führe uns nicht in Versuchung mit einem bösen Ausgang!"
Jesus ermuntert uns, die Bitte um Bewahrung vor der Versuchung auszusprechen, weil Gott die Macht hat, von uns den bösen Ausgang abzuwenden. Es ist für uns ohnmächtige Menschen ein starker Trost, die wir dauernd von Versuchungen bedroht sind, daß wir zu Gott mit dieser Bitte beten dürfen, der stark und willig ist, den bösen Ausgang zu beseitigen. In Gottes Macht liegt es, uns nicht über unser Vermögen zu versuchen, sondern Er vermag der Versuchung einen solchen Ausgang zu schaffen, den wir ertragen können (1 Ko 10,13).
Der Sinn der Bitte: "Führe uns nicht in Versuchung hinein!" in der von uns dargelegten Bedeutung: "Führe uns nicht in eine Versuchung mit bösem Ausgang", wird deutlicher, wenn wir die Bitte bei Matthäus: "Erlöse uns", oder besser gesagt: "Entreiße uns von dem Argen", mit heranziehen. Der Ausdruck "entreißen" ist eine militärische Bezeichnung und wird für die Befreiung eines Gefangenen aus der Gewalt des Feindes gebraucht. Der Feind ist der Arge, der dem Gläubigen auf seinen Weg Schlingen legt. Diese Schlingen und Stricke sind unter anderem auch unser Selbstvertrauen, Eigendünkel, Kleinglaube, Verzagtheit, Minderwertigkeitskomplexe, Angst usw. (Vgl. die Verleugnung des Petrus.)
Was nun der Ausdruck "peirasmos" im Sinne von Prüfung betrifft, so ist hier Jak 1,13 zu nennen, wo es heißt: "Niemand sage, wenn er (zum Bösen) versucht wird: Ich werde von Gott versucht - denn Gott kann nicht vom Bösen versucht werden und versucht Selbst niemanden (zum Bösen). Ein jeder wird (zum Bösen) versucht, wenn er ..."
Unter Prüfung können wir also eine Versuchung Gottes, Ein Auf-die-Probe-Stellen zum Guten hin - verstehen. Gott prüft, um zu klären und zu festigen. Solche Bewährungsproben sind eine Forderung der göttlichen Erziehungsweisheit. In 1 Mo 22,1 heißt es: "Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham", d. h. Gott stellte Abraham auf die Probe, ob nicht Abraham sein Herz an Isaak hängen würde. Bei solchen "Prüfungen" gilt es, nicht zu bitten: "Führe uns nicht in Versuchung", sondern da gilt es zu beten: "Prüfe mich, Herr, und erfahre, wie ich's meine, und sieh, ob ich wandle auf |284|  trüglichem Wege." (Ps 139,23-24;vgl. 1 Mo 42,15;1 Chr 29,17; Ps 11,4.5;Jer 20,12;Ps 17,3;Jer 12,3;Ps 26,2 usw.)
Prüfungen dieser Art gereichen zum Segen. Prüfungen, die so beschaffen sind, sollen zur Freude dienen (vgl. Jak 1,2.12;Rö 5,8;1 Petr 1,6.7;vgl. Hi 33,19-30).
Das Wort "Anfechtung" umschließt beide Begriffe, also die "Versuchung" und die "Prüfung".
Die Bitte: "Sondern erlöse uns von dem Bösen", die Matthäus als die 7. Bitte im "Unser Vater" aufgezeichnet hat, ist bei Lukas nicht angegeben. Matthäus ist auch hier vollständiger als Lukas.[ A

A) Die Doxologie "Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit" - findet sich in keiner Handschrift des Lukas. Bei Matthäus steht die Doxologie in der Koine Handschriftengruppe, die dem Übersetzer Luther damals vorgelegen hat.

Dem "Unser-Vater-Gebet" folgt noch für die Jünger eine weitere Belehrung Jesu über das Beten.

Die Erhörung des Gebetes. Lk 11,5-13

Jesus zeigte Seinen Jüngern das "Vaterunser" als Vorbild eines Gebets, nach welchem alles Wesentliche von Gott erbeten werden soll. Nach dieser Belehrung versichert Er ihnen die Erhörung ihres Gebets. Diese Zuversicht begründet der Herr: 1. durch ein Beispiel aus dem Alltag (5-8); 2. im Blick auf die tägliche Erfahrung (9-10); 3. vor allem im Blick auf die Barmherzigkeit des Vaters im Himmel (11-13).

Das Gleichnis vom zudringlichen Freunde. Lk 11,5-8

Dieses Gleichnis vom zudringlichen Freund hat Lukas allein.
Die hier vorliegende Parabel wird nicht in der ruhigen Form der Erzählung vorgetragen, sondern kommt in lebhafter rhetorischer Frageform zur Sprache. Die Hörer werden einfach vor die Entscheidung gestellt, ob sie in einem bestimmten Fall nicht auch so handeln würden. |285|
Der im Gleichnis erwähnte Fall ist in allen Einzelheiten geschildert. Einerseits nötigt eine große und peinliche Verlegenheit gebieterisch zum Bitten wegen der Pflicht der Gastfreundschaft im Morgenland; andererseits steht der Gewährung der Bitte ein sehr großes Hindernis im Wege.
Das Gleichnis malt lebendig die Verhältnisse eines kleinen morgenländischen Dorfes. Es gibt dort keine Kaufläden, sondern die Hausfrau backt vor Sonnenaufgang den Tagesbedarf für die Familie. Die Bewirtung eines Gastes ist im Morgenland unbedingte Ehrensache. Die Bitte um drei Brote ist für die beabsichtigte Abendmahlzeit des Gastes nötig. Aus der Antwort des Gebetenen (Lk 11,7), der den Bittenden gar nicht anredet, ist der Ärger des gestörten Nachbarn oder Freundes spürbar. Das Öffnen der schon geschlossenen Tür ist wegen des Balkens und Riegels umständlich und mühsam; es verursacht auch lautes Geräusch. Es ist an ein Haus gedacht, das aus einem Raume besteht. In dem erhöhten Teil des Raumes lag die ganze Familie zur Ruhe. Sie würden alle aufgestört, wenn der Vater aufstünde und den Riegel der Tür öffnete.
Angesichts der morgenländischen Pflicht der Gastfreundschaft konnte sich ein Bittender nicht leicht beruhigen in der hier dargestellten Situation. Eine Ablehnung der Bitte wäre undenkbar. Die keinerlei Scheu zeigende Zudringlichkeit wird schließlich Erfolg haben. Dieses anhaltende Bitten des Freundes muß dem Gebetenen auf die Dauer beschwerlicher werden als die Mühe des Aufstehens. Der im Schlaf gestörte Freund zögerte dann nicht, nachdem er sich einmal erhoben hatte, die Bitte des in Verlegenheit geratenen Nachbarn zu erfüllen. Er gibt ihm nicht nur die erbetene Leihgabe, sondern so viel er benötigt.
Jesus versichert durch den Schlußsatz: "Ich sage euch ..." (Lk 11,8a) nachdrücklich, daß ein solches beharrliches Bitten zum Ziel gelangt. Mehr als die Freundschaft zum Bittenden veranlaßt den Gebetenen die ihm lästig werdende Zudringlichkeit, alles Nötige herzugeben. Der Schluß dieses Gleichnisses erinnert lebhaft an die Parabel vom ungerechten Richter (vgl. Lk 18,1-8).

Die Nutzanwendung des Gleichnisses. Lk 11,9-13

V 9 enthält die Anwendung des voranstehenden Beispiels. Alle Bilder sind dem Gleichnis entnommen: das Anklopfen, das Bitten, aber auch das Suchen. Dies letztere erinnert an die Bemühungen des Freundes, der bei Nacht die Tür suchen muß und sie öffnen möchte. Die Steigerung in den Bildern hebt den Eifer des bittenden Freundes hervor, der bei den sich mehrenden Hindernissen noch wächst. - Diese Vorschrift hat Jesus Seiner persönlichen Erfahrung entnommen (Lk 3,21 ff.).
Es liegen feine Unterschiede in der Anwendung der drei Bildworte vor. Wer bittet, will etwas empfangen, was er nicht hat. Wer sucht, hat entweder etwas verloren, oder er möchte suchend etwas erlangen, was Zeit und Mühe verlangt. Wer anklopft, muß sich den Zutritt zu dem verschaffen, von welchem er die Erfüllung seines Wunsches erwartet. Die Aufforderung zum Suchen bedeutet ein ernsthaftes Verlangen (vgl. Jer 29,13.14). Das An-die-Tür-Klopfen bezeichnet ein anhaltendes Verlangen, wenn die Gewährung der Bitte sich auch verzögert und schwierig scheint (vgl. Lk 18,1).
Die Grundtatsache, daß der Bittende empfängt, der Suchende findet und daß dem Anklopfenden die Türe geöffnet wird, mit anderen Worten, daß der ernste Beter die Erhörung seiner Gebete erlangt, begründet Jesus in V 11-13 mit Vorgängen aus dem praktischen Alltag.
Wenn schon hier auf Erden die Bitte der Kinder auf die Eltern eine große Macht ausübt, so bewegt das Gebet der Kinder Gottes das Herz des Vaters im Himmel noch viel mehr. Es kommt nicht vor, daß der irdische Vater seinem Kinde statt eines Fisches eine Schlange, und statt eines Eis einen Skorpion gibt. (Die Worte, daß, "wenn der Sohn den Vater um Brot bittet, er ihm einen Stein gibt", fehlen in den ältesten Handschriften. Nur in der Koine-Handschriftengruppe war's vorhanden. Was Koine ist, siehe W. Stb. Mark. S. 8.) Ein rechter Vater gibt dem Sohn nichts Ungenießbares, nichts Schädliches oder gar Erschreckendes.
Ein Mensch, der vielleicht hart und streng gegen seine Mitmenschen sein kann, kann sein Kind als sein Fleisch und Blut nicht verleugnen. Gott kann dann noch unendlich viel weniger Seine Kinder verleugnen. Seine Güte geht über alles Vermögen und Begreifen der Menschen hinaus. Wenn die Menschen, die von Natur böse sind, ihren Kindern gute Gaben auf ihre Bitten gewähren, so wird es der Vater im Himmel noch weit mehr tun.
So führt uns das Ende des Abschnitts über die Belehrung zum echten Gebet auf den Ausgangspunkt zurück, auf den Titel "Vater", der Gott beigelegt ist und das Kindschaftsverhältnis voraussetzt. Die zwei von Jesus aufgezählten Lebensmittel scheinen auf den ersten Blick zufällig herausgegriffen zu sein. Aber wie Bovet bemerkt, sind geröstete Fische und hartgesottene Eier gerade die gewöhnlichen Bestandteile der Mittagsmahlzeit eines Reisenden im Orient. Bei Matthäus fehlt das "Ei" |287|  das Lukas gewiß nicht aus seinem Eigenen hinzugetan hat. Die äußeren Beziehungen zwischen Fisch und Schlange, Ei und Skorpion springen in die Augen. Alles in den Lehrreden Jesu ist anschaulich, treffend, vollkommen bis in die kleinsten Züge hinein.
Wenn es aber auch oft scheint, als erhöre Gott unsere Gebete nicht, so sollen wir dennoch treu anhalten im Gebet. Der Vater im Himmel, der gut ist, erfüllt nicht immer, was wir wünschen, aber Er erfüllt immer, was uns als Fisch und Ei zum Besten gereicht. Hier kann uns Augustins Beispiel eine gute Belehrung erteilen. Er erzählt, seine Mutter Monika bat Gott, Er möge verhüten, daß ihr Sohn nach Rom, der verführerischen Weltstadt, zöge. Augustin zog dennoch hin, und auf diesem Wege fand er Christus.
Weil Jesus diese Worte über das Gebet an Seine Jünger richtet, so werden nicht allein Seine Gegner, sondern alle Menschen als "böse" bezeichnet. Wir sind alle böse von Jugend auf (vgl. Hi 15,14.15;Mt 19,27) im Gegensatz zu dem allein guten Gott. Er, der allein gute Gott, gibt dem Bittenden Heiligen Geist, nicht, wie Matthäus schreibt: "Gott gibt gute Gaben". Der Heilige Geist ist die höchste Gabe. Es heißt nicht, "der Vater im Himmel", sondern "der Vater aus dem Himmel" gibt. Der Himmel ist der Ursprungsort oder die Heimat des Heiligen Geistes. Bezeichnend ist, daß der Herr in Seiner Mahnung zum rechten ernsten und anhaltenden Bitten zuletzt nur "den Heiligen Geist" als den Gegenstand des Gebetes nennt.
Indem der Herr aber am Ende dieser Unterweisung alles in dem Gebet um den Heiligen Geist zusammenfaßt, gibt Er zugleich zu erkennen, von welchen Gebeten man unbedingte, von welchen man dagegen nur bedingte Erhörung erwarten kann. Das Gebet um geistliche Gaben wird immer erhört, das Verlangen nach besonderen zeitlichen Segnungen nur dann, wenn man wirklich um einen Fisch, nicht um eine Schlange usw. gebeten hat. (Schlangen, Skorpione sind die eigentlichsten Symbole der Wüste und Öde, die verletzen und nicht heilen und fördern!)[ A ]

A) Der Ausleger Zahn sagt: "Wie aber können sie, die ihren eigenen Kindern nur Gutes gönnen und geben, daran zweifeln, daß der Vater, der vom Himmel her gibt, die Gabe, die für den Besitz und die Erhaltung ewigen Lebens unerläßlich ist. d. h. den Heiligen Geist, denen versagen werde, die Ihn darum bitten! - Menschliche Väter geben von der Erde her ihren Kindern irdische Nahrungsmittel für das irdische und zeitliche Leben. Der Vater, der vom Himmel her Seine Gaben austeilt, gibt zwar auch das tägliche Brot, aber Er allein kann auch himmlische Gaben geben, die das Leben in Ewigkeit erhalten. Und Er tut es gern, wenn Er um solche gebeten wird, denn Er will in Seiner väterlichen Liebe, daß Seine Kinder Seines ewigen Lebens teilhaftig werden."

Jesu Verteidigungsrede wegen der Dämonenaustreibung und Absage der Zeichenforderung. Lk 11,14-36

Die jetzt mitgeteilten Reden Jesu gegen die Pharisäer bilden den schärfsten Kontrast zu den soeben geschilderten Stücken: Jesus in Bethanien |288|  (Lk 10,38-42); Jesus lehrt die Jünger beten (Lk 11,1-13). Ohne Orts- und Zeitangabe folgen die rohen und sinnlosen Schmähungen, welche die Heilung eines stummen Besessenen veranlaßte. Die ganze Verteidigungsrede des Herrn ist einer der stärksten Beweise im Neuen Testament für die Existenz der Dämonen. Jesus beweist, daß Er der Messias ist. Satan, der Starke, der seinen Palast bewahrt, wird von Jesus, dem Stärkeren überwunden. In der Absage der Zeichenforderung äußerte der Herr in erhabenster Form Sein Selbstbewußtsein, daß Er Sich über Jonas und Salomo stellte. Die Reden des Herrn dringen sehr ernst auf die Entscheidung für oder gegen Ihn. Jesus wendet Sich in Seiner Rede an boshafte Gegner, an Halbherzige und Wankelmütige. Es ist auf die Dauer unmöglich, Seiner Person und Seinem Werke gegenüber neutral zu bleiben. Der Herr beansprucht eine so ungeteilte Hingabe, daß Gleichgültigkeit schon Feindschaft ist.

Matthäus 18,19-20

19 Wiederum sage ich euch, wenn zwei von euch in einem Gebetsanliegen übereinstimmen, dann wird es ihnen zuteil werden von meinem Vater in den Himmeln.

Mk 11,24; Jo 16,24

20 Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Mt 28,20; Lk 24,15; Jo 14,23

DIE GEMEINDE JESU IST EINE GEBETSGEMEINSCHAFT  Mt 18,19-20

Das Gebet ist das die Gemeinde einigende Werk. Die geheimnisvolle Mitte dieses einigenden Werkes ist Christus. Und wie es in V. 18 hieß, daß das, was die Gemeinde tut, hinsichtlich ihrer Beichtregeln und Zurechtweisungen dem Bruder gegenüber Gültigkeit hat bei dem Vater im Himmel in bezug auf Vergebung und Gericht - so wird auch dem Gebet der Gemeinde »auf Erden« die Erhörung des Vaters im Himmel verheißen. Das gibt Gemeinde Jesu ihre unerhörte und geheimnisvolle Macht. - Gemeinde ist im Kleinen überall schon dort, wo zwei oder drei im Namen des Herrn beisammen sind zum Gebet. Jesus erfüllt seine Verheißung in der kleinsten Gemeinschaft. Jesus hat uns gerade zuvor in den Versen 5 und 6 und 14 mitgeteilt, daß Gottes Vateraugen auch, und zwar gerade erst recht, über dem Kleinen und Geringen und Schwachen geöffnet wachen. Und weil das so »göttliche Tatsache und Wirklichkeit« ist, darum erquickt uns der Herr mit den Worten, daß auch der kleinsten Gebetsgemeinschaft schon das wunderbare Geschenk des erhörlichen Gebets gegeben ist. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen, da ist er mitten unter ihnen.
Im Namen Jesu beten, das heißt im Sinne Jesu beten. Und im Sinne Jesu beten heißt, so beten, wie er gebetet hat. Und wie hat Jesus gebetet? »Des Vaters Wille möge geschehen fort und fort!«
Das ist das Gebet im Namen Jesu, das Gebet, das Ihn, den Vater ehrt! - Im Namen Jesu beten heißt aber auch, das Gebet auf den Namen Jesu gründen, d. h. das Gebet auf den Gegenwärtigen, Lebendigen fest gründen, immer auf den mitten unter uns seienden, machtvollen Herrn über alle Herren setzen. Das letzte Wort Jesu, an seine Jünger gerichtet, realisiert sich auf Erden fort und fort: »Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende« (Kap. 28,20). Vgl. dazu das zu Mt 6,5-15 und Mt 7,7 Gesagte.

1. Timotheus 2,1-6

1 Ich ermahne nun, daß allem zuvor Bitten, Gebete, Fürbitten, Danksagungen dargebracht werden für alle Menschen,

2 für Könige und alle Hochgestellten, damit wir ein ruhiges und |74| stilles Leben führen können in aller Gottseligkeit und Heiligkeit.

3 Das ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter,

4 welcher will, daß alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.

5 Denn: einer ist Gott und einer Mittler zwischen Gott und den Menschen, (und zwar) der Mensch, der Messias Jesus,

6 der sich selbst als Lösegeld für alle hingegeben hat,

7 das Zeugnis in der Fülle der Zeiten. Dazu bin ich zum Herold und Apostel bestellt worden - ich sage die Wahrheit und lüge nicht -, zum Lehrer der Völker in Glauben und Wahrheit,

Das weltumfassende Gebet 2,1-7

1 Im Blickfeld der Pastoralbriefe stehen nicht kirchenrechtliche, sondern gottesdienstliche Anliegen. Die Heilung der schweren Schäden, die in der Gemeinde Verheerung anrichten, können nur durch Gericht und Gnade, in gottgewirkter Beugung, Umkehr und Hingabe (1 Tim 1,12-17.18-20)überwunden werden. Das geschieht im Gottesdienst der Gemeinde und dem daraus entspringenden Verhalten in der Welt. Das erste und grundlegende Verhalten zu Gott und Welt aber ist das Gebet. In ihm durchstößt und übersteigt die Gemeinde alles bloß vordergründige Erfassen und Beeinflussen der Welt. Da das Gebetsleben von erstrangiger Wichtigkeit ist, soll ihm auch der entsprechende Platz und die größte Aufmerksamkeit zukommen. Nicht wenn die Christen sich in Wortgefechten erhitzen, sondern wenn sie sich als Beter vereinen, werden sie zum Endziel des Gebotes gelangen, der Liebe aus reinem Herzen. (1 Tim 1,5) Weil Christus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erlösen, darum hat die aus der Erlösung lebende Gemeinde das Vorrecht und die heilige Verpflichtung, für das Heil aller Menschen einzutreten. (1 Tim 1,15)
Bitten, Gebete, Fürbitten, Danksagungen. Die vier Ausdrücke des Betens überschneiden sich teilweise in ihren Bedeutungskreisen. Ein Vergleich mit Phil 4,6: "Lasset durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kund werden" zeigt deutlich, daß seit der Abfassung jenes Briefes keine Entwicklung im Sinne fest geregelter Gebetsformen vor sich gegangen ist[ A ]. Die nicht streng unterschiedenen, aber gehäuften |75|  Bezeichnungen für das Gebet unterstreichen seine Dringlichkeit und seine Fülle, sei Gewicht und seine vielseitige Ausstrahlung. Alle vier Ausdrücke stehen zudem im Plural, auf diese Weise noch einmal die Vielfalt und Fülle unterstreichend. Nur die Gemeinde kämpft den schönen Kampf recht, die vor allen andern auch wichtigen und notwendigen Aufgaben eine weltumspannende Schar von Betern bildet, welche vor Gott stehen und einstehen.

A) Fragmente von Gebetsformen (liturgische Gesänge und Gebete) sind überall bei P und im ganzen NT vorhanden. Die Past stellen keine besondere Stufe dar, die eine lange Entwicklung voraussetzen würde.

Bitten von ermangeln, nötig haben. Das Gefühl der Bedürftigkeit ist oft Anlaß zum Beten. "Not lehrt beten" ist keine falsche Erkenntnis, wenn nur nicht Not allein beten lehrt. Ein bestimmter Anlaß, eine auferlegte Last treibt zum flehentlichen Beten. So fleht Paulus für die Juden, (Rö 10,1)für Timotheus, (2 Tim 1,3)für die Christen in Thessalonich. (1 Th 3,10) Er bittet, daß er sie wiedersehen und ihnen helfen kann.
Gebete bezeichnet die Bewegung der Seele zu Gott. Als Antwort auf die Bitte der Jünger, daß Jesus sie beten lehre, gibt er ihnen die Grundstruktur aller Gebete. (Lk 11,1.2) Die Witwe, die Tag und Nacht vor Gott steht mit Flehen und Gebeten, (1 Tim 5,5)bittet als einzelne. Alle Ausdrücke können sowohl für die Gemeinschaft der Betenden wie auch auf den einzelnen angewendet werden. Auch der einzelne ist nie allein, wenn er betet, immer gilt das "unser Vater", immer ist er im Anrufen Gottes des Schöpfers zugleich in Herznähe zu allen Geschöpfen.
Fürbitten. Ursprünglich eine Eingabe (Petition) an einen Fürsten. Wie sich der Heilige Geist für die Erlösten verwendet, (Rö 8,26.27)wie Jesus Christus als Hohepriester eintritt für die Gemeinde vor Gott, (Rö 8,34;Hb 7,25)so tritt die Gemeinde in Kraft des Geistes und im Namen Jesu ein für die ganze Welt.
Alles, was Gott geschaffen hat, wird geheiligt durch Gottes Wort und Gebet. (1 Tim 4,3-5) In der Fürbitte (und Danksagung!) für die Welt vollzieht die Gemeinde ihren höchsten und unersetzlichen Auftrag: die Heiligung der Welt. "Mach aus allem ein Gebet" ist ein wahrhaft welt-lösender und welt-erlösender Zuruf an die Christen, sofern ihren Gebeten die ihnen entsprechenden Taten aus dem Geist Christi folgen. Gebet darf und kann nie Ersatz sein für die Tat; es bereitet und begleitet die Taten, die vor Gott Bestand haben, weil sie der Welt wirklich dienen. Gebet ist unsichtbare, aber wirksame Tat. Tat kann sichtbar gewordenes Gebet sein. Aber Taten sind kein Ersatz |76|  für Gebete. Die Spannung muß bleiben und in ihr die Einheit des Lebens aus Gott in der Welt.
Danksagungen (eucharistias): Dankerweisung, Dankbezeugung. Das Gebet findet im dankenden Lobpreis Gottes seine Fülle und Erfüllung. Nur der Dankende bleibt wach zu Gott, weil er nicht zurückfällt auf sich selbst und seine Bedürfnisse. Als Dankender bejaht er Gott und seine Gaben. Der Reichtum des Menschen ist so groß, wie er ein Dankender ist (Kol 2,7)und im Danken überströmt. "Jedes Geschöpf Gottes ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird)". (1 Tim 4,4)
Erst der Dankende ist der richtig Nehmende, nämlich der Empfangende, der Beschenkte. Wer nicht dankt, reißt an sich. Wer nicht dankt, wenn er zugreift, der vergreift sich. Der innerste Abfall des Menschen von Gott beginnt dort, wo er nicht mehr dankt, sondern beansprucht. (Rö 1,21) Der undankbare Mensch wird in seinem Herzen verdunkelt; er lebt nicht mehr im hellen Licht der göttlichen Gnadensonne. Die Heilung der Gemeinde geschieht in ihren Gebeten, am allermeisten im Danken und in der Anbetung. Nur die danksagende Gemeinde erfüllt ihre wahre Aufgabe auf Erden, die darin besteht, der Größe und Güte Gottes dankend zu gedenken.
Es ist nicht zufällig, daß derselbe griechische Ausdruck (eucharistia) zur Bezeichnung für das Herrenmahl wurde, für die Tischgemeinschaft mit dem erhöhten und gegenwärtigen Herrn. (1 Ko 10,16;11,24;Lk 22,17;Mk 8,6) Da ist ein Freudenmahl, die Anteilnahme an dem seligen Gott[ A ], die Vorwegnahme des endzeitlichen Mahles der Liebe. An der starren und leeren "Feierlichkeit", mit der heute in vielen Gemeinden das Abendmahl gehalten wird, läßt sich ermessen, wie groß der Schaden in der Gemeinde ist, welche nicht mehr vor und in allen Dingen alle Anliegen und alle Welt durch Gebet mit Danksagung vor Gott bringt. (Phil 4,6)

A) Holtz zeigt eine Verbindung von Kapitel 2 und 3 mit dem Herrenmahl (53 f). Unsere Auslegung versucht, seine wichtigen Anregungen aufzunehmen und in einen weiteren Rahmen zu stellen, denn die Beziehung auf das Abendmahl scheint uns zwar richtig, aber zu einseitig und ausschließlich.

Von den ersten Christen sagt die Schrift: Sie brachen das Brot der Gemeinschaft voll Jubel (Jauchzen) und Einfalt. (Apg 2,46) Von diesem Jubel der Anbetung ist dieser Abschnitt noch durchdrungen: Allen, hoch und niedrig, soll das Heil zukommen, für alle ist zu bitten und zu danken, für alle ist Christus gestorben, Gott will, daß alle gerettet werden, allen Völkern soll diese Freudenbotschaft gebracht werden. |77|
Für alle Menschen. Das Gebet ist so umfassend, wie die Liebe (1 Ko 13,7)unbegrenzt ist, die alles trägt, alles glaubt, alles hofft, alles erduldet[ A ]. Seit Christus den Horizont des jüdischen Rabbiners Paulus gesprengt hat, war das Dichten und Trachten des Völker-Apostels (2,7)nie auf weniger als auf alles und alle gerichtet. Alle sollen erleuchtet werden von dem offenbarten Geheimnis Gottes, der alles erschaffen hat. (1 Ko 9,19.22;Eph 3,9;Kol 1,28) Schon immer hat Paulus selber für alle gebetet. (Phil 1,4;Eph 5,20;Kol 1,9) Auch über die Gemeinde hinaus fleht er zu Gott für die Juden, daß sie errettet werden, (Rö 10,1) denn er weiß, "da ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen, denn der Herr von allen ist reich für alle, die ihn anrufen; denn jeder, der irgend den Namen des Herrn anrufen wird, soll errettet werden". (Rö 10,12)

A) In den Versen 1-8 begegnet das Wort "alles" achtmal. Die Freude an der Fülle gehört zum liturgischen, nicht zum kirchenrechtlichen Stil.

In diesem Brief aber muß er noch deutlicher betonen, offenbar gegen eine einengende Tendenz in der Gemeinde, daß ihr Gebetsdienst wirklich allen Menschen gelten soll.
2 Für Könige[ A ] und alle Hochgestellten. Das Gebet für die Herrscher und Würdenträger gründet auf der biblisch durchgängigen Überzeugung, daß jede Autorität (Macht) von Gott abgeleitet ist und nur im Zusammenhang mit Gottes Macht und Willen bestehen kann. Wer immer Macht ausübt, kann es nur tun, weil ihm diese Macht verliehen ist, was freilich Verantwortlichkeit des Machtträgers bedeutet und demzufolge den Mißbrauch der Macht nicht ausschließt. (Jo 19,10-11) Weil jeder Mächtige durch die Macht besonders gefährdet ist, bedarf es des Gebetes derer, die auf Gottes Macht trauen, (1 Pt 2,13-20)darum soll das Evangelium auch den Statthaltern und Königen verkündet werden. (Mk 13,9;Apg 9,15) Kaiser Claudius hatte um das Jahr 50, zu der Zeit, als Paulus an die Thessalonicher schrieb, die Juden aus Rom vertreiben lassen. In den Augen der römischen Beamten waren die Christen eine jüdische Sekte. Ein Berichterstatter schreibt: "Auf Betreiben des Chrestos erzeugen sie beständig Unruhe." Man muß die Bitte um ein Leben in Ruhe und Stille auf dem Hintergrund solcher Aussagen und der sich häufenden Verfolgungswellen sehen. Die Christen wurden als "Atheisten und Hasser des Menschengeschlechts" gebrandmarkt. Warum? Sie lehnten die Vergötzung des Staates ab, sie weigerten sich, die |78|  offiziellen Götter anzubeten und den Kaisern göttliche Ehre zu erweisen. Kaiser Domitian (81-96) ließ sich Dominus et Deus titulieren. Die Verfolgung unter Kaiser Decius (249-51) verstand Cyprian gleich den atl Propheten von Gott her, der das zuließ: "Um seine Familie zu prüfen, sandte Gott eine neue Verfolgung." Nicht trotz der Verfolgungen, sondern durch sie war der kleine Haufen von Christen bis zum Jahre 300 auf ca. 7 Millionen angewachsen, und dies bei einer Gesamtbevölkerung des römischen Reiches von ca. 50 Millionen. Dann trat die verhängnisvolle Wende ein, so daß das zur Staatskirche und Staatsreligion erhobene Christentum anfing, die Heiden zu verfolgen. Das war Abfall!

A) "Könige" steht ohne Artikel, es handelt sich nicht um bestimmte Personen, etwa den Kaiser Nero, sondern um eine Kategorie von Menschen, ebenso das nachfolgende Wort, das mit "Eminenzen" übersetzt werden kann; bekannt im hellenistischen Sprachgebrauch.

Selbst wer die Past in spätere Zeit ansetzen wollte, darf nie außer acht lassen, daß die Christen damals eine geächtete und verfolgte Minderheit waren.
Das Gebet für Könige und Machthaber war nicht klug berechnete Politik der Anpassung, sondern Tat des Glaubens, Bekenntnis zum wahren Herrscher, Kritik und Relativierung der bestehenden Mächte durch die Fürbitte für sie.
So steht dieser Gebetsanruf in direkter Linie zu den Ausführungen über die Obrigkeit im Römerbrief (Rö 13,1f; vgl.1 Pt 2,13 f)und erhält eine zusätzliche Betonung dadurch, daß die Fürbitte für die Könige (sogar für solche, die die Christen verfolgen! Mt 5,44) ihnen zwar Ehre gibt, in ihnen zugleich aber auch unmißverständlich zu schwache und fehlsame Menschen sieht, die der Fürbitte vor dem allein wahren Gott wirklich bedürfen. Schon im AT finden wir das Gebet für die Autoritäten, auch für diejenigen, welche die Juden in Gefangenschaft geführt haben, denn letztlich war es Gott selbst, der sein Volk weggeführt hat, obgleich er dazu menschliche Werkzeuge, eben "die Mächtigen", gebrauchte: "Sucht den Frieden der Stadt, wohin ich (!) euch weggeführt habe, und betet für sie zum Herrn, denn in ihrem Frieden werdet auch ihr Frieden haben. (Jer 29,7)"
Auf daß wir ein ruhiges und stilles Leben führen können. Es ist seltsam, daß moderne Ausleger meinen, gestützt auf diese und andere Stellen, den Past eine "Bürgerlichkeit" vorwerfen zu müssen, die ein Rückschritt sei gegenüber den unbestrittenen Paulusbriefen[ A ]. Dem ist zu entgegnen: Schon ein Vergleich mit dem Wort des Propheten Jeremia (Jer 29,7)sollte zur Zurückhaltung |79|  anleiten, bevor man das Gebet um Frieden als "bürgerlichen Wunsch" hinstellt. Was die weggeführten Juden durchmachten und was die Christen unter Nero erlitten, kann sehr wenig verglichen werden mit dem, was unsere Zeit aus einer falschen Gegenüberstellung von Elite und Masse und einer romantischen Unterscheidung von Genie und Revolutionär und Bürger als "Bürgerlichkeit" brandmarkt[ B ]. Sodann gilt es zu sehen, daß man im AT und im NT und so auch Paulus schon immer mit Gehorsam und Fürbitte ganz konkrete Auswirkungen und Segnungen verbunden hat. Die Verheißung, die den Kindern gilt, die ihre Eltern ehren, wäre dann ebenfalls echt bürgerlich: "Auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf der Erde", (Eph 6,3;2 Mo 20,12)was aber niemand behaupten wird! Weiter ist zu bemerken, daß das erwünschte und erbetene ruhige und stille Leben gerade nicht in bürgerlicher Selbstgenügsamkeit und Behaglichkeit geführt werden soll, sondern in aller Gottseligkeit und Heiligkeit mit dem Ziel, daß das Evangelium von dem Erlöser-Gott zu allen Menschen durchdringen kann. Kriege und gesellschaftliche Katastrophen erlauben weder den nötigen Aufbau der Gemeinde noch ihren Missionsdienst in aller Welt[ C ].

A) Dibelius/Conzelmann, S. 7; R. Bultmann, Geschichte und Eschatologie, S. 58; E. Kähler, Die Frau in den paulinischen Briefen, S. 142.
B) Wendet man die Definition vom Bürger an, die C. F. Ramuz gegeben hat, so merkt man, daß die Scheidelinie nicht zwischen unseren Kategorien von Revolutionär und Bürger Bohémien und Spießer durchgeht, sondern quer durch alle Gesellschaftsschichten verläuft: "Ich nenne, ganz allgemein, Bourgeois` jeden, der keinen Sinn für das Wesenhafte hat." (Taille de l'homme, Maß des Menschen).
C) Die Pax Romana, die relative Befriedung und der Frieden des römischen Weltreiches, steht nicht ohne Zusammenhang zur "Fülle der Zeit", in der Gott seinen Sohn sandte (Gal 4, 4); die "Infrastruktur" für den Lauf des Evangeliums durch die ganze damalige Welt war bereitet. Einen Eindruck von den Anschauungen über die Zustände im römischen Reich vermittelt der Anfang der Anklagerede des Anwaltes Tertullus: "Mit großer Dankbarkeit erkennen wir allezeit und allerorten an hochedler Felix, daß wir durch dich tiefen Frieden genießen und durch deine Fürsorge das Volk in geordneten Verhältnissen leben kann" (Apg 24,3 W). Das Gebet der Christen erstrebt aber mehr als nur "geordnete Verhältnisse" zum eigenen Wohlleben. Der nachfolgende Zusammenhang macht das deutlich.


Wem die Bitte des Propheten um den Frieden der Stadt bürgerlich und banal erscheint, der müßte diese Einstellung auch dem Herrengebet zur Last legen, wenn nach ihm zur wesentlichen Struktur jedem Gebets die Bitte um das tägliche Brot (gegen Hungersnot und Verwüstung des Landes) und um Verschonung vor der Versuchung gehört.
Darum sollte das, was ein ruhiges und stilles Leben der Christen ausmacht, nur im Zusammenhang mit den Worten vom |80|  guten Kampf (1 Tim 1,18)und dem Gebet als dem ständigen Kriegsdienst der Christen gesehen werden.
Gottseligkeit (E 15) ist die aus dem Geheimnis Gottes lebende (1 Tim 3,16)und auf ihn weisende Grundrichtung des Lebens (E 15). Heiligkeit entspricht der Ernsthaftigkeit, die aus einem Leben vor Gott Gestalt gewinnt.
Das hebräische Gegenstück zum hellenistischen Sprachgebrauch finden wir im Lobgesang des Zacharias: "Daß wir, gerettet aus der Hand unserer Feinde, in Furcht (eben in Ruhe und Stille) ihm dienen sollen, in Gottseligkeit und Gerechtigkeit (= Heiligkeit) vor ihm alle unsere Tage. (Lk 1,74-75.79)"
Diese erstaunliche Parallele mahnt zur Zurückhaltung, wenn man zu schnell und ausschließlich hellenistische Einflüsse und Umprägungen feststellen will. In beiden Aussagen ist eine Frömmigkeit gemeint, die schwerlich mit "Bürgerlichkeit" verwechselt oder gar gleichgesetzt werden kann.
In aller Gottseligkeit hat den Sinn von ganzer, völliger Frömmigkeit, die nicht nur nach außen (2 Tim 3,5)weltangepaßt und sichtbar gemacht wird, sondern die den ganzen Menschen und das ganze Leben durchwirkt. (1 Tim 4,7-8;6,3.5.6.11; vgl.1 Pt 3,4) Wie ganz unbürgerlich diese Frömmigkeit zu sehen und auszuleben ist, zeigt II 3,12: Wer so leben will, gottselig in Christus, der wird der Verfolgung (durch die Bürgerlichen und Antibürgerlichen) nicht entgehen!
3 Das ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter. Gegen alle Einwände und Zweifel ist das Recht und die Gewißheit des Gebets und eines damit übereinstimmenden Lebens in Gott, dem Erlöser, begründet. Er hat die "Rechtfertigung des Lebens" (Rö 5,18)allen Menschen eröffnet.
4 Das weltweite Gebet der Gemeinde ist gut[ A ] und wohlgefällig in Gottes Urteil, weil er will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Die Gemeinde bittet nicht um nur äußeres Wohlergehen, weder für sich noch für die Herrscher; vielmehr ist alles Flehen und Danken auf den Retterwillen[ B ] Gottes gerichtet und erhält von ihm ihre Begründung. |81|

A) gut (kalos), schön in der äußeren Erscheinung (Lk 21,5), in der Beschaffenheit gut, köstlich, edel; sittlich schön und gut; 24mal in den Past und 16mal in allen übrigen Briefen: 1,8.18;2,3;3,1.7.13;4,4.6;5,10.25;6,12.13.18.19;II 1,14;2,3;4,7;Tit 2,7.14;3,8.14.
B) "Gott will" übersetzt P hier mit thelo (Mt 6,10.23.37!), das bei ihm 60mal vorkommt; es hat eher den Sinn von willentlich wünschen im Gegensatz zum befehlenden und anordnenden Wollen (boulomai): Lk 10,22;Hb 6,17;2 Pt 3,9;1 Ko 12,11 und in den Past I 2,8;5,14.


Wie immer man es verstehen mag, daß "alle Menschen gerettet werden" sollen, es steht fest, daß diese Erlösung nicht ein automatischer Vorgang ist; denn die Menschen müssen einzeln zur Wahrheit hinzukommen; nur wer in das erschienene Licht persönlich hineingeht, wird erleuchtet. Wer aber draußen steht, bleibt im Finstern. (Jo 3,19-21) Erkenntnis der Wahrheit als Ausdruck für Bekehrung und Errettung des Menschen erscheint nur in den Past (2 Tim 2,25;3,7;Tit 1,1;Ausnahme Hb 10,26)und hat einen deutlichen Anklang an die bei Johannes gebräuchliche Wendung. Doch ist "erkennen" sehr gebräuchlich bei Paulus[ A ], der das Evangelium immer mit der Wahrheit in Beziehung bringt, die es zu "erkennen" gilt. (Rö 2,8;3,4;2 Ko 6,7)

A) 11 mal außerhalb der Past.

5 Einer ist Gott und einer Mittler zwischen Gott und den Menschen, (und zwar) der Mensch, der Messias Jesus. Gal 2,5.14;5,7
Wir haben hier wahrscheinlich ein Zitat aus einem vorgeformten Gebet beim Herrenmahl vor uns (E 25 e). Die Universalität des Heils beruht nach einer für Paulus typischen Begründung (Rö 3,22;Gal 3,20;Eph 3,4-21;4,6;1 Ko 8,4-6; vgl. atl:;5 Mo 6,4; Gal 3,19;Mk 12,32)auf der Einzigartigkeit Gottes und darum der Einzigartigkeit des Heils und seines Mittlers. Vielleicht soll hier gegen die vielen lokalen Götter betont werden, daß der eine Gott für die eine Menschheit ein Heil durch einen[ A ] Mittler verkündigen läßt.

A) Im griechischen Text ist beide Male das "einer" betont. Man bedenke hierzu etwa, daß Artemis die Göttin der Epheser war (Apg 19,35). Es kann aber auch an die Mittler des alten Bundes (5 Mo 5,5) gedacht sein, denen der eine Mittler gegenübersteht (Hb 2,16;8,6;9,15;12,24;Kol 2,18). Auch die Mysterienkulte kannten viele Mittler, ebenso die spätere Gnosis.

Weil in Jesus Christus Gott und Mensch vereint sind, ist er zum Mittler[ A ] geworden zwischen Gott und Mensch. Als der wahre Mensch, der wirkliche Mensch[ B ], als der zweite Adam ist er der Stellvertreter der adamitischen Menschheit vor Gott geworden. (Rö 5,15;1 Ko 15,47;Phil 2,7.8) Die Wortfolge "Christus Jesus" aber macht deutlich, daß er von Gott gekommen ist (1,15)zur Sühnung der Sünden der ganzen Welt. (1 Jo 2,2) Er ist der Messias, der als Mensch Jesus hieß.

A) Mittler nur hier und Hb 8,6;9,15;12,24, aber dem Inhalt nach gleich wie Rö 3,24; 2 Ko 5,19;Hio 33,23 f;16,21. Zur Gottheit Christi I 3,16;Tit 2,13.
B) Der Artikel vor "Mensch Christus Jesus" ist ausgelassen, derart die einzigartige Menschlichkeit betonend.


6 Entscheidend für das Zeugnis von der Erlösung ist nun, daß nicht einfach die Inkarnation (die Menschwerdung) als solche gepriesen wird, sondern Jesus ist der, der sich selbst als Lösegeld |82| für alle gegeben hat. Dieses Wort vom Lösegeld, das direkt an die Aussage des Herrn in den Evangelien (Mk 10,45;Mt 20,28;Tit 2,14)anknüpft[ A ], ist zentral für die biblische Lehre von der Erlösung. Das Lösegeld[ B ] ist der Preis, der für den Loskauf eines Sklaven bezahlt wird. Aus Liebe gibt Christus sein Leben als Lösegeld in den Tod. Sein blutiger Opfertod ist der Preis, mit dem wir Sünder freigekauft wurden von Sünden, Tod und Teufel (Gal 1,4;2,20;1 Ko 6,20;7,23; Kol 1,14;vgl.Jo 10,15-18;1 Jo 3,16;2,2) Das gerade macht das Wort vom Kreuz zur Torheit für menschliches Begreifen: daß für die Erlösung der Menschheit die freiwillig-gehorsame Selbsthingabe des Erlösers unumgänglich nötig war. Nichts als das lebendige Sühnopfer, das Christus mit seinem eigenen Leben und Blut dargebracht hat, kann die Tatsache deutlicher machen, daß es in der Frohbotschaft von der Erlösung der verschuldeten Menschheit nicht einfach um eine Gedankenvorstellung und -konstruktion geht, sondern um ein echtes Lieben und Leiden im letzten und entscheidenden Sinn geschichtlichen Handelns.

A) Direkte Beziehungen zu den Synoptikern sind auch sonst in den Past nachweisbar: vgl. I 5,18 mit Lk 10,7;2 Tim 2,12 mit Mt 10,33.
B) lytron in Mk 10,45; hier: antilytron; anti hat Sinn von: gegenüber von, anstelle von, stellvertretend für; vgl. Lk 11,11: eine Schlange anstelle eines Fisches. Dazu das syn apolytrosis in Rö 3,24;8,23;1 Ko 1,30. Der Zusatz hyper panton (für alle) hat die Bedeutung: zum Vorteil, zugunsten, zum besten von; wie in 1 Ko 5,7;11,24;15,3; Eph 5,2;vgl. Jo 6,51: mein Fleisch, welches ich gebe für das Leben der Welt. "Für alle gegeben" entspricht dem "für viele vergossen" in Mk 14,24.


Als Mensch ist er der Mittler, weil er sich solidarisch, eins macht mit allen Menschen. Vor Gott tritt er für die in ihm repräsentierte Menschheit ein, indem er sein Leben als Lösegeld hingibt.
Die ohne Einschränkung für alle Menschen gültige Erlösung, die Jesus Christus durch seine Hingabe am Kreuz vollbracht hat, sollte von den Christen ohne Angst vor einer falschen Allversöhnungslehre[ A ] viel deutlicher betont, gepriesen und ins Bewußtsein erhoben werden, sowohl im Leben der Gemeinden wie im Alltag. In der Gemeinde würde sich das - |83|  der Textzusammenhang macht es deutlich - in einer neuen Weite und Tiefe des Gebetslebens und einer neuen daraus erwachsenden glaubwürdigen Verkündigung zeigen. Im Alltag kann das bedeuten, daß einer in der Straßenbahn oder am Arbeitsplatz für Menschen bitten und danken kann, die Gott geschaffen und für die Christus sein Leben geopfert hat zur Erlösung[ B ]. Wirklich, Gemeinde und Gesellschaft kann und soll geheilt werden durch den einen Mittler: Christus! Das Zeugnis in der Fülle der Zeit. Dieser wegen seiner gedrängten Form schwer auszulegende Nachsatz bedeutet entweder: der Opfertod Christi ist der Beweis (das Zeugnis) für den allumfassenden Heilswillen Gottes, den er als der König der Zeitalter (1,17)zur von ihm festgesetzten Zeit; (6,15;Tit 1,3;Rö 5,6) gegeben hat, oder das Zeugnis vom erlösenden Tod des Herrn soll zu der von Gott festgesetzten Zeit durch seine Boten kundgetan werden. Im Herrenmahl wurde der Tod des Herrn (1 Ko 11,26)verkündet.

A) Diese Lehre (alle Menschen und alle bösen Mächte sollen schlußendlich mit Gott versöhnt werden) ist deshalb abzulehnen, weil sie "alles" für die menschliche Vernunft einsichtig erklären zu können meint. Doch Bibeltexte von der allumfassenden und bedingungslosen göttlichen Versöhnung können nur richtig gelesen und gehört werden, sie in ihrer unauflöslichen Spannung zu ebenso eindeutigen Gerichtsworten gesehen werden. Wer sich von diesen Texten warnen und trösten läßt, in der Einsicht, daß wir die volle Erkenntnis in das Geheimnis von Gericht und Versöhnung nicht haben, eben weil Gott Gott ist und wir Menschen sind, der hört sie richtig. Wo aber die Heilsgeschichte in ein widerspruchsfreies System gebracht wird, da überschreitet der Mensch seine Grenzen.
B) Johann Christoph Blumhardt vermeidet eine kurzschlüssige Allversöhnungslehre, läßt aber nicht ab von der Liebe, die alles hofft, und vor allem: er läßt nicht ab vom weltumfassenden Gebet, wie es unsere Stelle erwartet. Ein Gebet von ihm lautet: "Herr, unser Gott, deine Augen schauen auf die Welt und die Weltsünde. Aber deine Gnade ist groß, deine Barmherzigkeit ist ohne Grenzen. Um Jesu Christi willen wirst du der Welt das Heil bringen, das verheißen ist, wenn der große Tag kommt in Jesus Christus, dem Heiland, der für uns sein Blut vergossen hat, und der auch die, die jetzt in Not und Elend sind, besuchen kann, damit er seinen Frieden und seine Kraft in ihr Herz lege, daß das Sterben ein Leben werde."

Jakobus 5, 13-18

13 Erleidet jemand von euch ein Unglück, der bete; ist jemand guten Muts, der singe Psalmen.

14 Ist jemand von euch krank, der rufe die Ältesten der Gemeinde herbei. Sie sollen über ihm beten, indem sie ihn mit Öl salben im Namen des Herrn.

15 Und das im Glauben gesprochene Gebet wird den Kranken retten, und aufrichten wird ihn der Herr. Und wenn er Sünden begangen hat, wird ihm vergeben werden.

16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet. Viel vermag eines Gerechten Bittgebet in seiner Wirkung.

17 Elia war ein Mensch, gleich [geartet] wie wir; und er flehte im Gebet, es möge nicht regnen, und es regnete nicht auf der Erde drei Jahre und sechs Monate.

18 Und er betete wieder, und der Himmel gab Regen, und die Erde brachte ihre Frucht hervor.

Beten in allen Lebenslagen: 5,13

13 Erleidet jemand ein Unglück, so soll er nicht jammern oder die Schuld bei anderen suchen, sondern er soll sich direkt an Gott wenden (so die Bedeutung des griech. Wortes proseuchomai) und ihn um Errettung bitten.[435] Gott möchte in Notlagen angerufen werden, und er möchte helfen: »Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen« (Ps 50,15).[436] Das griech. Wort für »Unglück erleiden« (griech. kakopathein) »meint mehr als nur körperliche Krankheit; es umfaßt jeden Verlust und Schmerz, der uns zugefügt wird«[437], also z.B. auch Formen seelischer Belastung. Dasselbe Wort steht in Jak 5,10, wo vom Ausharren in solchem Leid die Rede war.

435) Vgl. Hi 22,27; Ps 50,15; 91,15; 2Kor 12,8.
436) Vgl. Jak 1,5-6.
437) F. Laubach: Herr, heile mich, S. 39.


Ist jemand guten Muts, weil es ihm gut geht, so soll er das nicht für selbstverständlich nehmen, sondern Gott dafür danken und Psalmen und Loblieder singen.[438] Das Bittgebet in angefochtener Lage und das Loblied aus fröhlichem Herzen gehören zueinander. Jemand wird in den Notzeiten seines Lebens kaum die Freiheit haben, Gott um Hilfe anzurufen, wenn er die Anbetung Gottes nicht bereits in den glücklichen und unbeschwerten Zeiten seines Lebens geübt hat. »Wie können wir erwarten, daß Gott unsere Gebete in Leidenszeiten erhört, wenn wir ihm in guten Tagen nicht immer wieder danken?«[439]

438) Vgl. Ps 18,50; 57,8; Eph 5,19; Kol 3,16; Apg 16,25.
439) F. Laubach: a.a.O., S. 40.


Aus dem Folgenden kann man erschließen, dass es dabei nicht nur um das persönliche Bitten und Lobsingen geht. In der Gemeinde tragen andere mit und freuen sich andere mit. Beides hat seinen Raum. Im Christenleben erklingen weder nur Hilfeschreie noch allein Jubelrufe. Ein Christ ist nicht oberflächlich, wenn er guten Mutes ist. Ein Christ ist auch nicht aus der Gemeinschaft mit Gott getreten, wenn er Leid zu tragen hat und darin betrübt ist. Leid und Fröhlichkeit werden gleichermaßen ernst genommen und gleichermaßen vor Gott gebracht.

Gebet um Heilung und Sündenvergebung: 5,14-16

Zur Übers.: V. 14: »krank« (asthenei) kann auch mit »kraftlos« oder »schwach« übersetzt werden. V. 15: Der »Kranke« (kamnonta) kann auch der »Ermüdete« oder der »Ermattete« bedeuten. V. 16: Es kann auch übersetzt werden: »Viel vermag ein kraftvolles Gebet ...«, wenn man die Kräftigkeit und Wirksamkeit des Gebets auf die Weise bezieht, in der der Gerechte betet. Fasst man das Partizip als Passivform auf, würde die Übersetzung »das wirksam gemachte Gebet« lauten.

14 Zeiten der Krankheit werden häufig als Zeiten der Gottesferne und der Isolation erlebt. Jak weist hier einen anderen Weg. In der Krankheit kann deutlich werden, wie der Mensch allein von Gott abhängig ist. Krankheit ist für Jak eine Gelegenheit, besonders nach Gott zu fragen und eine geistliche Sicht für das ganze Leben - einschließlich der Krankheit - zu gewinnen. So wird Krankheit - wie schwer sie auch sein mag - zu einem Weg, Gott zu nahen und zu begegnen.
Kranke Menschen gehören nicht nur in das Wartezimmer des Arztes, sondern mitten in die Gemeinde. Ein kranker Mensch leidet nie nur an seiner Galle, an seinen Bandscheiben, an Viren oder an Depressionen. Er ist als ganzer Mensch betroffen, verunsichert, im Glauben angefochten.
Krankheit weist den Menschen auf Gott und stellt ihn mitten in die Gemeinde. Wenn er so krank ist, dass er die Gemeindeversammlungen nicht mehr besuchen kann, dann ist er damit nicht aus der Gemeinde ausgeschlossen. Er darf die Ältesten herbeirufen, durch die die Gemeinde dann vertreten ist. Darüber hinaus: In den Ältesten »tritt auf verborgene Weise Jesus selbst an das Krankenbett«. Es ist für einen Kranken gut zu wissen, dass er die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen darf, damit sie mit ihm beten. Der kranke Mensch wird durch die Anweisungen des Jak aus der Isolation herausgeholt. Jak zeigt hier - wie an anderen Stellen seines Briefes - einen fruchtbaren geistlichen Weg, mit Versuchungen umzugehen, die einen getroffen haben.
Die Ältesten werden vom Kranken gerufen, d.h. die Initiative geht vom Kranken aus. Er muss entscheiden, in welcher Situation und in welchem Zustand er die Ältesten zu sich ruft. Die Tatsache, dass der Kranke die Ältesten zu sich kommen lassen muss, zeigt, dass es sich um eine schwere Krankheit handelt. Doch muss der Kranke nicht bereits im Sterben liegen.[441] Es wird von dem Kranken lediglich erwartet, dass er bereit ist, in seiner Krankheit Gott zu begegnen und Hilfe von ihm zu erbitten. Der Ruf nach den Ältesten ist ein Ausdruck seines Glaubens, der in dieser Angelegenheit etwas von Gott erwartet.

441) Die röm.-kath. Kirche gründete ihr Sakrament der »Letzten Ölung« auf diese Stelle und verstand dabei die Ölung als eine Zusage des Heils beim Sterben, also beim Übergang zum Tod. Für Jak ist die Salbung mit Öl nicht eine Handlung an einem Sterbenden, sondern er rechnet mit der Möglichkeit, dass der Kranke geheilt und wieder aufgerichtet wird. Allerdings war es zur Zeit des Jak nicht möglich, so eindeutig zu unterscheiden zwischen Krankheiten, von denen man genesen kann und solchen, die mit Sicherheit zum Tode führen. Im Gegensatz zur heutigen Zeit mit ihren medizinischen und pharmazeutischen Möglichkeiten rechnete man eher mit der Möglichkeit des Sterbens bei Krankheiten, die einen Menschen so niedergeschlagen hatten, wie Jak es beschreibt. (Seit dem 2. Vatikanischen Konzil wird von röm.-kath. Seite vom Sakrament der »Krankensalbung« gesprochen.)

Die Ältesten sollen über ihm beten. Mit dieser Formulierung ist wohl eine Handauflegung gemeint, wie sie Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat (Mk 16,18). Die Handauflegung ist das äußere Zeichen dafür, dass der ganze Mensch samt seinem Körper vor Gott gebracht wird. Auch der Körper eines Menschen wird dabei in einem geistlichen Zusammenhang gesehen. Bei den Ältesten handelt es sich um »normale« Älteste einer Gemeinde, also nicht um Menschen, die notwendig die besondere Gabe der Krankenheilung haben (vgl. dagegen 1Kor 12,9.28.30).
Das Gebet der Ältesten ist durch eine Ölsalbung begleitet. Aus dem Wortlaut des griech. Textes geht hervor, dass die Salbung mit Öl nicht als eine zweite Handlung zum Gebet hinzutritt, sondern das Gebet selbst verstärkt.[442] Beim Öl muss man wohl nicht an die Zuhilfenahme eines damals üblichen Universalheilmittels denken. Im Anschluss (V. 15) ist allein von der Wirksamkeit des Glaubensgebets die Rede und nicht von der kombinatorischen Wirkung von Gebet und Öl (Glaube und Medizin).[443]

442) Im Text ist die Ölsalbung durch eine Partizipialverbindung mit dem Bittgebet verbunden.
443) Damit soll nicht etwa gesagt sein, dass Jak beim Gebet für den Kranken eine Zuhilfenahme von Medizin ausschließt. Nirgends wird in der Bibel der Gang zum Arzt als Unglaube bezeichnet - das Lukasevangelium wurde von einem Arzt geschrieben. Es soll nur gesagt sein, dass an dieser Stelle eine Verbindung von beidem nicht angesprochen ist. Im Übrigen wäre das Verabreichen von Medizin eher die Aufgabe eines Arztes als die der Ältesten.


Handauflegung und Salbung mit Öl unterstützen das Gebet.[444] Sie sind darüber hinaus Zeichen für Gottes Beistand und Berufung. Mit Öl wurden im AT der Altar und alle Geräte der Stiftshütte gesalbt (2Mo 40) und damit für den Dienst Gottes geheiligt. Auch Priester und Könige wurden gesalbt.[445] Ein Mensch wird durch die Salbung mit Öl (erneut) in den Dienst Gottes gestellt und Gott übereignet. Der Kranke soll nicht nur gesund werden, sondern mit seiner Gesundheit wieder in den Dienst Gottes gestellt werden. Gott macht Menschen gesund, damit sie ihm besser dienen und ihm die Ehre geben können. Physische Heilung durch Gott hat immer ein geistliches Ziel.[446

444) Die Wirkung des Gebets hängt weder an der Handauflegung noch an der Salbung mit Öl, auch wenn wir uns dieser Zeichen gerne bedienen dürfen. Vielleicht muss diese Art von geistlichem Handeln wieder entdeckt und geübt werden. Für die Praxis bietet sich heute etwa Olivenöl an. Es ist dabei jedoch darauf zu achten, dass sich kein magisches Verständnis solcher Zeichenhandlungen einschleicht, als gehe die Wirkung von Handauflegung und Salbung aus. Über dieses Verständnis muss in den Gemeinden gelehrt und notfalls auch mit dem Kranken vorher geredet werden. F. Laubach weist mit Recht darauf hin: »Besteht keine ausreichende Möglichkeit, mit dem Kranken über den biblischen Hintergrund der Salbung und ihre Bedeutung zu sprechen, sollte die Salbung mit Öl wohl besser unterbleiben« (a.a.O., S. 43).
445) Vgl. z. B. 2Mo 28,41; Ri 9,8; 1Sam 15,1; 16,12f; 2Sam 5,3. Der Messias ist der Gesalbte (Apg 4,27; 10,38; Hebr 1,9). Christen sind mit dem Geist Gottes gesalbt (2Kor 1,21).
446) Der Missionar D. Scheunemann berichtet aus der indonesischen Erweckungsbewegung: »Während des Gesprächs mit einer Mitarbeiterin, einer schlichten Frau, die offensichtlich die Gabe des Heilens und Helfens empfangen hat, überraschte mich die Art, wie sie für die Kranken betete. Sie betete z.B.: ‚Herr Jesus, heile diese blinden Augen, daß dieser Mann allein den Weg zur Kirche findet!‘ Oder sie betete: ‚Herr Jesus, gib dieser Frau das Gehör zurück, damit sie auf dein Wort hören kann!‘ Ich fragte sie: ‚Wer hat dich gelehrt, daß physische Heilung immer ein geistliches Ziel hat?‘ Sie antwortete schlicht: ‚Der Herr Jesus‘« (Erweckung in Indonesien, in: Das Feste Prophetische Wort, Gladbeck 1969, S. 234. [Zit. nach F. Laubach: a.a.O., S. 42]).


Gebet und Salbung mit Öl geschehen im Namen des Herrn. Sie stehen, wie wir schon sahen, in einem geistlichen Zusammenhang. Darüber hinaus wird deutlich: Es geht hier nicht um gewaltige, magische Worte oder Symbolhandlungen, von denen eine Heilung erwartet wird. Bei dieser Handlung stehen weder die Macht und Autorität der Ältesten noch der besondere Glaubensmut des Kranken im Vordergrund, sondern der Herr, in dessen Namen das alles geschieht. In seinem Namen heißt auch: in seinem Willen.
Das Anliegen des Jak wird an einem Beispiel aus der Apg sehr schön deutlich: Petrus und Johannes heilen vor der Tempelpforte einen Gelähmten und richten ihn auf. Sie tun es ausdrücklich im Namen Jesu und wundern sich darüber, dass sie von den Umstehenden direkt mit dieser Heilung in Verbindung gebracht werden, als sei dies durch ihre Kraft und Frömmigkeit geschehen. Durch den Glauben an den Namen Christi ist er gesund geworden, sagen die Apostel. Und selbst dessen Glaube ist nicht sein Verdienst und seine Vorleistung; er ist ihm geschenkt worden (Apg 3,6.12.16; vgl. auch Apg 14,15). Deshalb ist bei Jak im Folgenden auch nicht mehr von der Handauflegung und der Salbung mit Öl die Rede.
15 Das im Glauben gesprochene Gebet wird den Kranken retten. Die erhoffte Wirkung wird vom Gebet erwartet, das im Glauben, d.h. im Vertrauen zu Gott und in Erwartung seines Eingreifens gesprochen wird (Mk 11,24).[447] Aber auch das Gebet hat keine Wirkung in sich selbst. Nicht das Gebet hilft, sondern der Herr: und aufrichten wird ihn der Herr.

447) Für Jak hat das Gebet des Glaubens eine tiefe Bedeutung. Er möchte die Leser seines Briefes zum Bitten anhalten. Warum sollen Christen bitten? Das hat seinen Grund in Gott selbst: Er gibt gerne (1,5-8; 4,1-3; 5,13-18). Wer betet, steht mit Gott und seinem Willen in Übereinstimmung. Von daher kritisiert Jak alles eigenmächtige Beten (4,3), jedes Gebet, das im Dienst der eigenen Interessen steht. In diesen Zusammenhang gehört auch das Verbot des Eids (5,12).

Was ist damit gemeint, dass das Gebet den Kranken retten (griech. sozein) wird? Warum spricht Jak hier nicht ausdrücklich von Heilung, sondern von Rettung? Zweifellos rechnet er damit, dass durch das Gebet des Glaubens Heilung geschieht - äußere wie innere.[a] Hinter dem Wort »retten« verbirgt sich aber mehr als bloßes Gesundwerden. Jak gebraucht das Wort »retten« an den anderen Stellen seines Briefes im Zusammenhang der Errettung aus dem Endgericht (1,21; 2,14; 4,12; 5,20).
a) Sir 38,1-15; Mk 6,13
Kranksein ist in der Bibel mehr als nur ein physischer Defekt. Es hat etwas zu tun mit der Todverfallenheit dieser Welt, die eine Folge der Sünde ist. Krankheit kann sein wie vorweggenommenes Sterben, wie das Ergriffenwerden von dunklen Mächten. Krankheit kann auch direkte Folge persönlicher Sünden sein. Beim Gebet in der Krankheit muss es daher um etwas anderes bzw. um mehr gehen als um die physische Wiederherstellung. »Die Rettung umfaßt Vergebung der Sünden und Gemeinschaft mit Gott als gegenwärtige Wirklichkeit, die Errettung vor dem kommenden Zorn und Anteil an der göttlichen Herrlichkeit. Das Gebet der Ältesten zielt also nicht zuerst auf die Wiederherstellung der körperlichen Unversehrtheit, sondern auf das ewige Heil des Kranken, die Rettung im Endgericht. Retten ist etwas anderes als Heilen. Es bedeutet in unserem Text, daß der Kranke in Jesu Hand bleibt.«
Der Herr wird ihn aufrichten. In der griech. Übersetzung des AT wird das Wort »aufrichten« im Sinne von »ermutigen, stärken« gebraucht (vgl. Dan 8,18; Ri 2,16.18). Im NT kann »aufrichten« (griech. egeirein) im Zusammenhang stehen von Krankenheilungen (Mt 8,15; 9,7; Mk 2,9.12; 3,3; 10,49) und Totenauferweckungen (Jes 26,19; Mk 5,41; Lk 7,14), es kann von der Auferstehung Jesu (Joh 2,22; 21,14; Röm 6,4.9; 8,34; 1Kor 15,12.20) und der Auferstehung der Toten am Ende der Zeiten (1Kor 15,42) reden. Wie Gott einen Menschen in der Krankheit aufrichtet, kann unterschiedlich aussehen: Bei einem kommt die Krankheit zum Stillstand, einem anderen schenkt er Kräfte zur Genesung, und wieder ein anderer erfährt direkte Heilung. Anderen bleibt die erhoffte Genesung oder Heilung versagt. Aber auch sie wird Gott aufrichten und ihnen die Kraft schenken, mit ihrer Krankheit zu leben, oder ihnen den Mut geben, das bevorstehende Sterben aus seiner Hand zu nehmen, in der sie auf der letzten Wegstrecke geborgen sind.
Wenn er Sünden begangen hat, wird ihm vergeben werden.[a] Jak geht davon aus, dass Krankheit mit konkreter Sünde in Verbindung stehen kann. »Wer gegen seinen Schöpfer sündigt, gerät dem Arzt in die Finger« (Sir 38,15). »Als ich es wollte verschweigen, da verschmachteten meine Gebeine ... Darum bekannte ich dir meine Sünde, und meine Schuld verhehlte ich nicht« (Ps 32,3-5).
a) Spr 28,13; 1 Joh 1,9
Jak rechnet mit der Möglichkeit, dass im Zusammenhang mit der Krankheit und infolge des Gebets für den Kranken begangene Sünden aufgedeckt werden. Nicht jede Krankheit kann direkt auf eine bestimmte Sünde des Kranken zurückgeführt werden - und auch Jak geht nicht davon aus. Er sagt: Wenn er Sünden begangen hat ... Dennoch muss mit dieser Möglichkeit gerechnet werden. Selbst wenn ein direkter Zusammenhang zwischen den Sünden und der Krankheit eines Menschen nicht erkennbar ist, ist es für den Kranken hilfreich zu wissen, dass ihm seine Sünden vergeben sind (vgl. Jes 38,17). In seinem heilenden und zurechtbringenden Handeln hatte die Sündenvergebung für Jesus einen sehr hohen Stellenwert (vgl. Mt 9,1-8).
Krankheit ist mehr als ein Defekt des Leibes. Es gibt verborgene Zusammenhänge. Jak spricht von dem Zusammenhang zwischen Sünde und Krankheit und von dem Zusammenhang zwischen Krankheit und der Beziehung zu Gott.[449] Indem er aber dem Kranken die Möglichkeit eröffnet, die Ältesten zu sich zu rufen und seine Sünden zu bekennen, damit sie vergeben werden, macht er deutlich: Krankheit trennt den Menschen nicht von Gott und auch nicht von der Gemeinde.

449) Wir können daraus für unser Verständnis von Krankheit viel lernen . Für uns ist Krankheit ein Versagen des Körpers oder ein Defekt, der möglichst schnell behoben werden soll. Indem Jak dazu Mut macht, bei Krankheit die Ältesten zu sich zu rufen, damit die Situation im Gebet vor Gott gebracht wird, stellt er das äußere Leben (und sein Versagen in der Krankheit) in Beziehung zu Gott. Krankwerden und Gesundwerden kommen als geistliche Erfahrungen in den Blick. Dabei ist bei Jak an mehr gedacht als an »psychosomatische« Zusammenhänge. Es geht ihm um mehr als um die Beziehung zwischen dem Körper und der Seele eines Menschen. Er hat vor allem die Beziehung eines Menschen zu Gott im Blick, sowohl in positiver (Gebet, retten) als auch in negativer Hinsicht (Sünden, Sündenvergebung).

16 Auch da, wo der Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde nicht direkt sichtbar ist, so dass man nicht sagen kann: »diese Krankheit hat ihre Ursache in dieser Sünde«, ist er indirekt vorhanden.
Mit der Sünde sind Krankheit und Tod in die Welt gekommen. In der neuen Welt Gottes werden weder Krankheit noch Tod einen Platz haben. Heil und Heilung gehören dann - im Gegensatz zu unserer gegenwärtigen Zeit - im Sinne des umfassenden Heils zueinander, so wie das bereits im Wirken des Messias zeichenhaft vorweggenommen wurde. Vom Heil und von einer völligen und umfassenden Heilwerdung sind Menschen durch ihre Sünde getrennt. Deshalb ist die Vergebung der Sünden das Entscheidende, um auf den Weg des Heils und der Heilung zu gelangen.
Deshalb sollen die Sünden bekannt werden. Jak spricht hier für die erste Christenheit - wie für das Judentum - eine Selbstverständlichkeit aus[450], die heute besonders unterstrichen werden muss: Sündenvergebung vollzieht sich nicht allgemein und unverbindlich; sie ist an das Bekenntnis der Sünden gebunden. Dieses geschieht auch vor Menschen. Beichte gehört für Jak zum lebendigen und tätigen Glauben (vgl. Jak 2).[451] Wo Sünden öffentlich geschehen sind, ist es wichtig, dass sie auch öffentlich bekannt werden.[452] Jak sagt dies in einer wunderbaren Freiheit. Menschen sollen dadurch nicht peinlich berührt oder in die Enge getrieben werden. Er weiß vielmehr: Von diesen Sündenbekenntnissen geht eine heilsame und heilende Befreiung aus.[453]

450) 3Mo 5,5; 4Mo 5,7; Ps 38,4-6.19; 51,5-8; Spr 28,13; Mk 1,5; Mt 3,6; Apg 19,18. Vgl. O. Michel, ThWNT V, S. 203-206.
451) In der Apologie der Confessio Augustana heißt es: Jak »redet ... da nicht von der Beichte, die dem Priester geschiehet etc., sondern redet von einem Versühnen und Bekennen, wenn ich sonst mich mit meinem Nächsten versühne« (Apol. XII,12).
452) »An ein öffentliches Sündenbekenntnis ‚voreinander‘ ist auch in Jak 5,16 gedacht« (F. Mussner: Komm, S. 226).
453) In Sir 4,26 heißt es: »Schäme dich nicht, deine Sünden zu bekennen, und stelle dich der Strömung des Flusses nicht entgegen«.

»Heilen, gesund werden« (griech. iaomai) kann beides bedeuten: körperliche Heilung[454] sowie Heilung des Herzens, Heilung vom Schaden des Irrwegs und der Sünde.[455] Jak gebraucht hier einen Begriff, den man vom Zusammenhang her eher in V. 15 erwartet hätte, wo vom Gebet für den Kranken die Rede war. Seine Wortwahl ist nicht auf sofortige körperliche Heilung oder auf künftige Rettung aus dem Gericht durch Vergebung der Sünden festgelegt. Er gebraucht die entsprechenden Bezeichnungen (retten, heilen) in einem offenen Sinn und umfasst sie damit in einem größeren Zusammenhang.[456]


450) 3Mo 5,5; 4Mo 5,7; Ps 38,4-6.19; 51,5-8; Spr 28,13; Mk 1,5; Mt 3,6; Apg 19,18. Vgl. O. Michel, ThWNT V, S. 203-206.
451) In der Apologie der Confessio Augustana heißt es: Jak »redet ... da nicht von der Beichte, die dem Priester geschiehet etc., sondern redet von einem Versühnen und Bekennen, wenn ich sonst mich mit meinem Nächsten versühne« (Apol. XII,12).
452) »An ein öffentliches Sündenbekenntnis ‚voreinander‘ ist auch in Jak 5,16 gedacht« (F. Mussner: Komm, S. 226).
453) In Sir 4,26 heißt es: »Schäme dich nicht, deine Sünden zu bekennen, und stelle dich der Strömung des Flusses nicht entgegen«.


»Heilen, gesund werden« (griech. iaomai) kann beides bedeuten: körperliche Heilung[454] sowie Heilung des Herzens, Heilung vom Schaden des Irrwegs und der Sünde.[455] Jak gebraucht hier einen Begriff, den man vom Zusammenhang her eher in V. 15 erwartet hätte, wo vom Gebet für den Kranken die Rede war. Seine Wortwahl ist nicht auf sofortige körperliche Heilung oder auf künftige Rettung aus dem Gericht durch Vergebung der Sünden festgelegt. Er gebraucht die entsprechenden Bezeichnungen (retten, heilen) in einem offenen Sinn und umfasst sie damit in einem größeren Zusammenhang.[456]

454) Mk 5,29; Mt 8,8.13; 15,28; Lk 5,17; 6,18f; 7,7; 8,47; 9,2.11.42; 14,4; 17,15; 22,51; Joh 4,47; 5,13; Apg 9,34; 10,38; 28,8.
455) In Anlehnung an Jes 6,10: Mt 13,15; Joh 12,40; Apg 28,27. - Hebr 12,13; 1Petr 2,24. Vgl. auch die Stellen, wo von der gesunden (griech. hygeinein) Lehre oder der Gesundung im Glauben die Rede ist: 1Tim 1,10; 6,3; 2Tim 1,13; 4,3; Tit 1,9.13; 2,1f.
456) »Auffällig ist ..., daß mit ... ‚heilen‘ ... jener Terminus technicus steht, den man in 15a und b erwartet hätte. Semantisch offen wie dort formuliert Jakobus auch in 16c; verstand er dort metaphorische Begriffe konkret, so hier einen konkreten Begriff metaphorisch« (H. Frankemölle: Komm, S. 720f).

Jak zeigt einen Weg gegenseitiger Verantwortung und Bedürftigkeit in der Gemeinde. Da ist keiner ausgenommen. Da gibt es nicht auf der einen Seite Sünder, die krank sind und auf der anderen Seite Heilige, die sie gesundbeten. Jeder braucht den anderen und jeder kann für den anderen eintreten.[457] Es kann sogar sein, dass die Krankheit des einen auch zum geistlichen Wachwerden der »Gesunden« beitragen kann. Der Weg zur Gesundung - zur inneren wie zur äußerlichen, zum Heil wie zur Heilung - ist nicht ein Weg der menschlichen Reifung oder ein Weg, auf dem Menschen von Heilungspredigern abhängig werden. Es ist ein Weg des Gebets, und dieser ist ein Weg der Abhängigkeit von Gott, der hier allein das Entscheidende tun kann.

457) Beten könnte auch jeder für sich alleine. Doch indem Jak seine Leser dazu auffordert, sich gegenseitig einen Dienst zu erweisen, macht er deutlich, dass jeder auf Hilfe von außen angewiesen ist, dass er Ermutigung und Zurechtweisung und das Wort der Vergebung braucht. Aus Äthiopien stammt das schöne Sprichwort: »Den Dschungel deines Lebens kannst du nicht selber roden. Den Acker deines Herzens kannst du nicht selber pflügen. Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.«

Jak schließt mit einer Verheißung: eines Gerechten Gebet vermag viel. »Der Herr ist ferne von den Gottlosen; aber der Gerechten Gebet erhört er« (Spr 15,29; vgl. Ps 145,18f). Der Gerechte ist der, der in Übereinstimmung mit Gottes Willen leben möchte und deshalb auch sein Gebet nach dem Willen Gottes richtet. Das Gebet eines Gerechten unterscheidet sich daher von den Versuchen, die eigenen Wünsche zum Gebet zu machen. Es kann hier also nicht darum gehen, dass jeder Wunsch nach Genesung von einem Gebrechen erhört wird (vgl. den »Pfahl im Fleisch« bei Paulus, 2Kor 12,7).
Das nachgestellte »in seiner Wirkung« weist uns darauf hin, dass sich die Wirkung eines Gebets nicht automatisch einstellt, sondern von Gott abhängt. Nicht der Beter, sondern Gott macht das Gebet wirksam. Weder die Gerechtigkeit des Beters noch seine Inständigkeit sind der Grund für die Wirkung eines Gebets. Die »Macht des Gebets« liegt nicht in der Macht der Worte, sondern in der Macht der Erhörung durch Gott.[458]

458) F. Rienecker (Sprachl. Schl., S. 571) fasst das Partizip als Passivform auf. Damit wird dieser Aspekt noch deutlicher: »viel vermag das wirksam gemachte Gebet eines Gerechten«.

Ein Vorbild für wirksames Gebet: 5,17-18

Zur Übers.: V. 17: »gleich geartet« - wörtl.: »von gleichen Empfindungen«, »von gleichem Erleiden«.

17 Für das wirksame Gebet eines Gerechten gibt es im AT viele Beispiele: durch das Gebet Abrahams wird Abimelech geheilt (1Mo 20,17); Abraham tritt vor Gott für die Stadt Sodom ein (1Mo 18,16ff); Moses betet für das abtrünnige Volk nach der Aufrichtung des goldenen Stierbilds (2Mo 32,11-14). Jak wählt das Beispiel des Elia. Elias Gebet dient als Ermutigung und Vorbild sowohl für die Inständigkeit als auch für die Wirksamkeit eines Gebets.[459]

459) Jakobus, dem Bruder des Herrn, wurde später der Beiname »der Gerechte« gegeben. Hegesippus erzählt von ihm, dass er oft für die Sünden seines Volkes vor Gott eingetreten ist und dabei lange Zeit auf den Knien verbrachte, die davon »hart wie die eines Kameles« wurden. Jak hat also selber getan, was er seinen Lesern nahelegt.

Damit aber nicht einer denkt, eine solche Gebetserhörung könne nur Propheten und besonderen Auserwählten Gottes zuteil werden, fügt Jak hinzu: Er war ein Mensch, gleich wie wir. Elia war wohl ein Gerechter, aber es wäre falsch, daraus zu entnehmen, dass nur er so beten konnte. Jak möchte Mut machen, von ihm zu lernen, was unser Gebet - in Übereinstimmung mit Gottes Willen - vermag. Denn wie Elia erwarten wir alles nicht von unserem Gebet, sondern von Gott.
Die Formulierung »gleich wie wir« (griech. homoiopathes) steht darüber hinaus in Verbindung zu dem, was über die Propheten ganz allgemein gesagt wurde (V. 10b): Sie waren Leiden ausgesetzt (griech. kakopatheia). Man könnte übersetzen: Elia hatte die gleichen (Leid-)Erfahrungen wie wir. Jak hat bei Elia also auch das Ertragen von Konflikten und körperlichen Schwächen im Blick, die er ebenso ertrug wie wir (V. 13). »Gerade weil Elia unter gleichen Vorbedingungen ...  aber vertrauensvoller als alle anderen Menschen betet, kann er wirklich deren Vorbild sein.«[460]

460) H. Frankemölle: Komm, S. 720.

Elia sagte dem König Ahab eine Dürrezeit an, die drei Jahre währen sollte. Dass er darum inständig betete, erfahren wir nur bei Jak.[461] Wenn wir aber das Schriftzeugnis in seiner Ganzheit ernst nehmen, dürfen wir davon ausgehen, dass es sich hierbei »um einen inspirierten (geistgeleiteten) Kommentar des Neuen Testaments zu 1. Kön 17,1 [handelt], dem wir vertrauen dürfen«[462]. Die vom 1. Königsbuch abweichende Zählweise von dreieinhalb Jahren finden wir durch Jesus bestätigt (vgl. Lk 4,25).[463] Möglicherweise liegt Jak dafür eine mündliche Tradition vor. Der Hinweis des Jak, dass Elia inständig gebetet hat, bezieht sich nicht nur auf den Beginn der Trockenzeit, sondern auf die ganze Zeit bis zum Wiedereinsetzen des Regens.

461) Vgl. aber Sir 48,3, wo von Elia - in einer Andeutung seines Gebets - gesagt wird: »Auf das Wort des Herrn hin verschloß er den Himmel und ließ dreimal Feuer herniederfahren.«
462) G. Maier: Komm, S. 115.
463) Die dreieinhalb Jahre werden häufig als symbolische Zahl verstanden: die Hälfte von sieben Jahren, wie sie etwa in Dan 9,27 erwähnt werden. So z.B. B. Reicke: Komm, S. 61. Anders dagegen H. Frankemölle: »Dabei meint die Zeit von dreieinhalb Jahren ... nicht eine symbolische Unglückszahl ... «vielmehr ist sie im Sinne des jüdischen Erzählens ... als ‚gut drei Jahre‘, also als runde Zahl zu verstehen" (a.a.O., S. 734).


Wer die Geschichte Elias kennt - und das darf bei den Lesern des Jak vorausgesetzt werden - weiß, was sich in den drei Jahren zwischen dem Beginn der Dürrezeit in Israel (1Kön 17,1) und dem ersten Regen danach (1Kön 18,1) zugetragen hat.[464] Elia wurde von Gott während dieser Zeit auf wunderbare Weise versorgt.

464) Sir 48 erwähnt nach dem Hinweis auf den verschlossenen Himmel die Wundertaten Elias (V. 4) und ausdrücklich die durch ihn geschehene Totenerweckung (V. 5). Es ist anzunehmen, dass sich Jak auf das Preislied Elias in Sir 48 bezogen hat.

Es ist anzunehmen, dass mit der Erwähnung des Namens Elia die mit dem Propheten verbundenen Ereignisse aus der Erinnerung mitschwingen und vor dem inneren Auge der Leser erscheinen. Jak redet nicht ausdrücklich von diesen Geschichten; aber sie fügen sich gut in den Zusammenhang ein, den Jak verdeutlichen möchte. Elia erlebte Dürrezeiten, die den Zeiten der Versuchung seiner Leser (vgl. Jak 1,2-4; 5,13) vergleichbar sind. Er erfährt in diesen Zeiten die wunderbare Durchhilfe Gottes. Und er erlebte, wie Gott auf sein Gebet hin einen Menschen wieder zum Leben erweckte.[a] Die Verbindung zu Jak 5,15f steht plastisch vor Augen.
a) 1Kön 17,2-26
18 Elia handelte in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes. Auf die Weisung Gottes hin verkündete er, dass es nicht mehr regnen sollte. Wir erfahren aus dem Tempelgebet Salomos, dass es sich bei der Dürrezeit um ein Gericht Gottes handelt, das erst dann wieder ein Ende haben wird, wenn sich Israel von seinen Sünden bekehrt, seine Sünden bekennt und Gott darum bittet, dass er wieder Regen senden möge (1Kön 8,35f). Die Dürrezeit steht mit der Sünde, das Ende der Dürrezeit mit der Bitte um Vergebung in Zusammenhang. Die Verbindung zu Jak 5,15f ist dabei deutlich.
Elia betete auf dem Karmel, dass die Zeit der Trockenheit vorübergehen möge. König Ahab hatte er bereits vorausgeschickt in der festen Zuversicht, dass es nun wieder regnen werde (1Kön 18,41: »es rauscht, als wollte es sehr regnen«). Doch als er anfängt zu beten, lässt der Regen auf sich warten. Siebenmal kniet er nieder und wird nicht müde, zu Gott zu flehen, bis sich die erste Regenwolke zeigt (1Kön 18,42-45).
Der Regen ist - wie in V. 7 - ein Bild für die rettende Gnade Gottes. Das Gebet eines Gerechten kann das rettende Eingreifen Gottes verzögern oder schnell herbeirufen.[465] Doch handelte Elia darin nicht willkürlich oder eigenmächtig. Er tat es auf das ausdrückliche Gebot Gottes hin (1Kön 18,1).

465) Vgl. B. Reicke: Komm, S. 61.

Elia ist in dem allen ein Vorbild dafür, wie viel das Bittgebet eines Gerechten in seiner Wirkung vermag. Er hat nicht nur das Angenehme von Gott erbeten, sondern war bereit, den Beginn der Dürrezeit ebenso anzusagen wie deren Ende. Er hat die Sünden nicht verschwiegen und hat Gottes Urteil darüber verkündet. Deshalb hat Jak dazu Mut gemacht, im Zusammenhang mit einer Krankheit auch von der Sünde zu reden, auch wenn das von den Beteiligten auf den ersten Blick als »unangenehm« empfunden werden könnte.
Elia handelte und betete nicht eigenmächtig, sondern in Übereinstimmung mit Gottes Willen und auf die Weisung Gottes hin. Das »könnte ein Hinweis darauf sein, daß die Ältesten erst auf besondere Weisung des Heiligen Geistes um Heilung des Kranken beten sollten.«[466]

466) F. Laubach: Komm, S. 46.

Elia wird nicht müde, mit derselben Bitte mehrfach zu Gott zu kommen. So dürfen auch wir mit derselben Bitte wiederholt vor Gott treten. Der »Gerechte« lässt sich nicht dadurch entmutigen, dass sein Gebet nicht sogleich Erhörung findet. Er hört nicht auf zu beten, wenn er weiß, dass Gott handeln möchte.

Kapitel 3 - Die Bibel

Vertiefung

Die Bibel - Gottes Liebesbrief und Lebensbuch

An der Bibel führt kein Weg vorbeit, behaupte ich, jedenfalls wenn wir den Schöpfer und Erhalter des Lebens und dadurch das Leben kennen lernen wollen. Die Bibel ist unbestritten Weltbestseller. Ist sie auch das am meisten gelesene Buch? Kritische Geister haben die Autorität der Bibel in Frage gestellt. Wir stellen uns  der historischen Bibelkritik. Manchmal stellt man überrascht fest, dass die Kritiker nicht kritisch genug sind.  Andererseits kann heutzutage jeder wissen, was die Funde eines Hirten 1948  in Wüstenhöhlen am Toten Meer mit der Verlässlichkeit biblischer Texte zu tun haben.  Vielleicht wird den Leser überraschen zu entdecken, wie wichtig das Alte Testament für das Verständnis von Jesus und des ganzen christlichen Glaubens ist. Viele wissen fast nichts darüber, pflegen aber heftige Vorurteile.
In jedem Fall ist es hilfreich, sich selbst zu informieren. Mein These lautet: Die Bibel ist spannender als jeder Krimi – wenn wir anwenden, was die Bibel uns sagt. Das hat Jesus selbst gesagt: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.“ (Matthäus 7,24) Ärgern wird manchen, dass ich behauptet: Die Bibel hat mehr mit einem Telefonbuch, Kochbuch oder einer Straßenkarte zu tun als mit einem Lehrbuch für Philosophie. Ich begründe es – wie ich meine mit guten Gründen.
Ich will nicht nur anstiften, über die Bibel zu diskutieren, sondern sie zu lesen und mit ihr zu leben. Da geht es um sehr praktische Lebensgestaltung. Bei mir ging es um den Einsatz eines unwiderstehlichen Weckers. Es geht auch um die heikle Frage, wie viele Minuten von den 24 Stunden pro Tag für Gott und sein Wort zur Verfügung sein sollen. Bibellesen bildet jedenfalls. 

Tipps für das persönliche Bibelstudium (Seite 93)

Der christliche Glaube – egal welcher Konfession – hat seine Anker in der Bibel. Ihr Einfluss reicht weit in unsere Kultur und Gesellschaft hinein. Wer sich darüber klar werden will, was Glauben und Leben trägt, kommt um die Bibel nicht herum.Fast alle Bibelübersetzungen sind in unterschiedlichen Ausgaben erhältlich. Das Angebot ist vielfältig und reicht von klassischen Bibeln mit Ledereinband und Goldschnitt bis hin zu Ausgaben in besonders kleinen Formaten, die man leicht in die Tasche stecken kann, und lesefreundlichen Großdruckausgaben. 

2 Timotheus 3,14-17

14 Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und dessen du im Glauben gewiß geworden bist, da du weißt, von wem du es gelernt hast,

15 und weil du von Kindheit mit den Heiligen Schriften vertraut bist, die imstande sind, dich weise zu machen zum Heil durch den Glauben, der im Messias Jesus ist.

16 Denn alle Schrift ist von Gottes Geist eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Wiederherstellung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit,

17 damit der Mensch Gottes voll zubereitet sei und zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.

Timotheus, ein Mensch Gottes durch das Wort Gottes  3,14-17

14 Timotheus muß ermahnt werden nicht nur zum Ausharren in den Leiden und Verfolgungen, sondern auch zum Verharren in dem, was er empfangen hat. Vielleicht hat man sich ein zu niedliches Bild von Timotheus gemacht. Warum |96|  um konnte das Zeugnis der Steinigung nötig gewesen sein, um einen leidenschaftlichen jungen Menschen für Jesus, den Erlöser, zu gewinnen? Warum die unverblümt direkte Mahnung, die jugendlichen Lüste und Begierden zu fliehen? Warum die Warnung vor übereiltem und hartem Handeln und die wiederholte Warnung vor den Irrlehrern, wenn bei Timotheus keinerlei Anlaß dazu vorlag? Darum der Ausruf: O Timotheus! Bewahre das anvertraute Gut, wende dich weg von der Pseudognosis (vom Scheinwissen), sonst wirst auch du vom Glauben abirren. Die Gnade allein bewahre dich davor. ( 1 Tim 6,20!) Darum das starke: Du aber bist mir nachgefolgt (und nicht einem Verführer), du aber bleibe und laß dich nicht wegführen von der offenbarten Wahrheit, von der Gestalt der Lehre in den gottgehauchten Schriften. Sie haben in dir den Grund gelegt. Was ich dir brachte, ist nichts anderes, als was die Schriften verkünden. ( 1 Ko 15,1-4) Prüfe an der Schrift Leben und Lehre bei mir ( 2 Tim 3,10-11)  und bei dir. ( 2 Tim 2,15;1 Tim 4,16!) Wie du am Anfang gemahnt worden bist, im Glauben zu verharren, ( Apg 14,21) ausharrend in allen Drangsalen, so verharre jetzt in den Heiligen Schriften und laß dich nicht fortreißen in unheilige und leere Fabeln, Legenden, Spekulationen, Diskussionen hinein. Bewahre aus der Kraft der empfangenen Gabe (1,6) das Anvertraute im Geist (1,7.14), in der Gnade (2,1), in Christus (2,8), in der Bewahrung vor Gott (2,15), auf dem festen Grund (2,19), in der fortwährenden Reinigung (2,21), in der Gemeinschaft (2,22).
Im Unterschied zu denen, die immer lernen und doch nie zur Gewißheit gelangen, im Glauben nicht wachsen, hat Timotheus gelernt und ist zur Überzeugung gekommen in der Wahrheit, die sich in seinem Leben auswirkt. Er hat gelernt als ein Schüler des Paulus, aber er ist über das Schüler-Lehrer-Verhältnis hinausgewachsen und zur eigenen Gewißheit gelangt. Er glaubt nicht mehr nur, weil und was Paulus glaubt. Wie Paulus kann er sagen: Ich weiß, wem ich geglaubt habe (1,12). Du weißt, von wem du gelernt hast. Geht es hier um den Inhalt des Evangeliums allein? Oder auch um den Vermittler? Wer hier einen Widerspruch oder eine Verfälschung des Ursprünglichen zu sehen meint, verkennt die Einheit von Leben und Lehre. Paulus bekennt: Ich weiß, wem ich geglaubt habe. Irrlehrer sind darum so verführerisch, weil sie dieselben Worte und Sätze gebrauchen und unbemerkt ins Gegenteil verkehren können, sei es durch schlaue Akzentverschiebungen, sei es durch Auslassungen oder Hinzufügungen. Richtige Worte können durch die Auslegung eines falschen |97|  Lebens verfälscht werden! Darum die Verbindung von Person und Sache, von Inhalt und Form, von Leben und Lehre. Dringlich ist die Mahnung: Du hast es gut, denn du weißt, was du lerntest von Kindheit an, das Wort der Wahrheit von Gott, und du weißt, von wem (im Plural, also sind die Vorahnen von 1,6 samt Paulus mit eingeschlossen, wenn nicht auch noch andere Lehrer); du weißt das, und trotzdem bist du in Gefahr, aus dem Darinbleiben herauszugehen, mit kleinen Schritten vielleicht, allmählich, aus Schwachheit oder Neugier. Man beachte den Unterschied: "Du bist mir nachgefolgt" - das ist eine Feststellung, wenn nicht auch eine Bestätigung, ja ein Lob der Treue. Dagegen: "Du aber bleibe" - das ist eine Aufforderung, nicht ohne warnenden Unterton, darum die ständigen, scheinbaren Unterbrechungen, die kurzen Hinweise auf abschreckende Beispiele.
15 Und weil du von Kindheit an mit den Heiligen Schriften vertraut bist, die imstande sind, dich weise zu machen zum Heil durch den Glauben, der im Messias Jesus ist.
Von Kindheit an. Zu Hause und in der Synagoge wurden die Kinder vom 5. Lebensjahr an zum Lesen der atl Schriften erzogen; von früher Kindheit an: Lk 2,2.16;18,15;Apg 7, 19;1 Pt 2,2[ A ].

A) Ein kurzer Hinweis auf die atl Unterweisung des Kindes im Wort des Herrn sei wenigstens in Form einer Übersicht von diesbezüglichen Schriftstellen gegeben: 1 Mo 18,19;2 Mo 10,2;12,26.27;13,14-16;5 Mo 4,9-10;6,7.9;11,19;32,46. Inhalt der Unterweisung: Spr 1,7;9,10;Pred 12,13. Verantwortung der Eltern und Gehorsam der Kinder: Spr 1,8;6,20;2 Mo 20,12;21,15-17;5 Mo 6,1-3 (Jes 38,19), Hiob 1,5;1 Sa 1,27.28;2,11.18.19;Spr 22,6. Zucht: Spr 13,24;23,13.14;17,10;Ps 103,13; Jos 24,15;Jes 28,10. Wenn die Kinder fragen: 2 Mo 13,8;5 Mo 6,7;6,20-25;11, 9;Jos 12,26-28. Nach dem Exil entstanden verschiedene Schultypen, die sich dann etwa zwei Generationen vor Christus zum Unterricht in der Synagoge entwickelten.

Die Heiligen Schriften: ta hiera grammata, Pl., im AT reich belegt. Für Paulus ungewöhnliche Form, da er sonst den Sg. verwendet. In Rö 1,2: en graphais hagiais, Gott hat durch die Propheten mittels der geschriebenen Worte gesprochen. Der Ausdruck "Heilige Schriften" läßt an den Gebrauch der atl Bücher im Gottesdienst denken; vgl. Lk 4, 16-22.
Du bist vertraut. Du bist im Bild darüber, du kennst sie; den Juden sind die Aussprüche Gottes anvertraut worden (Rö 3,2).
Die imstande (mächtig) sind: ta dynamena, gibt an, warum die Heiligen Schriften hier überhaupt erwähnt sind. Sie sind |98|  von dynamischer Wirkung, sie haben "die Kraft zum Heil" (Rö 1,16); vgl. Hb 4,12: energes (Energie). Die von alters her geschriebenen Aussprüche Gottes haben jetzt in der Gegenwart die Kraft, einen Menschen zur einzig nötigen Weisheit zu führen, welche das Heil Gottes aufschließt.
Dich weise zu machen. Sie können dich mit Weisheit erfüllen zur Erlösung aus Glauben; steht im Gegensatz zu den Irrlehrern, die sich ihrer Weisheit rühmen (I 1,7;4,3;6,20.21; II 4,3-4). Das Zeugnis des Herrn macht weise: Ps 19,7;18,8; 119,98. LXX das gleiche Verb wie hier. Im NT: Weisheit ist geistgewirktes Wissen von Gott. Apg 6,3.10;1 Ko 1,24.30;2, 6;Eph 1,8.19;3,10;Jak 1,5;3,13.15.
Zum Heil. Der schöne, von Luther gebrauchte Ausdruck "Seligkeit" verleitet dazu, nur an die jenseitige Welt zu denken. Das Heil ist umfassend für diese und jene Welt. Soteria, oft bei Paulus (Rö 11,11;Phil 1,19;2,12). Der Messias als Erfüllung des AT: Lk 24,27.32.44;Jo 5,39.46;Apg 3,18.24; 7,52;10,43;1 Pt 1,10. Weisheit ist Heilsweisheit, gewirkt vom Heiligen Geist, wie Wahrheit rettende Wahrheit ist. Wir haben es hier nicht mit einem intellektualistischen Wissen über die Heilige Schrift zu tun. Das zeigt der Doppelbezug der Weisheit
1. zum Heil,
2. durch Glauben.
Durch den Glauben. Inhaltlich wie Rö 1,16. charakteristisch für Paulus. Nicht schon das bloße Lesen und Lernen schafft Heil; wenn der einzelne nicht zum Glauben kommt, hat die Schrift ihr Ziel bei ihm verfehlt. Der Lobpreis des AT, das zum Glauben an den Messias führt, ist typisch für Paulus.
Der im Messias Jesus ist. I 3,13; das Endziel des Gebotes, des AT überhaupt, ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben, der geistgewirkte Glaube an den Messias Jesus allein als Retter und Erneuerer des Lebens, der betont am Schluß steht: das Ziel der Heiligen Schrift, ihrer Unterweisung, ihrer zum Glauben führenden Weisheit, ihres Heils ist der Messias Jesus Christus.
16 Alle Schrift ist von Gottes Geist eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Wiederherstellung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit. Der vierfache Nutzen der Heiligen Schriften begründet, warum und inwiefern sie weise zu machen vermögen zum Heil: Sie haben diese Fähigkeit (s. V. 15: ta dynamena), diese göttliche Dynamik, weil sie aus Gottes Geist entstanden sind und von demselben Geist gebraucht werden. Zunächst sei wieder jedes einzelne Wort betrachtet: |99|
Alle: pasa, kann bedeuten: jede, alle, ganz; Rö 11,26: ganz Israel; Apg 2,36. Eph 3,15: jedes Geschlecht. Kol 4,12: in allem. Darum umschreiben wir: die ganze Schrift, gesehen in jedem einzelnen Teil und gleichzeitig: jede einzelne Schriftstelle als Teil des Ganzen (wie Eph 2,21: der ganze Bau ist zusammengefügt aus den einzelnen Teilen). Vgl. 1 Ko 12,12. 13: was hier vom Christusleib gesagt wird, das gilt auch für den Wortleib: denn die wie die Schrift nur eine ist und doch viele Schriftstellen hat, alle Schriftstellen aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden, so auch der Christus. Siehe dazu II 1,13: "Die Gestalt (Sg.) heilsamer Worte" (Pl.) - Singular und Plural zusammen genannt, das Ganze und die Teile: als geistgewirkte Wortgestalt.
Schrift: graphe, ohne Artikel, müßte für die Übersetzung "jede Schriftstelle" sprechen; doch "Schrift" kann auch ohne bestimmten Artikel den Sinn haben von "die Schriften"; 1 Pt 2,6: en graphe ist sinngemäß zu übertragen: darum steht in der Schrift folgende Schriftstelle; 2 Pt 1,20: hoti pasa propheteia graphes: "keine einzige Weissagung der (ganzen) Schrift."
Der ntl Gebrauch für das AT: "die Schrift sagt" kann aber auch Schriftstelle bedeuten, irgendeinen Text der Bibel, einen Gottesspruch (Jo 19,36.37;20,9;Apg 1,16;8,32;Rö 16,26; 1 Pt 2,6). Also haben die beiden Worte "pasa" und "graphe" gemeinsam, daß sie sowohl das Ganze wie jede einzelne Stelle als Teil des Ganzen und alles als sämtliche Teile des Ganzen bezeichnen können. Holtz übersetzt: "Jede Bibelstelle ist von Gottes Geist eingegeben und nützlich zur Lehre." (186) Unsere Übersetzung aber soll den in der Schwebe gehaltenen Doppelsinn bewußt offenlassen: sowohl die ganze Schrift wie auch jede einzelne Bibelstelle. S. I 5,18! Die Texte der Apostel können nicht ausgeschlossen werden von dem in II 3,16 Bezeugten. Beinahe alle ntl Schriften existierten bereits um die Zeit, da II Tim, der letzte Brief des Apostels, abgefaßt ist. Schon sein ältester Brief gibt zu erkennen, daß Paulus sich dessen bewußt ist, im Auftrag Gottes zu schreiben: 1 Th 5,27; 1,5;2,13;5,20;2 Tim 2,2;3,14; vgl. 2 Pt 3,15-16. wo die Briefe des Paulus bereits den übrigen Heiligen Schriften, d. h. dem AT, gleichgestellt werden.
(Ist) von Gottes Geist eingegeben. Die Kopula (ist) fehlt im Griechischen, was für die Übersetzung einige Unsicherheit mit sich bringt. Ist aber bekannt in den Past: I 1,8.15, beide Male ohne Kopula. Theopneustos (nur hier): zusammengesetzt aus theos = Gott und pneustos = gehaucht (von Pneuma = der |100|  Geist), also: gottgehaucht. In dem aus dem Lateinischen übernommenen Wort "inspiriert" ist ebenfalls der Hinweis auf den Geist (spiritus, lat.) enthalten, was in "eingegeben" verlorengeht und deshalb ergänzt werden muß: "geist-gegeben". Alle Schrift ist geistgegeben, geistgewirkt. Dieses Verständnis der göttlichen Inspiration der Heiligen Schriften unterscheidet sich nicht von den atl Zeugnissen. Wenn auch das Wort nur hier vorkommt, so ist doch die Sache, die es bezeichnet, bei Paulus überall anzutreffen, denn sie liegt seinem Schriftverständnis zugrunde, Rö 1,17;3,4.10;8,36;1 Ko 9,9[ A ].

A) Zum Selbstzeugnis der Bibel über ihre Inspiration: 2 Mo 20,1;2 Sa 23,2;Jes 8,20;Mal 4,4;Mt 1,22;Lk 24,44;Jo 1,23;5,39;10,34.35;14,26;16,13;119,36;20,6;Apg 1,16;7,38;13,34;Rö 1,2;3,2;4,23;9,17;15,4;1 Ko 2,4-10;6,16;9,10; 14,37;Gal 1,11-12;3,8.16.22;4,30;1 Th 1,5;2,3;Hb 1,1.2;3,7;9,8; 10,15;2 Pt 1,21;3,16;1 Jo 4,6;Offb 22,19.

Nützlich. I 4,8;Tit 3,8.9. Die Schrift ist nützlich, sie kann gebraucht werden für eine Aufgabe, die in vier Schritten entfaltet wird. Wie sind nun die Worte "alle Schrift", "gottgehaucht", "nützlich" miteinander zu verbinden? Das hängt zum Teil von dem Verständnis des griechischen Wortes "kai" ab, das entweder mit "und" oder mit "auch" übersetzt werden kann. Wir entscheiden uns für "und" in Anlehnung an I 4,4: alles von Gott Geschaffene ist gut und nützlich, wo über das von Gott Geschaffene zwei Aussagen gemacht und miteinander verbunden werden. Damit haben wir gleichzeitig entschieden, wie wir "theopneustos" beziehen wollen: nicht als ein die Schrift beschreibendes Adjektiv: "gottgehauchte Schrift", sondern als Prädikat, d. h. als erste Aussage über die Schrift: sie ist 1. gottgehaucht und 2. nützlich. Ein Streit um Worte ist hier allerdings weder nützlich noch notwendig, denn grammatikalisch ist es durchaus möglich, das Wort theopneustos adjektivisch, also mit "gottgehauchte Schrift", zu übersetzen. Was wird dann aber aus dem "kai"? Man vgl., wie in diesem Fall I 4,4 lauten würde: Jede gute Kreatur ist auch nicht zu verwerfen. Vgl. zu I 4,4 auch I 1,8.15. Da für Paulus wie für Timotheus vom AT her klar ist, daß jede Schrift inspiriert ist, würde die adjektivische Verwendung zugleich eine tautologische Aussage ergeben, d. h. dasselbe würde zweimal gesagt: jede gottgehauchte Inspirationsschrift. Wenn aber Paulus und Timotheus das wissen, weil sie beide von Kind auf in diesen Heiligen Schriften unterwiesen worden sind, warum schreibt dann der Apostel darüber? Er erinnert ihn an das, |101|  was er weiß, weil er das jetzt ganz neu in Herz und Gedächtnis fassen und erwecken muß angesichts der Irrlehrer, die schon da sind und die noch kommen werden, da die heilsame Lehre nicht mehr erträglich und annehmbar - heute sagt man: nicht mehr "zumutbar"! - erscheint, sondern haufenweise neue Lehrer neue Lehren und Schriften ein- und aufbringen (II 4,3-4).
Daß die Bibel inspiriert ist, bedeutet, daß sie Geist und Buchstabe vereinigt, eben weil Gottes Geist sie hervorgebracht hat durch die Propheten (und Apostel). Jeder in Schrift gefaßte Gottesspruch ist gottgehaucht und darum für die Gemeinde mit Autorität versehen. Die biblischen "Schriftsteller" waren nicht eigenmächtig von ihren Vorstellungen, Wünschen und Lüsten, geschweige denn vom Vater der Lüge inspiriert (wie die Irrlehrer II 2,26;3,13;4,4;Jo 8,44;2 Ko 11,13-15), sondern von Gottes Heiligem Geist bewegt (2 Pt 1,21). Der Wille Gottes, nicht der Wille des Menschen, stand am Anfang jeder Schrift, die heilig genannt ist. Wilckens zu 2 Pt 2,21: "Die Vorstellung göttlicher Eingebung war in der Antike weitverbreitet und ist im späteren Judentum auch als Erklärung für die göttliche Autorität des AT benutzt worden." Mit solchen Erklärungen (Übernahme von weitverbreiteten Vorstellungen) ist aber das Entscheidende keineswegs erklärt: sowohl innerhalb des AT wie des NT sind wahre und falsche Propheten aufgetreten. Daß der heilige Geist die Schrift eingegeben hat, ist nur eine formale Erklärung, wenn nicht deutlich wird, daß eben dieser Geist die Schrift als von Gott gekommen an den Menschen bestätigt, die sich ihrem Anspruch, Wort und Autorität Gottes zu sein, unterstellen. Genauso ist auch der Sinnzusammenhang unserer Stelle II 3,16: Wie kannst du beurteilen, ob mein Evangelium Gottes Wort ist? Messe es an der Wirkung, die es auf mich und dich ausübte, wie es uns die Rettung in Christus brachte durch den Glauben, indem Gottes Wort uns überführte, uns zurechtwies und in der Gnade erzog. Gebrauche so die Heilige Schrift, und du wirst erkennen, wie Gott zu seinem Wort steht. Aber in Wortkämpfe lasse dich nicht ein! Der Heilige Geist, der die Schrift durch den Mund von Propheten gegeben hat, wird eben diese Schrift zur Überführung von Irrlehre und Irrleben gebrauchen.
Die Schrift hat, weil sie geistgegeben ist, "bleibende Geltung und immer neue Wirkung" (Schlatter, 259).
Oft wird gegen die Inspiration der Heiligen Schrift angegangen, |102|  indem man unhaltbare Theorien aufgreift und ihre Unmöglichkeit demonstriert. Schon Philo verbreitet die Meinung, daß die menschliche Geistestätgkeit beim Vorgang der Inspiration ausgeschaltet werde zugunsten des göttlichen Geistes im Propheten; so schon bei Plato, doch nirgends im AT, denn das wäre eine dualistisch-mechanistische Vorstellung, typisch für hellenistisches, aber nicht für biblisches Denken, das eine ganzheitlich geschichtliche und damit eine "organische" Anschauung von Gottes Wirken in und mit Menschen hat. Von daher ist es gegeben, das Bekenntnis des Glaubens zur Heiligen Schrift ganzheitlich auszudrücken: Wir glauben, daß Gottes Geist am Wirken war für den ganzen Entstehungsprozeß der Bibel, darin eingeschlossen redaktionelle Verarbeitung von Quellen, Endgestalt der einzelnen Bücher und schließlich auch das geschichtliche Werden des Kanons. Gewiß, die Bibel ist geschichtlich geworden, aber ihre Geschichte ist spezifische Gottesgeschichte mit und durch Menschen. Die Bibel, wirklich von Gottes Geist durch wirkliche Menschen geschrieben und zustande gekommen, gleicht wohl allen anderen geschriebenen Büchern und unterscheidet sich doch so von ihnen, wie Jesus als wahrer Gott und wahrer Mensch allen Menschen wirklich gleicht und doch gleichzeitig sich von ihnen grundlegend unterscheidet als der Eine. Die eine Schrift des alten und neuen Bundes kündet den einen Mittler für alle Menschen.
1. Nützlich zur Lehre (didaskalia, vgl. den Wortgebrauch in der Pädagogik; Didaktik). Steht am Anfang wie V 10; vgl. I 5,20;Tit 1,9-13;2,15. In den Past hat die Lehre wohl einen besonderen Akzent, weil die Irrlehre überhand nimmt, doch steht die Lehre im ganzen NT - und nicht erst in den Past - immer am Anfang, denn sie ist die Grundlage des neuen Lebens. Apg. 2,42: Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel; vgl. II 3,14: Du aber verharre ... in der Schrift; Eph 2,20: aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wobei der Messias Jesus sein Eckstein ist.
Was bedeutet "Lehre"? Sie vermittelt Verständnis für den Zusammenhang göttlichen Handelns und göttlicher Weisung. ( 2 Tim 1,13.14)  Die Schrift ist nicht selbst schon Lehre, aber sie ist nützlich zur Lehre. Das eben ist der Dienst am Wort, worin ein Arbeiter sich vor Gott zu erweisen hat, daß er das Wort der Wahrheit richtig austeilt, es im Zusammenhang der göttlichen Offenbarung auslegt. ( 2 Tim 2,15) Hierin ist die Hauptaufgabe der Theologie |103|  als Dienst am Wort zu sehen[ A ]. Die Lehre allein aber ohne das entsprechende Leben kann nicht im rechten Zusammenhang bleiben. Deshalb genügt Orthodoxie allein nicht, denn die rechte Lehre muß fähig sein, vom Unrecht zu überführen; die Wahrheit muß sich an dem Gewissen dadurch erweisen, daß sie alle Unwahrheit aufdeckt. ( 2 Ko 4,2.5;1 Ko 14,24.25)

A) Zu Lehre und Belehrung bedarf es der Erneuerung des Denkens: Rö 12,2;1 Ko 9,9.13; Gal 3,6;4,22;Apg 17,2;8,35; das eine Musterbeispiel für die Anwendung der Bibel zur Belehrung, die zum Heil führt, ist das Gespräch des Philippus mit dem Schatzmeister aus Äthiopien: Apg 8,26-40.

2. Überführung (elegmos) nur hier im NT; Aufdeckung sowohl der Schuld wie der Wahrheit. Das Verb (elencho) in Tit 1,9.13 gibt denselben Zusammenhang ausführlicher: "Aufgrund der gesunden Lehre ermahnen und die Widersprechenden überführen." Das kann sowohl für Irrlehrer wie für Gemeindeglieder gelten. Jak 2,9;Eph 5,11.13;Mt 18,15: unter vier Augen zur Rede stellen; I 5,20: die, welche sündigen, in Gegenwart aller überführen und zurechtweisen;1 Ko 14,24: wo Rede aus Eingebung ist, wo der Geist aufgrund einer Weissagung in eine konkrete Lage hinein spricht, da wird ein Mensch von allen (in denen der Geist wirkt) überführt, von allen erforscht, und er fällt auf sein Angesicht nieder und betet Gott an - als Ausdruck des Überführtwordenseins in Beugung vor Gott. Er erkennt und bekennt: so bin ich, sein Wort ist wahr an mir. Vgl. Jo 16,8-11: der Heilige Geist wird überführen von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht. Ps 38,14-19: das Bekenntnis eines überführten Menschen.
Wer von der Wahrheit seiner Schuld überführt wird, der ist beschämt. Überführen heißt aber nicht, einen Menschen in der Beschämung stehen lassen, sondern ihn zum Bekenntnis, d. h. zum Eingeständnis der Sünde vor Gott zu führen und ihn dann der Vergebung von Gott her zu vergewissern, wie das der Prophet Nathan mit David getan hat. ( 2 Sam 12,1-25;Ps 51) Das ist das Musterbeispiel für prophetische Überführung aufgrund der Weisung Gottes (oder der Schrift). Über die Reue hinaus zum Bekenntnis führen, das ist schon der erste Schritt zur Wiederherstellung.
3. Wiederherstellung (epanorthosis, nur hier), Zurechtweisung = wieder den rechten Weg weisen, der verlassen worden ist, den Sünder zurückführen. Wer viele zum Leben in Gerechtigkeit zurückführt, der ist weise, er rettet Menschen vom Tode. ( Dan 12,3;Jak 5,13-20) Der Reuige soll wieder aufgerichtet werden. Er wurde auf dem falschen Weg gestoppt, von seinem verfehlten Treibern überführt (2.). Jetzt soll er auf den rechten Weg zurückgeführt |104|  werden (3.). ( vgl.Ps 1;139,1.23.24) Wiederherstellung ist ein Tun des Erbarmens, während Überführung mit Entschiedenheit, ja Strenge geschehen kann, wobei Strenge nie dasselbe ist wie Härte. Man denke an die Anklagerede des Stephanus, dessen Angesicht dabei leuchtete wie das eines Engels und der für diejenigen im Gebet eintrat, die ihn steinigten und die er zu überführen versucht hatte. Ihr Knirschen mit den Zähnen zeigt ihre Verschlossenheit, sein Angesicht und vergebendes Bitten offenbart seine Offenheit. ( Apg 6,10.15;7,51-60) Diese Rede zeigt übrigens den Ernst der Lage, auch für die Past. Auch und gerade dem Zeugen, durch den der Heilige Geist auf Grund der Schrift die Herzen und Gewissen überführt, kann und wird Verfolgung und Widerstand bis zum Martyrium entgegengebracht werden, wenn sich die Menschen verhärten.
Das Musterbeispiel wunderbarer Wiederherstellung nach dem Fall und den Tränen der Beugung ist das Gespräch des Herrn mit seinem Jünger, der ihn dreimal verleugnet hat. ( Jo 21,15-19)
4. Erziehung in der Gerechtigkeit (paideia; Pädagogik!), eigentlich mit dem heute oft gebrauchten Wort „Training' gut zu übersetzen; ebenso aus der Sportswelt: in Kondition bringen. Vgl. II 2,22;Tit 2,11-14: Gottes Gnade erzieht! Nicht strenger Rigorismus wird vor alten Wegen und Abwegen bewahren, sondern geduldiges Anleiten wird die Füße befestigen auf dem neuen Weg. Paideia meint die Formung des Menschen im äußeren wie im inneren Leben; auf die Vervollkommnung hin trainieren, aber nicht unter dem Gesetz, sondern unter Gnade. ( Mt 5,48;Rö 6,14;Phil 3,12-17)
Eph 6,4: Die Kinder erziehen in der Zucht und Ermahnung des Herrn. Um beim Wort "Erziehung" ein bloß philosophisch-pädagogisches Bemühen und Verständnis abzuwehren, steht hier: Erziehung in der Gerechtigkeit: Gestaltwerdung, Menschwerdung des Menschen ja, aber zum Menschen Gottes (17), dessen Menschsein in Gottes Gerechtigkeit, in Gottes Gerechtsprechung und Gottes Gerechtmachung wurzelt. I 6,11: Du aber, o Mensch Gottes ... jage der Gerechtigkeit nach.
17 Damit der Mensch Gottes voll zubereitet sei und zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet. Das Wort Gottes erweist seine inspirierte Vollmacht und Nützlichkeit darin, daß es den Menschen Gottes hervorbringt. Der Mensch Gottes ist im besonderen der Lehrer der Wahrheit. ( 1 Tim 6,11!) Mann Gottes ist schon im AT vor allem der Titel für den Propheten, en Mann, der Gottes Aussprüche sagt. Aber alle Gläubigen |105|  sollen zur vollen Reife des Mannesalters in Christus heranwachsen. ( Eph 4,12.13)  Der vielfache Gebrauch der Heiligen Schrift zielt auf die geistliche Reife in Christus. Wilckens übersetzt: "So soll der Gott-Mensch in uns voll ausgebildet werden." Christus soll in uns Gestalt gewinnen. ( Gal 4,19)
Das Ziel ist nicht einfach menschliche oder christliche Vollkommenheit, die man bewundern kann, nicht der fromme Selbstzweck, was nur eine Zerrform der Selbstsucht (3,2) wäre, sondern das Handeln der Liebe aus Liebe. Vgl. Kol 1,28-29: "Ihn verkündigen wir, indem wir jeden ohne Unterschied zurechtweisen und jeden ohne Unterschied in aller Weisheit unterrichten, um jeden einzelnen geistlich reif darzustellen in der Lebensgemeinschaft mit Christus" (A).
Zubereitet (artios); vollständig, Englisch: efficient. W." „So daß er in jeder Hinsicht fähig wird, Gutes zu tun.“
Zu jedem guten Werk. Siehe II 2,21: der innere Zusammenhang ist klar. Wie kann Timotheus sich reinigen, so daß er für den Hausherrn brauchbar wird? Der Abschnitt 3,10-17 zeigt es ihm deutlich. Vgl. I 5,10; Tit 3,1.
Ausgerüstet (exartizo); betont und unterstreicht den gleichen Gedanken. Ein Schiff wird ausgerüstet mit allem Nötigen und zur Abfahrt vorbereitet; wie Tit 2,11-14 für das ganze Volk Gottes ausgesagt. "Nicht tote Erinnerung an einmal Gelerntes, sondern ein Aushalten in der Schule Gottes, ein Stehen in der Wirkung des Geistes, die in jeder Schriftstelle Gegenwart und Wirklichkeit wird" (Brandt, 140). Das macht den Mann Gottes aus.
Man darf dieses Endziel des Mannes Gottes in keinen Fall oberflächlich und farblos verstehen, als ein billiges und schwächliches Nett- und Nützlichsein gegenüber allen Menschen. Der nachfolgende Abschnitt öffnet mit letztem Ernst die Tiefe und Tragweite des Dienstes, Den Timotheus vollbringen soll (II 4,5).
Ja, der Bezug auf die Bedeutung der Heiligen Schrift weist für sich schon auf den ernsten Hintergrund kommender und vielleicht schon einsetzender Verfolgung hin: Diokletian wird die Christen verfolgen lassen, weil die Kirche die Einheit des Reiches zerstöre. In den Heiligen Schriften erkennt er eine Hauptstütze des Christentums. Darum verlangt er die Auslieferung aller Heiligen Bücher und läßt sie öffentlich verbrennen. Dieser Erlaß wurde später verschärft. Häuser, in denen versteckt gehaltene Heilige Schriften entdeckt wurden, |106|  hat man zerstört. Die Zahl der Bibeln ist um jene Zeit bereits groß. Auch von den Gegnern werden sie gelesen. Der Diakon Euplos von Catania auf Sizilien wird beim Lesen der Evangelien überrascht. Mit seinen kostbaren Schriften muß er vor den Richter. Der läßt ihn die Evangelien um den Hals hängen (wie ein Amulett zum Hohn) und ihn so enthaupten[ A ].

A) Zietiert bei I. Leipoldt, Heilige Schriften, S. 194.

So ist der Hinweis auf die Heiligen Schriften nicht ein Zeichen der Verfestigung und Verhärtung des ursprünglich pneumatischen Glaubens, sondern vielmehr erneuter Hinweis auf Verfolgung und Martyrium um des willen, den die Schriften offenbaren.



Wuppertaler Studienbibel © SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten

Psalm 1

Psalm 1

1 Glücklich der Mann, der nicht folgt dem Rat der Gottlosen, den Weg der Sünder nicht betritt und nicht im Kreis der Spötter sitzt,

2 sondern seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht!

3 Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und dessen Laub nicht verwelkt; alles was er tut, gelingt ihm.

4 Nicht so die Gottlosen; sondern sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.

5 Darum bestehen Gottlose nicht im Gericht, noch Sünder in der Gemeinde der Gerechten.

6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten; aber der Gottlosen Weg vergeht.

 

Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26)

Impuls zu Psalm 1 aus:

Ulrich Parzany, Täglich rufe ich zu dir, SCM R.Brockhaus

Wie das Knurren der Löwen

Im Zweifelsfall sollte man in einen Zoo gehen, um den Psalm 1 zu verstehen. Und dort direkt zum Löwengehege, möglichst unmittelbar nach der Fütterung. Denn der Psalmbeter gebraucht ein Wort, mit dem man auch das Knurren des Löwen über seiner Beute beschreiben könnte: „Wohl dem, (...) der Lust hat am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!“ (Psalm 1,2). Ich hatte bisher nie die Möglichkeit, einen Löwen in freier Wildbahn zu beobachten. Aber ich kann mir trotzdem gut vorstellen, wie der Löwe mit genussvollem Knurren das Fleisch von den Knochen des Beutetieres abreißt.

Passt der Vergleich auf uns? Vielleicht kämpfen wir beim Bibellesen eher mit Müdigkeit und versuchen mühsam, die abschweifenden Gedanken wieder einzufangen. Dagegen hilft, den Bibeltext halblaut zu lesen, wie es im Orient bis heute üblich ist. So kann man sich besser konzentrieren. Am Anfang der Psalmen steht eine Gratulation für jeden, der das Wort Gottes genussvoll in sich aufnimmt – ähnlich wie ein hungriger Löwe seine Beute. Wir brauchen Gottes Wort täglich, damit es uns nährt und Lebenskraft gibt.

Aber gratuliert wird auch dem, der nicht „sitzt, wo die Spötter sitzen“ (Psalm 1,1). Ich habe aber Spaß an Spott und Ironie. Ich weiß, dass viele sich durch Ironie verletzt fühlen. Verhindert die Neigung zu Spott und Hohn vielleicht, dass wir dem Wort Gottes mit gebührender Ehrfurcht begegnen? Heute wird alles durch den Kakao gezogen. Der flachste Comedy-Schwachsinn findet begeisterte Zuschauer. Wenn das unser Denken prägt, ist es nicht ohne Folgen für unser Verhältnis zu Gottes Wort. Gott wird uns sein Wort nicht öffnen, wenn wir ihm keinen Respekt entgegenbringen. Die Warnung ist ernst.

Psalm 119,1-56

Psalm 119

1 Glücklich sind, die im Weg untadelig sind, die im Gesetz des HERRN wandeln.1

2 Glücklich sind, die seine Zeugnisse bewahren, die ihn von ganzem Herzen suchen.

3 Die auch kein Unrecht tun, die auf seinen Wegen wandeln!

4 Du hast deine Vorschriften geboten, dass man sie eifrig beobachte.

5 Oh, dass doch meine Wege beständig wären, deine Ordnungen zu halten!

6 Dann werde ich nicht beschämt werden, wenn ich beachte alle deine Gebote.

7 Ich will dich preisen mit aufrichtigem Herzen, wenn ich gelernt habe die Bestimmungen deiner Gerechtigkeit.

8 Deine Ordnungen will ich halten. Verlass mich nicht ganz und gar!

9 Wodurch hält ein Jüngling seinen Pfad rein? Indem er sich bewahrt nach deinem Wort.

10 Mit meinem ganzen Herzen habe ich dich gesucht. Lass mich nicht abirren von deinen Geboten!

11 In meinem Herzen habe ich dein Wort verwahrt, damit ich nicht gegen dich sündige.

12 Gepriesen seist du, HERR! Lehre mich deine Ordnungen!

13 Mit meinen Lippen habe ich erzählt alle Bestimmungen deines Mundes.

14 An dem Weg deiner Zeugnisse habe ich Freude, mehr als an allem Reichtum.

15 Deine Vorschriften will ich bedenken und beachten deine Pfade.

16 An deinen Satzungen habe ich meine Lust. Dein Wort vergesse ich nicht.

17 Tue Gutes an deinem Knecht, so werde ich leben. Ich will dein Wort halten!

18 Öffne meine Augen, damit ich schaue die Wunder aus deinem Gesetz.

19 Ein Gast bin ich im Land. Verbirg nicht vor mir deine Gebote!

20 Meine Seele zermürbt sich vor Verlangen nach deinen Bestimmungen zu aller Zeit.

21 Gescholten2 hast du die Übermütigen, die Verfluchten, die abirren von deinen Geboten.

22 Wälze von mir Hohn und Verachtung! Denn deine Zeugnisse habe ich bewahrt.

23 Sitzen auch Oberste und verhandeln gegen mich, dein Knecht sinnt nach über deine Ordnungen.

24 Deine Zeugnisse sind auch meine Lust, meine Ratgeber sind sie.

25 Am Staub klebt meine Seele. Belebe mich nach deinem Wort!

26 Meine Wege habe ich erzählt, und du hast mich erhört. Lehre mich deine Ordnungen!

27 Lass mich verstehen den Weg deiner Vorschriften. Sinnen will ich über deine Wunder.

28 Keinen Schlaf findet3 meine Seele vor Kummer. Richte mich auf nach deinem Wort!

29 Halte fern von mir den Weg der Lüge, und gewähre mir dein Gesetz!

30 Den Weg der Treue habe ich erwählt, ich habe vor mich gestellt deine Bestimmungen.

31 Ich halte an deinen Zeugnissen fest. HERR, lass mich nicht beschämt werden!

32 Den Weg deiner Gebote werde ich laufen, denn du machst mir das Herz weit.

33 Lehre mich, HERR, den Weg deiner Ordnungen, und ich will ihn bewahren bis ans Ende.

34 Gib mir Einsicht, und ich will dein Gesetz bewahren und es halten von ganzem Herzen.

35 Leite mich auf dem Pfad deiner Gebote! Denn ich habe Gefallen daran.

36 Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen und nicht zum Gewinn!

37 Wende meine Augen davon ab, das Eitle zu betrachten. Belebe mich auf deinen Wegen!

38 Halte deinem Knecht deine Zusage aufrecht, die deiner Furcht entspricht4!

39 Wende ab meine Schande, die ich fürchte! Denn deine Bestimmungen sind gut.

40 Siehe, ich sehne mich nach deinen Vorschriften! Belebe mich durch deine Gerechtigkeit!

41 Lass über mich kommen deine Gnaden, HERR, dein Heil nach deiner Zusage,

42 damit ich meinem Lästerer ein Wort antworten kann. Denn ich vertraue auf dein Wort.

43 Entziehe meinem Mund das Wort der Wahrheit5 nicht allzu sehr! Denn ich hoffe auf deine Bestimmungen.

44 Halten will ich dein Gesetz beständig, immer und ewig.

45 Und ich werde wandeln in weitem Raum, denn nach deinen Vorschriften habe ich geforscht.

46 Vor Königen will ich reden von deinen Zeugnissen und mich nicht schämen.

47 Ich habe meine Lust an deinen Geboten, die ich liebe,

48 und werde meine Hände aufheben zu deinen Geboten, die ich lieb habe. Und über deine Ordnungen will ich nachdenken.

49 Gedenke des Wortes an deinen Knecht, worauf du mich hast warten lassen!

50 Dies ist mein Trost in meinem Elend, dass deine Zusage mich belebt hat.

51 Die Übermütigen haben mich über die Maßen verspottet, aber von deinem Gesetz bin ich nicht abgewichen.

52 Ich gedachte, HERR, deiner Bestimmungen von alters her, und ich tröstete mich.

53 Zornglut hat mich ergriffen wegen der Gottlosen, die dein Gesetz verlassen.

54 Lieder waren mir deine Ordnungen im Haus meiner Fremdlingschaft.

55 In der Nacht habe ich deines Namens gedacht, HERR, und ich habe dein Gesetz gehalten.

56 Dies ist mir zuteilgeworden: Dass ich deine Vorschriften bewahre.

 

Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten

Impuls zu Psalm 119,1-56 aus:

Ulrich Parzany, Täglich rufe ich zu dir, SCM R.Brockhaus

Das gelingende Leben buchstabieren


Psalm 119 ist nach den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets geordnet. Immer nach acht Verse beginnt der neue Abschnitt mit dem nächsten Buchstaben. Jetzt blicken wir auf die ersten sieben Buchstaben-Strophen. Am Anfang steht die Gratulation für die Menschen, die nach den Wegweisungen Gottes leben.
Ich kam in der Industriestadt Essen zum Glauben an Jesus Christus. Junge Männer  setzten ihre ganze Freizeit dafür ein, dass freche Jungen wie ich die Nachricht von Jesus erfuhren. Die Einladung war klar und herausfordernd: Kehr um und folge Jesus nach! Dabei ging es nicht um ein dramatisches Bekehrungserlebnis, sondern um eine Richtungsänderung auf dem Lebensweg. Jesus sollte von jetzt an die Regie haben. Das Leitwort für uns alle war: „Wie wird ein junger Mann seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält an deine Worte“ (Psalm 119, 9).
Ganz praktisch zeigten mir die Freunde, die auch nur vier, fünf Jahre älter waren, wie ich täglich einen kleinen Abschnitt aus der Bibel lesen konnte. Das war wie eine Forschungsexpedition. Wie viele Menschen heutzutage war auch ich voller Vorurteile gegenüber der Bibel. Da lernte ich beten: „Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz“ (Psalm 119,18). Ich begriff, dass Gott, der Schöpfer und Liebhaber des Lebens, wirklich etwas vom Leben versteht. Ich begann, sein Wort auf mein Leben anzuwenden. Ich bin bis heute damit noch nicht fertig. Das Wort Gottes ist viel zu reichhaltig. Aber nach Jahrzehnten als Christ kann ich überzeugter denn je sagen: „Ich habe Freude an deinen Geboten, sie sind mir sehr lieb“ (Psalm 119,47).

Psalm 119,57-120

57 Mein Teil ist der HERR! Ich habe versprochen, deine Worte zu bewahren.6

58 Ich suchte dich zu besänftigen von ganzem Herzen. Sei mir gnädig nach deiner Zusage!

59 Ich habe meine Wege überdacht und meine Füße gekehrt zu deinen Zeugnissen.

60 Ich bin geeilt und habe nicht gezögert, deine Gebote zu halten.

61 Stricke der Gottlosen haben mich umgeben. Dein Gesetz habe ich nicht vergessen.

62 Um Mitternacht stehe ich auf, um dich zu preisen wegen der Bestimmungen deiner Gerechtigkeit.

63 Ich bin der Gefährte aller, die dich fürchten, derer, die deine Vorschriften einhalten.

64 Von deiner Gnade, HERR, ist die Erde erfüllt. Lehre mich deine Ordnungen!

65 Du hast Gutes getan an deinem Knecht, HERR, nach deinem Wort!

66 Gute Einsicht und Erkenntnis lehre mich! Denn ich habe deinen Geboten geglaubt.

67 Bevor ich gedemütigt wurde, irrte ich. Jetzt aber halte ich dein Wort.

68 Du bist gut und tust Gutes. Lehre mich deine Ordnungen!

69 Lügen haben die Übermütigen gegen mich erdichtet.7 Ich bewahre deine Vorschriften von ganzem Herzen.

70 Ihr Herz ist unempfindlich geworden wie Fett. Ich habe meine Lust an deinem Gesetz.

71 Es war gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Ordnungen lernte.

72 Lieber ist mir das Gesetz deines Mundes als Tausende von Gold- und Silberstücken.

73 Deine Hände haben mich gemacht und bereitet. Gib mir Einsicht, ich will deine Gebote lernen.

74 Die dich fürchten, werden mich sehen und sich freuen, denn ich harre auf dein Wort.

75 Ich habe erkannt, HERR, dass deine Gerichte Gerechtigkeit sind und dass du mich in Treue gedemütigt hast.

76 Lass doch deine Gnade mir zum Trost sein nach deiner Zusage an deinen Knecht!

77 Lass deine Erbarmungen über mich kommen, dass ich lebe. Denn dein Gesetz ist meine Lust.

78 Lass beschämt werden die Übermütigen, die mich lügnerisch bedrücken. Ich denke über deine Vorschriften nach.

79 Lass sich zu mir wenden, die dich fürchten und die deine Zeugnisse erkennen!

80 Lass mein Herz untadelig sein in deinen Ordnungen, damit ich nicht in Schande komme.

81 Meine Seele verzehrt sich nach deinem Heil. Ich warte auf dein Wort.

82 Meine Augen verzehren sich nach deiner Zusage: "Wann wirst du mich trösten?"

83 Denn wie ein Schlauch im Rauch bin ich. Deine Ordnungen habe ich nicht vergessen.

84 Wie viele werden der Tage deines Knechts sein? Wann wirst du Gericht halten über meine Verfolger?

85 Die Übermütigen haben mir Gruben gegraben, sie, die nicht nach deinem Gesetz sind.

86 Alle deine Gebote sind Treue8. Sie haben mich verfolgt ohne Grund. Hilf mir!

87 Wenig fehlte, so hätten sie mich vernichtet im Land. Ich aber, ich habe deine Vorschriften nicht verlassen.

88 Belebe mich nach deiner Gnade, und ich werde bewahren das Zeugnis deines Mundes.

89 In Ewigkeit, HERR, steht dein Wort fest im Himmel.

90 Von Generation zu Generation währt deine Treue. Du hast die Erde gegründet, und sie steht.

91 Nach deinen Ordnungen bestehen sie bis heute, denn alles ist dir dienstbar.

92 Wäre nicht dein Gesetz meine Lust gewesen, dann wäre ich verloren gegangen in meinem Elend.

93 Ewig werde ich deine Vorschriften nicht vergessen, denn durch sie hast du mich belebt.

94 Ich bin dein, rette mich! Denn ich habe nach deinen Vorschriften gesucht.

95 Die Gottlosen haben mir aufgelauert, um mich umzubringen9. Ich achte auf deine Zeugnisse.

96 Von allen Vollkommenen habe ich ein Ende gesehen. Doch dein Gebot reicht sehr weit.

97 Wie liebe ich dein Gesetz! Es ist mein Nachdenken den ganzen Tag.

98 Dein Gebot macht mich weiser als meine Feinde. Denn ewig ist es mein!

99 Verständiger bin ich als alle meine Lehrer. Denn deine Zeugnisse sind mein Überlegen.

100 Einsichtiger als Greise bin ich. Denn deine Vorschriften habe ich gehalten.

101 Von jedem bösen Pfad habe ich meine Füße zurückgehalten, damit ich dein Wort bewahre.

102 Von deinen Bestimmungen gewichen bin ich nicht, denn du, du hast mich unterwiesen.

103 Wie süß sind meinem Gaumen deine Worte, mehr als Honig meinem Mund!

104 Aus deinen Vorschriften empfange ich Einsicht. Darum hasse ich jeden Lügenpfad!

105 Eine Leuchte für meinen Fuß ist dein Wort, ein Licht für meinen Pfad.

106 Ich habe geschworen und halte es aufrecht, die Bestimmungen deiner Gerechtigkeit zu bewahren.

107 Ich bin über die Maßen gebeugt. HERR, belebe mich nach deinem Wort!

108 Die Gaben10 meines Mundes lass dir doch wohlgefallen, HERR! Lehre mich deine Bestimmungen!

109 Mein Leben ist ständig in meiner Hand11, aber dein Gesetz habe ich nicht vergessen.

110 Die Gottlosen haben mir eine Schlinge gelegt, aber von deinen Vorschriften bin ich nicht abgeirrt.

111 Deine Zeugnisse sind mein Erbe für ewig, denn die Freude meines Herzens sind sie.

112 Ich habe mein Herz geneigt, deine Ordnungen zu tun. Für ewig ist der Lohn!12

113 Die Gemeinen hasse ich, aber ich liebe dein Gesetz.

114 Mein Schutz13 und mein Schild bist du. Auf dein Wort hoffe ich.

115 Weicht von mir, ihr Übeltäter, ich will die Gebote meines Gottes halten!

116 Stütze mich nach deiner Zusage, so werde ich leben. Lass mich nicht beschämt werden in meiner Hoffnung!

117 Stütze mich, dass ich gerettet werde. Und ich will beständig auf deine Ordnungen schauen14.

118 Abgewiesen hast du alle, die von deinen Ordnungen abirren. Denn Lüge ist ihr Sinnen15.

119 Wie Schlacken hast du hinweggeräumt alle Gottlosen des Landes, darum liebe ich deine Zeugnisse.

120 Vor deinem Schrecken schaudert mein Fleisch, ich fürchte mich vor deinen Urteilen.

 

Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten

Der Text der Revidierten Elberfelder Bibel unterliegt dem Copyright und darf weder kopiert noch anderweitig vervielfältigt werden.

Impuls zu Psalm 119,57-120 aus:

Ulrich Parzany, Täglich rufe ich zu dir, SCM R.Brockhaus

Harte, hilfreiche Tests

In den nächsten acht Buchstaben-Strophen erfahren wir, dass der Gang auf dem Lebensweg nach Gottes Wort nicht reibungslos verläuft. Der Widerstand kommt von außen und von innen. Allzu oft meinen wir es besser zu wissen als Gott. Wir versuchen Wege zu gehen, die uns wie Abkürzungen zum Glück vorkommen oder die einfach bequemer zu sein scheinen. Um es drastisch auszudrücken: Manchmal lernt man nur, wenn man auf die Schnauze fällt. „Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort. (...) Es ist gut für mich, dass du mich gedemütigt hast, damit ich deine Gebote lerne“ (Psalm 119,67.71). Solche Erkenntnisse gewinnt man leider nur unter Schmerzen.
Der Beter gebraucht einen Vergleich: „Ich bin wie ein Weinschlauch im Rauch; doch deine Gebote vergesse ich nicht“ (Psalm 119,83). Der Rauch schwärzt den Weinschlauch. Vielleicht wird er sogar brüchig und rissig. Wird der Wein vergossen? Ist der Weg, den Gottes Gebote weisen, wirklich der zum gelingenden Leben? Es gibt Wegabschnitte, da ätzen uns die Zweifel wie der Rauch den Weinschlauch.
Aber Gottes Gebote sind keine trockenen Paragraphen, die von Bürokraten ersonnen wurden und das Leben schwerer machen, als es sowieso schon ist. Sie sind aus Liebe gegebene Gebrauchsanweisungen für ein gelingendes Leben. Sie geben Rechtsschutz. „Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend“ (Psalm 119,92).
Der Schein einer Lampe erhellt den Weg einige Meter voraus. Wenn wir in diesem Licht vorwärts gehen, erleuchtet die Lampe eine weitere Strecke: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“ (Psalm 119,105).

Psalm 119,121-176

121 Ich habe Recht und Gerechtigkeit geübt. Überlass mich nicht meinen Unterdrückern!

122 Sei Bürge für deinen Knecht zum Guten! Lass die Übermütigen mich nicht unterdrücken!

123 Meine Augen sehnen sich nach deinem Heil und nach der Zusage deiner Gerechtigkeit.

124 Handle mit deinem Knecht nach deiner Gnade und lehre mich deine Ordnungen!

125 Dein Knecht bin ich; gib mir Einsicht, so werde ich deine Zeugnisse erkennen.

126 Es ist Zeit für den HERRN, zu handeln. Sie haben dein Gesetz gebrochen16.

127 Darum liebe ich deine Gebote mehr als Gold und Feingold.

128 Darum wandle ich aufrichtig nach allen deinen Vorschriften17. Jeden Lügenpfad hasse ich.

129 Wunderbar sind deine Zeugnisse, darum bewahrt sie meine Seele.

130 Die Eröffnung deiner Worte leuchtet18, sie gibt Einsicht den Einfältigen.

131 Ich habe meinen Mund weit aufgetan und gelechzt, denn ich sehne mich nach deinen Geboten.

132 Wende dich zu mir und sei mir gnädig nach dem Anrecht derer, die deinen Namen lieben!

133 Befestige meine Schritte durch dein Wort, und gib keinem Unrecht Macht über mich!

134 Erlöse mich von der Bedrückung durch Menschen, und ich will deine Vorschriften einhalten.

135 Lass dein Angesicht leuchten über deinen Knecht, und lehre mich deine Ordnungen!

136 Wasserbäche fließen herab aus meinen Augen, weil man dein Gesetz nicht hält.

137 Gerecht bist du, HERR, und richtig sind deine Urteile.

138 Du hast in Gerechtigkeit deine Zeugnisse geboten und in großer Treue19.

139 Verzehrt20 hat mich mein Eifer, denn meine Bedränger haben deine Worte vergessen.

140 Wohlgeläutert ist dein Wort, dein Knecht hat es lieb.

141 Gering bin ich und verachtet. Deine Vorschriften habe ich nicht vergessen.

142 Deine Gerechtigkeit ist eine ewige Gerechtigkeit, und dein Gesetz ist Wahrheit21.

143 Angst und Bedrängnis haben mich erreicht. Deine Gebote sind meine Lust.

144 Gerechtigkeit sind deine Zeugnisse für ewig. Gib mir Einsicht, damit ich lebe!

145 Von ganzem Herzen habe ich gerufen: Erhöre mich, HERR! Ich will deine Ordnungen halten.

146 Zu dir habe ich gerufen: Rette mich! Ich will deine Zeugnisse bewahren.

147 Der Morgendämmerung bin ich zuvorgekommen und habe um Hilfe gerufen. Auf deine Worte habe ich gehofft.

148 Meine Augen sind den Nachtwachen zuvorgekommen, um nachzudenken über dein Wort.

149 Höre meine Stimme nach deiner Gnade! HERR, belebe mich nach deinen Bestimmungen!

150 Nahe sind gekommen, die mich arglistig verfolgen22. Fern sind sie von deinem Gesetz.

151 Du bist nahe, HERR, und alle deine Gebote sind Wahrheit23.

152 Längst habe ich aus deinen Zeugnissen erkannt, dass du sie gegründet hast auf ewig.

153 Sieh mein Elend an und rette mich! Denn dein Gesetz habe ich nicht vergessen.

154 Führe meinen Rechtsstreit und erlöse mich! Belebe mich nach deiner Zusage!

155 Fern von den Gottlosen ist das Heil, denn nach deinen Ordnungen suchen sie nicht.

156 Deiner Erbarmungen sind viele, HERR. Belebe mich nach deinen Bestimmungen!

157 Zahlreich sind meine Verfolger und meine Bedränger. Doch von deinen Zeugnissen bin ich nicht abgewichen.

158 Die Treulosen habe ich gesehen, und es ekelte mich an, weil sie dein Wort nicht bewahrten.

159 Sieh, dass ich deine Vorschriften lieb habe. Nach deiner Gnade, HERR, belebe mich!

160 Die Summe deines Wortes ist Wahrheit24, und jedes Urteil deiner Gerechtigkeit währt ewig.

161 Oberste haben mich verfolgt ohne Ursache. Aber vor deinem Wort hat mein Herz gebebt.

162 Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht.

163 Lüge hasse und verabscheue ich. Dein Gesetz liebe ich.

164 Siebenmal am Tag lobe ich dich wegen der Bestimmungen deiner Gerechtigkeit.

165 Großen Frieden haben die, die dein Gesetz lieben. Sie trifft kein Straucheln.

166 Ich habe auf dein Heil gewartet, HERR, und deine Gebote habe ich erfüllt.

167 Meine Seele hat deine Zeugnisse befolgt, und ich liebe sie sehr.

168 Deine Vorschriften und deine Zeugnisse habe ich befolgt, denn alle meine Wege sind vor dir.

169 Lass mein Schreien nahe vor dich kommen, HERR! Gib mir Einsicht nach deinem Wort!

170 Lass vor dich kommen mein Flehen! Rette mich nach deiner Zusage!

171 Meine Lippen sollen Lob hervorströmen lassen, denn du lehrst mich deine Ordnungen.

172 Meine Zunge soll dein Wort besingen25. Denn alle deine Gebote sind Gerechtigkeit.

173 Lass deine Hand mir zur Hilfe kommen! Denn ich habe deine Vorschriften erwählt.

174 Ich sehne mich nach deiner Hilfe, HERR! Dein Gesetz ist meine Lust.

175 Meine Seele soll leben und dich loben! Deine Bestimmungen sollen mir helfen!

176 Ich bin umhergeirrt wie ein verloren gegangenes Schaf. Suche deinen Knecht! Denn ich habe deine Gebote nicht vergessen.

 

Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten

Der Text der Revidierten Elberfelder Bibel unterliegt dem Copyright und darf weder kopiert noch anderweitig vervielfältigt werden.

Impuls zu Psalm 119,121-176 aus:

Ulrich Parzany, Täglich rufe ich zu dir, SCM R.Brockhaus

Die große Beute

Weil Gott uns liebt und aus Gnade und Barmherzigkeit durch Jesus mit uns den Liebesbund fürs Leben geschlossen hat, freuen wir uns über seine Wegweisungen. Wir versuchen nicht, durch die Erfüllung der Gebote vor Gott anständig dazustehen. Durch die Vergebung unserer Sünden hat der Vater uns liebevoll in die Arme geschlossen. Nun zeigt er uns den weiteren Lebensweg. Er will nicht, dass wir wieder auf falsche Wege kommen.
Selbstgerechtigkeit ist eine Sackgasse. Israel erfuhr Gottes Liebe durch die Rettung aus der Sklaverei und den Bundesschluss am Sinai. Wir spüren seine Liebe durch Jesus. Nun sehen wir auch seine Gebote als Ausdruck seiner Liebe zu uns: „Deine Mahnungen sind Wunderwerke; darum hält sie meine Seele“ (Psalm 119,129). Aus Dankbarkeit haben wir den großen Wunsch: „Lass meinen Gang in deinem Wort fest sein und lass kein Unrecht über mich herrschen“ (Psalm 119,133). Wir möchten unsere Tage richtig steuern. Deshalb ist es hilfreich, morgens Zeit zum Bibellesen und Beten zu suchen: „Ich komme in der Frühe und rufe um Hilfe; auf dein Wort hoffe ich. Ich wache auf, wenn's noch Nacht ist, nachzusinnen über dein Wort“ (Psalm 119,147-148).
Allzu oft gehen wir trotzdem falsche Wege. Der gute Hirte Jesus gibt uns auch dann nicht auf. Wir dürfen zu ihm rufen: „Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf; suche deinen Knecht, denn ich vergesse deine Gebote nicht“  (Psalm 119,176).
Gottes Wort ist Zuspruch der Vergebung, Ermutigung, Trost, Wegweisung und Korrektur. Mit diesem Psalm will Gottes Wort in uns ein Freudenfeuer entzünden. Wir dürfen einstimmen: „Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht“ (Psalm 119,162).“

Römer 8,32-39

32 (Er), der doch sogar des eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns nicht auch zusammen mit ihm alles schenken?

33 Wer erhebt Anklage gegen die Auserwählten Gottes? Gott (ist ja) der Gerechtsprechende!

34 Wer (ist) der (sie) Verurteilende? Christus (ist) der (für sie) Gestorbene, vielmehr aber der Auferweckte, der auch da ist zur Rechten Gottes, der auch Fürsprache für uns einlegt!

35 Wer wird uns trennen (können) von der Liebe des Christus? Bedrängnis oder Beengung oder Verfolgung oder Hunger oder Nacktheit oder Gefahr oder Schwert?

36 Wie geschrieben ist (Psalm 44,23): »Deinetwegen werden wir getötet den ganzen Tag, wir werden angesehen als Schlachtschafe.«

37 Aber in diesen (Dingen) allen siegen wir überwältigend durch den, der uns geliebt hat.

38 Ich bin also gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, überhaupt keine Mächte,

39 weder Höhe noch Tiefe noch irgendein anderes Geschöpf wird das Vermögen haben, uns zu trennen von der Liebe Gottes in Christus Jesus unserm Herrn.

Die sieghafte Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus

32 Der Auftakt V. 31 klang grundsätzlich, gültig für Zeit und Ewigkeit. Das ist festzuhalten, auch wenn jetzt wiederholt lediglich die Zeitstufe der Zukunft[A] gewählt worden ist. Sie gestattet sowohl eine Anwendung auf das zukünftige Endgericht als auch auf gegenwärtige Erfahrung der Glaubenden.

A) V. 32: »wird schenken«, V. 33: »wird anklagen«, V. 35: »wird trennen«, V. 39: »wird nicht trennen können«.

Eine zweite Frage beteuert Gottes grenzenloses Für-uns-Sein. (Er), der doch sogar des eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben... Der Ausdruck »dahingeben« hat hier den gleichen Inhalt wie in 1,24.26.28: Auslieferung an den Strafvollzug. Darum: »Der Satz, dass Gott seinen Sohn preisgibt, gehört zu den unerhörtesten Aussagen des NT ... Hier ist geschehen, was Abraham an Isaak nicht zu tun brauchte (1Mo 22,16): Christus wurde vom Vater in voller Absicht dem Schicksal des Todes überlassen; Gott hat ihn hinausgestoßen unter die Mächte des Verderbens ...«[A] Es geschah für uns (s. zu 3,25; 4,25; 5,8), und zwar für uns alle, für Juden und Heiden. Der Einzige, der Sünde wirklich ernst nimmt, Gott, bewirkt die Umschuldung von den Schuldigen auf den Unschuldigen; die von ihm geschaffenen Menschen sind ihm teurer als sein Teuerstes. Hier zeigen sich die »Tiefen Gottes«, wie der Heilige Geist sie nach 1Kor 2,10 ausleuchtet und nach Röm 5,5 dem Menschenherzen erschließt.

A) W. Popkes, Christus, S. 286; vgl. Gal 3,13.

Dem Größten folgt denknotwendig alles Kleinere, der unaussprechlichen Gabe folgen Zugaben. (2Kor 9,15; Mt 6,33; 1Sam 17,37) Wie sollte er uns nicht auch zusammen mit ihm alles schenken? Es ist, als ob eine Lawine losgetreten sei. Über unserm Leben bricht vorbehaltloses Schenken aus. »Alles schenken« heißt zunächst: Alles vergeben! (2Kor 2,7.10; 12,13; Eph 4,32; Kol 2,13; 3,13) Das Gewissen ist wieder so sauber wie ein Maimorgen. Aber »schenken« geht nach biblischem Gebrauch noch darüber hinaus. Gott kehrt die toten Werke nicht aus, ohne zweitens einzukehren mit seinen positiven gegenwärtigen Heilsgaben. (1Kor 2,12; Eph 1,8; Phil 2,29) Drittens legt hier der Zusammenhang ab 8,17 auch den Gedanken an Zukünftiges, eben an das »Erbe« nahe. Es besteht in der »Erlösung unseres Leibes« als der »herrlichen Freiheit der Kinder Gottes« (V. 18.21.23.30). Freie genießen Herrenrecht. So werden die Glaubenden mit Christus herrschen über das All[A] und über die Mächte. Sie erben die Herrschaft Gottes. (Röm 4,13; 5,17; 1Kor 4,8; 6,9f; 15,50; Eph 5,5; Offb 20,6; 22,5) Erst damit ist hier das Wörtchen »alles« ausgeschöpft. Die ursprüngliche Würde des Menschen nach 1Mo 1,26 (»die da herrschen«) ist wieder hergestellt.

A) Griech. ta panta kann sowohl mit »alles« als auch mit »das All« übersetzt werden.

33-34 Es folgt ein ähnlicher Gedankengang wie 31-32. Wer erhebt Anklage gegen die Auserwählten Gottes? Gott (ist ja) der Gerechtsprechende! Wer (ist) der (sie) Verurteilende? Christus (ist) der (für sie) Gestorbene. Aber dann spitzt Paulus anders zu: Christus ist vielmehr der Auferweckte, der auch da ist zur Rechten Gottes, der auch Fürsprache für uns einlegt! In V. 32 und 34a ist er derjenige, an dem gehandelt wird, in V. 34b dagegen der Handelnde. Die Aussage über Christus leitet Paulus hier mit einem »vielmehr« ein und entfaltet daraus ein zweifaches »nicht nur, sondern auch«: Er ist nicht nur gestorben, sondern erstens auch auferweckt und zweitens auch als Erhöhter tätig. Dadurch ist der Wert seines Sterbens in gar keiner Weise herabgestuft; das »vielmehr« besteht darin, dass es sich wirksam in die Gegenwart hinein verlängert. Ein Christus, der nur früher einmal da war und starb, später einmal wiederkommt und dazwischen Pause hat, wäre nicht der biblische Christus. Den urchristlichen Glauben beschäftigte zentral Jesu gegenwärtige Rolle zur Rechten Gottes, dem Platz des Mitregenten. Die Wendung stammt aus Ps 110,1, ein Basisvers für das NT, den es häufiger zitiert als jedes andere Schriftwort. Nach diesem Psalm ist der Herr zu unserer Zeit nach zwei Seiten tätig. Einerseits legt er im Rahmen des Weltgeschehens einen Feind nach dem anderen zu seinen Füßen nieder (1Kor 15,25). Andererseits aber steht er als Priester für seine Gemeinde ein (Heb 4,15-16; 7,25; Joh 14,16f; 17,9-17; 1Joh 2,1; Jes 53,12: Hi 19,25-29). Von einer Sekunde zur anderen verdankt sie sich diesem seinem Wirken. In keiner Befindlichkeit steht sie vor Gott allein, allein als die, die sie in sich selber ist, sondern immer als die, die sie in Christus ist.
35-36 Dies Für-uns-Sterben und Für-uns-Leben bezeichnet Paulus jetzt als die Liebe des Christus[A] und stellt sich für einen Augenblick der atemberaubenden Frage: Wer wird uns trennen (können) von der Liebe des Christus? Das Einssein mit ihm verlieren, hieße wahrhaftig Verlierer sein. Tatsächlich wird an dieser Verbundenheit gerüttelt, z.B. durch apostolische Leiderfahrung. Trotz ihrer Hingabe für ihre Mitmenschen erleben christliche Zeugen sich ausgegrenzt aus der bürgerlichen Gemeinschaft, manchmal als »erbärmlicher als alle anderen Menschen« (1Kor 15,19). Da sind Bedrängnis oder Beengung[B] oder Verfolgung oder Hunger oder Nacktheit[C] oder Gefahr oder Richterschwert? (1Kor 4,9-13; 2Kor 4,9,7-12; 6,4-10; 11,23-27) Passen solche Erlebnisse überhaupt zu ihrer Überzeugung, »Auserwählte Gottes« (V. 33), erklärte Lieblinge der Heilsgeschichte zu sein? War da nicht doch eigene Schuld im Spiel und darum Trennung von Gott und allen guten Geistern? Haben die Verfolger und Spötter und die ringsherum so sicher Dahinlebenden immer nur Unrecht? Aber der Apostel findet in seiner Erschütterung Halt an der Schrift: So ungeschützt er allen möglichen Fehldeutungen ausgeliefert ist, die Gestalt seines Lebens erklärt sich von höherer Warte aus ganz anders. Wie geschrieben ist (Psalm 44,23): »Deinetwegen, gerade wegen tiefster Bindung an den gekreuzigten Herrn (V. 17), gerade weil »uns die Liebe des Christus im Griff hat« (2Kor 5,14), werden wir getötet den ganzen Tag, wir werden angesehen als Schlachtschafe«; nicht einmal zur Gewinnung von Wolle hält man uns für nützlich.

A) In dieser »Liebe des Christus« erweist sich die »Liebe Gottes« (V. 39, vgl. V. 37). So ist nicht nur Gott für uns (V. 31), sondern auch Christus (V. 34-37) und der Geist (V. 26).
B) LÜ übersetzt hier »Angst«, aber in die Aufzählung äußerer Leiden fügt sich ein seelischer Zustand weniger gut ein. Wahrscheinlich denkt Paulus an ausweglos scheinende praktische Engpässe. In 2Kor 1,8f erzählt er, dass er manchmal nicht mehr weiterwusste. Die Vokabel stenochôria findet sich auch 2Kor 4,8; 12,10.
C) Galt als Zeichen äußerster Armut Mangel an nötigster Kleidung.


37 An diesem Tiefpunkt erhebt sich ein unwiderstehlicher Siegeshymnus. Schon in 5,3-5 wurden selbst erfahrene Bedrängnisse in einen Prozess der Hoffnung hineingerissen. Aber in diesen (Dingen) allen siegen wir überwältigend durch den, der uns geliebt hat. Paulus fügt dem Wort »siegen« die Vorsilbe »über« hinzu[A]: nicht nur siegen, sondern »übersiegen«, glänzend siegen.

A) Solche enthusiastischen Wortzusammensetzungen mit »über« (hyper) liebte er sichtlich, z.B.: überreiches Wachstum (2Thess 1,3), überragende Herrlichkeit (2Kor 3,10), Übermaß der Kraft (2Kor 4,7), über alle Maßen mehr, als wir erbitten (Eph 3,20), unüberbietbare Erkenntnis (Phil 3,8), Gnade im Übermaß (Röm 5,20), überschwängliche Gnade an mir (1Tim 1,14), Christus durch Gott übererhöht (Phil 2,9).

38-39 Schließlich wollen uns auch geistige Mächte vom Segens- und Machtbereich der Liebe Gottes abschotten. In seiner großen Darstellung der Menschenschuld von 1,18-3,20 hatte Paulus diese Mächte noch völlig ausgeblendet. Nichts sollte die eigene Verantwortung des Menschen für sein Tun verdecken. Sobald er aber ab 3,21 das Evangelium einführte, musste er auch von überindividuellen Mächtigkeiten sprechen, wie besonders ab Kap. 5 deutlich wird. Das Evangelium, das nach 1,16 selber eine dynamische Macht (dynamis) darstellt, stößt nämlich nicht in ein Machtvakuum hinein, sondern in ganze Systeme, die sich im Aufruhr gegen Gott befinden.[A] Dieser Tatsache stellt sich der Apostel jetzt zusammenfassend und abschließend, um auch auf diesem Feld das Bekenntnis zur Übermacht der Liebe Gottes aufzurichten. Dazu beruft er sich auf das Gewicht geistlicher Erfahrung: Ich wurde überzeugt und bin nun gewiss.

A) Weiteres zu diesen Mächten s. zu V. 39. Herrschaft stößt auf Herrschaft. Darum rüstete Jesus seine Jünger mit »Vollmacht über die unreinen Geister« aus, als er sie aussandte, die Gottesherrschaft auszurufen (Mk 6,7).

Die folgende Aufzählung hat in vielen Briefen Parallelen (1Kor 3,22; 15, 24-26; Phil 2,10.20; Eph 1.21; 6,12; Kol 1,16; 2,10.15; 1Petr 3,22), übertrifft sie aber an Umfang und Geschlossenheit. Unter den zehn Ausdrücken stehen sich vier Mal zwei Eckpunkte gegenüber, die offenbar jedes Mal die ganze Fülle dessen umfassen, was zwischen ihnen liegt. Tod und Leben umfasst ähnlich wie in 14,7 und Phil 1,20 unser ganzes geschöpfliches Dasein. Bei »Tod« sind alle seine Vorformen einzubeziehen (Offb 21,4), so dass der Einfluss mannigfacher Leidensmächte vor Augen steht (Krankheit, Mühsal, Unglück, Armut, Unterdrückung, Streit und Krieg). Ebenso ist »Leben« aufzufächern, nämlich nach seinen aufbrechenden, drängenden, mitreißenden Kräften, die immer auch des Menschen Unglück werden können. Das Paar »Engel - Herrschaften« lässt in die vielschichtige Hierarchie von dienenden und gebietenden Geistern hineinblicken. »Gegenwärtiges - Zukünftiges« macht die unheimliche Größe »Zeit« bewusst. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Die Zeit läuft, wir laufen unweigerlich mit, ob wir wollen oder nicht. Was kommt noch alles auf uns zu! »Höhe - Tiefe« vergegenwärtigt die Weite des Raumes. Schon damals wurden solche Ortsbezeichnungen auch zu bedrohlichen Machtsphären in ihrer Erhabenheit oder Abgründigkeit aufgeladen. 2Kor 10,5 spricht Paulus von überheblichen, »hohen Gedankengebäuden, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen«. Wir Heutigen sprechen auch von seelischen Hochs oder Tiefs und kennen unsere Abhängigkeit von ihnen. Noch in V. 38 wurde als Sammelausdruck »Mächte« eingestreut. Der Abschluss: noch irgendein anderes[A] Geschöpf, ordnet alle genannten Größen rückschauend innergeschöpflich ein (vgl. Kol 1,16). Gott schuf nach 1Mo 1-2 nicht nur Gegenständliches, sondern auch Kräfte, die die Dinge bewegen, ordnen, durchwalten. Aber auch sie sind in den Fall des Menschen hineingerissen, was nun auf ihn zurückschlägt. Statt dem Menschen zu dienen, können sie ihn bedrohen. Der Kosmos funktioniert nicht mehr ohne weiteres. Sie befehden sich auch gegenseitig. Als Chaoten hätten sie aus dem Kosmos längst ein einziges Chaos gemacht, wäre da nicht das Aufhalten Gottes (2Thess 2,6). Von Gott gelöst, können sie nur von Gott lösen und verderben. Darum erstreckt sich das Werk Christi auch auf sie. Gott hat Christus zu ihrem Herrn gemacht, sie niederzuringen (Eph 1,10.20-22; 1Kor 15,25). Dabei darf das Thema »Christus und die Mächte« nicht auf Christus und die politischen Mächte verkürzt werden und die Gemeinde darf nicht kurzschlüssig politisiert werden.

A) Ihre Zahl ist für Paulus hier nicht erschöpft. Ähnlich fügt er Eph 1,22 an: »und jeder Name (jede Autorität), der genannt werden mag«, so dass wir ergänzen dürfen: geistige Prinzipien, Gesetzmäßigkeiten, die sich absolut setzen wollen, Denkschablonen, Systeme, Vorurteile, Ideologien, Utopien, geistige und kulturelle Traditionen. Ganze Epochen sind von ihnen wie chloroformiert.

Paulus geht an dieser Stelle nicht in die Einzelheiten. Er ist gefesselt von »Gottes großer Liebe, mit der er uns geliebt hat« (Eph 2,4), wohlgemerkt von dieser Liebe als Tat, nicht als ruhender Eigenschaft.[A] Gott trat zu einem bestimmten Datum aktiv in die gestörte Welt ein. Das Opfer Christi verlieh dem Gesamten der Schöpfung das entscheidende und unaufhaltsame Gefälle zum Heil. Aus seiner Auferweckung schöpft Paulus jene Gewissheit, die er schon V. 28-30 umriss. Nichts kann diese Tat und dieses Tun der Liebe aufheben noch unsere darin gründende Gemeinschaft mit Gott aufbrechen. Ein ganzer Kosmos von Antikräften wird nicht das Vermögen haben, uns zu trennen von der Liebe Gottes in Christus Jesus, unserm Herrn. Im Gegenteil: Unser Glaube ist der Sieg, der den Kosmos überwunden hat (1Joh 5,4).

A) Die allgemeine Rede vom »lieben Gott«, der gar nicht anders kann als einfach lieb zu sein, ist eine Erfindung des 18. Jh.s Verbissen halten wir an dieser Ideologie fest, erscheinen damit im Gottesdienst und erwarten von der Predigt in kindischer Anspruchshaltung die uns zustehenden Streicheleinheiten. Das ist denkbar weit weg von der »Liebe Gottes in Christus Jesus unserm Herrn«.

Wuppertaler Studienbibel © SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten
Der Text unterliegt dem Copyright und darf weder kopiert noch anderweitig vervielfältigt werden.

Kapitel 4 - Die Gemeinde

Vertiefung

Die Gemeinde - Allein geht man ein! Aber gemeinsam ist’s auch nicht so einfach

Ich will in diesem Kapitel zeigen, warum es Christsein ohne Kirche nicht gibt und welcher Schatz in der Gemeinschaft mit anderen Christen verborgen liegt. Viele Menschen erleben das bereits so. Andere folgen vielleicht eher dem Motto „Gott ja, Kirche nein“. Da ist Klärung nötig.
Das Wort „Kirche“ hat verschiedene Bedeutungen. Es bezeichnet zum einen das Gebäude, in dem Gottesdienste gefeiert oder Konzerte veranstaltet werden. Aber es kann auch eine Organisation bezeichnen, in der viele Gemeinden zusammengefasst sind. Manche reden lieber gar nicht von Kirche, sondern von Gemeinden. Man muss nicht nur die Bibel, sondern auch die Geschichte kennen, um sich ein Bild zu machen und den eigenen Weg zu finden.
Jesus nimmt jeden Einzelnen ernst und mutet ihm auch Konflikte mit der damals fast allmächtigen Großfamilie zu. Andererseits verbindet er Menschen mit völlig unterschiedlichen sozialen, ethnischen und kulturellen Prägungen zu einer herzlichen und dauerhaften Gemeinschaft zusammen. Die Bibel redet von der Gemeinde der Christen als von einem Körper, in dem jedes Organ und Glied gebraucht wird. Was heißt das für unsere individualistische Zeit, in der  einerseits Gemeinschaft zerbröselt und – scheinbar widersprüchlich - andererseits bei jungen Leuten die Werte von verlässlichen Beziehungen, wie Freundschaften und Familie so hoch im Kurs stehen.
Es geht dann auch um die ganz praktischen Fragen: Schließe ich mich einer Kirche und Gemeinde an? Werde ich aktiv? Reicht es, passiv Mitglied zu sein? Warum gibt es so viele verschiedene Kirchen? Die reden doch so viel von Einheit. Warum einigen sie sich nicht?

Apostelgeschichte 2,42-47

42 Sie blieben aber beharrlich bei der Lehre der Apostel und bei der Gemeinschaft, beim Brechen des Brotes und bei den Gebeten.

Apg 20,7; Eph 5,19; Phil 2,1; Kol 3,16

43 Es überkam aber jede Seele Furcht; viele Wunder und Zeichen aber geschahen durch die Apostel.

Apg 5,11;19,17; Jo 20,23; Mk 16,17-18.20

44 Alle Gläubiggewordenen aber waren zusammen und hatten alles gemeinsam.

Apg 4,32

45 Und die Grundstücke und Besitztümer verkauften sie und verteilten es an alle, entsprechend, wie einer es nötig hatte.

46 Täglich verharrten sie einmütig in dem Tempel und brachen in den Häusern das Brot, nahmen Nahrung zu sich mit Frohlocken und Schlichtheit des |72| Herzens,

Apg 5,14; 6,7; 9,31; 11,21.24; 12,24; 14,1; 19,20; Eph 5,19-20; Kol 3,16; Jak 5,13

47 lobten Gott und hatten Gunst bei dem ganzen Volk. Der Herr aber fügte hinzu, die sich retten ließen, täglich zu demselben.

42 Wie geht es nach dem bewegenden Pfingsttag weiter? Es ist bezeichnend, daß wir hier so wenig wie in den letzten Worten Jesu vom Zeugendienst seiner Jünger Ermahnungssätze und Befehlsworte lesen, sondern nur einfache Aussagesätze. Wir meinen ja nach Bekehrungen und geistlichen Durchbrüchen immer gleich warnen zu müssen: "Nun müßt ihr aber auch . . .!" Damals war das nicht nötig, denn der Geist war da und schenkte in lebendiger Wirklichkeit, was wir mit vielen Ermahnungen doch nicht erreichen. "Sie blieben aber beharrlich . . ."[ A ]. Seelische Begeisterung verrauscht schnell, der Heilige Geist schafft Bleibendes.

A) Der hier verwendete Ausdruck "proskarterein = verharren" kommt - besonders in Verbindung mit dem Gebet - vielfach im NT vor: Apg 1,14;2,46;6,4;Rö 12,12. 13.6;Eph 6,18;Kol 4,2. Wie entscheidend wichtig ist das "beharrliche Bleiben" für den Fortgang und die Reifung unseres geistlichen Lebens!

Wobei blieben sie? Vor allem "bei der Lehre der Apostel". Es war hier so gewesen, wie es heute noch oft bei Bekehrungen ist: Das Zentrum des Lebens war von der Evangelisation getroffen, die entscheidende Wendung war geschehen, Menschen waren ein Eigentum Jesu geworden - aber wie wenig wußten sie von Jesus! Wie begierig waren sie, mehr, viel mehr von Jesus zu erfahren. Sie mußten nicht zum Bibellesen gedrängt werden, sie drängten sich um das lebendige NT, das in den Aposteln vor ihnen stand. Und nun werden wir uns den "Unterricht" der Apostel nach der jüdischen Sitte sehr schulmäßig und gerade darum befriedigend und beglückend zu denken haben. Die Apostel entwickelten nicht theologische und dogmatische Gedanken, sondern erzählten, "was Jesus zu tun und zu lehren begann" (Kap. 1,7), erzählten, was sie mit Jesus erlebt hatten, und überlieferten die Aussprüche, Reden und Gleichnisse des Herrn. Und die Hörer prägten sich alles ein und lernten es auswendig als Menschen, die von klein auf daran gewöhnt waren, ihrem Gedächtnis viel Bibel einzuprägen. So lebten die Evangelien schon lange in Herz und Gedächtnis vieler, ehe davon etwas aufgeschrieben wurde. Solches Lernen und Auswendiglernen aber war nicht "langweilig", sondern beglückend. Wie reich wurde man, indem man immer mehr und mehr von diesem Jesus in sich aufnahm, dem man als dem Retter und Messias in inniger Dankbarkeit gehörte[ A ]. |73|

A) Ob nicht auch unser Bibellesen viel froher würde, wenn wir nicht immer meinten, erst unsere erbaulichen Gedanken über den Text machten es fruchtbar, sondern wenn wir in der Aneignung des Textes selbst das Wichtigste und Schönste des Bibellesens erfaßten und wieder viel mehr Zeit auf das Auswendiglernen verwendeten?

Die Lehre der Apostel hatte sofort noch eine zweite Aufgabe. Wir haben es mit Israeliten zu tun. Ihnen hatte bisher der Unterricht der Schriftgelehrten gezeigt, wie man das Gesetz auf alle Einzelheiten des Lebens anwende. Darum war man gern mit allen Fragen der Lebensgestaltung zu den Schriftgelehrten gekommen. Nun gehörte das Leben Jesus; für ihn, zu seinem Wohlgefallen sollte es gelebt werden. Wie sah das aus? Wie folgte man praktisch "den Fußspuren Jesu nach" (1 Pt 2,21)? Das mußten nun die Apostel den jung Bekehrten zeigen, auch wenn sie es nicht rabbinisch und gesetzlich tun konnten[ A ].

A) In diesem Punkt hat uns in der evangelischen Christenheit viel gefehlt. Darum erwuchs unter uns jenes Christentum, das nur noch im Hören des Vergebungswortes bestand und die Gestaltung des ganzen wirklichen Lebens einer Standesethik oder gar der "Eigengesetzlichkeit" der verschiedenen Lebensgebiete überließ!

Endlich werden die Apostel in ihrer "Lehre" noch eines getan haben, was gerade für Israeliten unentbehrlich war: Sie zeigten auf, wie das Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu den großen Verheißungen des Alten Bundes entsprach. So hatte Jesus selber den Jüngern "die Schrift geöffnet", daß ihnen "das Herz darüber brannte" (Lk 24, 27-32). So führten Petrus wie Paulus in jeder ihrer Reden den "Schriftbeweis". So konnten die jungen Christen in Jerusalem genau wie später die Leute in Beröa selber prüfen, "ob sich's so verhielte" (Apg 17,11). Jesus wurde erwiesen als die Erfüllung des Alten Testamentes, und das Alte Testament erschloß sich von Jesus her allen in einem ganz neuen Licht.
Sie blieben aber auch beharrlich "bei der Gemeinschaft". Petrus hatte lediglich von der Errettung und Bekehrung des einzelnen gesprochen. Umkehren und sich erretten lassen, ist in der Tat Sache jedes einzelnen in der ganzen Verantwortung seiner eigenen Entscheidung. Wir hören kein Wort, daß Petrus dann anschließend auch noch etwas davon gesagt hätte, wie sie nun aber zusammen bleiben und recht treu im Besuch aller Veranstaltungen sein müßten. Es wurde nicht zur Gründung einer Gemeinde aufgefordert oder die Bildung eines Vereins der Jesus-Gläubigen beschlossen. Dies alles war gar nicht nötig, denn "sie blieben beharrlich bei der Gemeinschaft". Es zog sie ganz von selbst[ A ] zueinander. Es hätte keiner jetzt für sich bleiben mögen[ B ]. |74|

A) Dafür haben wir in der Kirchengeschichte viele Beispiele. So erlebt es Dr. Baedecker auf seinen Reisen durch Rußland, wo zu seiner Zeit unter dem russischen Hochadel viele errettet worden waren. "Hoch und nieder war verbunden in einer Liebe zu einem Herrn. In vielen Häusern kamen die Gläubigen zusammen, um miteinander die Bibel zu lesen und zu beten"; so berichtet Baedecker. (Karl Weber, Dr. F. W. Baedecker, Ein Weltreisender Gottes, Metzingen 1960.)
B) Ganz entsprechend bedarf es bei echten Erweckungen keiner Ermahnungen. Man kann vielmehr gar nicht genug Gelegenheiten zum Zusammenkommen schaffen, denn danach verlangt es alle ganz von selbst. Der Vorwurf gegen die Evangelisation, sie ziele nur auf Bekehrung des einzelnen und vergesse die Gemeinde, ist von hier aus gesehen ganz gegenstandslos. Jeder echte Bekehrte sucht nach Gemeinschaft, nur leider, daß es ihm oft sehr schwer gemacht wird, sie zu finden. Vgl. Mund "Theophil Krawielitzki", 2. Aufl., Marburg 1954.

Diese Gemeinschaft ist nicht nur eine geistliche und erbauliche, sondern ist konkrete Lebensgemeinschaft. Das kommt zum Ausdruck in dem "Brechen des Brotes". Das Wort meint zunächst einfach die gemeinsame Mahlzeit, die nach jüdischer Sitte mit dem Brechen und Verteilen des Brotes eingeleitet wird (vgl. Kap. 20,11;27,35; Mt 14, 19;15,36;auch 26,26;Lk 24,30.35). Man aß zusammen, natürlich wie V 46 sagt, gruppenweise in Häusern[ A ]. Dabei konnte die Gemeinschaft im Teilen und Abgeben sofort konkret werden. Aber nach 20,7 dürfen wir annehmen, daß Lukas auch hier schon beim "Brotbrechen" zugleich die Feier des Herrenmahles vor sich sah. Diese Feier erwuchs - genau wie bei ihrer Einsetzung durch Jesus selbst - aus der gemeinsamen Mahlzeit und hatte, weit entfernt von Altar, Liturgie und Priestertum, in Haus und Mahlzeit ihren lebendigen Platz. So war es selbst noch in der heidenchristlichen Gemeinde von Korinth[ B ], wie 1 Ko 11,17-34 zeigt.

A) Bei der Größe der Gemeinde war ein Zusammenkommen aller "reihum" in den Häusern der Christen ausgeschlossen.
B) Hier bahnt sich freilich um bestimmter Unzuträglichkeiten willen deutlich die Trennung des "Herrenmahles" von den häuslichen Mahlzeiten an und wird von Paulus selbst gewünscht (V. 22).

Endlich blieben sie beharrlich "bei den Gebeten". Da hier in allem von dem gemeinsamen Leben der ersten Gemeinde gesprochen wird, haben wir bei "den Gebeten" vor allem an Gebetsgemeinschaften zu denken. Gemeinsames Glauben treibt zum gemeinsamen Beten. Wieviel war nun auch täglich durchzubeten, selbst wenn sich dieses Beten zunächst noch ganz in den Grenzen Israels hielt. Alle waren in Dank und Beugung, Bitte und Fürbitte an der Gebetsgemeinschaft beteiligt. Als Israeliten waren die Glieder der Jesus-Gemeinde an das regelmäßige Beten gewöhnt. Psalmen und das "Achtzehn-Bitten-Gebet" waren in aller Munde. Aber mit all diesem Beten waren sie dennoch "das verkehrte Geschlecht" gewesen, dessen Beten nicht taugte. Nun ist ihnen das Anrufen des Vaters im Geist und in der Wahrheit geschenkt worden, der Kindesschrei aus einem vom Sohnesgeist erfüllten Herzen (Jo 4,24;Rö 8,15;Gal 4,6). Was für Gebetsgemeinschaften wurden nun gehalten! Kapitel 4,23-24 wird uns einen Blick da hinein tun lassen.
43 "Es überkam aber jede Seele Furcht." Finden wir das seltsam? Die "Furcht Gottes" ist uns freilich fremd geworden, weil Gott uns fern |75|  und undeutlich wurde, ein bloßer Gedanke unseres Kopfes. Von den ersten Christen aber schreibt Bengel zu unserer Stelle mit Recht: "Habebant enim DEUM praesentum" - "sie hatten nämlich GOTT gegenwärtig". Für Errettete war es darum nicht jene Angst vor Strafe, von der Johannes schreibt, daß die völlige Liebe sie austreibt (1 Jo 4,18). Es war vielmehr die heilige Scheu derer, die nun wirklich in der Gegenwart Gottes im Heiligen Geist und so "bei dem verzehrenden Feuer und der ewigen Glut wohnten", von der Jesaja 33,14 sprach. Es ist die "Furcht", die gerade Petrus den Glaubenden als bleibendes Merkmal ihres ganzen Wandels wünscht (1 Pt 1,17).
Diese Nähe Gottes wurde handgreiflich spürbar in den "Wundern und Zeichen, die durch die Apostel geschahen"[ A ]. Der lebendige Gott ist seinem Wesen nach ein Gott der Wunder, ein Gott, der in die Wirklichkeiten des Lebens helfend, befreiend, heilend eingreift. Von da aus überkam die "Furcht" auch diejenigen, die noch nicht zur Gemeinde gehörten. Man sah mit Scheu auf diese Christen, bei denen sich Gott so mächtig erwies, und hütete sich, ihnen zu nahe zu treten. Man ahnte etwas davon, daß Gott noch etwas anderes sei als jene Gestalt alter Überlieferung, die man in hergebrachten Formen ohne besondere Erschütterung des Herzens "geglaubt" und verehrt hatte. Es ist ein Merkmal der Echtheit jener "Wunder und Zeichen", daß sie nicht Begeisterung und Schwärmerei, sondern "Furcht" erweckten.

A) Wir haben im Text wörtlich übersetzt: Viele Wunder und Zeichen "aber" geschahen . . . Das im Grie. unaufhörlich gebrauchte "de" ist vielmehr eine verbindende Partikel als ein eigentliches "aber" und kann hier in diesem Zusammenhang geradezu den Sinn eines "nämlich, denn" annehmen. Die entscheidende Furcht Gottes wird also ausdrücklich mit den geschehenden Zeichen und Wundern in Verbindung gebracht.

44/45 "Alle Gläubiggewordenen aber waren zusammen und hatten alles gemeinsam." Man kann auch übersetzen: sie "behandelten alles als ihnen allen in gleicher Weise gehörenden, gemeinsamen Besitz" (so G. Stählin). Das war unmittelbar ernst gemeint. "Und die Grundstücke und Besitztümer verkauften sie und verteilten es an alle, entsprechend wie einer es nötig hatte." Die grie. Zeitform, in der hier das Wort "sie verkauften" steht, deutet an, daß dieses Verkaufen nach und nach geschah, wo eben besondere Nöte zu solchen Entschlüssen treiben. Wir müssen dabei die sozialen Zustände in Jerusalem bedenken. Die Stadt war dicht bevölkert, aber war durch ihre Lage zur Handelsstadt ungeeignet und wies auch sonst keine besonderen Erwerbsquellen auf. So gab es dort viel Armut. Es werden auch die Apostel nicht die einzigen gewesen sein, die die galiläische Heimat und mit ihr die Existenzgrundlage aufgegeben hatten. Diese Gemeindeglieder mußten von den andern mit erhalten werden. Dazu kam, daß diese Gemeinde in den ersten Wochen ihres Bestehens viel Zeit |76|  haben wollte zum Bleiben in der Apostel Lehre, in der Gemeinschaft, in den Gebetsversammlungen. Diese Zeit wurde dem Erwerb entzogen. Die große Kollekte, die viele Jahre später Paulus mit Eifer in seinen Gemeinden für Jerusalem sammelte, bestätigt das Bild, das uns Lukas zeichnet. Eben weil es in Jerusalem nicht viele Besitzende und Wohlhabende gab, kam die Urgemeinde trotz der hingebenden Liebe in ihren Reihen nicht aus den finanziellen Nöten heraus.
Wieder ist es wichtig, daß wir beachten: Nicht Forderungen werden erhoben, nicht Ideale entwickelt, wie es eigentlich bei Christen sein müßte, sondern geschehene Tatsachen werden berichtet. So geschah es damals, so machten es "alle Gläubiggewordenen". Die Äußerung des Petrus in Apg 5,4 zeigt, wie grundsätzlich dabei die volle Freiheit des einzelnen gewahrt blieb. Es war einfach dies, daß der Brudername nicht ein bloßes Wort war, sondern alle so herrlich Erretteten und im Messias Jesus Verbundenen sich wirklich als eine große Familie fühlten, in der keiner sein Eigentum ängstlich wahrte und keiner einen Bruder in Not sehen mochte. "Entsprechend wie einer es nötig hatte", wurde ein Grundstück[ A ] oder anderer Besitz von einem wohlhabenden Gemeindeglied verkauft und damit dem Bruder geholfen. Dazu half die biblische Auffassung des Menschen, die die Gemeindeglieder als Israeliten ohne weiteres mitbrachten. Hier wurde nicht nur die Seele des Menschen hochgeschätzt, sondern der ganze Mensch in seiner leib-seelischen Existenz als Einheit gesehen und die Wichtigkeit seines "äußeren Lebens" unmittelbar erkannt. Das spiegelt sich darin wider, daß im Alten Bund das große Zukunftsziel nicht das "Jenseits" war, sondern das "Gelobte Land", in dem sie "die wüsten Städte bauen und bewohnen, Weinberge pflanzen und Wein davon trinken, Gärten machen und Früchte daraus essen" (Am 9,14). So war jetzt auch im Pfingstgeschehen der ganze Mensch von Gott beschlagnahmt worden mit Seele und Leib, mit seinem ganzen Besitz, und war mit allem, was er war und hatte, in den Dienst Gottes gerufen. Und ebenso sah er den Nächsten nicht als eine geistlich zu betreuende "Seele", sondern als einen Bruder, dessen gesamte Existenz und Existenznot ihn unmittelbar anging. Die "Gemeinschaft" als solche war sofort und von vornherein nicht nur eine "religiöse", auf das "Innerliche" beschränkte, sondern eine konkrete und das ganze Leben umfassende[ B ].|77|

A) Das hier stehende Wort bedeutet zunächst allgemein "Besitz, Eigentum". Seine Verwendung in Apg 5,1 im Vergleich zu Apg 5,8 zeigt aber, daß es den engeren Sinn von "Grundstück" angenommen hat.
B) Welche Verheerungen hat hier das wieder und wieder eingedrungene "grie." Denken in der Christenheit angerichtet. Wie selbstverständlich sehen wir bis heute in unserem Geld, in unserem Besitz, in unseren Rechten und Verrechten unsere eigene Sache, die mit unserem Verhältnis zu Gott und zu unserem Bruder nichts zu tun hat. Wie tüchtig kommen wir uns vor, wenn wir bei der kirchlichen Kollekte die bescheidenen "Gaben unserer Liebe" in den Korb legen oder gar den Zehnten geben. Wie völlig kühl haben wir im 19. Jahrhundert dem werdenden proletarischen Schicksal zugesehen. An Gegenstößen urchristlichen Geistes hat es nicht gefehlt: In manchen Zweigen des Mönchtums, in der Brüder-Unität, in Diakonissen-Mutterhäusern, in Vater Bodelschwinghs Werken und anderwärts war davon etwas zu spüren. Aber es blieben doch vereinzelte Erscheinungen, während damals die Urgemeinde als solche und als ganze in dieser echten "Gemeinschaft" lebte.


46 "Täglich verharrten sie einmütig in dem Tempel." Das taten sie nicht aus bloßer Gewohnheit oder Anhänglichkeit an alte Sitten. Es war schon etwas, wenn die Jesusjünger sich den Priestern unterstellten die die Treibenden bei dem Vorgehen gegen Jesus gewesen waren. Dazu reichte das Band der Sitte nicht aus. Es wäre nicht zu verwundern gewesen, wenn die Apostel erklärt hätten: Mit dem Tempel und mit diesem Priestertum haben wir nichts mehr zu tun. Aber damit wäre der Ernst des Verhältnisses von Altem und Neuem Testament, von Jesusgemeinde und Israel völlig verkannt. Jesus ist ja nicht der Stifter einer neuen Religion, sondern der Messias Israels. Jesus vollendet die Geschichte Gottes, die mit der Berufung Abrahams begonnen hatte. Wer ihn als Messias erkannt, gehört nicht weniger, sondern erst recht in Israel hinein. Der Gedanke, sich von Israel und seinem Tempel zu trennen, konnte jenen ersten Christen überhaupt nicht kommen. Ihr tägliches Weilen im Tempel war der selbstverständliche Ausdruck ihrer Zugehörigkeit zu dem Israel, das nun durch Jesus am Ziel seiner ganzen Geschichte stand.
Wohl aber hatten sie notwendig zugleich noch ihre eigenen Zusammenkünfte: "Sie brachen in den Häusern das Brot, nahmen Nahrung zu sich mit Frohlocken und Schlichtheit des Herzens." Diese Zusammenkünfte bei den gemeinsamen Mahlzeiten hatten ihr Kennzeichen in "Frohlocken und Schlichtheit des Herzens". Auf den Speisezettel haben sie dabei wenig geachtet! Und diese jubelnde Freude war nicht ein Gegensatz zur "Furcht" oder von der Furcht auch nur eingeschränkt, sondern war genauso wie die "Furcht" die Wirkung der ganzen Gegenwart Gottes. Immer verfehlen wir die Wahrheit, wenn wir bei Gott die Gerechtigkeit und die Liebe, den Ernst und die Güte trennen. Immer verlieren wir darum die ganze tiefe Freude, wenn wir die Furcht Gottes verlieren. Vor dem in Jesus, in seinem Kreuz und seiner Auferstehung offenbaren lebendigen Gott ist uns der überströmende Dank und die heilige Scheu gleichzeitig geschenkt. Der Heilige Geist in unserem Herzen läßt uns jubeln und erzittern, Gott fürchten und lieben. Dabei müssen wir darauf achten, daß das Wort "Frohlocken" immer "endzeitlichen" Klang hat. "Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen; |78|  ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entliehen" weissagte Jesaja (35,10). Wenn es jetzt in der Gemeinde diese Mahlzeiten voll Jubel und Lob Gottes gab bei aller äußeren Armut, dann waren diese Mahlzeiten schon Vorbild und Angeld des Hochzeitsmahles der Endzeit, da Gott in aller seiner Herrlichkeit in sichtbarer Gegenwart unter seinem Volke weilen und es mit "unaussprechlicher und herrlicher Freude" (1 Pt 1,8) erfüllen wird, Daß sie, die Feinde Gottes und Mörder Jesu, zu diesen "Erlösten den Herrn" gehören durften, das war ein immer neuer Grund dieses "Frohlockens", das jetzt schon die Tage der jungen Gemeinde durchstrahlte. Die in der sogenannten "Didache"[ A ] überlieferten Abendmahlsgebete lassen uns etwas davon ahnen, wie wir uns dieses "Zu-sich-Nehmen der Nahrung mit Frohlocken und Schlichtheit des Herzens und mit dem Lobpreis Gottes" zu denken haben.

A) Diese Schrift ist in deutscher Übersetzung zu finden in: Edgar Hennecke, Neutestamentliche Apokryphen, 3. Aufl., Tübingen 1959, S. 555 ff.

47 So waren diese ersten Christen mit Gott und den Menschen im Frieden, "sie lobten Gott und hatten Gunst bei dem ganzen Volk". Es war ein großes Geschenk, daß diese Gemeinde - anders als die in Thessalonich (1 Th 1,6) - sich zunächst im Frieden aufbauen durfte. Nun war es nicht von außen erschwert, zum Glauben an Jesus zu kommen und ihm das Leben auszuliefern. Freilich, die innere Überwindung der Herzen bringt keine äußere Gunst der Lage und nicht einmal das werbende Wort einer lebendigen Gemeinde als solches zustande. Nur der Herr selbst kann uns aus Unglauben und Verlorenheit erretten und die Bekehrung schenken. So tat es Jesus damals. Es blieb nicht bei der einmaligen Erweckung am Pfingsttag. Täglich gab es die große Freude an Menschen, die sich retten ließen. "Der Herr aber fügte hinzu, die sich retten ließen, täglich zu demselben."[ A ]|79|

A) "Zu demselben", so haben wir wörtlich übersetzt. Diesen Ausdruck hat man sehr bald nicht mehr verstanden und daher in den Handschriften Änderungen und Verbesserungen versucht. Aus solchen alten Verbesserungen stammt Luthers "zu der Gemeinde". Das Wort, das auch schon Apg 1,15;2,1.44 von Lukas gebraucht wurde, ist die grie. "Übersetzung eines hbr Wortes, das oft im AT vorkommt und "miteinander, zusammen" bedeutet. Die Bekehrten blieben nicht allein und vereinzelt. Sie wurden vom Herrn "zu demselben hinzugetan", sie wurden "miteinander und mit den andern "zusammengeschlossen".

Apostelgeschichte 4,32-34

32 Die Menge der Gläubiggewordenen aber war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, daß etwas von seinen Besitztümern sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

Jo 17,21f

33 Und mit großer Kraft legten die Apostel das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus ab, und große Gnade waltete über ihnen allen.

Apg 2,45.47

34 Denn es war auch kein Notleidender unter ihnen. Denn alle, die Besitzer von Grundstücken oder Häusern waren, brachten nach dem Verkauf den Preis für das Verkaufte

5 Mo 15,4

"Sie wurden erfüllt alle mit dem Heiligen Geist", so schloß der vorige Abschnitt. Und dies zeigte sich nicht nur im freimütigen Zeugnis nach draußen. Der Geist Gottes ist nicht nur - wie es in unserer Kirche leicht erscheinen kann - ein Mittel der Verkündigung. Er gestaltet vor allem das innere Leben: "Die Menge der Gläubiggewordenen aber war ein Herz und eine Seele." Gewiß findet sich der Ausdruck vom "einen Herzen" auch schon in im AT (1 Chro 12,38); und auch im Griechentum gab es ein Nachdenken über das Wesen der Gemeinschaft und ein Sehnen danach[ A ]. Anklänge an das, was auch sonst von Menschen über Einmütigkeit und Gemeinschaft gedacht und gesagt worden war, sind von der Sache her selbstverständlich. Wichtig und groß aber ist, daß hier im Heiligen Geist verwirklicht war und gelebt wurde, was sonst überall ein bloßes theoretisches Ideal bleibt[ B ]. Die Liebe ist die Grundfrucht des Geistes (Gal 5,22), das die Gemeinde umschlingende "Band der Vollkommenheit" (Kol 3,14).

A) Haenchen weist in seinem Kommentar S. 188 darauf hin, daß in der berühmten Nikomachischen Ethik des Aristoteles als griechisches Gemeinschaftsideal "eine Seele" und "Gemeinschaft am Eigentum der Freunde" erwähnt werden. Lukas deutet hier an, daß die erste Gemeinde auch das "griechische Gemeinschaftsideal verwirklichte". Ebenda S. 190.
B) Paulus hat diese Verwirklichung auch für seine geliebten Philipper vor Augen 1,27; 2,2. Wir aber werden beschämt erkennen müssen, wie wir hier weithin nur Worte und keine Wirklichkeit mehr haben. Vgl. das wichtige Buch von J. H. Oldham "Ein Mensch wagt zu leben" (6. Aufl. Bad Salzuflen 1961). Ebenso wird uns von solchem Leben der Gläubigen berichtet in dem Buch von Frank Houghton "Amy Carmichael von Dohnavur" (2. Aufl. Wuppertal 1961). Auf S. 52 heißt es: "Im ganzen Hause herrscht eine Atmosphäre der Leibe und des Gehorsams. In dieser großen Familie von über 30 Menschen, deren Alter von 34 Jahren bis zum Kind von 9 Monaten schwankt, habe ich nicht einen bösen Blick gesehen, noch ein ungeduldiges Wort gehört. Eine Schar von liebevolleren, selbstloseren Frauen, Mädchen und Kindern kann man nicht leicht finden. Ich glaube, das Geheimnis besteht darin, daß man alles, Großes und Kleines, für Gott tut, um Ihm wohlzugefallen, und in dem Bewußtsein, daß Jesus gegenwärtig ist." Dabei brauchen wir nicht zu verkennen, wie schwer das Lieben für uns bleibt und wie die Gemeinschaft auch unter den Gläubigen beständig bedroht ist: Apg 6,1;11,2;15,2; 20,30;Eph 4,3.

Diese Liebe zeigt sich hier gerade am kritischen Punkt! "Auch nicht einer sagte, daß etwas von seinen Besitztümern sein eigen sei." Wie leicht endet unsere Liebe an dieser Stelle. Lukas hat in seinem Evangelium, noch mehr als die andern Evangelisten, die gefährliche Macht des Besitzes geschildert (Lk 12,13-21;16;19,1-10). Nun freut er sich, zeigen zu können, wie in der jungen Christenheit diese Macht |106|  wirklich gebrochen war, gerade darum, weil hier nicht eine gesetzliche Regelung alle zum Verzichten zwang. Für jeden blieben die Grundstücke und Häuser sein unangetasteter Besitz. Aber niemand versteifte sich auf sein Besitzrecht und verteidigte sein Eigentum. Hier wurde nicht eine neue soziale Gestaltung versucht, nicht ein neuer "Eigentumsbegriff" gefunden. Hier wurde eine völlig neue innere Haltung eingenommen. Diese Haltung wirkte sich in allen aus, sowohl in denen, die wie Maria, die Mutter des Johannes = Markus (Apg 12,12), ihr großes Haus behielt, um es in anderer Weise für die Brüder nutzbar zu machen, und auch in denen, die wie Barnabas tatsächlich ihr Grundstück verkauften. "Es war ihnen alles gemeinsam", oder wie wir auch übersetzen könnten: "Sie betrachteten alles als gemeinsamen Besitz."
Die ganze Eigenart in dieser Haltung der Urgemeinde wird besonders deutlich, wenn wir sie mit dem Leben der ungefähr gleichzeitigen Ordensgemeinschaft von Qumran[ A ] vergleichen. Man hat gern auf die großen Ähnlichkeiten hingewiesen und gefragt, ob sich das Urchristentum nicht geradezu aus solchen jüdischen, "Sekten" wie Qumran ableiten ließe. Aber der Unterschied zwischen "Urchristentum" und "Qumran" ist auch hier ein wesenhafter: in Qumran hartes Gesetz um der eigenen Vollkommenheit willen, in der Gemeinde Jesu ohne jeden gesetzlichen Zwang ganz vom Evangelium her die innere Lösung vom Besitz und die Freiheit der Liebe, die nicht auf die geistlichen Höhen des eigenen Ich, sondern auf die Tiefen der Nöte des Bruders sieht. Zudem ist die ganze Lage für "Qumran" und für die Urgemeinde grundverschieden. Klöster und Orden, seien es essenische oder christliche oder buddhistische, können eine als Einrichtung durchgeführte Gütergemeinschaft haben; jene erste, aus Familien bestehende Gemeinde konnte es nicht. Eine Familie kann ohne ein gewisses Maß persönlichen Besitzes, der frei zu ihrer eigenen Verfügung bleibt, nicht leben. Hier kann die "Gemeinsamkeit des Besitzes" nur in jener inneren Haltung bestehen, der das Gedeihen des Ganzen und das Gedeihen des Bruders wichtiger als alles eigene "Recht" ist. Darum ist es auch falsch, von einem "urchristlichen Kommunismus" zu sprechen, auch wenn die Formulierung "alles gemeinsam" immer wieder |107|  dazu verleitet hat. Wirklicher Kommunismus und christliche Lebensgemeinschaft erwachsen aus total verschiedenen Wurzeln, ob uns das nun lieb oder leid ist. G. Stählin sagt auch treffend, daß die hier gegebene Schilderung des Lukas ein "Urbild, aber kein Vorbild" sei. Damals in Jerusalem handelte die Liebe kraftvoll in der ihr jetzt gegebenen Lage. Wir denken noch einmal an die großen Schwierigkeiten, die in Jerusalem dem Erwerbsleben entgegenstanden und dadurch besondere Nöte schafften (s. o. S. 75). In den paulinischen Gemeinden war das anders. Darum hat Paulus das "Vorbild" von Jerusalem nicht nachgemacht, sondern seinen Gemeinden ganz andere Regeln gegeben (vgl. 1 Th 4,11 f;2 Th 3,6-12). Aber die Not in Jerusalem hat er anerkannt und mit starkem Einsatz die große Sammlung für die Urgemeinde betrieben (2 Ko 8;9;Rö 15,25-31). Und das "Urbild" tatkräftiger, brüderlicher Liebe bleibt auch für ihn in Geltung: 1 Th 4,9f; Gal 6,2.6.

A) 1947 wurden in einer Höhle bei Qumran in der judäische Wüste nahe am Toten Meer wertvollste biblische Handschriften gefunden. Sie entstammen der Bibliothek eines Klosters aus der Zeit Jesu und seiner Apostel. Ob die Mönchsgemeinschaft dieses "Klosters" zu den "Essenern" gehörte oder eine eigene jüdische Sekte darstellte, ist - wie so viele Fragen um Qumran - noch nicht endgültig geklärt. Sicher ist aber, daß diese religiöse, jüdische Genossenschaft, die dort lebte, Besitzlosigkeit, Ehelosigkeit, Gütergemeinschaft und harte Askese übte. (F. F. Bruce, Die Handschriftenfunde am Toten Meer, München 1957; J. Jeremias, Die theolog. Bedeutung der Funde am Toten Meer. Göttingen 1962.)

Eine unmittelbare und dann notwendig "gesetzliche" Nachahmung der Urgemeinde wäre ein Mißverständnis der Schrift. Aber das "Urbild" darf uns keine Ruhe lassen. Die innere Haltung jener ersten Gemeinde Jesu darf und muß wieder die unsere werden. Welche konkreten Formen der brüderlichen Gemeinsamkeit sie dann findet, wird von der jeweiligen geschichtlichen Lage her bestimmt sein müssen. Dankbar wollen wir auf Stätten wie auf das alte Herrnhut sehen, wo in der gesellschaftlichen Umwelt des 18. Jahrhunderts der "Gemeingeist" ein wirkliches Zusammenleben in wirklicher Bruderschaft schuf, oder auf die Lebensformen in der Mission Karl Studds[ A ], in dem Dohnavur der A. Carmichael[ B ] und in anderen Werken. Und es kann jeder von uns an seinem Platz und in seiner Weise in der "Haltung" leben, die unser Abschnitt schildert.

A) Vgl. "Karl Studd, Ein Bote Gottes" und "Mit Studd im Kongo", beide v. Norman P. Grubb, Basel o. J.
B) "Amy Carmichael von Dohnavur" von Frank Houghton, Wuppertal 1961.


33 V 33 ist von manchen Auslegern als späterer Einschub angesehen worden, der den klaren Zusammenhang zwischen V. 32 und 34 störe. Aber kann nicht gerade der Heilige Geist diesen Platz für seinen Hinweis auf das bleibende Zentrum des Gemeindelebens gewählt haben? Er mahnt dadurch: Seht nicht nur auf den urchristlichen Liebes-Kommunismus, der euch vielleicht begeistert! Verliert euch nicht darin. Diese Liebe war nur da, weil "mit großer Kraft die Apostel von der Auferstehung des Herrn Jesu" zeugten. Hier kann uns die Formulierung verwundern. Wir haben uns daran gewöhnt, die Auferstehung Jesu als einen "Lehrpunkt" der christlichen Dogmatik anzusehen, bei dessen Darlegung eine besondere "Kraft" nicht nötig zu sein scheint. Im NT ist das ganz anders. Die Auferweckung |108|  Jesu von den Toten ist in ihrem Geschehen selbst das Werk unerhörter göttlicher Kraft. Und diese gleiche Macht Gottes ist auch "erweckend" am Werk, wo es in Menschen zum Glauben an den Auferstandenen kommt (vgl. Eph 1,19.20;Kol 2,12). Wirklicher Glaube ist ein "mit Christus lebendig gemacht, mit ihm auferweckt werden" (Eph 2,5.6). Darum muß auch die Verkündigung der Auferstehung "mit großer (göttlicher!) Kraft" geschehen[ A ]. Zugleich aber war es auch wieder eine Hilfe für das Zeugnis der Apostel, daß der Stand in der Gemeinde die umwandelnde Macht des auferstandenen Herrn merken ließ. Hier entkräftete die beschämende Wirklichkeit des Gemeindelebens nicht die großen Worte der Verkündigung. Die Verkündigung der Apostel geschah so, wie es später Paulus, Silvanus und Timotheus in Thessalonich erfuhren: "Unser Evangelium war bei uns nicht allein in Worten, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewißheit" (1 Th 1,5). Das ist die Art rechter Verkündigung in Jerusalem und Thessalonich und an jedem Ort der Welt.

A) Unsere "Homiletik" (Lehre von der Predigt) wird diesen entscheidenden Gesichtspunkt ganz neu erfassen müssen! Wie anders wird sich die ganze Zurüstung des Nachwuchses gestalten, wenn wir wieder daran denken werden, daß wirkliches "Predigen" nicht nur eine Sache der "reinen Lehre", sondern wesentlich eine Sache der "Kraft" ist.

Dann gilt auch immer, was hier hinzugefügt wird: "Große Gnade waltete über ihnen allen." Es handelt sich an unserer Stelle nicht wie in Apg 2,47 um die "Gunst bei dem ganzen Volk", sondern wie in Lk 2,40 um Gottes Gnade, die auf ihnen ruhte. Diese Gnade wirkte sich aber nicht nur in der Kraft der Verkündigung aus.
34/35 Sie brachte in der jungen Gemeinde die Verheißung von 5 Mo 15,4 zur Erfüllung: "Denn es war auch kein Notleidender unter ihnen." Die Fürsorge für die jeweils Bedürftigen ist aber nun nicht mehr eine rein persönliche Sache zwischen diesen und den Wohlhabenden wie Apg 2,45. Jetzt sind die Apostel eingeschaltet: Die Besitzer von Grundstücken oder Häusern "brachten nach dem Verkauf den Preis für das Verkaufte und legten ihn zu den Füßen der Apostel nieder. Es wurde aber ausgeteilt einem jeglichen so, wie einer es bedurfte". In der größer gewordenen Gemeinde müssen diese Dinge umfassender geordnet werden. Es bildet sich eine gemeinsame Kasse, die ganz selbstverständlich von den Aposteln verwaltet wird. Sie sind die allen bekannten Männer in der Gemeinde, ihnen übergibt man das Geld. Beim "Lehren" der Gemeinde (Kap. 2,42) sitzen sie auf einem erhöhten Platz, so daß die Gaben "zu ihren Füßen niedergelegt" werden. Näheres erfahren wir aber nicht. Beschließen die Apostel unter sich über die Zuteilung von Gaben? Wurde bereits regelmäßig Buch geführt? Halfen Gemeindeglieder bei der Überbringung der Unterstützungen? |109|  Man wird sich an die gute Organisation der Wohltätigkeit in den jüdischen Gemeinden angelehnt haben. Wie die Ordnung dann noch weiter ausgebaut zu werden verlangte, wird uns Kapitel 6 zeigen. Wir werden es in dieser Welt - leider - immer wieder erleben, daß das einfache, unmittelbar persönliche Helfen von Mensch zu Mensch, von Christ zu Christ nicht ausreicht und von Ordnungen überbaut werden muß, die einerseits alles wirksamer zusammenfassen, andererseits aber auch leichter zur Form erstarren lassen und dem Helfen für Geber und Empfänger den kostbaren Duft der ganz persönlichen warmen Liebe nehmen. Übrigens zeigt auch hier wieder das Imperfekt in der Schilderung, daß es sich um ein "Verkaufen" und "Bringen" nach und nach von Fall zu Fall handelt. Das Wort "alle" ist daher auch an dieser Stelle wie so oft im NT nicht arithmetisch, sondern grundsätzlich zu verstehen.

1. Korinther 12,12-27

12 Denn gleichwie der Leib einer ist und Glieder in Vielzahl hat, aber alle die Glieder des Leibes, obwohl viele, ein Leib sind, so auch der Christus.

Rö 12,4f; 1 Ko 12,27;10,17

13 Denn es wurden ja in einem Geiste wir alle zu einem Leib getauft, ob Juden oder Griechen, ob Sklaven oder Freie, und wurden alle mit einem Geist getränkt.

1 Ko 10,2-4; Ga 3,28

14 Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele.

1 Ko 12,20

15 Wenn der Fuß spräche: Weil ich nicht Hand bin, gehöre ich nicht zum Leibe, so gehört er deswegen doch zum Leibe.

16 Und wenn das Ohr spräche: Weil ich nicht Auge bin, gehöre ich nicht zum Leibe, so gehört es deswegen doch zum Leibe.

17 Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn ganz Gehör, wo der Geruch?

18 Nun aber hat Gott die Glieder gesetzt, jedes einzelne von ihnen am Leibe, wie er gewollt hat.

1 Ko 15,38

19 Wenn aber das alles ein Glied wäre, wo (wäre) der Leib?

20 Nun aber sind der Glieder viele, aber der Leib einer.

1 Ko 12,14

21 Es kann aber nicht das Auge sagen zur Hand: ich habe dich nicht nötig; oder wiederum der Kopf zu |206| den Füßen: ich habe euch nicht nötig.

22 Nein, vielmehr die Glieder des Leibes, die schwächer zu sein scheinen, sind notwendig;

23 und die wir für weniger ehrenvoll am Leibe halten, die umgeben wir mit besonderer Ehre; und unsere unanständigen (Glieder) erhalten besondere Anständigkeit;

24 unsere anständigen aber haben es nicht nötig. Aber Gott hat den Leib zusammengemischt, dem zurückstehenden besondere Ehre gebend,

25 damit nicht eine Spaltung in dem Leibe sei, sondern einträchtig füreinander sorgten die Glieder.

26 Und wenn ein Glied leidet, leiden alle die Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle die Glieder mit.

Rö 12,15

27 Ihr aber seid der Leib Christi und Glieder als Teil angesehen.

Rö 12,5; Eph 5,30

12 Das "denn" am Anfang des neuen Abschnittes zeigt, daß Paulus bei seinen Darlegungen über das Wirken des Geistes und über die Mannigfaltigkeit und Einheit der Gnadengaben immer schon die Gemeinde und ihr Leben vor Augen gehabt hat. Warum gibt es die vielen verschiedenen Dienste, die doch in dem einen Geist und unter dem einen Herrn in fester Einheit zueinander gehören? Deshalb, weil die Gemeinde der eine Leib mit den vielen verschiedenen Gliedern ist. "Denn gleichwie der Leib einer ist und Glieder in Vielzahl hat, aber alle die Glieder des Leibes, obwohl viele, ein Leib sind, so auch der Christus."
Über das "Geheimnis" der Gemeinde, "das vor den Äonen in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war" und "jetzt im Geist offenbar ist seinen heiligen Aposteln und Propheten" (Eph 3,9.5) macht Paulus hier keine Aussagen. Es steht aber doch vor den Korinthern da, wenn er seinen Satz nicht so abschließt, wie wir es erwarten würden: "so auch die Gemeinde", sondern die kühne Formulierung wagt: "so auch der Christus". Also die Gemeinde gehört als "Leib" völlig zu dem Christus hinzu, sie ist ein unablösbarer Bestandteil des Christus, und ohne die Gemeinde ist "der Christus" nicht mehr zu denken. Es lebt nicht über den Sternen ein Christus und auf Erden eine selbständige Gemeinde, die zu diesem Christus in gewissen Beziehungen des Glaubens steht. Christus ist auch nicht nur das "Haupt" eine Leibes, dem der Leib in voller Selbständigkeit gegenübersteht. Der Christus verleiblicht sich vielmehr in der Gemeinde, er wohnt im Heiligen Geist in ihr als in seinem Tempel. Der Christus ist nicht nur als "gepredigter" im "Wort" in der Welt, sondern lebt leibhaftig in seiner Gemeinde unter den Menschen, redet durch die Gemeinde, liebt durch sie, rettet durch sie, hilft und heilt durch sie. Welch eine Hoheit, aber auch welche Verantwortung liegt damit auf der Gemeinde. |207|  Das müssen gerade die Korinther bedenken, die in ihrem individuellen Freiheitsstreben "die Gemeinde Gottes verachten" (11,22), Brüder ohne viel Bedenken verderben (8,11) und "Holz, Heu, Stroh, Rohr" in den Bau der Gemeinde hineinkommen lassen. Auch die Dienstgaben des Heiligen Geistes werten sie nur dann richtig, wenn sie das Wesen der Gemeinde in ihrer ganzen Größer vor Augen haben.
Daß das Bild vom "Leib" für menschliches Gemeinschaftsleben im Altertum viel gebraucht worden ist, läßt sich leicht nachweisen. Aber seine Verwendung durch Paulus ist dennoch einzigartig. Es bleibt bei ihm nicht nur ein hilfreiches "Bild". Der Christusleib ist von Paulus vielmehr als eine volle Wirklichkeit erkannt und so vor die Korinther hingestellt.
13 Wie im vorigen Abschnitt liegt es Paulus den Spannungen und Spaltungen in Korinth gegenüber vor allem an der Einheit dieses Leibes. Der nun folgende Satz will darum nicht eigentlich auf die Frage antworten, wie wir die Zugehörigkeit zu diesem Leibe erlangen. Betont und hervorgehoben ist vielmehr die Einheit über der ganzen Mannigfaltigkeit der Menschen, aus denen die Gemeinde sich zusammensetzt. Solche Mannigfaltigkeit schafft sonst in der Welt die tiefen Gegensätze und Trennungen. Wie unüberwindlich war damals der "Jude" vom "Griechen" und der "Sklave" vom "Freien" geschieden. Aber diese bisher alles bestimmenden Unterschiede verloren ihre trennende Macht, als aus Juden und Griechen, Sklaven und Freien das Wundergebilde des Leibes Christi entstand. In Christus und in seinem Geist und Leben sind sich jetzt Juden und Griechen, Sklaven und Freie näher, als sich sonst Menschen in irgendwelchen Verbundenheiten der Rasse, der Nation, der Blutsverwandtschaft, der Kultur oder der persönlichen Freundschaft sein können. Wie kam das zustande? Nicht durch ein Streben und Ringen der Menschen, die sich um solche Einheit mühten. Um derartige Mißverständnisse auszuschließen, greift Paulus auf das Taufgeschehen zurück, das ganz allein von Gott her Menschen verschiedenster Art zusammenfügte: "Denn es wurden ja in einem Geiste wir alle zu einem Leib getauft, ob Juden oder Griechen, ob Sklaven oder Freie, und wurden alle mit einem Geist getränkt." Das "Getränktwerden mit dem Geist" könnte sich - wir denken an Kap. 10,4 - auf das Herrenmahl beziehen. Doch wäre dann die Vergangenheitsform "wir wurden getränkt" verwunderlich. So wird auch diese Aussage mit zu dem Blick auf das Taufgeschehen gehören. Paulus ist im Verständnis der Taufe so real wie in seiner Auffassung des Herrenmahles. In der Taufe geschieht wirklich etwas, und zwar Entscheidendes. In der Taufe vollzieht sich ein Wirken des Geistes von Leben bestimmender Macht[ A ]. Es schafft aus den vielen den einen Leib, der |208|  von dem einen Geist erfüllt ist und alle seine Glieder mit dem einen Geist getränkt sieht[ B ].

A) Gerade darum wird niemand wagen können, diese Aussagen im Ernst auch auf die Scharen der nur traditionsgemäß als Säuglinge getauften Menschen anzuwenden. Oder man muß zum wenigsten mit den Lutherischen Bekenntnisschriften feststellen, daß "die Getauften wider das Gewissen gehandelt, die Sünden in ihnen herrschen lassen und also den Heiligen Geist in ihnen selbst betrübt und verloren haben" (Konkordienformel SD II 69). Dann ist aber der Satz des Paulus ebenfalls nicht mehr auf sie anwendbar.
B) Der Christus kann wesensgemäß nur einen Leib haben. Die Einheit der Gemeinde ist also nicht ein Ziel, nach dem wir streben und das wir durch bestimmte Bemühungen allmählicher oder schneller erreichen können. Die Einheit der Gemeinde ist fort und fort einfach eine Tatsache. Gerade auch durch den einen Geist, mit dem alle getränkt sind. Wir aber sind gefragt, ob wir diese Tatsache in unserm ganzen Verhalten beachten und anerkennen oder nicht. Der Angehörige jeder andern Denomination ist entweder noch kein Glied am Leibe Christi, dann darf ich in herzlicher Liebe helfen, daß er es wird; oder er ist es tatsächlich, dann kann ich in ihm nur voll und ganz den Bruder sehen, mit dem ich wesenhaft in dem einen Leib verbunden bin. Diese einfache und klare Erkenntnis ist die gesunde Grundlage der "Allianz". In diesem Sinne ist "Allianz" nicht Liebhaberei, sondern sachliche Notwendigkeit für jeden Christen.


14 Nun wendet sich Paulus der andern Seite der Wirklichkeit zu, die an einem "Leib" sichtbar wird. "Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele." Der Leib lebt nur in der Vielheit seiner Glieder und von der ganzen Mannigfaltigkeit ihrer Funktionen. Die Einheit des Leibes Christi bedeutet als in keiner Weise Uniformierung! Darum hat Paulus auch auf dem Gebiet der Gnadengaben keinen Versuch gemacht, die römischen und die korinthischen Zustände einander anzugleichen, sondern hat jeder Gemeinde gelassen, was Gott ihr gab (vgl. o. S. 201). Darum stehen überhaupt alle Gemeinden, an die er Briefe schrieb, in voller, freier Eigenart vor uns. Und darum hat Paulus - trotz gelegentlicher Berufung auf übereinstimmende "Sitten" Kap. 11,16 - nichts getan, die von ihm gegründeten Gemeinden organisatorisch zu einer "Kirche" zusammenzuschließen und ihnen eine einheitliche Spitze zu geben. Aber freilich kann die Einheit des Leibes nur gewahrt werden, wenn die Vielheit seiner Glieder recht geordnet ist. Die Lebensfähigkeit des Leibes liegt in dem Miteinander der Glieder in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit.
|1Kor12| 15/16 Dieses rechte Miteinander sieht Paulus zunächst von "Minderwertigkeitskomplexen" bedroht und geht V. 15-18 auf diese Gefahr ein. Gemessen an den Fähigkeiten und Aufgaben eines andern Gliedes kann sich ein Glied gering und bedeutungslos vorkommen, als gehöre es gar nicht recht zum Leib. "Wenn der Fuß spräche: Weil ich nicht Hand bin, gehöre ich nicht zum Leibe, so gehört er deswegen doch zum Leibe. Und wenn das Ohr spräche: Weil ich nicht Auge bin, gehöre ich nicht zum Leibe, so gehört es deswegen doch zum Leibe." Man kann diese Sätze auch als Frage fassen: "Gehört er nicht deswegen doch zum Leibe?" Es steht im grie. Text hier eine doppelte Verneinung, die man im Deutschen schwer wiedergeben kann. Man müßte etwa sagen: "So ist er deshalb nicht nicht zugehörig zum Leibe"[ A ]. Was Paulus in die Lage von Korinth hinein sagen will, ist deutlich. Was war dort etwa ein Mann, der "nur" ein "Wort der Erkenntnis" besaß, neben dem bewunderten Zungenredner oder neben dem Bruder mit prophetischen Geschichten? War er überhaupt ein echtes Glied des Leibes Christi?

A) So Bachmann in seinem Kommentar zum 1. Korintherbrief, 1921 3, S. 384.

|1Kor12| 17/18 Aber der objektive Blick auf einen "Leib" sieht es ganz anders. Der Fuß ist gewiß nicht Hand und das |209|  Ohr nicht Auge; aber unentbehrlich zum Leben des Leibes sind Fuß und Ohr ebenso wie Hand und Auge. "Wenn der ganze Leib Auge wäre wo bliebe das Gehör? Wenn ganz Gehör, wo der Geruch?" Über dem Leibe aber wird Gott sichtbar: "Nun aber hat Gott die Glieder gesetzt, jedes einzelne von ihnen am Leibe, wie er gewollt hat." Kann es vor diesem Willen Gottes noch Minderwertigkeitsgefühle und Verzagtheit geben? Auch die kleine Gabe und der unscheinbare Dienst stammen von Gott. Wir haben nicht nach andern zu sehen, die für unseren Blick reicher begabt sind und viel Größeres leisten. Wir haben erst recht nicht den vergeblichen Versuch zu machen, andere nachzuahmen[ A ]. Wir dürfen dankbar das sein, was wir sind, und so mit unserem Einsatz dem Ganzen dienen.

A) Die Grenze zwischen einem echten Lernen von andern und einem falschen Nachahmen ist immer klar, weil es die Grenze zwischen Sachlichkeit und Ichhaftigkeit ist.

|1Kor12| 19/20 "Wenn aber das alles ein Glied wäre, wo (wäre)der Leib? Nun aber sind der Glieder viele, aber der Leib einer."
21 Die Minderwertigkeitsgefühle werden geweckt und vertieft durch die falschen Überlegenheitsgefühle anderer. Es kann sich auch ein Glied für das allein wichtige halten. Der Leib brauchte eigentlich nur aus ihm selbst und aus seinesgleichen zu bestehen. Wenn nur die Zungenredner da sind oder wenn nur die Lehrer der Gemeinde ihre hohe Weisheit vermitteln, dann hat sie alles Nötige für ihr geistliches Leben. So mögen manche Kreise in der korinthischen Gemeinde denken. Paulus wendet sich gegen diese Selbstüberschätzung. Wieder geht es dabei um die wirkliche Einheit, die durch die Selbstüberhebung der "Großen" bedroht ist. "Es kann aber nicht das Auge sagen zur Hand: ich habe dich nicht nötig; oder wiederum der Kopf zu den Füßen: ich habe euch nicht nötig."
|1Kor12| 22/23 Nun darf und muß jedes Glied, auch das kunstvollste und wichtigste, erkennen, wie es alle andern Glieder absolut nötig hat, das Auge die Hand, der Kopf die Füße. Ja, es ist dabei noch mehr zu sagen: "Nein, vielmehr die Glieder des Leibes, die schwächer zu sein scheinen, sind notwendig"[ A ]. Und in der Behandlung unserer Glieder bringen wir diese Wertung jedes einzelnen Gliedes selber zum Ausdruck: "Und die wir für weniger ehrenvoll am Leibe halten, die umgeben wir mit besonderer Ehre; und unsere unanständigen (Glieder) erhalten besondere Anständigkeit; unsere anständigen aber haben es nicht nötig." Paulus wird hier an die Glieder denken, denen wir durch ihre Bekleidung und Umhüllung gegenüber den unbekleideten "besondere Ehre" antun. Und deutlich spielt er dann auf die Organe unserer Geschlechtlichkeit an. Sie bleiben völlig verborgen, aber welche hohe und für den Bestand der Menschheit unentbehrliche Funktion ist ihnen verliehen. So kommt es auch im Leib Christi, in der Gemeinde, nicht auf den sichtbaren Platz, auf den hervorragenden Rang an, den wir einnehmen. Die unscheinbare alte Frau, die im |210|  Verborgenen eine vollmächtige Beterin ist, kann wichtiger sein als ein Mann von weithin bekannter, öffentlicher Wirksamkeit[ B ].

A) Wir mögen etwa an jene winzigen Drüsen denken, die als "Langenhanssche Inseln" in der Bauchspeicheldrüse den Zuckerhaushalt des Körpers regeln. So unscheinbar sie sind, ihr Ausfall würde den Tod herbeiführen, während man ohne Auge, Hand und Fuß noch leben kann.
B) In dem Lebensbild des Evangelisten Moody (Oncken-Verlag 1900) wird es uns erzählt, wie zwei Frauen, die bei seinen Versammlungen meist vorn saßen und beteten, für ihn die Kraft des Heiligen Geistes erbaten und durch ihr Beten das mächtige Verlangen nach geistlicher Kraft in ihm weckten und er dann von dieser Kraft erfüllt wurde (S. 57/8).

|1Kor12| 24/25 Wieder geht der Blick zu Gott empor. "Aber Gott hat den Leib zusammengemischt, dem zurückstehenden besondere Ehre gebend, damit nicht eine Spaltung in dem Leibe sei, sondern einträchtig füreinander sorgten die Glieder." "Eine Spaltung", genau das war es, was am Anfang des Briefes (1,10) als Sorge vor dem Apostel stand und sich in 11,18f bereits als bedrohliche Wirklichkeit zeigte. Die Korinther hatten es ruhig hingenommen und fanden vielleicht auch beim Hören des Briefes die Sorge ihres Apostels übertrieben. War ihr reiches, bewegtes Gemeindeleben mit seinen Geistesgaben wirklich durch solche Streitigkeiten gefährdet? Aber am Bilde des Leibes muß es ihnen doch klar werden. "Spaltung" in einem Leibe - jeder weiß, daß schwere Entartung und vielleicht den Tod bedeutet. Wie aber kann sie vermieden werden? Nur, wenn wir in der Gemeinde der Art Gottes folgen, der "dem zurückstehenden Gliede besondere Ehre gab"; nur, wenn in dieser Weise "einträchtig füreinander die Glieder sorgen". Das war es, was in Korinth fehlte, wo die Starken rücksichtslos ihre "Freiheit" herausstellten und die besonders Begabten ihrer eigenen Größe lebten. Hier muß die Gemeinde umkehren zur "Liebe", die aufbaut.
26 Der Leib ist eine sehr bunte "Mischung" von großer Mannigfaltigkeit. Aber er ist so aufgebaut, daß alle Glieder zueinander gehören, einander unentbehrlich sind und füreinander sorgen. Darum ist es nicht eine Forderung, sondern die Feststellung einer Tatsache: "Und wenn ein Glied leidet, leiden alle die Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle die Glieder mit." Wir haben bei diesem Satz nicht ein "sollen" einzuschieben, wie wir es unwillkürlich gern tun[ A ]. Im menschlichen Körper ist es eine schlichte Tatsache, daß die Erkrankung eines Gliedes die Funktion weit von ihm entfernter Glieder stören und das Wohlbefinden des ganzen Körpers beeinträchtigen kann, wie umgekehrt die Kraft jedes gesunden Gliedes dem Gedeihen aller andern zugute kommt. Ebenso handelt es sich im Zusammenleben der Gemeinde nicht um geforderte Gefühle der Mitfreude oder des Mitleidens, sondern um bedeutsame Tatsachen, die wir zur Kenntnis nehmen müssen. Lähmung und Entartung des geistlichen Lebens in einzelnen Gemeindegliedern wirkt sich unwillkürlich auf den Stand der ganzen Gemeinde aus; und jede Kraft und Belebung von Gliedern der Gemeinde fördert alle andern mit und schenkt der ganzen Gemeinde Freude. Die in Korinth proklamierte "Freiheit", die sich um die andern nicht kümmert und den schwachen Bruder ruhig zugrunde gehen läßt, ist nicht nur ein Unrecht, S |211|  sondern auch ein folgenschwerer Irrtum. Wenn der Kopf sich um die Blutvergiftung des kleinen Fingers nicht kümmert, wird er selber mit sterben müssen. Aber umgekehrt dürfen sich auch die Schwachen und "Unbedeutenden" in der Gemeinde neidlos an den Brüdern und Schwestern mit hoher Begabung und großer Leistungsfähigkeit freuen; sie erhalten selber im Gemeindeleben Anteil daran. Auch hier gilt das "alles gehört euch" (3,21). Wir sind kein Paulus; aber wir und ungezählte Menschen in allen Gemeinden der Erde leben von dem, was Paulus anvertraut wurde und was er unter heißen Mühen und Kämpfen weitergab.

A) Wie viele "evangelische" Aussagen entstellen wir auf diese Weise und machen sie zum drückenden "Gesetz", z. B. Mt 5,13 f.

27 Es liegt Paulus alles daran, das Leben des Leibes in seinen Gliedern in ganzer Wirklichkeit zu zeigen. In dieser Wirklichkeit stehen auch die Korinther. "Ihr aber seid der Leib Christi und Glieder als Teil angesehen." Auch hier ist das Sein, die gegebene Wirklichkeit das erste. Das freilich weiß Paulus auch, daß eine Gemeinde als "Leib" nicht so von selbst funktioniert wie der menschliche Körper. Wir haben zwar den Leib Christi nicht erst herzustellen und uns nicht erst zu Gliedern zu "machen". Aber wir können das uns Verliehene beeinträchtigen oder sogar zerstören. Darum wird ja Paulus dann das 13. Kapitel schreiben und im 14. Kapitel eingehende Anweisungen für das Gemeindeleben geben. Aber zunächst liegt ihm daran, den Korinthern zu sagen: alles dies, was ich euch jetzt am menschlichen Leib gezeigt habe, das ist wirklich da; ihr seid Leib Christi, ihr seid Glieder. Also habt ihr die Einheit in der Mannigfaltigkeit der Glieder, Gaben, Kräfte und Dienste und habt diesen ganzen Reichtum in der Einheit der Gemeinde.

Römer 15,7

7 Darum: Nehmt einander an, wie auch der Christus euch angenommen hat zur Herrlichkeit Gottes.

Dieser Zielabschnitt nimmt noch einmal die Mahnung auf, die ab 14,1 verhandelt wurde, hebt sie aber auf eine andere Ebene. Nicht mehr individuell wie bisher wird gedacht (der Bruder, seine Ansichten, sein Angenommensein, seine persönliche Bindung an den Herrn, sein Gewissen, sein Anstoßnehmen usw.), sondern gruppenbezogen. Die Anrede »ihr« bekommt den Sinn: Ihr beiden Gemeindeteile aus dem Judentum und Heidentum! Alle zusammen mögen jetzt ihren Blick über den örtlichen Konflikt emporheben und sich heilsgeschichtlich orientieren. Von daher wird Hoffnung und Geduld für den Alltag zuteil.
7 Paulus behält seine Generallinie von 14,1 bei: Darum: Nehmt einander an! Aber der erregt abwehrende Zusatz von dort weicht hier einer positiven Verlängerung. In ihrem Mittelpunkt steht wieder (wie V. 3) ausdrücklich der gekreuzigte Heilskönig: wie auch der Christus (Eph 4,32; 5,2.25.29) euch, gleichsam vom Kreuz herab, angenommen hat. Sein Ziel dabei ist die Herrlichkeit und Verherrlichung[A] Gottes. Zu dieser Sicht hatte schon der letzte Abschnitt geführt (V. 6). Jetzt weitet sich die Schau zum brausenden Jubel aller Völker vor Gott (V. 9-12).

A) Die Übersetzung »ehren« ist hier zu schwach, »loben« zu dünn. Es geht um mehr als um Bezeugung von Achtung und Anerkennung. »Herrlichkeit« ist Fülle des Herrseins. Wer Gott »verherrlicht«, ist hingerissen zu restloser Ergebung vor seiner aufstrahlenden Macht.

Linktipp

Suchen und finden Sie eine Gemeinde in Ihrer Nähe - oder tragen Sie Ihre Gemeinde ein, damit sie gefunden wird.

www.gemeindeatlas.de

Kapitel 5 - Der Dienst

Vertiefung

Der Dienst - Wir sind begabt und werden gebraucht

„Wozu brauche ich Gott?“ fragen manche herausfordernd. Sie halten Gott für einen Lückenbüßer und stellen bei sich selbst keine Lücken fest, die er füllen könnte. Sie fühlen sich wie im Supermarkt als die Kunden, die bekanntlich Könige sind. Aber Gott ist keine Ware, obwohl Religion heute in unserer Gesellschaft genau so behandelt und gehandelt wird.
In diesem Kapitel zeige ich, dass wir nicht die Endverbraucher der Liebe Gottes sind. Wenn Gott uns hilft, dann stellt er uns auf die Beine und macht uns belastbar, weil er mit uns vorhat, Lasten wegzutragen.
Da im Augenblick die „Wellness-Religion“ über unsere Gesellschaft schwappt, erliegen manche auch dem Missverständnis, der Glaube an Jesus wäre so etwas wie eine Medizin aus der Apotheke. Friede mit Gott als Entspannungsbad sozusagen. Aber es ist nicht das Ziel der Heilung, dass wir uns wohlfühlen. Wir werden gestärkt, um die Liebe Gottes in Wort und Tat weiterzugeben. Wer Jesus folgt, ist zum Dienst berufen.
Faszinierend, wie vielfältig die Begabungen sind, mit denen Gott uns ausstattet, und wie vielfältig die Aufgaben sind, die er uns stellt. Wir werden tatsächlich gefordert, aber nicht überfordert. Wir sind ergänzungsbedürftig und sind fähig, andere zu ergänzen. Die Bibel beschreibt das genau und hilfreich.
Eine ermutigende Perspektive in einer Gesellschaft, die allzu viele als unbrauchbar und überflüssig aussortiert, und in der andere sich egoistisch auf die faule Haut legen – spirituell gut gepolstert.

Römer 12,1-8

1 Ich ermahne euch folglich, Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, darzubringen eure Leiber zu einem Opfer, lebendig, heilig, wohlgefällig für Gott, als euren »vernünftigen Gottesdienst«.

2 Und werdet nicht konform mit dieser Weltzeit, sondern gestaltet euch um durch die Erneuerung eurer Gesinnung, damit ihr prüft, was der Wille Gottes ist, der gute und wohlgefällige und vollkommene.

3 Ich sage nämlich durch die mir gegebene Gnade jedem, der unter euch (etwas) ist, dass er nicht über das hinaussinnen soll, was man sinnen muss, sondern darauf sinnen soll, besonnen zu sein, wie Gott einem jeden Einzelnen zugemessen hat das Maß des Glaubens.

4 Gleichwie wir nämlich in einem Leib viele Glieder haben, die Glieder aber nicht sämtlich dieselbe Funktion haben,

5 so sind wir, die Vielen, ein Leib in Christus, als Einzelne aber sind wir untereinander Glieder,

6 Inhaber aber von unterschiedlichen Charismen nach der uns gegebenen Gnade: Sei es Prophetie, (dann bitte) im (richtigen) Verhältnis zum Glauben (ausüben),

7 sei es Diakonie, (dann bitte) in Diakonie, sei es der Lehrende, (dann übe er es bitte aus) in der Lehre,

8 sei es der Ermahnende, (dann bitte) in der Ermahnung, der Anteil Gebende (gebe) in Einfalt, der Vorstehende (wirke) im Eifer, der Sicherbarmende (handle) in Fröhlichkeit.

Erfahrene Barmherzigkeit wird Mahnung (12,1-2)

Nach der Einführung in den ganzen Briefteil sei hier nur noch darauf verwiesen, dass diesem Vorwort der Paränese am Schluss in 13,11-14 ein Nachwort von gleichem Gewicht gegenübersteht (s. Einführung dort).
1a Paulus stellt seine gesamte apostolische Mahnung in den Bereich »des Vaters der Barmherzigkeit« (2Kor 1,4). Ich ermahne euch folglich, Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes. Eigentlich ermahnt gar nicht er selber.[A] Das wäre ihm zu schwächlich, ja zu gewagt.[B] Die Barmherzigkeit Gottes[C] dagegen ist eine Vollmacht und Großmacht ohnegleichen, kaum erfahrbar, ohne anders zu werden, ohne dass sie in uns »Wollen und Vollbringen bewirkt« (Phil 2,13). Wenn wir uns nicht selber die Augen zuhalten, werden wir durch den Anblick seines Christus »verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit« (2Kor 3,18). Freilich kommt dies Verwandeltwerden nicht wie unter Betäubung über uns, sondern durchläuft Mahnung, gehorsames Hinhören, freies Entscheiden, entschlossenes Wollen und energisches Tun. Was Paulus hier mit »Barmherzigkeit« der Sache nach vor Augen steht, verrät das vorangestellte »folglich«. Es knüpft an 11,30-32 an, denn dort hatte er gerade das ganze rettende Tun Gottes unter dem Stichwort »Barmherzigkeit, sich erbarmen« zusammengefasst[D]. Es umgreift, was Paulus elf Kapitel lang nahe zu bringen sich gemüht hat. Damit schwingt jetzt die Ermahnung im Kraftfeld der Christusbotschaft. Zwar fehlt der Name »Christus« in diesen zwei Kapiteln (bis auf 12,5), aber der Vollklang »Herr Jesus Christus« im letzten Vers (13,14) zeigt, was immer gegenwärtig war.

A) Vgl. auch sein Ermahnen »durch die Gnade«, »durch unsern Herrn Jesus Christus«, »durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus«, »durch die Sanftmut und Güte Christi«, »im Herrn Jesus Christus« (V. 3; 15,30; 1Kor 1,10; 2Kor 10,1; 1Thess 4,1; 2Thess 3,12).
B) So 15,18: »Ich werde es nicht wagen, auch nur etwas zu reden, was nicht Christus durch mich gewirkt hat.«
C) Das Wort (oiktirmos) ist an dieser Stelle trotz seiner Mehrzahlform als Einzahl zu übersetzen, weil Paulus sich offensichtlich an AT-Sprache anlehnt. Dort erscheint »Barmherzigkeit« über 30-mal in dieser Weise (rachamim). Der Plural stellt die genannte Sinnesart in ihrer Fülle und Umfänglichkeit vor Augen.
D) Viermal! Dort allerdings anders als hier eleeô, von eleos. Wie parallel oder sinngleich Paulus jedoch beide Vokabeln empfindet, zeigt etwa 9,15 (in Übereinstimmung mit dem AT). Darum können auch beide Ausdrücke mit »Barmherzigkeit« übersetzt werden.

Wie mag nun das Leben derer aussehen, die von einer Viertelstunde zur anderen durch diesen Inbegriff der Barmherzigkeit Gottes und sonst nichts gehalten werden?
1b Ganzheit göttlichen Erbarmens ruft nach unserer Ganzheit. Das findet hier einmaligen Ausdruck: Ich ermahne euch, darzubringen[A] eure Leiber zu einem Opfer. Ohne Frage wird hier bildlich gesprochen, und zwar im Gedanken an Tempelgottesdienste, bei denen auf dem Altar »Leiber« lagen (Hebr. 13,11). Sofort aber macht Paulus die Grenzen dieses Bildes bewusst. Es geht jetzt nicht um Tierleiber, sondern um »eure Leiber«, und es geht nicht um Leichname, sondern um lebendige Opfer.

A) Das Wort »darbringen, zur Verfügung stellen« (parhistämi) erscheint auch fünfmal in der wichtigen Parallele Kap. 6 (V. 13.16.19), dort allerdings im Rahmen des Sklaven- oder Kriegsdienstes, hier des Priesterdienstes.

Die bildliche Rede vom Opfer gerade des Leibes fällt auf.[A] Im Hintergrund steht sicher der Opferleib Christi, zu dem sich das NT häufig und mit großem Gewicht bekennt (Röm 7,4; 1Kor 12,24. 27.29; 1Petr 2,24; Hebr 10,5.10; Mt 26,26; Mk 14,22; Lk 22,17). Sein Opfer in diesseitiger, sichtbarer, öffentlicher Leiblichkeit und unsere Opfer gehören zusammen. Aber wie? Paulus fordert, wenn man die Fortsetzung in V. 2 und im ganzen Kapitel beachtet, nicht zum Martyrium auf. Wenn er trotzdem zur Hingabe des Leibes mahnt, setzt er einen besonderen Akzent. Bliebe es bei dem allgemeinen Ruf von 6,11: »Lebt für Gott!«, könnte die Hingabe leicht einseitig nach innen schlagen und dadurch eine rein innerliche, gedankliche, religiöse, mystische Gestalt annehmen - ohne ernsthafte Bedeutung für die Praxis. Es ist aber so, als ob Paulus seine Leser herausfordernd anschaut: »Habt ihr angesichts der Barmherzigkeit Gottes im Opfer Christi dazu noch Lust? Zieht doch die Konsequenzen und setzt eure gesamte Geschöpflichkeit seiner Barmherzigkeit aus!« »Leib« unterscheidet sich vom einzelnen Glied als das Umfassende. Der nur abgezirkelte, auf eine Stunde, auf einen Raum, auf eine Gefühlslage begrenzte Gottesdienst ist es darum nicht, was Paulus vorschwebt. Im NT werden einzelne Zusammenkünfte der Christen nie »Gottesdienst« genannt, sind sie doch nur Teilstücke eines Gottesdienstes, der das ganze Leben umspannt.

A) Was Christen sonst als »Opfer« darbringen: Gebete (Hebr 13,15; Offb 5,8; 8,3f), Absage an Bosheit (1Petr 2,5), Wandel in selbstverleugnender Liebe (Eph 5,1-2), Wohltätigkeit (Hebr 13,16), Unterstützungsgaben (Phil 4,18), Einsatz zur Verbreitung des Evangeliums (Röm 15,15-17), Martyrium (Phil 2,17; 2Tim 4,6).

Überflüssig zu sagen, dass der »Leib« hier nicht geringschätzig[A] als äußerliches Anhängsel angesehen wird. Sonst käme ja die unsinnige Aufforderung heraus: Gebt Gott das Nebensächliche, das Eigentliche könnt ihr behalten! Die wesentliche Rolle des Leiblichen wird uns bewusst, wenn wir uns vorstellen, wir hätten keinen Leib. Ohne ihn könnten wir nicht essen, nichts sagen, hören, sehen, fühlen. Ohne die Nervenzellen unseres Gehirns könnten wir nicht denken, lesen, verstehen, glauben. Wir könnten nicht lieben, nicht Gutes tun, wie uns auch nicht Gutes getan werden könnte. Wir könnten schließlich auch nicht auferstehen. Es gibt kein leibloses Menschsein. Darum darf man zuspitzen: Wir haben nicht einen Leib, sondern wir sind Leib. Dieses Leibsein, sprich Menschsein, ist hier eingefordert. Gott hatte es uns verliehen, doch es wurde Bereich der Sünde und des Todes (Röm 6,6.12; 7,24; 8,10.11.23). Aber durch Christus erkauft, soll dieser Leib wieder uneingeschränkt Segensbereich des Heiligen Geistes werden, so dass an ihm Christus hochgepriesen wird (1Kor 6,13.19f; Phil 1,20).

A) In der griechischen Philosophie galt der Leib als Strafgefängnis, in das wir Menschen wegen unseres Abfalls von Gott eingesperrt worden seien.

Hier ist ein Einwand möglich: Wenn es um ein heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer geht, darf man ihm dann das streckenweise so unbedeutende und glanzlose Leibesleben unsortiert anbieten? Muss man nicht wenigstens das Kostbare heraussuchen? Doch was ist an unsern sterblichen, verweslichen Leibern (8,11), behaftet mit Schwäche, Irrtum und Schuld, schon kostbar? Tatsächlich sind sie nie kostbar an sich, aber sie werden es dadurch, dass sie als Material für Gottes Allmacht in seine Hände gelangen. Darin besteht des Menschen Vollkommenheit, dass er sich in nichts seinem Gott vorenthält. So wird er auferstehen in Unverweslichkeit, Herrlichkeit und in Kraft (1Kor 15,42-44).
Das wäre »vernünftiger Gottesdienst«! Schon die Propheten des AT übten vernichtende Kritik an widersinnigen Gottesdiensten ihrer Zeit (Jes 1,11-15; Amos 5,21-23). Paulus scheint hier gewisse Erscheinungen seiner Zeit zu treffen. Er könnte einen Lieblingsausdruck damaliger heidnischer Philosophen kritisch aufgenommen haben[A] - darum hier die Anführungszeichen. Gebildete Kreise jener Zeit wandten sich von den groben blutigen Opfern und der Fülle äußerer Zeremonien in den Tempeln ab und priesen einen rein gedanklichen Gottesdienst. Gott war für sie nämlich reiner Gedanke, höchste Vernunft. Darum galt ihnen auch der Gedanke als das Höchste, was Gott darzubringen war, während sie das Leibliche für verächtlich erklärten. In diesem Sinne rühmten sie den »vernünftigen Gottesdienst«. Nun brüskiert Paulus diesen Modetrend. In einem deutlich erkennbaren Zusatz entwindet er den Philosophen diesen Ausdruck und füllt ihn neu: Wahrhaft »vernünftig« ist nur ein Gottesdienst, der folgerichtig und angemessen auf Gottes Barmherzigkeit in Jesus Christus antwortet. Damit ist er vom feinen Heidentum genauso weit entfernt wie vom groben Heidentum. Völlig ungriechisch mahnt er gerade zum Opfer des Leibes als von eurem, der Christusangehörigen, »vernünftigen Gottesdienst«. Man spürt, was er von einem gedanklich verdünnten Christentum, von Theologie nur als Denkerlebnis halten würde.

A) Dafür spricht, dass Paulus das griech. logikos, vernünftig, sonst nie verwendet (im NT nur noch 1Petr 2,5; in der LXX fehlt das Wort). Dagegen gehörte »vernünftiger Gottesdienst« zur philosophischen Schulsprache.

2 Bisher wurde geredet, als ob der Glaubende allein im Zweierverhältnis zu Gott lebt. Aber er lebt im Dreieck Ich - Gott - Welt. Unter diesem Gesichtspunkt kann der Ruf zum Gott wohlgefälligen Leben jetzt nur lauten: Werdet nicht konform mit dieser Weltzeit. Der einmal schön und gut geschaffene Kosmos ist nicht mehr unproblematisch Welt unter Gott. Ein »Gott dieser Weltzeit« vernebelt das Feld, verunklart die ursprüngliche Klarheit des Daseins (2Kor 4,4). Dadurch fehlt der Durchblick. Für den verblendeten Menschen verkürzt sich der Lebenssinn auf Befriedigung seiner Triebe (6,12; 7,8; 13,14). Da diese Geld kostet, steht Gewinnstreben ganz obenan, also gute Examen für eine einträgliche Stellung. Sie gilt es zu erkämpfen, anschließend zu sichern und zu verteidigen, gesteuert von Machtstreben und Ehrsucht. Gemeinschaft entpuppt sich dabei oft genug als im Kollektiv organisierter Egoismus. Aber im Grunde ist da kein Blick fürs Ganze, keine Verantwortung fürs Ganze, keine Sendung fürs Ganze, nur der dumpfe Ruf: Ich will doch glücklich sein! Doch von diesem Lebensschema[A] fühlt sich der Durchschnittsmensch so recht verstanden. Darum drängt er es treuherzig jedermann auf, auch dem Christen. Gegen diese Zumutung heißt es hier: Nicht konform werden!

A) Der Begriff »Schema« steckt in dem griech. Wort syschämatizô, hier recht wörtlich mit unserm Fremdwort »konform gehen« übersetzt. Sein Sinn: gleiche Form oder Gestalt annehmen, sich damit identifizieren und in ihrem Wesen aufgehen.

Allerdings lebt dies Nicht-konform-Gehen nicht allein vom Neinsagen. Darum die Fortsetzung: Gestaltet euch um, lasst euch umgestalten[A] durch die Erneuerung eurer Gesinnung. Es geht um ein Tun in dem Sinn, dass man etwas an sich geschehen lässt. Oder umgekehrt: Es soll uns etwas widerfahren, was wir auch selber wollen. Neuschöpfung soll uns widerfahren. In dies im Gange befindliche große Neue (13,12) mögen wir laufend unsere Gesinnung[B] hineinhalten, um uns der Gestaltungskraft des Geistes Jesu im Gebet und im Gehorsam des Glaubens auszusetzen (2Kor 3,18). Neusein gibt es nicht auf Vorrat. Wir müssen laufend zur Vernunft gebracht und ins Neue eingewiesen werden: Tag für Tag, von Fall zu Fall (1Kor 15,32; 2Kor 4,16; Eph 4,23; Kol 3,10; Lk 9,23).

A) Beide Übersetzungen sind möglich und sinnvoll, aber hier wie schon V. 1 (»Werdet nicht konform!«) trägt die Aufforderung zur eigenen Bereitschaft und Mitwirkung den Ton.
B) Der sehr häufige griech. Wortstamm nous meint ursprünglich und auch hier nicht die neutral betrachtende, sondern die trachtende, auf etwas gerichtete Vernunft, darum hier »Sinn, Gesinnung«, vgl. 1,28; 7,25; 14,5.


Schließlich zeigt Paulus diese sich in ständiger Erneuerung befindliche Gesinnung in Aktion: damit ihr prüft, was der Wille Gottes ist, der gute und wohlgefällige und vollkommene. Den Willen Gottes tun ist im NT Inbegriff des Christseins (Mt 5,10; Mk 3,35; Lk 22,42; 1Petr 4,2; 1Joh 2,17; Hebr 13,21). An erster Stelle wird er »der gute« genannt, ein Stichwort, dass markante Stellen im AT aufnimmt und im Folgenden mehrmals den Maßstab des Handelns angibt (Jes 5,20; Hos 8,3; Am 5,14f; Mich 3,2; 6,8; Röm 12,9.17.21; 13,3.4). Allerdings ist auch für den Christen »das Gute« nicht immer sofort erkennbar. Naives[A] Christsein stände in Gefahr, gleichgeschaltet zu werden. Oft sind die Verhältnisse undurchschaubar, oft kommt ihre formende Gewalt über einen, ehe man sich's versieht. Darum fordert und wünscht Paulus in seinen Briefen prüfendes Christsein (Phil 1,9f; Eph 5,10.17; Kol 1,9f; 3,10; 1Thess 5,21): »Prüft, was der Wille Gottes ist, der gute und wohlgefällige und vollkommene«. Das Gute ist oft erst herauszufinden, kritisch zu ermitteln, womöglich in gemeinschaftlicher Bemühung. Zum Nachlesen (nämlich in der Bibel) gehört auch das Nachdenken. »Verstehst du auch, was du liest?« (Apg 8,10). Unser Vers warnt vor dem »Schema dieser Welt«, bietet aber nicht stattdessen ein christliches Gegenschema an, sondern ein prüfendes, ständig lernwilliges Trachten nach dem Willen Gottes. »Lernt von mir!« (Mt 11,29)

A) Naiv wäre die Losung: »Nichts mitmachen!« (vgl. 1Kor 5,9f) und genauso naiv das Gegenteil: »Alles mitmachen!« (vgl. 1Kor 6,12; 10,23). Es ist um uns herum nicht alles schlecht, es ist nicht alles gut.

Mahnungen für die Funktionsträger im Gemeindeleben (12,3-8)

Suche und tue in jeder Lage den Willen Gottes! Das war der Vorspruch nach 12,1-2. Das Ja zum Willen Gottes hat notgedrungen das Nein zu den Schemata dieser Weltzeit bei sich, d.h. es verwirklicht sich in ständiger Bereitschaft, sich zu verändern und anders zu sein. Mit diesem Ja und Nein geht Paulus jetzt in den christlichen Alltag. Gern leitet er mit einer Verneinung ein, um dann die Einweisung in den guten Willen Gottes folgen zu lassen (V. 3.11. 14.16.17.19.21).
Bezeichnend, dass er als erstes Beispiel den Gottesdienst vornimmt. Offenbar hat die Verweltlichung dort ihre besondere Einbruchsstelle. Nach 16,5.10.11 lebten die römischen Christen in mehreren über das Stadtgebiet zerstreuten Hausgemeinden, jede als eine Art Großfamilie, in der sich Frauen, Männer, Jung und Alt auf engstem Raum begegneten (s. zu 16,5). Damit waren persönliche Spannungen und sachliche Engpässe vorprogrammiert. Solch eine Gemeinde war bald »zerstört« (14,20), wenn ihre Glieder nicht beständig in der Erneuerung von 12,2 standen.
3 Als erstes und ernstestes Beispiel für Verweltlichung behandelt Paulus Grenzüberschreitungen bei den Funktionsträgern. Ich sage nämlich durch die mir gegebene Gnade jedem, der unter euch (etwas) ist. Diese Auslegung macht den Vorschlag, »sein« an dieser Stelle nicht ganz blass als Dazugehörigkeit zu verstehen, sondern als qualifiziertes Dabeisein[A]. Angesprochen sind dann diejenigen, die in der Hausgemeinde einen Aufgabenbereich gefunden und dafür auch eine Gabe unter Beweis gestellt haben. Die anschließende Aufzählung der Gabenträger bestätigt diese Sicht. Dem Mitarbeiter ist also gesagt, dass er nicht über das hinaussinnen soll, was man sinnen muss. Er dränge nicht über eine ihm gesetzte Grenze hinweg, er verletze nicht ein »man muss«.[B] Hier kommt das Ja zum Willen Gottes nach V. 2 ins Spiel. Darauf soll er sinnen, besonnen zu sein, wie Gott einem jeden Einzelnen zugemessen hat das Maß des Glaubens. Die Rede vom Maß setzt für den Glauben unterschiedliche Bemessungen voraus, die wohlgemerkt einem jeden Einzelnen durch Gott selbst zugeteilt worden sind. Also ist hier nicht an den Heilsglauben zu denken, denn darin schafft Gott keine Unterschiede: »ein Herr, ein Glaube« (Eph 4,5). Auch Unterschiede in der Stärke der persönlichen Gläubigkeit sind hier nicht im Blick, denn Derartiges geht auf menschliche Trägheit oder Treue zurück. Der schwierige Ausdruck scheint vielmehr sinngleich mit »Maß der Gaben« oder »Maß der Kraft« verstanden zu sein (Eph 4,7.16; vgl. 1Kor 7,7; 1Petr 4,10). Vom Geber her sind es Gnadengaben, aber vom Empfänger her Glaubensgaben, allen Glaubenden zugedacht. Von daher können und sollen die Gemeindeglieder auch Verschiedenes verrichten. Auf diese nicht hinterfragbaren (1Kor 12,11.18; 2Kor 12,9; Eph 4,7; Joh 21,22) Entscheidungen Gottes mögen sie sich besinnen. So wird ihr Verhalten besonnen[C] und auch maßvoll. Andernfalls verliert der »vernünftige Gottesdienst« von V. 1 seine Vernünftigkeit. Zweierlei Weisen der Verweltlichung wären hier nämlich denkbar. Der eine Gabenträger füllt sein Maß nicht aus. Er ist träge (V. 11), steht nicht zu seiner Verantwortung oder macht sich gegen 1Kor 15,10 selbst zur Null: Ich bin nichts, ich kann nichts, ich will auch nichts. Der andere geht über sein Haben, Können und Sollen hinaus, bläst sich auf, reckt sich hoch, übernimmt sich, arbeitet sich in fremde Rollen vor, eifert in lächerlicher Weise Leitbildern nach, die nicht zu ihm passen. Das Schlimmste aber: Wo einer damit anfängt, tut das bald auch ein Zweiter und dann mehrere. Der Gottesdienst wird zum Wettstreit (Mk 9,33-37; 1Kor 4,6b; 6,7; 2Kor 12,20; Gal 5,15.26) gemeindeunfähiger Gabenträger. Die Gemeinde gerät aus dem Gleichgewicht. Damit liegen ihre wahren Möglichkeiten brach.

A) In Gal 2,6 wird solch ein »sein« ausformuliert: »die das Ansehen haben, etwas zu sein«. Danach habe ich auch hier »etwas« ergänzt.
B) Dabei hat Paulus nicht das »man muss« des bürgerlichen Anstands im Sinn: Das und das tut man nicht, man drängt sich nicht hervor, man gibt nicht an!, obwohl auch das schon etwas ist (Phil 4,8-9).
C) Wörtlich: gesunden Sinnes sein. So buchstäblich für geistige Gesundheit in Mk 5,15 oder für normale Bewusstseinslage in Apg 26,25, dagegen hier wie auch häufig in den Briefen an Timotheus und Titus im übertragenen Sinn.


4-6a Paulus veranschaulicht das Leben unter dem »Maß des Glaubens« mit dem Bild vom Leib. Gleichwie wir nämlich in einem Leib viele Glieder haben, die Glieder aber nicht sämtlich dieselbe Funktion haben, so sind wir, die Vielen, ein Leib in Christus, als Einzelne aber sind wir untereinander Glieder, Inhaber aber von unterschiedlichen Charismen nach der uns gegebenen Gnade. Dies ist Nachhall des 1Kor, den Paulus vielleicht nur Monate zuvor schrieb. Die dortigen Kap.12-14 entfalten das Leib-Bild breiter und spezieller. Wir sind schon Glieder am Leib, müssen uns nicht noch dazu machen. Gott hat uns in seiner Sorgfalt dazu gemacht. Jeder ist ein Geschenk an die Gemeinde, zu dem sie sich gratulieren kann. Doch sind wir tatsächlich Inhaber von Charismen nach der uns gegebenen Gnade?[A] In einer überschaubaren Gemeinde wie in Rom gleitet man unwillkürlich in irgendein Mittun hinein. Manchmal erstaunlich, bei wem sich Gaben zeigen, wer da zunächst notgedrungen, dann mit wachsendem Eifer initiativ wird. Natürlich treten einige Funktionen besonders hervor, aber niemand macht daraus sofort eine Hierarchie, ein Stufensystem mit einem genauen Oben und Unten. Die Leitungsfunktion »versteckt« sich hier in V. 8 unter anderen Gaben, denn »wir, die Vielen, sind untereinander Glieder«.

A) Der Plural charismata (Charismen, Gnadengaben) ist hier lehrreich verbunden mit dem Singular charis (Gnade). In den charismata individualisiert sich die eine universale charis.

6b-8 V. 6b-8 folgen Weisungen[A] für einzelne Dienstträger. Weil Paulus nach V. 3 lediglich Mahnungen einschärfen will, sind keine belehrenden Dienstbeschreibungen zu erwarten[B]. Seine ersten Leser waren sofort im Bilde, wir nicht. Manchmal gelangen wir nur zu tastenden Versuchen einer Deutung. Wer hier also eine festgeklopfte Ämterlehre sucht, bekommt Schwierigkeiten. Das NT hat noch keine einheitlichen Dienstbezeichnungen. Als diese sich in späteren Jahrhunderten verfestigten, schrumpfte ihre Zahl meist auf drei oder vier. Diese wenigen Funktionäre zogen dann viel zu viel Zuständigkeiten auf sich und ragten aus der passiven Gemeinde heraus.

A) An dieser Stelle bedient Paulus sich der Siebenzahl. In anderen Briefen verwendet er andere Ordnungsschemata. Es gibt kein bestimmtes Gabensoll für alle Gemeinden.
B) Daher auch die überaus knappen Nachsätze, in allen sieben Fällen ohne Verb, die der Übersetzer mit Imperativen auffüllt.


6 Sei es Prophetie. Prophetie steht hier und regelmäßig in der Spitzengruppe der Gabenlisten (1Kor 12,28; Eph 4,11), gehört also zur Grundversorgung jeder Ortgemeinde. Allerdings sind unsere Vorstellungen davon angesichts der Vielgestaltigkeit der Prophetie und des reichen Materials im AT und NT stark verengt. Es gibt Prophetie wider Willen (4Mo 23,20; Joh 11,51) oder als Impuls eines jeden beliebigen Gemeindegliedes (1Kor 11,4-5; 14,24. 29-31), aber auch personengebunden, so dass es zur feststehenden Bezeichnung »Prophet« kommt. Eigentliche Triebkraft der Prophetie ist im NT das lebendige Jesuszeugnis (Offb 19,10), das die Gemeinde geistlich aufbaut und korrigiert (1Kor 14,3). Inhaltlich hat Prophetie ein weites Feld: Rückblick auf die Vergangenheit, Durchblick in der Gegenwart, Ausblick in die Zukunft. Sie deckt einem einzelnen Hörer, einer ganzen Gemeinde oder einem Volk Verborgenes (1Kor 14,25; 13,2) auf, wie es nur Gott sieht, so dass der Prophet »redet als Wort Gottes« (1Petr 4,11). Diese hohe oder gar höchste Gabe (1Kor 14,1) ist auch besonders stark durch Verweltlichung gefährdet. Darum beschäftigt das Thema der Falschprophetie und ihrer Prüfung die ganze Heilige Schrift (vgl. »prüfen« in V. 2). Hier also die Mahnung: Die Prophetie bitte ausüben im (richtigen) Verhältnis zum Glauben, d.h. zum überlieferten apostolischen Glaubensgut, wie es im Röm durchgehend vorausgesetzt wird (Röm 12,7; 6,17; 14,14; 15,4; 16,17). Der Prophet könnte die Glaubensbasis verlassen, sich eigenen seelischen und intellektuellen Wucherungen überlassen (2Kor 4,5). Aber wahre Propheten sind den Aposteln als den Garanten der Jesusüberlieferung untertan. Ihr Evangelium regiert in der christlichen Gemeinde auch die höchsten und glänzendsten Begabungen. Sogar Paulus selbst zwang sich nach Gal 1,8 unter diesen Maßstab.
7-8 Wir versuchen zunächst, die weiteren Tätigkeiten einigermaßen zu bestimmen. Neben die Prophetie tritt die Diakonie. Wie Jesu Tun in Worte und Taten unterteilt wurde, so auch das Wirken der Jüngergemeinde: Ihr Wortdienst ist umringt von einem Kranz karitativer Dienste. In V. 8b folgen Beispiele. Am Anfang war der Stand der Lehrer besonders wichtig. Männer mit zuverlässigem Gedächtnis und gründlicher Ausbildung[A] mussten in den Zusammenkünften die lebensnotwendigen Überlieferungen einprägen (Mt 28,20; Apg 2,42; 13,1; Gal 6,6; 2Tim 2,2; Heb 13,9). Nach Apg 13,1 bildeten sie ein besonderes Gegenüber zu den Propheten. Während die Propheten die lebendige Anrede Gottes verkörperten, verkörperten diese Lehrer die Heilige Schrift, die Jesusüberlieferung und die apostolischen Glaubenssätze. Sie bewahrten einen Schatz und waren deswegen ein Schatz. Wieder andere Gemeindeglieder, die Ermahnenden, waren unterwegs zu den Einzelnen und erwiesen sich als geschickt zum brüderlichen, väterlichen und mütterlichen Beistand (1Thess 2,3-8; 1Tim 5,1; Apg 9,26f). Sie halfen, dass die pauschale Verkündigung nicht über die Köpfe hinweg, sondern in die einzelnen Köpfe hineinging und für den eigenen Alltag verstanden wurde. Im Bereich der diakonischen Aufgabe führen die drei letzten Bezeichnungen. Der an seinem Besitz Anteil Gebende könnte z.B. derjenige sein, der der Gemeinde sein Haus öffnete: »Kommt in mein Haus und bleibt da!« (Apg 16,15) - Bedingung für das Entstehen und Bestehen einer Hausgemeinde. Man vergegenwärtige sich, was das für Wohnraum, Küche, Privatleben und auch für den Geldbeutel bedeutete. Leicht erklärlich, dass dabei dem Hausbesitzer auch eine gewisse Leitung zufiel. Vielleicht folgt deswegen hier ein Wort an den Vorstehenden. Er wird hier nicht bei seiner Würde, sondern bei seiner Bürde genommen, ist seine Stellung doch noch ganz in die anderen Dienste eingebettet. Er ragt nicht aus der Gemeinde heraus, sondern in sie hinein. Mit seinem Blick fürs Ganze koordiniert und organisiert er. Eine Gemeinde, in der die Leitungsfunktion vernachlässigt wird, gleicht einem Fluss ohne Flussbett. Vieles versickert und kommt nicht zur Wirkung. Schließlich: Wie der irdische Jesus wird auch seine Gemeinde zu einem Magnet für auffällig viele Schwache, Kranke und Arme. Darum empfangen einzelne Glieder besonders deutlich das Jesus-Charisma (Mt 9,36; 14,14; 15,32; 20,34) des Sich-Erbarmens.

A) Bibeln in jedem Gemeindesaal und in Privatbesitz gab es erst anderthalbtausend Jahren später, nachdem die Buchdruckerkunst erfunden, die Bibelgesellschaften gegründet und die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden war.

Der Telegrammstil der Nachsätze zeigt die Energie, mit der Paulus seine Weisungen zur »Erneuerung des Sinnes« nach V. 2 vorbringt. Die Mahnung an die Propheten wurde schon ausgelegt. Bei den folgenden drei Beispielen verdoppelt er nur: Diakonie in Diakonie, Lehren in der Lehre, Ermahnen in Ermahnung! So einfach ist das: Verhalte dich sachorientiert und gabenorientiert! Die tänzelnden Grenzüberschreitungen weichen einer wachen Konzentration auf das, wofür man von Gott her wirklich zuständig ist. Man lässt sich an seiner Gnade genügen, schöpft sie voll aus und bringt viel Frucht. Das erspart eine Menge Störungen wie Missverständnisse, Rempeleien, Rivalitäten und Neid. Die letzten drei Beispiele mahnen, den anvertrauten Dienst in Einfalt, Eifer und Fröhlichkeit zu verrichten. Wo das geschieht, wäre das die Erneuerung des unzufriedenen dritten Knechts im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden (Lk 19,20f). Er ist endlich zufrieden. Er erkennt die Güte seines Herrn und findet gerade seine eigene Aufgabe schön. Er steht im »vernünftigen Gottesdienst«.

Epheser 4,11-16

11 |102| Und er hat die Apostel, die Propheten, die Evangelisten, die Hirten und Lehrer gegeben

12 zur Zurüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, zur Auferbauung des Leibes Christi,

13 bis wir alle hinkommen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollkommenen Mann, zum Vollmaß der Fülle Christi,

14 damit wir nicht mehr Unmündige seien, von den Wogen hin-und hergeworfen und hin- und hergetrieben von jedem Wind der Lehre, durch das Würfelspiel der Menschen, durch arglistiges Vorgehen, das Täuschung bezweckt,

15 und die Wahrheit in Liebe reden und in allem auf den hinwachsen, der das Haupt ist: Christus.

16 Aus ihm heraus bewirkt der ganze Leib, zusammengefügt und zusammengehalten durch jedes unterstützende Gelenk nach der Kraft, die einem jeden Teil zugemessen ist, das Wachstum des Leibes zur Auferbauung seiner selbst in der Liebe.

11 Derselbe, der die Mächte gefangengeführt hat, hat ebenfalls seiner Kirche Gaben gegeben: »die Apostel, die Propheten, die Evangelisten, die Hirten und Lehrer«. Im Unterschied zu V. 7, wo von der |106| individuellen Begabung aller Gemeindeglieder gesprochen wurde, bezeichnet Paulus hier bestimmte Menschen als Gabe Christi. Angesichts der Nähe unseres Abschnitts zu 1,20-23 ist darauf aufmerksam zu machen, daß in 1,22 der erhöhte Christus als Haupt über die ganze Kirche »gegeben« wurde. Demnach ist Christus die »Haupt-Gabe« für seine Kirche, innerhalb der er ihr nun selbst gewisse Menschen »gibt«.
Im Unterschied zu der ähnlichen Aufzählung in 1Kor 12,28f gebraucht Paulus hier den bestimmten Artikel für die jeweiligen Personen. Dies dürfte darauf schließen lassen, daß es im Eph nicht um die Aufgabe im allgemeinen, sondern um den klar umrissenen Kreis der mit einem jeweiligen Dienst beauftragten Vertreter geht. Dieser Unterschied wird auch gegenüber Röm 12,6f erkennbar, wo nicht die entsprechenden Menschen, sondern die jeweiligen Tätigkeiten aufgezählt werden: Prophetie, Diakonie, Ermahnung etc.
Im selben Sinne hatte Paulus auch in 2,20 vom »Fundament der Apostel und Propheten«, in 3,5 von »seinen heiligen Aposteln und Propheten« gesprochen. Angesichts der weiteren Ausführungen in 4,12ff geht es bei dieser Akzentsetzung offenbar speziell um die Verkündigungs-, Leitungs- und Lehraufgaben. Daher werden sonstige Gnadengaben, wie sie in Röm 12 und 1Kor 12 neben den genannten stehen, hier nicht erwähnt.
Nicht zu vergessen ist, daß auch im 1. Korintherbrief die Wortgaben und die damit ausgestatteten Beauftragten am Anfang der jeweiligen Listen stehen, so daß die Behandlung des durch enthusiastische Phänomene ausgelösten Konflikts mit einem eindeutigen Vorzeichen versehen wird: dies betrifft in 1Kor 12,8 die geistgewirkte Weisheitsrede und Erkenntnisrede, in 12,28 »erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer«.[ A ] Die Verbindung von »Propheten und Lehrern« findet sich in Apg 13,1. In 1Tim 2,7 bezieht Paulus den Dienst von »Verkündiger« (vgl. »Evangelist«), Apostel und Lehrer (der Heiden) auf sich selbst (ebs. 2Tim 1,11). Bemerkenswerterweise hat auch dieser Abschnitt eine erkennbare Nähe zu Eph 4,4ff: Auf das Bekenntnis zu dem einen Gott und dem einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, der sich als Lösegeld »gegeben« hat, folgt die Verbindung zur Einsetzung des Paulus als »Herold« dieses Heilsgeschehens.
A) Vgl. 1Kor 14,6: »wenn ich nicht redete in Worten der Offenbarung, der Erkenntnis, der Prophetie oder Lehre.«
Demnach hat Christus seine Kirche mit Gaben, d.h. mit beauftragten und befähigten Menschen, beschenkt, die für den Bau und das Wachstum der Kirche eine grundlegende Bedeutung haben. Dabei |107| handelt es sich um diejenigen, die das Evangelium vom Heil in Jesus Christus verkündigt und es in die aktuelle Situation der Hörer hinein ausgelegt haben, sowie die entstehenden Gemeinden durch dieses Wort gefestigt, ermahnt und ermutigt haben.
In diesem Zusammenhang ist ein doppeltes unaufgebbar: Die betreffenden Menschen haben ihre Bedeutung als »Amtsträger« nicht aus sich selbst; sie sind vielmehr Geschenke des Herrn an seine Kirche. Sie haben ihre Gaben ihrerseits von dem empfangen, der das eigentliche Geschenk für die Kirche ist (1,23). Für den Bestand der Kirche sind sie von fundamentaler Bedeutung und daher keinesfalls beliebig zu ersetzen.[ A ]

A) Asmussen wendet die unlösbare Verbindung von Christi Gabe und Funktion in der Kirche auf die kirchliche Ordnung auch der Gegenwart an und formuliert: »Ziel der kirchlichen Ordnung ist ein Zustand, in welchem die Einrichtung eines Amtes oder Dienstes ... als auch die personale Besetzung eines Amtes mit einer bestimmten Person als Gabe des erhöhten Christus an seine Kirche begründet geglaubt werden kann ... Die geordneten Ämter selbst sollen und wollen objektivierte Gnade sein. Wie die Leibhaftigkeit der Kirche in der Himmelfahrt wurzelt, wie die Entmachtung und Erfüllung der Mächte eben hier ihren Grund hat, so wurzeln auch die Ämter in eben dieser Tat Gottes« (a. a. O. 107f).

12 Der Zweck, zu dem Christus die »Gaben« gegeben hat, wird in drei Satzgliedern angezeigt. Dabei bereitet die Zuordnung der einzelnen Aussagen zueinander einige Probleme.[ A ] Insbesondere ist zu klären, ob sich der Mittelteil »für das Werk des Dienstes« auf die Heiligen oder aber auf die »Amtsträger« im Sinne von solchen, die »mit einem Werk des Dienstes« beauftragt sind, bezieht. Da dies aufgrund der grammatischen Struktur allein nicht entschieden werden kann, ist vom Zusammenhang her so zu deuten: Die verschiedenen Beauftragten wurden gegeben »zur Zurüstung (griech.: pros) der Heiligen für (griech.: eis) das Werk des Dienstes, zur (griech.: eis) Auferbauung des Leibes Christi«.[ B ] Der Sinn wäre dann der: die »Amtsträger« haben die Aufgabe, die Glaubenden zuzurüsten, damit diese wiederum Dienste übernehmen können; durch beide Tätigkeiten — die Zurüstung durch die genannten Gruppen (insgesamt, nicht nur Hirten und Lehrer) wie das Werk der Heiligen — wird der Leib Christi auferbaut.

A) Vgl. zu den verschiedenen Möglichkeiten Schlier, a. a. O. 198.
B) Dadurch werden zwar die gleichen Präpositionen verschieden übersetzt, doch ist die Verbindung der ersten beiden Glieder und die Parallelisierung mit dem dritten durchaus zu rechtfertigen: Vgl. Schlier, a. a. O. 198.


Der Begriff »zurüsten« wird im NT im Sinne von »ausstatten«, »festigen« gebraucht: So will Paulus nach 1Thess 3,10 den Glauben der Thessalonicher festigen, indem er das noch Fehlende ergänzt. In 1Kor 1,10 meint es die »Charakterprägung« im Blick auf die Einheit der Gemeinde (vgl. Gal 6,1). Darin sollen sich die Gemeindeglieder |108| gegenseitig helfen (vgl. 2Kor 13,11).[ A ] Demnach besteht die Aufgabe der Verkündiger, Leiter und Hirten darin, die Glaubenden in ihrem Vertrauen zu Jesus Christus zu festigen und zu stärken, sowie sie für die Wahrnehmung ihrer je eigenen Aufgaben auszustatten. Zwar kann man »das Werk des Dienstes« (griech.: ergon diakonias) vor allem auf den Dienst am Evangelium, die Verkündigung, beziehen[a], doch ist darin lediglich das besondere Kennzeichen der von Jesus Christus aufgetragenen Diakonie hervorgehoben: Weil der Herr selbst der Diener (Lk 22,27; Joh 13,4ff) und sein Leben, Leiden und Sterben der »Dienst« schlechthin ist (Mk 10,45 par.), dieser Dienst aber allein in der Verkündigung des Evangeliums verbreitet wird, darum entspringt alle Diakonie aus diesem Wort und wird von ihm getragen. Darum ist solche Diakonie vornehmlich »Diakonie der Versöhnung« (2Kor 5,18) und besteht im »Dienst am Evangelium« (vgl. Phil 2,22).[ B ]
a)Apg 20,24; 21,19; Röm 11,13; 2Kor 3,6-8; 4,1; 5,18; 6,3; Kol 4,17; 1Tim 1,12; 2Tim 4,5

A) Vgl. G. Delling, ThWNT I, 475.
B) Daher findet sich auch der weitere Begriff von »Dienst«; so etwa in den sehr allgemein bezeichneten »Zuteilungen von Diensten« (1Kor 12,3; vgl. auch Röm 12,7).


In einer unserem Vers vergleichbaren Ausdrucksweise ermutigt Paulus die Korinther in 1Kor 15,58, »sich im Werk des Herrn« hervorzutun (vgl. 16,10 von Timotheus) und beschreibt damit offensichtlich den gesamten Raum christlichen Wirkens. Diese Erfüllung der jeweiligen Aufgaben von eigens Beauftragten und Heiligen dient »zur Erbauung des Leibes Christi«. Damit ist das Grundwort des Gemeindelebens als ganzem genannt: Alles, was innerhalb der Ortsgemeinde wie der christlichen Kirche als ganzer geschieht, hat der »Erbauung« zu dienen. Dies markiert die Grundlinie der Argumentation gegenüber der Gemeinde in Korinth: nicht, was erlaubt, was individuell bewegend sein mag, kann in der Gemeinde zum Zug kommen, sondern das, was auferbaut (1Kor 10,23; 14,3f.14.26), vor allem daher die Liebe (8,1).
13 Die Erbauung, das Wachstum des Leibes Christi, ist auf ein Ziel ausgerichtet, das in diesem Vers angegeben wird. Der Ausdruck »hinkommen« kann ganz wörtl. das Erreichen eines Ortes meinen (mehrfach in Apg: z. B. 16,1; 18,19 u.a.), dann aber auch übertragen gebraucht werden (das Ende der Zeiten ist angekommen: 1Kor 10,11). Ähnlich wie hier schließt es in Phil 3,11 die gespannte Ausrichtung auf das angestrebte Ziel ein, wenn Paulus von sich sagt: »damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.«
Es mag merkwürdig erscheinen, daß die Kirche bereits jetzt schon die »Fülle Christi« ist, die Glaubenden Mitbürger der Heiligen, Gottes Hausgenossen, Steine im heiligen Tempel sind und doch noch ein Wachstum, ein Werden ausgesagt wird. Dieselbe Doppelung fiel |109| bereits im Zusammenhang mit dem bereitgestellten Erbe auf: Es ist bereits zugeeignet, aber es wurde noch nicht angetreten (1,18; 2,7). Somit ist die Fülle Christi der Ausgangspunkt und das Ziel allen Wachstums.
Dies wird nun auf die konkrete Situation bezogen: Zwar kann es in der Kirche nur einen Glauben geben, da dieser allein Glaube an den einen Herrn Jesus Christus sein kann (4,5); zwar ist die »Einheit des Geistes« vorgegeben, da der Heilige Geist einer ist (4,3). Und doch gilt es, diese Einigkeit zu »halten« bzw. zu ihr »hinzukommen«. Antriebskraft für alle Bemühung in dieser Richtung ist nicht die Utopie einer geeinten Kirche, sondern die Realität des einen Leibes Christi.
Die Einheit des Glaubens ist eng mit der »Einheit der Erkenntnis« verbunden, die sich wiederum auf den »Sohn Gottes« konzentriert. In 1,18f hat Paulus bereits um den Geist der Weisheit gebeten, damit den Lesern die aus der Auferweckung Christi erwachsene Hoffnung und Kraft erkennbar werden möge. In ähnlicher Weise sind in Kol 2,2 die Bemühung darum, daß »die Herzen in Liebe vereint werden«, und die »Erkenntnis des Geheimnisses Gottes: Christus« miteinander verbunden. Vermehrter Glaube und vertiefte Erkenntnis des Sohnes Gottes kennzeichnen somit das Wachsen kirchlicher Einheit.[ A ]

A) O. Michel beschreibt den Zusammenhang so: »Die Bewegung des 'Hinkommens' bezeichnet auch hier den Weg zum Ziel und zur Gesamtheit über die gegenwärtige Lage und Generation hinaus. Die Einheit garantiert die Sicherheit und Festigkeit des Glaubens, entsteht aber allein aus der Einheit und Geschichtlichkeit der Person Jesu Christi. Das Ziel ist die sichere Erkenntnis der Wahrheit im Gegensatz zu dem Schwanken und der Verschiedenheit menschlicher Meinung (Harleß). Auch hier ist das Ziel endzeitlich, aber als Aufgabe des göttlichen Wortes und kirchlichen Amtes verstanden, denen die Sorge um den Leib des Christus anvertraut ist (Eph 4,11-12)« (ThWNT III, 626f).

Der Einheit entspricht die Vollkommenheit: Die Gemeinde, »wir alle«, sollen zum »vollkommenen Mann« werden: »Einheit und Vollkommenheit sind das Ziel der Gemeinde, und der Christus gibt dem einzelnen an dieser Einheit und Vollkommenheit Anteil; durch die Bewegung des 'Hinkommens', die vom Worte Gottes ausgelöst wird, wächst der einzelne in das Ziel der Gesamtheit hinein.«[ A ]

A) Michel, ebd. 627.

Entgegen abwegigen Herleitungsversuchen[ A ] aus gnostischen Vorstellungen ist der »vollkommene Mann« als der ausgereifte, erwachsene Mann zu deuten.[ B ] Dies wird durch den zweiten Ausdruck |110| erläutert: »zum Vollmaß der Fülle Christi«. »Vollmaß« ist die Übersetzung für wörtl. »Maß des Lebensalters« oder auch »Maß der Gestalt«.[ C ] Gemeint ist hierbei das »Erwachsenenalter« bzw. das »Vollmaß der Gestalt«. Durch die Arbeit der Beauftragten wird der Leib Christi auferbaut; seine volle Größe hat er dann erreicht, »wenn alle, die nach dem göttlichen Heilsplan für die Kirche bestimmt sind, zu der Kirche gehören ... Die Kirche, die der Leib des Christus ist, stellt in der vollendeten Gestalt das Pleroma Christi dar.«[D]

A) H. Schlier, Christus und die Kirche im Epheserbrief, 1930, dazu im Kommentar: a. a. O. 201f; zur Kritik bereits J. Schneider ThWNT II 945: »Die Anschauungen, die Schlier dem Anthropos-Mythus entnimmt, klären die Sachlage nicht auf, sondern verdunkeln die tiefen, aber im Grund einfachen Gedanken des Textes.«
B) Vgl. Delling zum »außerbiblischen Sprachgebrauch«, ThWNT VIII, 68ff.
C) So angewandt auf Zachäus, der nach Lk 19,3 »klein von Gestalt« war.
D) J. Schneider, ThWNT II, 945.


14 Mit diesem Ziel vor Augen wendet sich Paulus nun Problemen zu, mit denen die Briefempfänger konfrontiert werden. Dabei knüpft er an die Gestalt des Erwachsenen an, zu der die Glaubenden »hinkommen« sollen, und mahnt, Unreife und Kindesalter zu überwinden: »damit wir nicht mehr Unmündige seien«, die sich leicht beeinflussen lassen.[ A ] Im NT wird der »Unmündige«, das Kind, unterschiedlich beurteilt. Einerseits ist das Kind auf andere angewiesen und wird so zum Vorbild des Vertrauens (Mt 18,3) und zum Empfänger des Himmelreiches (Mt 11,25 vgl. 19,14). Daher können die Glaubenden als »Kinder Gottes« bezeichnet werden. Zugleich wird der Aspekt der Verführbarkeit und mangelnden Festigkeit des Heranwachsenden als etwas hervorgehoben, was es zu überwinden gilt (vgl. Gal 4,1.3; 1Kor 3,1; 13,11).[ B ]

A) Vgl. G. Delling, ThWNT VI, 301.
B) Vgl. G. Bertram, ThWNT IV, 918ff.


Die mangelnde Festigkeit erweist sich im Zusammenhang mit einem Bild aus der Seefahrt als besonders nachteilig: »von den Wogen hin- und hergeworfen und hin- und hergetrieben von jedem Wind der Lehre«. Wenn es im Leben einer Gemeinde bzw. eines Christen am Wachstum im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes (V. 13) mangelt, wenn Gemeindearbeit nicht dem Ziel der Auferbauung des Leibes Christi dient, dann ähnelt solche Situation dem kleinen Schiff, das dem Spiel von Wind und Wellen wehrlos ausgesetzt ist. Dabei bezieht sich »jede Art von Lehre« nicht auf von außen kommende »Hitze« antichristlicher Verfolgung (vgl. 1Petr 4,12), sondern auf die Vielfalt christlicher Irrlehre.[b]
b)Apg 20,30; 2Kor 11; Gal 1,9; 3,1; 2Tim 4,3; 1Joh 2,18ff
Das Bild von der Schiffahrt geht in das vom Würfelspiel über. Wer nicht gefestigt ist, wird zum Spielball. Das Ergebnis solchen Spiels ist ein zufälliges — totaler Gegensatz zur Gewißheit des Glaubens, zur Verwurzelung in der Liebe Christi.
|111| Durch einen Zusatz wird das an sich schon »windige« Spiel gar zum »Falschspiel«: »durch arglistiges Vorgehen, das Täuschung bezweckt.«[ A ]

A) Vgl. zu dieser Übersetzung W. Michaelis, ThWNT V, 107. Wörtl. wäre die Wendung mit »in Arglist (urspr.: zu allem fähig sein) zu dem Vorgehen der Täuschung« wiederzugeben. Dabei kommt der Begriff »Vorgehen« (griech.: methodeia), der erst im NT belegt ist, nur in Eph 4,14 und 6,11 vor. Beide Male wird er negativ im Sinne von »arglistigem/trügerischem Vorgehen« gebraucht (ebd.).

Hinter solcher Verschlagenheit, die sich insbesondere durch eingängige, angenehme, aber irreführende Lehre offenbart, steht der Teufel (vgl. 6,11). Von dieser »Arglist« spricht Paulus auch in 2Kor 11,3: Durch sie hat die Schlange beim Sündenfall Eva verführt. Dieser Vorgang wird zum Beispiel für das, was die Irrlehrer in Korinth beabsichtigen: die Glaubenden von der auf Christus ausgerichteten »Einfalt und Lauterkeit« abzuwenden. Dadurch werden Menschen zum Opfer der »Täuschung«[ A ]. Diese greift dort Platz, wo die »Liebe zur Wahrheit« abgelehnt, wo der Glaube an die Lüge die Stelle des Glaubens an die Wahrheit einnimmt (2Thess 2,10ff). Demgegenüber war die Handlungsweise des Paulus in seinen Gemeinden stets von der Offenheit und Geradlinigkeit, die aus dem Evangelium erwächst, gekennzeichnet (vgl. 1Thess 2,3: ohne Täuschung; 2Kor 4,2: ohne Arglist).[ B ]

A) Vgl. 2Petr 2,1.5.18, demgegenüber: 3,17; vom »Geist der Täuschung« spricht 1Joh 4,6, von der »Wirkung der Täuschung« 2Thess 2,11.
B) M. Luther sieht die verheerende Täuschung, die sich für ihn vom Vorgehen der Schlange über das Papsttum bis in die Auseinandersetzung mit den Schwärmern erstreckt, in der Loslösung des Geistes vom klaren Wort Gottes. Wo das Wort der Heiligen Schrift verlassen wird, dort ist Tür und Tor für alle Spielarten scheinbar »geistvoller« Täuschung geöffnet: »In diesen Stücken, die das mündliche, äußerliche Wort betreffen, ist fest darauf zu beharren, daß Gott niemand seinen Geist oder Gnade gibt ohne durch oder mit dem vorausgehenden äußerlichen Wort, damit wir uns hüten vor den Enthusiasten, d.h. den Geistern, die sich rühmen, ohne und vor dem Wort den Geist zu haben, und danach die Schrift oder das mündliche Wort nach ihrem Gefallen richten, deuten und dehnen. (...) Darum sollen und müssen wir darauf beharren, daß Gott mit uns Menschen nicht handeln will als nur durch sein äußerliches Wort und Sakrament. Alles aber, was ohne solches Wort und Sakrament als vom Geist kommend gerühmt wird, das ist vom Teufel« (Schmalkaldische Artikel III, Von der Beicht, BSLK 453ff). — Ähnlich gibt H. J. Iwand zu diesem Abschnitt zu bedenken, daß die Kirche im Laufe der Kirchen- und Dogmengeschichte gereift, gewachsen, gewarnt sein müßte vor derartigen »Winden« und deshalb die »Weisheit des Alters ... mit dem Feuer des Geistes« verbinden sollte. »Anstelle dessen aber fällt sie zurück in jenen kindischen Enthusiasmus, der ein Spielball wird für alle Schwärmerei und schnell aufschäumende Begeisterung, ohne die Kraft des entschlossenen Stehens bei dem einmal Erkannten und Erworbenen. Meine man nur nicht, daß solch ein Beharren zur Verhärtung führe. Gerade im Kampf wider solche Verführung ist immer wieder die Lehre der Kirche gereift und neu entwickelt worden, gerade hier hat sie den rechten Antrieb gewonnen, im Leiden und im Widerstehen, sich selbst weiter und reicher zu entfalten. Hättet ihr nur, die ihr heute über geistlichen Tod klagt, widerstanden, euch wären reiche und tiefe Erkenntnisse zuteil geworden, einfach aus dem Festhalten an dem einen Satz: Dieser ist Gottes Sohn!« (Predigtmeditationen, Göttingen 4/1977, 25).

15 Arglist und Täuschung wird »Wahrheit« und »Liebe« gegenübergestellt: »und die Wahrheit in Liebe reden«. Dabei tritt (verschränkt) |112| an die Stelle der Täuschung die Wahrheit, während die Arglist durch die Liebe überwunden wird.
Der Ausdruck »die Wahrheit reden« (griech.: alêtheuein) kommt nur hier und in Gal 4,16 vor und kann auch mit »wahrhaftig sein« übersetzt werden[ A ]. Kennzeichen der Offenbarung Jesu Christi ist das Licht, die Wahrheit (vgl. Joh 1,14.17 u.ö.). Dementsprechend ist das Evangelium »Wort der Wahrheit« (Eph 1,13; Kol 1,5; vgl. Gal 2,5.14). Folglich sind auch die Boten des Evangeliums in ihrem gesamten Dienst durch die Wahrheit geprägt. Dies wird z. B. in 2Kor 4,2ff eindrücklich illustriert: »Wir meiden schändliche Heimlichkeit, gehen nicht mit List um, fälschen nicht Gottes Wort — vielmehr empfehlen wir uns jedem menschlichen Gewissen durch Offenbarung der Wahrheit.«

A) Bauer, a. a. O. 70.

Die Wahrheit soll »in Liebe« geredet werden, wodurch alle Arglist abgewiesen wird. Die aus der Wahrheit erwachsende Offenheit verbindet sich mit Herzlichkeit und Aufrichtigkeit, die aus der Liebe entspringen (vgl. Phil 2,1). Was für das Verhältnis von Glaube und Liebe (Eph 1,15) gilt, ist auch auf die Beziehung zwischen Wahrheit und Liebe anzuwenden: Beide haben ihren Ursprung in Gottes Offenbarung und werden den Glaubenden für den Umgang miteinander anvertraut. Daher ist es weder möglich, die Wahrheit unter Berufung auf die Liebe ihres Anstoßes zu berauben, noch die Liebe im Namen der Wahrheit an den Rand zu drängen.
Denn die Verbindung von Wahrheit und Liebe ermöglicht das Wachstum der Gemeinde auf ihr Ziel hin: »und in allem auf den hinwachsen, der das Haupt ist: Christus«.
Mit dem Begriff »Wachsen«[c] nimmt Paulus das Bild vom »erwachsenen Mann« aus V. 13 wieder auf. Damit wird sowohl das Zunehmen des einzelnen im Glauben bezeichnet (vgl. dieselbe Intention in Eph 3,16ff), als auch das Heranwachsen des Leibes der Kirche (vgl. 2,21).
c)1Kor 3,6f; 2Kor 10,15; Kol 1,6.10; 1Petr 2,2; 2Petr 3,18
In dieses Wachstum soll »alles« (nicht: das All) innerhalb der Kirche einbezogen sein: Jedes Glied, jede Aktivität im Leib gewinnt die Orientierung vom Haupt her, auf das alles auszurichten ist. Was für den einzelnen Christen gilt (Zunahme im Glauben, in der Liebe und insbesondere in der Erkenntnis der Liebe Christi: 3,17ff), das soll die gesamte Kirche markieren.
16 Vom Haupt her ergibt sich zum Abschluß dieser Ausführungen über die Einheit und das Wachstum des von Christus begabten Leibes der Anlaß, das Miteinander und Ineinander dieses besonderen Organismus zusammenfassend zu illustrieren.
|113| Ermöglicht und ausgehend von diesem Haupt her »bewirkt der ganze Leib ... das Wachstum des Leibes zur Auferbauung seiner selbst in der Liebe«. Aus Christus gewinnt der »ganze« Leib bis in seine feinsten Verästelungen hinein Impuls und Kraft zum Wachstum, zur Auferbauung. Wie bereits in 2,20ff finden sich auch hier die Bilder vom Körper und vom Bau Seite an Seite. Indem der Leib zum Haupt hinwächst, wird damit auch der Bau erweitert und auf seine Fertigstellung hin gefördert. Die lebensnotwendige Verbindung zum Haupt, die dieses »bewirken« erst möglich macht, schließt aus, daß es sich bei der »Auferbauung seiner selbst« um ein eigenmächtiges Wirken der Kirche handeln kann. Kirche ist nur von ihrem Haupt, Christus, her zu erkennen. Wo dies aus dem Blick geraten ist, will dieser Abschnitt zur Umkehr zum Haupt anleiten.
Der ganze Leib wird »zusammengefügt und zusammengehalten durch jedes unterstützende Gelenk«. Ganz ähnlich formuliert Paulus in 2,19: »... das Haupt, von dem her der ganze Leib durch Gelenke und Bänder gestützt und zusammengehalten wird und wächst durch Gottes Wirken.«
Versteht man V. 16 als Zusammenfassung von 4,7-15, so wird man die »unterstützenden Gelenke«, die eine zentrale Funktion für den Zusammenhalt des Leibes haben, auf die in V. 11 genannten Beauftragten beziehen.[ A ]


A) Bereits für den antiken Menschen nahmen Gelenke und Bänder die Verbindungsfunktion zwischen den einzelnen Körperteilen wahr und hatten zugleich die Aufgabe, die erforderlichen »Antriebs- und Wachstumskräfte« vom Kopf her in die einzelnen Gliedmaßen weiterzuleiten; vgl. bei Schnackenburg, a. a. O. 192.

Auch hier ist wieder darauf aufmerksam zu machen, daß die unterstützende Aufgabe der eigens Beauftragten allein aus ihrer Lebensverbindung zum Haupt heraus möglich ist, da sie ja nicht nur »Gaben« an den Leib, sondern selbst wieder von Christus »begabt« sind, entsprechend seinem Willen (4,7f).
Diese Förderung des Zusammenhalts geschieht »nach der Kraft, die einem jeden Teil zugemessen ist«. Die Formulierung »einem jeden« nimmt V. 7 auf und ist daher, wie dort, nicht auf die eigens genannten Beauftragten zu beschränken, sondern wieder auf die Gesamtheit der Glaubenden zu beziehen: Jedem einzelnen wurde nach dem Maß der Gabe Christi die Gnade mit den daraus erwachsenden Gaben gegeben. Entsprechend wird der Leib von allen Gliedern gefördert. Dies geschieht nach der jedem Teil zugemessenen Kraft (vgl. 3,7 im Blick auf Paulus selbst).
Damit wird in diesem Vers tatsächlich der gesamte vorausgehende Abschnitt zusammengefaßt: Ausgehend von der Einheit Gottes und seines Handelns im Leib Christi war der Blick auf die Vielfalt der an |114| die Glaubenden ausgeteilten Gaben gegangen. Sodann hebt Paulus die besonderen Aufgaben der Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer für die Zurüstung der Heiligen hervor, damit die Kirche Christi zum Erwachsenenalter heranreifen und trügerischer und täuschender Lehre widerstehen könne. Zum Schluß nimmt der Apostel wieder das Zusammenwirken aller am Aufbau des Leibes in den Blick. Auffälliges Kennzeichen an der gesamten Aufgabe ist, daß die Auferbauung »in der Liebe« (V. 13) geschieht. Dies ist dort der Fall, wo die Erkenntnis der Liebe Christi mehr und mehr wächst (3,19) und daher auch die Wahrheit in Liebe geredet wird (4,15).

Matthäus 25,14-30

14 Es wird so sein wie bei einem Manne, der vor Antritt einer Reise ins Ausland seine Knechte rief und ihnen sein Vermögen übergab;

Lk 19,12-27; Mk 13,34

Mt 21,33

15 dem einen gab er fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten eins, einem jeden nach seiner Tüchtigkeit; dann reiste er ab.

Mt 18,24; Rö 12,3.6; 1Ko 12,4

16 Da ging der, welcher die fünf Talente empfangen hatte, sogleich ans Werk, machte Geschäfte mit dem Geld und gewann andere fünf Talente;

17 ebenso gewann der, welcher die zwei Talente (empfangen hatte), zwei andere dazu.

18 Der (Knecht) aber, welcher das eine Talent erhalten hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg darin das Geld seines Herrn.

19 Nach längerer Zeit kam der Herr dieser Knechte zurück und rechnete mit ihnen ab.

Mt 18,23

20 Da trat der hinzu, welcher die fünf Talente empfangen hatte, brachte noch fünf andere Talente mit und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir übergeben; hier sind noch andere fünf Talente, die ich dazugewonnen habe.

21 Da sagte sein Herr zu ihm: Schön, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen: Gehe ein zum Freudenmahl deines Herrn!

Mt 25,23; 24,45-47; Lk 16,10; 12,44; 2Tim 2,12; 1Pt 1,8

22 Dann kam auch der (Knecht) herbei, der die zwei Talente (empfangen hatte), und sagte: Herr, zwei Talente hast du mir übergeben; hier sind noch zwei andere Talente, die ich dazugewonnen habe.

23 Da sagte sein Herr zu ihm: Schön, du guter und treuer Knecht. Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen: gehe ein zum Freudenmahl deines Herrn!

Mt 25,21

24 Da trat auch der herzu, welcher das eine Talent empfangen hatte, und sagte: Herr, ich wußte von dir, daß du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast.

25 Da bin ich aus Furcht hingegangen und habe dein Talent in der Erde verborgen, hier hast du dein Geld wieder!

26 Da antwortete ihm sein Herr: Du böser und träger Knecht! Du wußtest, daß ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?

27 Nun, so hättest du mein Geld bei den Bankhaltern anlegen sollen; dann hätte ich bei meiner Rückkehr mein Geld mit Zinsen zurückerhalten.

28 So nehmt ihm nun das Talent ab und gebt es dem, der die zehn Talente hat.

29 Denn jedem, der da hat, wird noch hinzugegeben werden, so daß er Überfluß hat; wer aber nicht hat, dem wird auch noch das genommen werden, was er hat.

Mt 13,12

30 Den unnützen Knecht jedoch werft hinaus in die Finsternis draußen! Dort wird lautes Weinen und Zähneknirschen sein.

Lk 17,10; Mt 8,12; 24,51; Ps 112,10

Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten  Mt 25,14-30

Während der Herr sonst für seine Gleichnisse Bilder aus dem Ackerleben, dem Handwerkerleben, dem Familienleben entnommen hat, hat er in dem vor uns liegenden Gleichnis Vorgänge aus dem Geld- und Bankwesen genommen. Das Geld- und Bankwesen war in der damaligen Zeit eine Sache der Stadt. Und wenn auch die Hörer des Herrn selbst nicht solche großen Geldsummen besaßen, so wußten sie doch um das Geld- und Bankwesen Bescheid, wußten auch, daß man, wenn man viel Geld hat, durch geschickte Spekulation schnell noch mehr Geld dazuverdienen kann. Die Zinsen waren in der Antike sehr hoch. Vielleicht haben die tüchtigen Knechte sich selbst als Bankhalter betätigt und das Geld zu hohen Zinsen ausgeliehen und große Geschäfte damit getätigt.
Wir kommen zur Deutung des Gleichnisses. Es ist wieder ein sehr ernstes Gleichnis, das dritte in dem Abschnitt seiner Abschiedsreden an seine Jünger nach dem Matthäus-Evangelium. Dieses dritte Gleichnis zeigt den Jüngern nochmals, wen die Wiederkunft des Herrn erhöht und wen sie verstößt! - Höchste Verheißung steht neben dem ernstesten Gericht. Es gilt um der hohen und allerherrlichsten Zukunft willen, der der wiedergeborene Christ entgegengehen darf, nämlich der Wiederkunft des Herrn, die Gegenwart, in der er steht, nicht etwa leicht zu nehmen, nicht über dem Ausschauen nach dem wiederkommenden Herrn der Treue im Kleinen und im Alltäglichen zu vergessen! Dies neu gesagt und ernst beleuchtet zu haben, ist der Sinn dieses Gleichnisses des Herrn.
Der Mann im Gleichnis, der in die Fremde zieht, vertraut drei Knechten seine Güter an, und zwar gibt der abreisende Herr dem ersten fünf Talente, dem zweiten zwei Talente und dem dritten nur ein Talent. Ein Talent ist eine Geldsumme von etwa 5000 Mark. Lange Zeit bleibt der Herr des Gleichnisses aus. Er läßt auf sich warten. Man weiß nicht, wann er zurückkommt. Mit besonderer Betonung wird gesagt: »Nach langer Zeit kam der Herr zurück« (V. 19). Dann richtet der Herr über das Schaffen seiner Knechte. Der erste Knecht hat seine fünf Talente verdoppelt, das sind 50 000 Mark, der zweite ebenfalls, das sind 20 000 Mark geworden. Der dritte Knecht hat nichts verloren, aber auch nichts gewonnen. Er hat also nicht gearbeitet. Das Urteil des Herrn lautet für die beiden arbeitenden Knechte gleich. Sie gehen ein »zur Freude« des Herrn. Das Urteil des Herrn über den dritten Knecht ist ein vernichtendes. Das ist kurz der Gang des Gleichnisses.
Nutzanwendung in kurzen Worten: Es genügt nicht, auf die Wiederkunft des Herrn und auf das Gericht zu warten, sondern der Christ muß die Zeit des irdischen Lebens nutzen, um zu arbeiten und zu wirken mit den ihm geschenkten Gaben. Treue erwartet der Herr von einem jeden von uns, bis daß er kommt. »Handelt, bis daß ich wiederkomme!« (Lk 19,13).
Das ist kurz der Grundgedanke der Deutung. Nun die Ausführung: Die verschieden hohe Summe der Talente weist hin auf die verschiedenen Veranlagungen, Fähigkeiten und Gaben der Knechte. Nicht die Gaben als solche sind wichtig, sondern dies, wie die Knechte diese Gaben ausgewertet und genutzt haben.
Der Herr verlangt nicht von allen dasselbe. Dem einen hat er mehr anvertraut, dem andern weniger! Ist das nicht ungerecht seitens des Gebers? Nein, denn in diesem Gleichnis sind nicht die Gaben als solche als das Eigentliche und Wesentliche betont, sondern die Nutzung und Wertung dieser Gaben. Und dabei ist der Herr gerecht, vollkommen gerecht! Denn der Herr mutet niemandem mehr zu, als er leisten kann. Denn nicht der Unterschied ist wichtig, der zwischen den beiden ersten Knechten besteht, sondern der Gegensatz, in dem der dritte Knecht gegenüber den beiden ersten Knechten sich befindet.
Also eine Ungerechtigkeit seitens des gebenden und schenkenden Herrn und Gottes kann nicht vorliegen! Denn nicht die Gabe als solche steht im Mittelpunkt des Berichtes, sondern die Treue, mit welcher die Gaben verwaltet, und zwar genutzt werden ihm zur Ehre.
Wir fragen, was ist mit den uns von Gott geschenkten Talenten, Gaben gemeint?
Wir meinen, daß damit all das gemeint ist, was wir von Gott an natürlichen und übernatürlichen Gaben geschenkt bekommen haben. - Hinsichtlich der natürlichen Gaben meinen wir: das Geschenk eines gesunden Leibes und der damit zusammenhängenden Kräfte und Fähigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens. Es sei erinnert an den ersten Glaubensartikel. Weiter seien genannt die Segnungen einer guten Erziehung, einer rechten Schulung, einer tragenden Berufsexistenz, eines geordneten Staatswesens, alles, was in der Erklärung zur 4. Bitte des Vaterunsers von Luther aufgezählt ist, das ist von Gott geschenkte gute Gabe, für deren treue Verwaltung wir verantwortlich sind dem höchsten Herrn und Richter gegenüber! Alle diese Gaben haben nicht Eigenwert und dienen nicht dem eigenen Zweck, sondern sind Mittel zu dem Zweck, täglich in der Treue im Kleinsten das Glaubensleben zu bewähren und zu beweisen!
Wir kommen zu den übernatürlichen Gaben! Denn der Glaubende steht nicht nur in seinem irdischen Lebensbereich, nicht nur in Beziehung zu den natürlichen Gaben und Gegebenheiten, sondern auch in Beziehung zu den Gaben und Gegebenheiten des Geistes Gottes. Was ist unter den letzteren gemeint?
Es ist die Gabe des Heiligen Geistes selbst, die in der Stunde der Wiedergeburt dem Glaubenden geschenkt worden ist, dann das Wort unseres Gottes und die damit geschenkten Erkenntnisse, dann das Gebet, dann all die kostbaren Segnungen Gottes in himmlischen Gütern, die tägliche gnädige Lebensführung und Erziehung seitens des Vaters im Himmel, dann Leiden und Trübsale - alles, alles ist übernatürliche Gabe, die uns Verpflichtung auferlegt hat. All das ist nicht als etwas den Jüngern privat Gegebenes anzusehen, sondern als etwas, was mit der heiligsten Verpflichtung zum Dienst verbunden ist. Jesus warnt, daß ein Jünger sich in keiner Weise darauf beschränken dürfe, die ewigen Heilsgüter Gottes nur in seinem Herzen zu bewahren und zu bewegen (so wichtig das auch immer als das zuerst Nötige ist), sondern daß er damit das ihm geschenkte Maß der Erkenntnis weiterzugeben, zu wuchern und zu wirken habe, bis daß Er kommt. Wer das ihm verliehene Heilsgut für sich behält, zur eigenen Erbauung und Sättigung allein, der handelt nicht nach dem Willen des Herrn. - Nicht dazu hat ihm sein Herr das Heilsgut, die Segnung und Stärkung und Erquickung von oben gegeben, daß er für seine Person darin sein Genüge finde (das zunächst und zuerst auch), sondern der Glaube und der Trost will in der Liebe tätig sein (Gal 5,6). Ein solcher nur an sich denkender Jünger schadet nicht nur dem Werk des Herrn, sondern schadet sich auch selbst. Dem unnützen Knecht wird das »Talent«, das er mit aller Sorgfalt für sich bewahrt hatte, dennoch fortgenommen.
Es ist die furchtbare Täuschung, in der auch alle Einzelgänger leben, daß sie meinen, sie hätten sich gegen alle Schädigungen gesichert, wenn sie sich von den andern zurückziehen. Von innen her geht ihr geistliches Leben zugrunde. Hingegen in Liebe und Dienst sich selbst den andern hingeben zehrt nicht am eigenen geistlichen Besitz, sondern mehrt ihn gerade. Wer für andere lebt, hält sich die Krankheit der frommen Selbstsucht fern. Es erfüllt sich die Regel geistig-geistlichen Lebens, die in den Spruch gefaßt ist: »Jedem, der da hat, wird gegeben werden; dem, der nichts hat, wird auch das, was er hat, weggenommen werden.« Ein Jünger Jesu »hat« nur, indem er gibt, denn er »hat« nichts für sich selbst bekommen. »Wer nichts gibt, dem wird auch das, was er hat, weggenommen werden, weil er nicht gibt.«
Der Herr spricht zu den treuen Knechten: »Ich werde euch über vieles setzen. Geht ein in die Freude eures Herrn!«
»Der Lohn der Treuen ist ein doppelter: Es wird ihnen viel unterstellt, und sie werden zur Freude ihres Herrn geladen. Sie bleiben seine Diener, die er weiter nach seinem Willen tätig macht. Sie empfangen dazu reichere Kraft, einen größeren Machtbereich. Christus kennt kein müßiges Leben, auch nicht im Himmelreich; denn die Seinen sollen an seiner Herrschaft tätig teilnehmen. Aber er hat nicht nur die größere Aufgabe für sie, sondern teilt seine eigene Freude mit ihnen. So stellt Jesus seinen Jüngern dar, was sein Dienst ihnen bringt.
Von dem einen untreuen Knecht berichtet Jesus, daß dieser Knecht, der das Talent in der Erde vergraben hatte, sich damit rechtfertigt, daß er aus Furcht vor der Strenge des Herrn den Dienst versäumt habe. So redet aber nur der, der keine Liebe hat. Kann die Liebe sagen, sie möge nichts für den Herrn tun? Kann die Liebe den Herrn schelten, er verlange zuviel und sein Gebot sei eine Plage? Wie sollen wir bei der Wiederkunft Jesu das Leben und die Herrlichkeit gewinnen, wenn unser Herz mit dem Herrn hadert? Die Furcht, die der Knecht vorgibt, ist keine Furcht, sondern dreiste Verachtung des Herrn! Denn es ist eine Lüge, wenn wir uns mit der Last und Schwere des Gebotes der Treue entschuldigen! Der Herr überfordert nie seine Jünger!« (Vgl. Schlatter, »Erläuterung«, S. 372.)

Kapitel 6 - Die Heiligung

Vertiefung

Die Heiligung - Gott will uns verändern

Ich liebe es, Worte zu gebrauchen, die in unserem Alltag nicht vorkommen. Heiligung ist so ein Wort. Es ist unserem Leben so fremd wie der heilige Gott. Darum beschäftige ich mich in diesem Kapitel damit. Wir müssen  über eine Unterschied reden, der für uns lebensrettend ist: Gott hasst die Sünde, aber er liebt den Sünder. Wie macht er das? Wie bekommen diese Unterscheidung meist nicht hin.

Wer ist heilig? Wir werden mit Hilfe der Bibel die Bedeutung des Wortes „heilig“ neu lernen. Was bedeutet Heiligung? Auch das lässt sich mit Hilfe der Bibel gut verstehen. Lässt es sich auch gut leben? Das werden wir sehen.

Bei der Gelegenheit schauen wir auf die Zehn Gebote und auf die Bergpredigt von Jesus. Viele meinen, dass man nach den Zehn Geboten leben sollte. Bei Nachfrage kennen sie nur zwei oder drei. Die Bergpredigt halten viele für eine Beschreibung von Idealen, die im Berufsalltag nicht anwendbar sind. Dazu hatte übrigens der allseits so verehrte Dietrich Bonhoeffer eine sehr spezielle Ansicht, die wir uns näher anschauen.
Bleibt noch die Frage, ob Liebe und Gebote miteinander vereinbar sind. Man wolle auf keinen Fall gesetzlich werden, beteuern viele Christen. Mal sehen, was dahinter steckt.

Und was ist mit der Politik? Der Glaube ist Privatsache. Das war mal ein befreiender Satz, der besagte: Nicht mehr die Regierung bestimmt, was die Bürger zu glauben haben, sondern jeder entscheidet das selber. Heute scheint privat zu bedeuten: Rein privat darfst du glauben, was du willst, aber es soll keine Auswirkung auf das gesellschaftliche und öffentliche Leben haben. Wir haben es hier mit einem kniffligen Problem zu tun, zumal Religion und Gewalt gerade wieder zu einer explosiven Mischung werden. 

Matthäus 5,21-48

21 Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, soll dem Gericht verfallen sein.

2Mo 20,13; 21,12; 3Mo 24,17; 5Mo 17,8

22 Ich aber sage euch, daß jeder, der seinem Bruder zürnt, dem Gericht verfallen sein wird. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka! dem Synedrium verfallen sein wird. Wer aber sagt: Du Narr! der Hölle des Feuers verfallen sein wird.

1Jo 3,15; Jak 1,19.20

23 Wenn du nun deine Gabe darbringst zu dem Altar und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder etwas wider dich habe,

Mk 11,25

24 so laß daselbst deine Gabe vor dem Altar und gehe zuvor hin, versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm und bringe deine Gabe dar.

Eph 4,26; Mt 6,14.15; 18,35

25 Sei wohlgesonnen deinem Widersacher schnell, während du mit ihm auf dem Wege bist, damit nicht etwa der Widersacher dich dem Richter überliefere und der Richter dich dem Diener überliefere, und du ins Gefängnis geworfen werdest.

Lk 12,58.59; 18,8

26 Wahrlich, ich sage dir: du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Quadranten bezahlt hast.

Mt 18,34

27 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen.

2Mo 20,14

28 Ich aber sage euch, daß jeder, der eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, schon Ehebruch mit ihr begangen hat in seinem Herzen.

2Sam 11,2; Hio 31,1; 2Pt 2,14; Sir 9,5

29 Wenn aber dein rechtes Auge dir zum Fallstrick wird, so reiß es aus und wirf es von dir, denn es ist besser, daß eines deiner Glieder umkomme, und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde.

Sach 11,17; Mt 18,8; Mk 9,43.47; Kol 3,5

30 Und wenn deine rechte Hand dir zum Fallstrick wird, so hau sie ab und wirf sie von dir; denn es ist besser, daß eines deiner Glieder umkomme und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde.

31 Es ist gesagt: Wer seine Frau entlassen will, gebe ihr einen Scheidebrief.

5Mo 24,1; Mt 19,3-9; Mk 10,4-12

32 Ich aber sage euch: Wer seine Frau entläßt, außer auf Grund von Unzucht, macht, daß sie Ehebruch begeht. Und wer irgendeine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch.

Lk 16,18; 1Ko 7,10.11

33 Wiederum habt ihr gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht fälschlich schwören, du sollst aber dem Herrn deine Eide erfüllen.

2Mo 20,7; 3Mo 19,12; 4Mo 30,3; 5Mo 23,22

34 Ich aber sage euch: Schwöret überhaupt nicht! Weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron;

Ps 50,14; Jes 66,1; Mt 23,16-22; Apg 7,49

35 noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel; noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt.

Ps 48,2; Mt 23,16-22; 2Ko 1,17; Jak 5,12

36 Noch sollst du bei deinem Haupte schwören, denn du vermagst nicht ein Haar weiß oder schwarz zu machen.

37 Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein! Was aber mehr ist als dieses, ist aus dem Bösen.

38 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

3Mo 24,19.20

39 Ich aber sage euch: Widerstehet nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf die rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar;

3Mo 19,18; Jo 18,22.23; Rö 12,19.21; 1Pt 2,23; 3,9

40 dem, der mit dir vor Gericht gehen und deinen Leibrock nehmen will, dem laß auch den Mantel.

1Ko 6,7

41 Und wer irgend dich zwingen will, eine Meile zu gehen, mit dem geh zwei.

42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem ab, der von dir borgen will!

43 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.

3Mo 19,18; Mt 22,39

44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen,

2Mo 23,4; Lk 23,34; Rö 12,14.20; Apg 7,59; 1Ko 4,12.1Tim 2,1

45 damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Mt 22,10; Lk 6,35; Eph 5,1

46 Denn, wenn ihr liebet, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?

47 Und wenn ihr eure Brüder allein grüßet, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe?

48 Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

3Mo 19,2; Mt 19,21; 1Ko 14,20; Jak 1,4

ZORN IST GLEICH MORD  Mt 5,21-26

Die bessere Gerechtigkeit erläutert Jesus zunächst an drei Beispielen aus den zehn Geboten. - Als erstes Beispiel erwähnt Jesus das Gebot: »Du sollst nicht töten.«[88]

89) Liechtenhan meint in seinem Buch »Gottes Gebot im NT«: Jesus hat das Wort Lohn ganz unbefangen gebraucht. Manchmal hat es einfach die Bedeutung von »Wert«. Also so: »Ihr habt sonst keinen Lohn bei dem Vater« heißt soviel wie: »Es hat vor Ihm, dem Vater im Himmel, ‚keinen Wert‘.« - Vgl. das zu 5,12 Gesagte.

Das Wort: »Ich aber sage euch« will nicht Mißachtung der Alten sein, eine Mißachtung, die sich von der Vergangenheit freimachen möchte, nein, nicht Mißachtung des Alten, sondern höchste Beachtung des Alten. Das Gesetz ist unbedingt heilig, ist unwandelbar, ist das, was über dem Wechsel der Zeit unverändert verharrt und bleibt. Aber das Gesetz Gottes schaut nicht nur auf die Tat, sondern blickt tiefer, sieht auf den Ursprung der Tat, auf die dahinter liegende Gesinnung. »Denn aus dem Herzen kommen arge Gedanken: Mord ...« So greift Christus an die Wurzel, ist radikal (radix = Wurzel) und zeigt uns, daß der Zorn dem Mord gleich kommt. - Schlatter sagt: »Den schuldhaften Charakter innerer Herzensvorgänge anzuerkennen (d. h. die Seelenvorgänge und Gedankenangelegenheiten), fiel der Judenschaft schwer.«
Wenn Jesus sagt: »Ich aber sage euch ... jeder, der seinem Bruder zürnt, der wird dem Gerichtsverfahren verfallen«, so weisen die Worte »euch« und »Bruder« hin auf die Jünger. Für diese gilt dieses Wort des Herrn, denn die Jüngerschaft ist eine Bruderschaft.
In dieser Bruderschaft darf es kein Zürnen geben. Was heißt zürnen? Auf Grund des Urtextes kann das Zürnen nach zwei Seiten hin sich zeigen:
Nach innen und nach außen. Nach innen hin gesehen, ist »zürnen« verbittert sein, erbittert sein auf den Bruder, innerlich erregt sein, Groll in sich tragen, sich vom Bruder zurückziehen, sich von ihm geschieden halten, sich innerlich verzehren.
Nach außen hin bedeutet »zürnen« aufgeregt sein, aufbrausen, anfahren, hart sein, ungerecht sein, unfreundliche Gesinnung an den Tag legen, jähzornig werden.
Das ist alles Mord am Bruder.
Es ist Übertretung des Gebotes: Du sollst nicht töten.
Ein sehr ernstes Wort Jesu, das bis in die letzten Winkel unseres Herzens hineinleuchtet und uns fort und fort richtet und läutert. Unser immer neues Versagen kommt da ans Licht. Und solches Versagen immer wieder erkennen zu müssen, bewahrt vor jedem Vertrauen auf das eigne Können und zerschlägt restlos allen Ich-Dünkel und Hochmut. »Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber siehet das Herz an.« Und wo im Herzen alle die genannten Zornes-Arten vorhanden sind, da ist der Jünger schon des Gerichtsverfahrens schuldig geworden, weil er ein Mörder am Bruder wurde. Wie überaus streng nimmt es Jesus doch mit den Seinen! Sein Wort ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens (Hbr 4,12).
Wir kommen zum zweiten.
Wenn auf die innere Erregung oder äußere Aufwallung das harte und bittere Wort »Raka, d. h. Hohlkopf, der gehört nicht zu uns«, folgt, dann soll ein solcher Bruder-Mörder von dem höchsten irdischen Gerichtshof, dem Synedrium, gerichtet werden.
Und dann gilt das dritte:
Wer sich aber in seinem Zorn hinreißen läßt, mit einem Schmähwort wie: »du Narr, d. h. du Gottloser, du gehörst in die Hölle«, den Bruder anzufahren, der gehört selbst in die Hölle hinein.
Aus all dem Gesagten geht für die Glieder der Gemeinde Jesu hervor, daß ein jeder einzelne immer und immer wieder auf das Verhältnis zum Bruder peinlich genau zu achten und immer wieder sich im Lichte des Wortes Gottes in Gedanken und Worten zu prüfen und zu fragen habe: Wie stehe ich zu meinem Bruder? Wie steht er zu mir? Sobald der eine dem anderen gegenüber Bitterkeit im Herzen hat oder Neid oder Haß oder Mißgunst oder Schadenfreude, Widerwillen, einer dem anderen etwas nachträgt, einer dem andern in Erregtheit ein hartes Wort an den Kopf wirft, dann ist das Mord. Jedes Verärgertsein, das im Herzen weiterfrißt, ist Mord am Bruder.
Luther sagt: »So manch Glied du hast, so mancherlei Weise du finden magst zu töten, es sei mit der Hand, Zunge, Herzen oder Gebärden, sauer ansehen mit den Augen ... wenn du nicht gern hörst von ihm reden: das alles heißet »töten«. Denn da ist Herz und alles, was an dir ist, so gesinnet, daß es wollte, er wäre schon tot. Und obgleich die Hand stille hält, die Zunge schweiget, Augen und Ohren sich verbergen, so steckt doch das Herz voll Mord und Totschlag.«
Aber solch ein Verhalten ist nicht nur Mord am Bruder, sondern auch Verhöhnung Gottes. Denn solange eine Verbitterung gegen den Bruder da ist, ist auch die Verbindung mit Gott unterbrochen. Wir merken es, sobald wir beten wollen. Jesus setzt sich mit dem Bruder gleich. Vgl. Apg 9,5c.
Es ist darum Verunehrung Gottes, wenn wir in solchem Zustande mit der betenden Gemeinde Loblieder singen wollen.
Wir verstehen, warum Jesus nun im unmittelbaren Anschluß an das Wort vom Zürnen und Morden die Verse 23-26 anschließt.
Der mehr negativen Warnung der Verse 21 und 22 läßt Jesus nunmehr zwei positive Beispiele folgen: Nicht Bitterkeit, Erregung, Neid und Haß, sondern Liebe, Friedensbereitschaft sei das Leitmotiv unseres Lebens.

Diese beiden Beispiele zeigen uns nun nicht, wie man sich vor dem Zürnen schützen soll, sondern beide Beispiele zeigen uns, wie man sich verhalten soll, wenn man sich des Zürnens bereits schuldig gemacht hat!
Im ersten Beispiel ist jemand im Begriff, eine Opfergabe durch den Priester auf dem Altar darbringen zu lassen. Da denkt er plötzlich daran: Dein Bruder hat etwas gegen dich! Du hast ihn gekränkt. Jesus meint: Laß dann deine Gabe dort vor dem Altar, unterbrich die Opferhandlung, so wichtig sie auch ist und so ärgerlich der Priester über diese Störung auch sein mag, geh zuerst hin zu deinem Bruder und söhne dich mit ihm aus!
Solange das Verhältnis zum Bruder nicht ins reine gebracht ist, solange ist alles Beten und Bibellesen und jeglicher Gottesdienst nicht nur zwecklos, sondern Belastung, Versündigung.
Eine Aussprache, durch die eine Verbitterung oder Trübung der Bruderschaft überwunden worden ist, ist vor Gott unendlich wichtiger und unbedingt notwendiger als Gottesdienst und Abendmahl.
Das erste Beispiel in V. 23-24 führt das Hosea-Wort weiter: »Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer« (Kap. 6,6) und stellt die Versöhnung und die Liebe über den Gottesdienst. Die Pflicht zur Versöhnung besteht sogar dort, wo nicht ich etwas gegen den anderen habe, sondern der andere etwas gegen mich hat. Ob ich dabei der Schuldige bin oder nicht, wird von Jesus gar nicht erörtert. Genug, wenn der andere mir zürnt und Bitterkeit mir entgegenbringt, dann soll ich als erster hingehen und ihm die Hand zur Versöhnung anbieten.
Das zweite Beispiel kleidet dieselbe Forderung der Versöhnungsbereitschaft in die Form eines Gleichnisses. Biete die Hand, solange du noch mit dem Bruder zusammen bist. Und wenn alle Versöhnungsversuche gescheitert sind, dann sollen wir mit allem Ernst auch noch die allerletzte Gelegenheit und Möglichkeit ausnutzen und auskaufen, ehe es zum völligen Bruch kommt. »Wenn irgend möglich, lebet mit allen Menschen in Frieden«, sagt Paulus in Unterstreichung der Worte Jesu in Rö 12,18.
Wenn es aber nun trotz aller ernstesten und aufrichtigsten Bemühungen nicht geht, Frieden zu halten, dann laßt es anstehn; brecht nicht in Zorn aus, und freßt es auch nicht in euch hinein, sondern überlaßt es Gott. Wartet still, bis vielleicht Gott selbst die Situation ändert! Laßt es ausreifen! Ihr bleibt dennoch die Geliebten Gottes. »Rächet euch selber nicht, meine Geliebten, sondern gebt Raum dem göttlichen Zorn.« Dieser Hinweis auf Gottes Vergeltung im Gericht gibt nicht dem menschlichen Rachebedürfnis den Weg frei, sondern die späteren Verse des 5. Kapitels, die Verse vom Backenstreich, von der Feindesliebe usw. zeigen, wie der Jünger Jesu immer und immer wieder Liebe für Haß, Segen für Fluch zu geben habe!

UNREINHEIT DER GEDANKEN IST EHEBRUCH  Mt 5,27-32

Auch hier stößt der Herr wieder bis zur Wurzel vor, d. h. bis zur Gedankenwelt, dem Ursprungsort der Tat. »Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken ... Ehebruch, Hurerei ...«
Im Judentum war man der Ansicht, daß die Frau nur ein minderes Wesen sei, das den Mann stets herabziehe. Daher durfte der fromme Jude keine Frau ansehen. Der Pharisäismus meinte damit der Keuschheit streng und gewissenhaft zu dienen! Der Schriftgelehrte sagte darum auch: »Sprich nicht viel mit einer Frau. Jeder, der viel mit einer Frau redet, zieht sich Unheil zu und ererbt am Ende die Hölle. Du sollst darum nicht mit einem Weibe auf der Straße reden, auch wenn es die eigne Frau oder Tochter oder Schwester ist; denn nicht alle kennen deine Verwandtschaft!«
Man läßt sich darum auch nicht von einer Frau bedienen, man entbietet einer Frau keinen Gruß. - Das waren alles die Bestimmungen der Pharisäer.
Das Sprechen mit einem weiblichen Wesen ist deshalb verboten, weil mit dem Sprechen das Ansehen der Frau verbunden ist. Und das Ansehen ist Sünde, auch das Ansehen ihrer bunten Kleider. Unter den Pharisäern gab es eine Gruppe, die, um eine Frau nicht aus Versehen doch ansehen zu müssen, immer mit fast verschlossenen Augen »herumliefen«. Weil sie sich dann oft blutig stießen, darum nannte sich diese Gruppe der Pharisäer »die Pharisäer des Blutverlustes«.
Bei allen diesen Bemühungen, den Anblick der Frau zu meiden, ging der Pharisäer von dem Gesichtspunkt aus, daß das Weib nur ein Geschlechtswesen sei, das den Mann nur zur Sünde verführe. Man sagte, die Stimme der Frau gehöre zum Unzüchtigen, die Haare der Frau gehörten zum Unzüchtigen usw.
Furchtbar, wie sehr die Frau erniedrigt wurde, wie sehr sie der Verachtung durch die Pharisäer preisgegeben war. Die gesetzesstrenge Keuschheit der Pharisäer war in Wahrheit weiter nichts als harte Lieblosigkeit und unerhörter Stolz gegenüber dem weiblichen Geschlecht. -
Wie ganz anders nun das Verhalten Jesu zur Frau. Jesus verwirft in keiner Weise das Ansehen der Frau, sondern verurteilt nur das begehrliche Ansehen, daher der Zusatz »ihrer zu begehren«. Begehren bedeutet: »das eigensüchtige, sündhafte Begehren«. Mit anderen Worten: Nicht der erst übertritt das Keuschheits-Gebot, der die Tat des Ehebruchs vollführt, sondern der schon, der eine verheiratete oder verlobte Frau mit begehrlichen Blicken betrachtet (d. h. der in Gedanken sich vorstellt, wie es wäre, wenn er jene Frau sein eigen nennen dürfte), der ist schon ein Ehebrecher. Denn die fremde Ehe ist heilig und unverletzlich zu achten. - Zwischen den Geschlechtern soll aber ein reiner Verkehr, rein in Gedanken und Worten stattfinden. Von einem Asketentum ist nicht im geringsten die Rede.
Die Frau des anderen ansehen, mit ihr in Reinheit reden, ihr die Hand geben, sich von ihr bedienen lassen (nach pharisäischer Auffassung wäre die ganze segensreiche Einrichtung einer weiblichen Diakonie ein einziger Verstoß gegen die Keuschheit), der Frau einen Gruß entbieten, ihre Stimme und ihr Haar nicht als etwas Unzüchtiges ansehen, das alles ist nicht Unkeuschheit, sondern ist geboten durch die Achtung und Ehrung der Frau als der von Gott Geschaffenen und Geschenkten, um dem organischen und ewigen Leben zu dienen.
Wer so zur Frau steht, wie Jesus es fordert, der erfüllt das Gebot: »Du sollst nicht ehebrechen« bis aufs Jota und Häkchen aus Liebe und Hochachtung vor dem anderen Geschlecht.
Wer dagegen die Augen zudrückt und die Hand zurückzieht und nicht grüßt und nicht redet mit ihr, der kränkt und verachtet die Frau aufs tiefste und verletzt damit auch Gottes heilige Schöpferordnung und kränkt ihn, den Herrn der Schöpfung, selbst.
Jesus selbst hat, was bei den Pharisäern unmöglich war, die Frau nicht nur angesehen, sondern auch mit ihr geredet (vgl. Jo 4). - Der Herr fordert von seinen Jüngern der Frau gegenüber Güte und Achtung. Recht ist es, unbefangen mit der Frau zu reden, denn sie ist nicht das nach der Meinung der Pharisäer minderwertige Wesen, sondern ein zuerst und zutiefst dem Manne ebenbürtiges Geschöpf Gottes. »Es ist eines der tiefsten Geheimnisse der Schöpfung Gottes, daß die Ganzheit nicht der Einzelperson anhaftet, sondern auf die beiden Individuen Mann und Frau verteilt ist«, sagt Bovet. Diese Zweiordnung ist eine Urordnung, die das ganze organische Leben umspannt. Weil alles Leben von Gott kommt, hat es den Drang, sich mit Hilfe dieser Zweiordnung unaufhaltsam auszubreiten.
Die Forderung Jesu hinsichtlich der Frau hat eine weltgeschichtliche Bedeutung für ihre Stellung zur Folge gehabt. Der Islam zeigt uns heute noch die Verachtung der Frau. Die Vermummung, sobald sie die Straße betritt, der Verschluß im Harem zeigen sehr deutlich, daß das Weib für die Männerwelt möglichst wenig sichtbar sein muß, denn sie ist ja nur das Wesen, das zur Sünde verführt. In manchen Synagogen müssen noch heute die jüdischen Frauen hinter dem Gitter auf der Empore sitzen, damit sie für die Männer unsichtbar bleiben.
»Jesus hat die Männer und Frauen füreinander befreit von der Übermacht der Sinnlichkeit. Voraussetzung für das neue Verhältnis ist allerdings die Jüngerschaft. Wo diese Voraussetzung fehlt, wird die Freiheit leicht zur Frechheit, und es wandelt sich ihr Segen in Fluch« (Bornhäuser).
Wir kommen zum zweiten Abschnitt: Verse 29 und 30.

Diese Worte sind bildhaft zu verstehen. Sie wollen die unbedingte Entschlossenheit andeuten, auf alles das voll und ganz zu verzichten, was vom Glauben irgendwie wegführen und zur Sünde hinführen würde. Die Schärfe der Formulierung: »Reiße das Auge aus, hau die Hand ab«, beweist, wie bitter ernst Jesus den Kampf um die Reinheit meint und welch ungeheuren Einfluß er den Gliedern unseres Leibes im Ringen um die Christusnachfolge zukommen läßt.
Wir kommen zum dritten Teil: Verse 31 und 32.

Um das, was Jesus zu dieser Frage der Ehescheidung sagt, recht verstehen zu können, bedarf es einer eingehenden Schilderung der durch die damalige Praxis der Pharisäer leicht gemachten Ehescheidung. Wir können uns die Verwirrung und Verwüstung auf diesem Gebiet nicht verhängnisvoll genug vorstellen.
Die Scheidungsurkunde schützte die Frau davor, willkürlich von dem Manne davongejagt zu werden. Die Scheidungsurkunde diente als Ausweis, daß die Geschiedene eine neue Ehe eingehen konnte.
Die Gründe nun, warum ein Mann seine Frau entlassen konnte, setzt das Pharisäertum in sehr leichtfertiger Weise auf Grund von 5Mo 24,1 fest. Auf Grund dieser Stelle durfte ein Mann seine Frau mit dem Scheidebrief entlassen, wenn er »etwas Schändliches (Schamwürdiges)« an ihr gefunden hatte. Obwohl es durch Gott feststand, daß die Ehe unlösbar sei, »daß die beiden ein Fleisch seien« und der Mensch gegen Gottes Willen handele, wenn er die Ehe löse, so hatte Moses (nicht Gott) die Ehescheidung zugelassen, nicht aber geboten. »Um der Herzenshärtigkeit willen« hatte Moses die Ehescheidung erlaubt und dieselbe gesetzlich geregelt. Der Mann durfte nicht um jeder beliebigen Ursache willen die Ehe lösen, sondern nur »wenn er etwas Schändliches an ihr gefunden hatte«. -
Über den Ausdruck »Schändliches« hat man zur Zeit Jesu sehr gestritten. Die Anhänger des Gesetzeslehrers Schammai verstanden darunter Ehebruch. Daß Ehebruch hier nicht gemeint sein konnte, geht aus 5Mo 22,20ff hervor, wo Ehebruch mit »Steinigung« bestraft wurde. Bei Ehebruch bedurfte es also gar nicht einmal eines Scheidebriefes.
Die Anhänger des Gesetzeslehrers Hillel verstanden unter »etwas Schändliches« alles, was auch immer der Mann zum Vorwand einer Ehescheidung nehmen konnte, sogar allerlei Harmloses, so daß jeder Mann schließlich unter irgendeinem Vorwand seine Frau entlassen konnte. Es genügte eine angebrannte Suppe oder die Tatsache, daß eine andere Frau dem Manne besser gefiel. Weitere Gründe waren: Kinderlosigkeit, Essen und Trinken der Frau auf der Straße, usw. - Man muß Mal 2,13-15 lesen, um einen erschütternden Eindruck von dem zu bekommen, welche Wirkung die von den Pharisäern ausgedachte leichte Scheidung für die Frauenwelt hatte.
Die Leichtigkeit der Ehescheidung hatte besonders in der Judenschaft zur Zeit Jesu die Grundlage der ehelichen Treue vollständig untergraben und die Frau in eine sklavische Abhängigkeit vom Manne gebracht. Beim geringsten Anlaß konnte die Ehe kurzerhand geschieden werden. Sie war nur ein Vertrag auf kurze Kündigungsfrist.
Solches alles ist Gott ein Greuel. Er haßt solche Ehescheidung. Wohl gab es auch Ehen, die trotz Kinderlosigkeit weiter bestanden (siehe Zacharias und Elisabeth). Aber sonst ist die Scheidung der Ehe voll im Gange gewesen. Die 5 Männer des samaritischen Weibes sind ein erschütterndes Beispiel dieser leichtfertigen Auffassung der Ehe.
Weil für den Herrn die Ehe eine göttliche und unauflösbare Ordnung ist, darum lehnt er die Ehescheidung ab. Nur in einem einzigen Falle erlaubt Jesus die Ehetrennung, nämlich auf Grund von Ehebruch!

UNBEDINGTE WAHRHAFTIGKEIT IST ALLEINIGE GEWÄHR FÜR ECHTE BRUDERSCHAFT  Mt 5,33-37

Jesus fordert in Erinnerung an 3Mo 19,12 wieder aufs neue das Verbot des Meineides. Dann verlangt er in Anlehnung an 4Mo 30,3 und 5Mo 23,21-22 die Einlösung aller Gott gegebenen Eide.
Nunmehr wendet sich Jesus klar und entschieden gegen den damaligen pharisäischen Mißbrauch des Schwörens und gegen die Haarspalterei von gültigen und ungültigen Schwüren. Dieser Wortklauberei von geltenden und nicht geltenden Eiden setzte Jesus die Heiligkeit Gottes und die Heiligkeit des unbedingt verpflichtenden Schwures entgegen.
Für Jesus ist im täglichen Leben zur Beteuerung und Bekräftigung der Wahrheit überhaupt kein Eid nötig. Da ist völlige Wahrhaftigkeit ohne jeden Beteuerungsschwur alleinige Gewähr der echten Bruderschaft. Die Schriftgelehrten bedienten sich nämlich fortwährend der Schwüre auch bei den Dingen des Alltagslebens (z. B. ich schwöre, daß ich gegessen habe).
Weiter sagten die Schriftgelehrten: Man darf nicht falsch schwören. Was man mit Berufung auf Gott schwörend dem Bruder versprochen hat, das muß man unbedingt halten. Wenn man aber bei dem Himmel geschworen hat oder bei der Erde oder bei Jerusalem oder bei seinem Haupte, dann braucht solch ein Eid nicht gehalten zu werden. Ein besonders heuchlerisches Beispiel gibt dann der Herr noch in Mt 23,16ff. Die Pharisäer wußten da allerhand spitzfindige Unterschiede zu machen: Wer bei dem Tempel schwört, der braucht einen solchen Eid nicht zu halten. Wer aber bei dem Gold des Tempels schwört, der muß einen solchen Eid halten, sonst macht er sich straffällig usw.
In dieses Lügengespinst all der bindenden und nichtbindenden Schwüre, die nur Täuschungsmanöver sind, um den anderen zu hintergehen (denn wer soll sich durchfinden zwischen dem, was gilt und nicht gilt!), greift Jesus fest hinein und zerreißt alles, denn es ist nicht nur Unwahrhaftigkeit dem Nächsten gegenüber, sondern auch schändlicher Mißbrauch des Namens Gottes. Jesus meint: Ihr sollt überhaupt nicht schwören, d. h. ihr sollt all diese Beteuerungsschwüre und bindenden und nichtbindenden Schwüre nicht gebrauchen. Ihr täuscht euch, wenn ihr meint, mit solcher Spitzfindigkeit dem Fluche Gottes entgehen zu können. Mit all diesen zurechtgemachten Schwurformeln, die Himmel und Erde zitieren, kann man Gott nicht täuschen oder ihm entgleiten. Denn der Himmel ist Gottes Thron, die Erde seiner Füße Schemel (Jes 66,1) und Jerusalem des großen Königs Stadt (Ps 48,2). In alle diese Eide ist doch der heilige Gott immer mit eingeschlossen. Selbst der Schwur bei dem eigenen Haupte ist ein Schwur bei Gott, denn Gott ist der Erhalter unseres Lebens, nicht wir. Darum ist auch der Eid bei dem Haupte durchaus verpflichtend. Schlatter sagt: »Mit dieser eigenmächtigen Verfügung über Dinge, die nicht dem Menschen, sondern Gott gehören, verläßt der Mensch die Stellung, die ihm von Gott zukommt.«
Der Jünger Jesu soll Ja oder Nein sagen, d. h. wahrhaftig sein. Alle Umschweife oder Beteuerungen sind aus dem Bösen, d. h. vom Teufel. (Vgl. Mt 13,19, wo der Teufel »der Böse« genannt wird.) Zu dem Ja, ja- und Nein, nein-Wort vgl. Jak 5,12!
Damit ist von Jesus der brüderliche Umgang unter die schlichte und einfache Ordnung der Wahrhaftigkeit und Lauterkeit gestellt.
Zusammenfassend sei gesagt, daß der Herr den Schwur vor Gericht nicht verboten hat. Jesus selbst hat sich nach Mt 26,63 unter Eid stellen lassen.

DIE ALLES ÜBERWINDENDE LIEBE  Mt 5,38-48

In der Sprache der Theologie bekommen diese Verse oft die Überschriften: vom jus talionis, d. h. vom Recht, vom Gesetz der Vergeltung.
Man kann von einem dreifachen Gesetz der Vergeltung sprechen: Von der Ich-Vergeltung, von der Rechts-Vergeltung, von der Liebes-Vergeltung.
Von der Ich-Vergeltung: Der tiefste Trieb des Menschen ist von Hause aus sein Erhaltungstrieb. Solange dieser Trieb in gesunden Bahnen sich bewegt, ist er etwas Natürliches. Dämonisch wird er, wenn er sich mit Gewalt rücksichtslos durchzusetzen sucht. Er äußert sich dann im Herrschenwollen, Geltenwollen, in Ich-Sucht, Habsucht, Rachsucht, in Neid, Mißgunst, Haß usw. Böses wird mit Böserem vergolten, Beleidigung wird mit härterer Beleidigung zurückgegeben, ein kleiner Vorwurf wird mit jähzorniger Rede heimgezahlt, Öl wird ins Feuer gegossen, es wird aus dem Affekt, aus der augenblicklichen Erregung heraus gehandelt, das Böse wächst, der persönliche Verkehr wird vergiftet, das Zusammenleben wird untragbar, kurz, die Ich-Vergeltung tobt sich zügellos aus. Wird der Ich-Vergeltung freier Lauf gelassen, dann ist Auflösung, Zerrüttung, Anarchie, Chaos, Kampf aller gegen alle das Ende.
Von der Rechtsvergeltung: Damit nicht die Ich-Vergeltung sich hemmungslos austoben und alles vernichten kann, darum ist von Gott in diese gefallene Welt die Rechtsordnung hineingeordnet worden, die sich in dem Staatswesen ihre feste Form geschaffen hat. Das Übertrumpfen des Bösen mit noch Böserem wird gezügelt durch staatliche Gesetzgebung. Das Gesetz fordert gerechte Vergeltung. Sünde muß gesühnt werden. Der Verfehlung muß die Strafe folgen. Die Größe der Vergeltung ist gemessen an der Größe der Verfehlung. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Totschlag wird anders vergolten als der Mord. Die Strafe steht im rechten Verhältnis zur Tat. Solch eine Rechtsvergeltung ist eine höhere Stufe der IchVergeltung. Die wilde Ich-Vergeltung ist gezügelt.
Von der Liebes-Vergeltung. Die Jünger haben sich darin zu üben. Das ist Jesu Gebot an sie. Die Verse 39-42 sprechen davon, aber auch die Schlußverse von Kap. 5.
Widerstehet nicht dem Bösen, d. h. Jünger Jesu suchen nie für sich selbst die Rache. Für sie gilt: Besser Unrecht leiden, als Unrecht tun. Dem Bösen antworten sie mit dem Guten.
Es folgt das Wort vom Backenstreich. Jeder Jude zur Zeit Jesu wußte, was mit dem Schlag auf die rechte Backe gemeint ist, nämlich der beschimpfende Schlag mit der Rückseite der Hand, der mit der rechten Hand gegen die rechte Backe ausgeführt wird. Nach dem jüdischen Zivilrecht wurde der, der solche Ehrenverletzung austeilte, mit 400 Sus (500 DM) bestraft.
Wenn Jesus in seiner bildhaften Ausdrucksart sagt: Ihr Jünger, ihr sollt in jedem Falle den Schlag willig hinnehmen und zum Empfang des zweiten bereit sein, dann will er damit ein Doppeltes fordern: 1. Der Herr meint: Ihr sollt als meine Jünger hinter solcher Schmähung die erziehende Hand Gottes sehen. Alles dient euch zum Besten. 2. Ihr als meine Jünger sollt nicht die Gemeinheit des anderen zum Maßstab des eigenen Verhaltens machen. Ihr sollt euch in eurer Handlungsweise nicht bestimmen lassen von der Bosheit des anderen. Ihr sollt nicht Sklave der anderen werden, Sklave ihrer Launen und Untaten, um dann mit noch größerem Unrecht, mit noch schwererer Beleidigung zurückzuzahlen, sondern ihr Jünger sollt innerlich frei sein in eurem Verhalten dem Nächsten gegenüber, völlig unabhängig von seinem Verhalten. Nicht des anderen Reden und Tun soll euch bestimmen, sondern Gottes Wort ganz allein. Ihr Jünger seid zu groß, als daß euch das Reden und Tun der anderen irgendwie etwas anhaben könnte. Der Jünger Jesu braucht nicht zu fragen nach dem lästerlichen Urteil eines Gottlosen, das doch unwahr und so kurzatmig ist wie der Gottlose selbst! Gottes Arm ist länger. Er weiß um jedes Wort, das Hohn und Schmerz verursacht hat. Lieber Unrecht erleiden, als nur auch selbst das geringste Unrecht in Gedanken und Worten und Handlungen tun. (Fliehe vor der Sünde wie vor einer Schlange!)
Muß nicht aber dabei die Frage aufbrechen: Wird nicht durch solches Verhalten jedem Unrecht Tür und Tor geöffnet, ja wird nicht das Unrecht selbst geradezu gezüchtet und genährt, daß es größer wird? Ist nicht darum das Wort vom Backenstreich ein unsinniges Wort, ein Wort, das ganz und gar an der Wirklichkeit vorbeisieht?
Dieser Frage muß nachgedacht werden. Die Antwort wird durch das Beispiel Jesu selbst gegeben. Festgestellt sei, daß - um im Bilde vom Backenstreich weiter zu sprechen - die schändenden Backenstreiche nicht Unrecht und Bosheit obsiegen lassen, sondern daß einer da ist, der recht richtet, ja der Unrecht in Segen verwandeln kann, der das, was Menschen gedachten Böses zu tun, gut machen kann. Das wirkt die göttliche Weisheit.
Der zeitgeschichtliche Hintergrund zu den Versen 40-42 ist folgender: Das Wort vom Leibrock und Mantel führt in das jüdische Zivilprozeßverfahren hinein.
In der Praxis der Pharisäer hatte ein Gläubiger das Recht, vom Schuldner ein Pfand zu verlangen, etwa sein Ober- oder sein Untergewand. Wenn er es nicht gutwillig erhielt, konnte er es durch einen Prozeß erzwingen. Nach 5Mo 24,10-13 sollte er aber Ober- und Untergewand je nach dem Bedürfnis für den notwendigen Tages- oder Nachtgebrauch wieder herausgeben. Entgegen solchen engherzigen Rechtsstandpunkten sollen aber Gläubiger und Schuldner, wenn sie Jünger Jesu sind, zu beidem bereit sein, sowohl zu dem Verzicht als auch zur Herausgabe des Pfandes. Denn es gilt, nicht zu rechten, sondern Liebe und Barmherzigkeit zu üben.
Das nächste Bildwort des Herrn von der zweiten Meile betrifft die jüdische Sitte, einen Reisenden zu begleiten. Aus der Gefährlichkeit des Alleinreisens ergab sich die Pflicht des Geleites. Wurde sie versäumt, und es ereignete sich ein Unfall, dann war die Ortsgemeinde verantwortlich, in deren Bereich der Unfall geschehen war. Der Pharisäer vertrat den Standpunkt: Ich begleite nur den Kollegen. Den gewöhnlichen Mann, den, der unter meinem Stande ist, den »Sünder« begleite ich nicht. Der Jünger Jesu hingegen soll sich anders verhalten: »Zu jeder Begleitung bereit sein«, ja, über die Pflichtmeile hinaus auch die zweite Meile mitgehen.
Auch hier begegnen wir dem Grundsatz, nicht rechten, sondern entgegenkommen, mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft zuvorkommen.
Das letzte Bildwort vom Bitten will besagen, daß Jesu Jünger auf dem umfangreichen Gebiet nachbarlicher Freundlichkeit und Gefälligkeit gern ausleihen und niemals einen Unterschied zwischen Würdigen und Unwürdigen machen sollen.

Um das Wort von der Feindesliebe zu verstehen, müssen wir uns 3Mo 19 vor Augen halten. Mit welcher Häufung werden in diesem Kapitel die Liebespflichten geltend gemacht gegenüber dem Freunde, dem Bruder, dem Volksgenossen. Die Pharisäer, die nur einen beschränkten Kreis des Volkes ausmachten, haben dieses Mose-Kapitel allmählich dahin verstanden, daß all die genannten Liebespflichten nur für ihren Kreis Geltung bekamen. Der Pharisäer nannte nur den Mitpharisäer seinen Bruder, Genossen, Freund und Nächsten. Die anderen waren für ihn nur gewöhnliches Volk. Der Pharisäer verachtete darum »den anderen« (Lk 18,9). Zu »den anderen« gehörten die Zöllner und Sünder, die die Gebote Gottes nicht hielten. Die Folge davon war eine Feindschaft zwischen den Pharisäern und »den anderen«, den Zöllnern und Sündern (´am haares = gewöhnliches Volk). Diese Feindschaft zwischen Pharisäern und Sündern stand der Feindschaft zwischen Juden und Heiden nicht nach, ja war teilweise noch schärfer (Tit 3,3).
Es handelte sich nach Meinung der Pharisäer dabei um eine Gegnerschaft um Gottes willen. Man dachte dabei an Ps 139,21.22: »Hasse ich nicht, die dich hassen? ... Mit vollkommenem Hasse hasse ich sie. Sie sind Feinde für mich.« So meinten die Pharisäer, um Gottes willen alle die hassen zu müssen, die Gottes Gebote nicht halten. Ja das Volk, das vom Gesetz nichts weiß, ist sogar verflucht, meinten sie! (Vgl. Jo 7,49.) Jesus sagt nun: Liebet eure Feinde! Damit hebt er den gesamten Haß als solchen auf. Auch den sogenannten religiösen Haß! Solches steht dem Menschen nicht zu. Jesu ganze Mission war ja nicht, die Sünder zu hassen, sondern er war gekommen, die Sünder zu retten ... Und wenn der Herr den Jüngern weiter sagt: Betet für eure Verfolger, dann meint er mit den Verfolgern die Pharisäer, denn diese waren es, die den Herrn selbst, wie auch seine Jünger verfolgten.
Jesus fordert damit von uns Ungeheuerliches, etwas, was wir von uns aus nicht können. Es gilt, jedem Menschen, auch dem, der der Liebe nicht wert und würdig ist, mit der Agape-Liebe zu begegnen. Der Jünger Jesu hat immer »das ganz andere«, das dem Weltmenschen Entgegengesetzte zu tun. »Wenn ihr allein eure Brüder grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe?!« - Ihr Nachfolger Christi habt das »Besondere« zu tun. Der Gruß war nach orientalischer Sitte weit mehr als nur eine Höflichkeit. Er bedeutete das Aussprechen eines Segenswunsches über den anderen. Der Gruß lautete: »Friede sei mit dir!«
Die Pharisäer grüßten nur ihresgleichen und nicht die Zöllner und Sünder, die ja für sie »den Abschaum der Menschheit«, die »Vaterlandsverräter« darstellten.
Jesus sagt nun seinen Jüngern das Unerhörte, was alles bisher Gesagte überbietet. Diese Worte Jesu zeigen wieder aufs deutlichste, was wir am Anfang schon gesagt haben, nämlich, daß Jesu Bergpredigt die Umwertung aller Werte ist! Dem Weg des Menschen, dem Ich-Weg, der Ich-Vergeltung, der Selbst-Behauptung stellt Jesus entschieden den Gottesweg, die Liebes-Vergeltung entgegen. Der Spur des natürlichen Menschen tritt strikt entgegen die Christusspur!
Jesus sagt: Ihr meine Nachfolger habt auch die zu grüßen und zu segnen, die nicht zu euch gehören als eure guten Bekannten und Verwandten und Vertrauten, als solche, die euch befreundet und sympathisch sind. Eure Feinde, eure Gegner, die euch das Leben erschweren und verbittern, euch beleidigen und kränken, euch wehe tun, euch verletzen, euch verfolgen, alle diese habt ihr auch zu lieben und zu grüßen, zu achten, zu ehren, ja sogar ihnen mit Ehrerbietung zuvorzukommen und über sie Segenswünsche auszusprechen! Wenn ihr das tut, dann tut ihr das »Besondere«, das völlig Abweichende von dem, was die Welt tut. Zu diesem »Besonderen« und »ganz anderen« seid ihr berufen. Mit solch einem Tun vollführt ihr dann das, was euer himmlischer Vater auch fort und fort tut, nämlich seine Sonne täglich aufgehen zu lassen über Böse und Gute und regnen zu lassen immer und immer wieder über Gerechte und Ungerechte.
Und so (V. 48) wie euer Vater im Himmel sich verhält, sollt auch ihr euch verhalten. Mit anderen Worten: Ihr Jünger sollt in jeder Weise so geartet sein, wie euer Vater geartet ist, ihr sollt eben so, wie euer Vater der ganz andere ist, auch die ganz anderen sein, nämlich auf Haß mit der Agape-Liebe, auf Verfolgen mit dem Gebet antworten.

Kolosser 3, 1-4,6

1 a) Wenn ihr nun auferweckt wurdet mit dem Christus, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist zur Rechten Gottes sitzend. [ A ][ B ][ C ]

Kol 2,12;Ps 110,1;Mt 6,20.33

 

A) Kol 2,12: ... da ihr in der Taufe mit Ihm zusammen begraben worden seid. In Ihm seid ihr auch mitauferweckt worden durch den Glauben an die Kraftwirkung Gottes.

B) Ps 110,1: so lautet der Ausspruch des Herrn an Meinen Herrn: "Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich Deine Feinde hinlege zum Schemel für Deine Füße!"

C) Mt 6,20. Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie vernichten und wo keine Diebe einbrechen und stehlen! Vers 33: Nein, trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes und nach Seiner Gerechtigkeit, dann wird euch all das andere obendrein gegeben werden.

 

2 Auf das, was droben ist, seid bedacht, nicht auf das, was auf der Erde ist. [ A ] Phil 3,20

A) Phil 3,20: Unser Bürgertum dagegen ist im Himmel, von wo wir auch den Herrn Jesus Christus als Retter erwarten.

 

3 Ihr starbt ja, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott. [A]

Rö 6,2-7

A) Rö 6,2-7: Nimmermehr! Wie sollten wir, die wir der Sünde gestorben sind, in ihr noch weiterleben? * Oder wißt ihr nicht, daß wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft worden sind, auf Seinen Tod getauft worden sind? * Wir sind also deshalb durch die Taufe in den Tod mit Ihm begraben worden, damit, gleichwie Christus von den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, ebenso auch wir in einem neuen Leben wandeln. * Denn wenn wir mit Ihm zur Gleichheit des Todes verwachsen sind, so werden wir es auch hinsichtlich Seiner Auferstehung sein; * wir erkennen ja dies, daß unser alter Mensch deshalb mitgekreuzigt worden ist, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde, auf daß wir hinfort nicht mehr des Sünde als Sklaven dienen; * denn wer gestorben ist, der ist dadurch von der Sünde freigesprochen.

 

4 Wenn der Christus offenbar wird, unser Leben, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit. [ A ][ B ][ C ][ D ][ E ]

1 Ko 15,43;Lk 17,30;1 Jo 3,2;Phil 1,21;Rö 8,19

A) 1 Ko 15,43: ... es wird gesät in Unehre, auferweckt in Herrlichkeit; gesät wird in Schwachheit, auferweckt in Kraft.

B) Lk 17,30: ... ebenso wird es auch an dem Tage sein, an welchem der Menschensohn sich offenbart.

C) 1 Jo 3,2: Geliebte, (schon) jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen jedoch, daß, wenn diese Offenbarung eintritt, wir Ihm gleich sein werden; denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist.

D) Phil 1 21: Denn für mich bedeutet Christus das Leben, und darum ist das Sterben für mich ein Gewinn.

E) Rö 8,19: Denn das sehnsüchtige Harren des Geschaffenen wartet auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.

 

6 um welcher Dinge willen kommt der Zorn Gottes (über die Söhne des Ungehorsams). [ A ][ B ]

Eph 2,3;5,6;Tit 3,3

A) Eph. 2,3: ... unter diesen haben auch wir alle einst in unseren fleischlichen Lüsten dahingelebt, indem wir den Willen des Fleisches und unserer Gedanken ausführten und von Natur Kinder des Zornes waren wie die anderen auch. Eph 5,6: Laßt euch von niemand durch leere Worte betrügen: Denn um solcher Dinge willen kommt Gottes Zorn über die Ungehorsamen.

B) Tit 3,3: Denn einst sind auch wir unverständig und ungehorsam gewesen und irre gegangen, indem wir mannigfachen Begierden und Lüsten dienten und in Bosheit und Neid dahinlebten, hassenswert und gegeneinander haßerfüllt.

Evangelische Heiligung! 

Paulus zeigt uns die Grundlage wirklicher, evangelischer Heiligung. Nun gilt es - gerade auch für unser wirkliches praktisches Christenleben - genau und klar zu erfassen, was er sagt. |243|
"Gesetzliche" und "evangelische" Heiligung können in einzelnen Zügen zum Verwechseln ähnlich sein. Evangelische Heiligung ist nicht weniger ernst und entschieden und konkret als die gesetzliche. Aber in bezeichnender Weise ist die Richtung bei beiden einander genau entgegengesetzt. Alle "gesetzliche" Heiligung denkt und sagt: Das mußt tun, damit du...! Alle evangelische Heiligung sagt: Das muß und kann und will ich tun, weil ich...!! Alle gesetzliche Heiligungsbewegungen haben darum immer von einem "Abtöten" und "Mitsterben" geredet, damit dann ein Christ endlich zu dem hohen Ziel des "Gestorbenseins mit Christus" und dann auch positiv zu dem Ziel wirklichen göttlichen Lebens in heißen Mühen gelange. Jesus ist dabei dann immer nur ein gewisser Helfer. Entscheidend ist das - oft wirklich bewundernswerte! - Ringen des Menschen. Aber solches Ringen endet entweder in der Heuchelei oder in dem verzagten "Ich bin noch nicht so weit"! Paulus aber sagt es uns genau umgekehrt! Was für alle gesetzliche Heiligung das Ziel ist, ist für ihn der Ausgangspunkt, die Grundlage der Heiligung! "Ihr seid gestorben, ihr seid auferstanden!"
Wie kann das sein? Ist das nicht Anmaßung und Einbildung? Das wäre es freilich, wenn es das erreichte Ziel unseres Strebens und Leistens sein sollte. Aber das ist es nicht. Darum steht im Mittelpunkt dieser Sache wieder Jesus, der hier nicht zufällig mit dem Artikel als "der Christus" bezeichnet wird. Das Entscheidende an den Aussagen ist das immer wiederholte "mit dem Christus". Jesus starb, Jesus wurde auferweckt, Jesus sitzt zur Rechten Gottes droben vor Menschenaugen verborgen, Jesus wird erneut offenbar werden in einer für alle Welt sichtbaren Herrlichkeit. Aber Jesus hat und tut das |244|  alles nicht für sich selbst. Er ist nicht Einzelperson, die für sich selbst etwas erlebt. Er ist der Christus, das Haupt! Er hat und tut darum alles "für" die zu Ihm Gehörenden, "für" uns. Darum gehört uns rechtmäßig alles, was Jesus gehört, was Er besitzt. Der ganze Jesus, der gekreuzigte, begrabene, auferstandene, zur Rechten Gottes sitzende und wiederkommende Jesus ist unser! Weil Er selbst es will Der Glaube aber nimmt nach diesem Willen Jesu, gehorsam, kühn und demütig zugleich, alles in Anspruch und hat es darum und weiß gewiß, daß er es hat. Glaubende wissen es und haben und halten es: Wir sind mit Ihm auferweckt, wir sind mit Ihm gestorben und begraben, unser Leben ist mit dem Christus verborgen in Gott, wir werden mit Ihm zusammen offenbar werden in Herrlichkeit.
Es ist von entscheidender Wichtigkeit, hier den schmalen Gradweg des Glaubens einzuhalten. Unser Leben ist "verborgen" und wird erst in der totalen Umwandlung aller Dinge durch den wiederkommenden Herrn "offenbar". Jede Vorwegnahme der Eschatologie, sei es in der römischen Form einer machtvollen Herrlichkeitskirche oder in der protestantischen Form falscher Heiligungsbestrebungen, verkennt sowohl die ganze Größe des uns in Christus verliehenen Lebens wie die grundsätzliche Begrenztheit unseres Christenstandes in diesem Äon. "Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden." Darum sagt Bengel treffend: "Neque Christum neque Christianos novit mundus; ac ne Christiani quidem plane se ipsos: ("Weder Christus noch die Christen kennt die Welt; freilich auch die Christen sich selbst nicht völlig"). Es ist tief tröstlich in aller Kritik, die die Glaubenden von außen erfahren und auch von innen im eigenen Gewissen erleiden, daß sie es wissen dürfen: Verborgen, verborgen ist unser Leben mit Christus in Gott! So muß es sein, solange "der Leib tot ist um der Sünde willen" (Rö 8,10) und darum unfähig, das im Heiligen Geist geschenkte neue Leben schon jetzt in die ganze leibhafte Sichtbarkeit durch brechen zu lassen. Darum bleibt die Gemeinde in dem heißen Verlangen nach dem Kommenden, sehnt sich nach der vollen Kindschaft und wartet auf unseres Leibes Erlösung, Rö 8,23.
Aber zugleich ist der Glaube ebensowenig nur ein gedankliches Wissen über ein Gott verborgenes Leben. Es ist ja "verborgen mit Christus". Und Christus ist jetzt zwar unsichtbar, aber nicht unwirksam! So bleibt auch das mit Ihm verborgene Leben nicht ein toter Besitz, den wir nur theoretisch dort fern in Gott haben. Dieses Leben ist genau so nah und so wirksam bei uns wie Jesus selbst! Der Glaube nimmt, was ihm geschenkt ist, als realen eigenen Besitz, und er nimmt nicht "Anschauungen" und "Lehren", sondern göttliche Wirklichkeiten, vielmehr eine göttliche Person mit all ihrem Sein und Haben, Leiden und Tun. Für dieses Nehmen aber haben wir von uns aus keine Grenze zu ziehen. Unbiblisch und ungläubig, ein bequemer Deckmantel unserer Trägheit und Lauheit ist die rasche Versicherung an andere und an uns selbst: "Ein Christ kann eben jetzt noch nicht...! Unser Leben ist ja verborgen in Gott." Nein, es |245|  bleibt bei all dem, Paulus am Anfang unseres Briefes (und an vielen anderen Stellen seiner Briefe!) fürbittend für die Gemeinde an unaufhörlichem Wachsen und Erstarken erwartet. Er will es den Kolossern und uns nun eingehend zeigen: Dieses Haben und Nehmen im Glauben ist in sich selbst mit innerer Notwendigkeit eine ganz bestimmte Lebenshaltung! "Gestorbene" und "Auferstandene" leben mit Notwendigkeit total anders als andere Menschen. Tun sie es nicht, dann ist bestimmt auch das wirkliche Nehmen im Glauben noch gar nicht erfolgt, dann wurde nur "gedacht" und nicht wirklich "geglaubt". An der Realität des Glaubens, an der Verklammerung mit Jesus liegt freilich alles. Es ist jene Doppelklammer, die Paul Gerhardt uns so unvergeßlich eingeprägt hat:
"Ich bin dein, weil du dein Leben
und dein Blut mir zu gut
in den Tod gegeben.
Du bist mein, weil ich dich fasse
und dich nicht, o mein Licht,
aus dem Herzen lasse."
Aus Seinem schenkenden "für euch" und unserm nehmenden "unser Leben" entsteht jenes "mit dem Christus", dessen stete Realisierung in unserm Dasein die "Heiligung" ist.
Inhaltlich wird diese Heiligung zunächst mit einem Doppelsatz umschreiben, der ihre positive und ihre negative Seite grundlegend bezeichnet: "Suchet, was droben ist." "Auf das, was droben ist, seid bedacht, nicht auf das, was auf der Erde ist." Leben steht nicht still und kann nicht stillstehen. Leben ist notwendig ein stetes "Suchen" und Aneignen. In menschlich-personhaftem Leben geschieht das nicht instinktiv-gedankenlos, sondern erfolgt in einem "Bedachtsein" auf etwas: In inneren Vorstellungen und Gedankenbildern ersteht vor uns, was wir wünschen und, "suchen" und dann willentlich zum Ziel unseres Ergreifens machen. Wo finden wir den Inhalt dieses Bedachtseins und Suchens? Der Mensch findet ihn von Natur auf dieser Erde. Der Glaubende aber starb ja und fand sein eigentliches Leben, sein ein und alles in Jesus. Darum ist nun Er, nur Er, der Gegenstand und das Ziel allen Denkens und Strebens. Er ist aber nicht auf der Erde! Er ist "droben", Er sitzt zur Rechten Gottes. Also geht auch unser "Suchen", ja schon unser innerliches "Bedachtsein" dorthin, "nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf der Erde ist". Wer in solchen von der Erde gelösten und nach oben gewandten Sinnen und Suchen lebt, der lebt in der Heiligung.
Beachten wir aber wohl: Das ist für Paulus nicht dadurch bestimmt, daß er sich und uns die Herrlichkeit des "Himmels" ausmalt und die Erde mit all ihrem Leid und all ihrem Dunkel vor uns hinstellt. Von dieser ichsüchtigen Frömmigkeit, die sich gern auf ein solches Wort beruft, wenn sie dem harten Einsatz in der Welt entgehen und sich in die süße Ruhe des Himmels flüchten will, hat er die Kolosser gerade |246|  losmachen wollen. Es ist auch nicht im Sinne des Philosophen Plato gesagt, für den die Erde als solche, als das Materielle, bereits das Widergöttliche und die Seele als solche schon göttlich und zum Lichtreich gehörig war. Es ist bei Paulus alles einzig bestimmt von der Person Jesu! Wäre Jesus hier unten, so würde es bestimmt heißen müssen: Trachtet nach dem, was auf der Erde ist, wo der Christus ist. In dieser Bestimmtheit durch die Person Jesu liegt zugleich die ganze Gewißheit. Denn diese Person kennen wir! Sie ist nicht Phantasie, nicht ein ausgemaltes Ideal, nicht eine Annahme, wie man sich die Schönheit des Himmels ausdenken mag. Sie ist die Realität, auf die wir gestoßen sind, die uns überwunden und unsern, Glauben auf sich gezogen hat. An dieser Person des Christus liegt alles.
Aber wenn doch diese Lebensrichtung und Lebenshaltung notwendig im Glauben an den Christus begründet liegt und aus ihm erwächst, warum dann noch hier eine Mahnung, ein Imperativ? Muß ich einer liebenden Braut noch sagen: Trachte dorthin, sei mit Herz und Willen dort, wo dein Geliebter ist!? Nein und ja! Alles "Befehlen" wäre freilich vergeblich und ergäbe nur einen unwahrhaftigen Krampf, wenn die Liebe das Herz der Braut nicht "von selbst" zöge Aber: Wir sind und bleiben "Personen", es geschieht in unserm Leben nichts so "von selbst", wie ein geworfener Stein von selbst in bestimmtem Bogen zum Ziel fliegt. Da aber von uns immer wieder "gewollt" werden muß, kann und muß, auch gemahnt und befohlen werden. Mächtig ist für uns auf Erden Lebende die Wucht und Wichtigkeit und darum auch die Anziehungskraft der Erde. Täglich ruft sie mit allem, was sie bietet und fordert, unser Denken und Suchen zu sich. Darum kann die aus dem Glauben notwendig und unmittelbar folgende Lebensrichtung und Lebenshaltung dennoch nur mit immer neuem ernsten Willen festgehalten und durchgesetzt werden. Darum bedarf es auch in der Gemeinde der Glaubenden des steten Ermahnens. Auch "evangelische", im Glauben selbst liegende Heiligung ist dennoch Sache des Gehorsams, des Willens, des Kampfes. Evangelische Heiligung unterscheidet sich von der gesetzlichen nicht dadurch, daß nur dort Befehl und ernster Einsatz wäre, hier aber ein müheloses Vorankommen in süßen Träumen. Auch die freie evangelische Heiligung ist und bleibt ein willentliches "Fliehen" und "Nachjagen".[ A ]

A) Anm. Vgl. dazu: Phil 3,12-14;1 Ko 9,24-27;1 Tim 6,11.12;2 Tim 2,22.

Eben darum erinnert Paulus gerade hier in den grundlegenden Sätzen an die notvolle Schwierigkeit solcher Lebenshaltung und an ihre kommende endgültige Lösung. Die Erde mit ihren Gütern ist sichtbar. Das Leben aber, das wir in Christus fanden, ist "verborgen", ist unsichtbar. Nicht erst durch die moderne Wissenschaft und Weltanschauung, sondern zu allen Zeiten drohte diese sichtbare, greifbare Erde die einzige, "Wirklichkeit" zu sein, jenes verborgene, unsichtbare und unbeweisbare Leben in Gott aber ein Schemen, eine "Einbildung". Auch der Glaubende ist dieser Anfechtung nicht einfach |247|  entnommen! Er ist es um so weniger, als ihm auch die Gefühle, Erlebnisse und Erfahrungen aus dem Lebensbereich des Christus durchaus nicht jederzeit zur Verfügung stehen. Es gibt Zeiten des "nackten" Glaubens. Es gibt Zeiten, in denen der Glaubende von diesem "Gestorbensein" und diesem "Auferwecktsein" nicht das Geringste merkt, ja wo seine ganze gefühlte und erlebte Existenz ihm widerspricht. Dann darf er wissen, daß diese "Verborgenheit" ein vorübergehender Zustand ist. Dieser jetzt verborgene Christus wird ja "offenbar werden" vor aller Welt. Dann werden auch wir, die wir "mit" Ihm und "in" Ihm unser Leben gehabt haben im steten willentlichen, kampfreichen Trachten nach dem, was droben ist, "mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit".
Dabei dürfen uns Ausdrücke wie "droben" und "auf Erden" nicht dazu verleiten, die "griechischen" Vorstellungen festzuhalten, die so tief in die Gemeinde, auch in die Reihen der Gläubigen eingedrungen sind. Das Ziel liegt hier wie überall im Neuen Testament nicht "droben", nicht "im Himmel", so daß dort "die Herrlichkeit" läge, in der wir mit Christus offenbar werden sollen. Noch einmal wird wichtig, daß uns hier nicht das "droben" als das Herrliche ausgemalt wurde, wo übrigens auch Jesus ist, sondern daß es allein um Jesus ging und das "droben" nur darum für uns entscheidend wurde, weil der Christus jetzt dort ist. Wichtig auch, daß im Text nicht der Artikel bei dem Wort "Herrlichkeit" steht, als ginge es um eine bestimmte räumliche Größe; "in Herrlichkeit" steht hier, es geht um eine Art und Weise der Existenz, über deren Ort damit noch gar nichts ausgesagt ist. Dieses neue herrliche Dasein entsteht aber nach dem Zeugnis des Neuen Testaments nicht dadurch für uns, daß wir "in den Himmel kommen", sondern dadurch, daß der Christus von Seinem Thronsitz zur Rechten Gottes aufs neue hervortritt und Sein Werk an dieser Welt, an der gesamten Schöpfung vollendet. Die parallele Gedankenreihe in Phil 3,20.21 zeigt uns, was Paulus unter dem neuen "Offenbarwerden des Christus" und unserm "Offenbarwerden mit Ihm in Herrlichkeit" verstanden hat. Wenn Jesus uns bis in unsere Leiblichkeit hinein erneuert und verherrlicht haben wird, dann ist das Ziel unseres "Suchens" und "Bedachtseins" erreicht. Heiligung aber ist das willentliche Leben auf dieses mächtige Ziel hin, vom grundsätzlichen schon Erreichthaben dieses Zieles im Mitgestorbensein und Mitauferwecktsein her.

Kapitel 7 - Die Anfechtung

Vertiefung

Die Anfechtung - Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

Der Glaube an Gott garantiert doch ein weitgehend problemfreies Leben, oder? Wenn nicht, wozu taugt er dann? Wie kann überhaupt so viel Böses in der Welt sein, wenn Gott allmächtig und die Liebe ist? Gibt es einen Teufel? Wir werden in diesem Kapitel sehen, auf welche Fragen die Bibel Antworten gibt und auf welche nicht.

Mit einer erstaunlichen Offenheit spricht Jesus zu seinen Jüngern darüber, dass sie Hass und Verfolgung um seinetwillen erleben werden. Er sagt ihnen sogar, sie sollen sich darüber freuen und das als Bestätigung ihrer Zugehörigkeit zu ihm ansehen. Jesus redet so klar von den Schwierigkeiten, die seine Nachfolger haben werden, dass es schon fast abschreckend wirkt. Er will doch zu einem Leben in seiner Nachfolge einladen, oder?  Dieses Leben muss eine solide Qualität haben, wenn Jesus sich leisten kann, die Schwierigkeiten ungeschönt zu benennen.

Was Jesus sagt, steht im Gegensatz zu heutigen Wünschen und Erwartungen vieler Leute an den christlichen Glauben stehen: Der Glaube soll unsere Probleme lösen, uns glücklich, möglichst auch reich und gesund machen. Der Wohlstand, den wir gewöhnt sind, hat uns verwöhnt. Verwöhnte Leute drehen durch, wenn ihre Wünsche nicht direkt erfüllt werden. Wenn sie Leid erleben, stellen sie die empörte, anklagende Frage: Wie kann Gott das zulassen? Sie erwarten, dass er als Problemlöser funktioniert. Religion soll trösten, beruhigen und bestätigen. Das ist die gängige Erwartung. Letztlich ist das dann eine Opium-Religion.

Was geschieht mit unserem Leben, wenn wir den Stresstests ausgesetzt werden?

Matthäus 4,1-11

1 Darauf[68] wurde Jesus von dem Geiste in die Wüste hinaufgeführt[69], um von dem Teufel versucht zu werden.

Mt 12,28; Hbr 4,15

2 Und als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, hungerte ihn danach.

2Mo 34,28; 1Kö 19,8

3 Und der Versucher trat herzu und[70] sprach zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, daß diese Steine Brote werden.

1Mo 3,1-7; Ps 2,7; Mt 3,17; 27,40.43; 2Ko 11,14

71) Wieder griech.: tote. Vgl. das zu 2,7 Gesagte.

4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: »Nicht von Brot allein wird der Mensch leben, sondern von jedem Worte, das durch den Mund Gottes ausgeht.«

5Mo 8,3; Jo 4,34

5 Darauf[71] nimmt der Teufel ihn mit in die heilige Stadt[72] und stellt ihn auf die Zinne des Tempels

Mt 27,53; Offb 11,2; 21,2.10; 22,19

72) Andere Übersetzung: »in die Gott gehörende Stadt.« Vgl. 27,53 und Jes 48,2; 52,1; Neh 11,1.18. Das, was Gottes Eigentum geworden war, war auch für Jesus ein Heiligtum. Und dort hinein geht nun auch der Teufel.

73) Vgl. das zu 2,7 über griech. tote Gesagte!

6 und spricht zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab, denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht einmal an einen Stein stoßest.«

Ps 91,11.12

7 Jesus sprach zu ihm: Wiederum steht geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

5Mo 6,16; 1Ko 10,9

8 Wiederum nimmt der Teufel ihn mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Königreiche der Welt und ihre Herrlichkeit,

Mt 16,26; 28,18; Jo 18,36; Offb 13,4; Eph 6,12; Offb 11,15

9 und spricht zu ihm: Alles dies will ich dir geben, wenn du niederfällst und mir fußfällig huldigst.

10 Darauf[73] spricht Jesus zu ihm: Geh hinweg, Satan[74]! Denn es steht geschrieben: »Du sollst dem Herrn, deinem Gott, fußfällig huldigen und ihm allein dienen!«

5Mo 5,9; 6,13; 10,20; Lk 4,13; Jo 14,30; Jak 4,7; Offb 11,15

74) Satan ist ein hebräisches Wort. 9 hebräische Wörter hat Matthäus beibehalten. Es sind: Satan, Beelzebub, Gehenna, Mammon, Racha, Rabbi, Hosianna, Wehe und Amen.

75) Hier steht im Urtext das Wort: »loslassen« und zwar im Sinne von etwas »Festgehaltenes« loslassen. Es ist also auf Grund des Urtextes ergreifend herauszufühlen, wie die Versuchung des Herrn immer ernster wurde. In Vers 3 steht: Da trat der Versucher herzu. In Vers 5 steht: Darauf nimmt ihn der Teufel mit. In Vers 8 steht: Wiederum nimmt ihn der Teufel mit. In Vers 11 steht: Darauf läßt der Teufel ihn los. Denn er hatte den Herrn festgehalten. Wie furchtbar diese Stufenleiter der Anfechtungen Satans. Obwohl der Herr ihn immer wieder zurückgewiesen hatte mit dem Wort der Schrift, so griff der Teufel immer mehr zu.

11 Darauf läßt ihn der Teufel los[75], und siehe, Engel kamen herzu und bedienten ihn.

1Kö 19,5; Mt 26,53; Jo 1,51; Eph 6,10-13.17; Jak 4,7; Hbr 1,6-14; 2,7; 4,15

In Satans Tiefen!  Die Versuchungsgeschichte Jesu
Mt 4,1-11 (vgl. Mk 1,12-13; Lk 4,1-13)


In Vers 1 fällt auf, daß Jesus doch in einer Wüste war, als er getauft wurde, daß er also von einer Wüste »in die Wüste hinaufgeführt wurde«. Das Jordantal, wo die Taufe stattfand (s. 3,1), wurde zur Wüste von Judäa gerechnet, obwohl es damals stark von Volksmassen besucht wurde. Danach handelt es sich hier wohl um eine besondere Einöde. Aus dem »wurde hinaufgeführt« ist zu schließen, daß diese Einöde höher gelegen war, was im übrigen ja auch aus dem vorhergehenden Tal zu schließen ist. Damit stimmt auch die Tradition überein.
Nach einer Tradition, von der sich aber erst seit dem 12. Jahrhundert Spuren nachweisen lassen, ist die Wüste, in der die Versuchungsgeschichte stattfand, die unfruchtbare Gegend westlich von Jericho, die heute den Namen Quarantitania trägt. Dort befindet sich ein hoher Kalksteinberg, in dessen Höhlen heute noch Einsiedler durch Gebet und Fasten die Versuchung des Herrn nachmachen.
Verschiedene liberale Theologen führen die Versuchungsgeschichte auf einen Mythos zurück (so z. B. Meyer). Im Orient und darüber hinaus herrschte die weitverbreitete Vorstellung von der Versuchung des Heiligen oder Helden; z. B. Buddha und Zarathustra. Die Gemeinde habe Jesus gegen den Einwand verteidigen müssen, daß er so gar nicht die Volkserwartung vom Messias erfüllte, indem er ein Zeichen vom Himmel ablehnte.
Andere (z. B. Weiß) nehmen an, daß nicht ein visionäres Erlebnis wiedergegeben sei, sondern daß Jesus »die Fülle von Stimmungen und Gedanken, die in seiner Seele am Anfang und später gestritten haben, in knapper bildlicher Form den Seinen dargestellt habe«. (Wir lehnen das ab.)
70) Der Ausdruck »Und der Versucher trat herzu« (Vers 3) ist für den Stil des Matthäus charakteristisch und besagt ausdrücklich, daß er daran denkt, der Teufel habe sich in irgendeiner leibhaftigen Gestalt Jesu genähert. In dem Ausdruck »diese Steine« liegt eine hinweisende Geste, wodurch die These der leibhaftigen Gestalt des Teufels noch erhärtet wird.
Im 5. Vers liefert der Ausdruck »darauf nimmt der Teufel ihn mit in die heilige Stadt« als 3. Wort einen weiteren Beweis für die in Vers 3 aufgestellte Annahme der leibhaftigen menschlichen Gestalt des Teufels. - Dazu kommt noch folgendes: Die rabbinische Theologie lehrte, daß die Geister, wenn sie sich den Menschen zeigten, dies in menschlicher Gestalt tun.
In Vers 9 weist das Wort »niederfallen«, das Lukas nicht hat, die körperliche Huldigung aus. Das wäre der 4. Beweis für die leibhaftige Gegenwart des Satans.

Während die Taufe Jesu den Täufer Johannes zum Zeugen hatte, schließt die Versuchung Jesu jeden menschlichen Zeugen aus. Aus diesem Grunde muß die Kenntnis von der Versuchung auf Mitteilung Jesu an seine Jünger beruhen.
Während Markus sich mit einer knappen Notiz begnügt, erwähnen Matthäus und Lukas die Versuchungsgeschichte ausführlich.
Die Versuchungsgeschichte ist unmittelbar an die Taufe angeschlossen. Dieses beweist das Wort tote = darauf, das die Verbindung zweier Ereignisse in direkter Zeitfolge ausdrückt.
Während Markus die Versuchung des Herrn während der ganzen 40 Tage stattfinden läßt, schildern Matthäus und Lukas diese 40 Tage und 40 Nächte als die vorbereitende Voraussetzung für die erste Versuchung. Die Versuchung selbst wird geschildert als an einem Tage sich abwickelnd. Da zu den 40 Tagen ausdrücklich 40 Nächte hinzugefügt sind, denkt Matthäus somit an eine völlige Speiseenthaltung. Vom Fasten, das der Kultus anordnete, war nur der Tag betroffen. Vom Aufgang der Sonne bis hin zu ihrem Untergang wurde weder gegessen noch getrunken. In der Nacht dagegen wurde gegessen. Weil wir hier an die gänzliche Enthaltung der Nahrung denken sollen, sind hier die Tage und Nächte genannt (Schlatter).
Bei Mose sind die 40 Tage mit der an ihn gerichteten Rede Gottes gefüllt. Matthäus läßt uns aber darüber im Dunkel, was Jesus während dieser Zeit tat. Markus fügt noch das dunkle »und er war unter den wilden Tieren« ein. Wir glauben bestimmt, daß Jesus in dieser Zeit stets die Gemeinschaft mit dem Vater gepflegt hat.

Während die Taufe Jesu den Täufer Johannes zum Zeugen hatte, schließt die Versuchung Jesu jeden menschlichen Zeugen aus. Aus diesem Grunde muß die Kenntnis von der Versuchung auf Mitteilung Jesu an seine Jünger beruhen.
Während Markus sich mit einer knappen Notiz begnügt, erwähnen Matthäus und Lukas die Versuchungsgeschichte ausführlich.
Die Versuchungsgeschichte ist unmittelbar an die Taufe angeschlossen. Dieses beweist das Wort tote = darauf, das die Verbindung zweier Ereignisse in direkter Zeitfolge ausdrückt.
Während Markus die Versuchung des Herrn während der ganzen 40 Tage stattfinden läßt, schildern Matthäus und Lukas diese 40 Tage und 40 Nächte als die vorbereitende Voraussetzung für die erste Versuchung. Die Versuchung selbst wird geschildert als an einem Tage sich abwickelnd. Da zu den 40 Tagen ausdrücklich 40 Nächte hinzugefügt sind, denkt Matthäus somit an eine völlige Speiseenthaltung. Vom Fasten, das der Kultus anordnete, war nur der Tag betroffen. Vom Aufgang der Sonne bis hin zu ihrem Untergang wurde weder gegessen noch getrunken. In der Nacht dagegen wurde gegessen. Weil wir hier an die gänzliche Enthaltung der Nahrung denken sollen, sind hier die Tage und Nächte genannt (Schlatter).
Bei Mose sind die 40 Tage mit der an ihn gerichteten Rede Gottes gefüllt. Matthäus läßt uns aber darüber im Dunkel, was Jesus während dieser Zeit tat. Markus fügt noch das dunkle »und er war unter den wilden Tieren« ein. Wir glauben bestimmt, daß Jesus in dieser Zeit stets die Gemeinschaft mit dem Vater gepflegt hat.
Es ist eine besonders fein ausgedachte Versuchung, mit der Satan hier an Jesus herantritt. Die Versuchung ist am gefährlichsten, die gar nicht wie eine Versuchung aussieht.
Mit herzbewegender Teilnahme tritt jener freundliche Unbekannte zu Jesus, der durch Hunger völlig erschöpft war. Er schlägt ihm vor, doch kraft seiner Gottessohnschaft Steine in Brote zu verwandeln.
Die Worte »Wenn du Gottes Sohn bist« drücken genau so wie bei der ersten Versuchung im Paradiese: Hat Gott wirklich gesagt? einen Zweifel aus. Ihr Sinn ist: »Wenn du wirklich Gottes Sohn bist, dann brauchst du doch nicht zu hungern.« Hunger und Erschöpfung sprechen gegen die Gottessohnschaft. Das Vorhandensein der Gottessohnschaft kann nur dadurch bewiesen werden, daß die in der Gottessohnschaft eingeschlossenen Wundergaben zur Geltung kommen. Hunger und Erschöpfung müssen also mit Hilfe der Gaben ohne weiteres sofort beseitigt werden. Ist das der Fall, dann erst ist die Gottessohnschaft als echt erwiesen. Sonst nicht! - So meint der Versucher.
Jesus spürt seine Erschöpfung. Das Hungergefühl ist überwältigend. Warum soll man nun die Gaben nicht gebrauchen, die man besitzt, zumal Not vorhanden ist? Die Gaben sind doch deshalb gegeben, damit wir sie benutzen! Das ist der Sinn der satanischen Versuchung! - Was ist darauf zu entgegnen?
Wohl ist ein Arbeiten mit den Gaben gottgewollt, aber das ist hier das versuchliche »Aber«. Die Gaben und Kräfte, die Gott den Seinen geschenkt hat, sind uns deshalb von ihm gegeben, damit wir sie nicht nach eigenem Gutdünken nur für uns selbst verwenden, sondern dazu sind sie da, um in den Dienst dessen gestellt zu werden, der der Geber aller Gaben ist.
Der Satan wollte Jesus dazu verleiten, die Wundergaben, die ihm zur Aufrichtung des Reiches Gottes anvertraut sind, willkürlich, nach eigenem Ermessen zu verwerten.
Wäre Jesus auf diese Anschläge des Satans eingegangen, so wäre das ein Mißbrauch seiner Gaben gewesen.
Jesu Antwort lautete: »Der Mensch lebt nicht von Brot allein.« Das besagt zunächst, Jesus will sich als wahrhaftiger Mensch ganz und gar in die Reihe der Menschen stellen. Er will jetzt nicht irgendwie eine Vorzugsstellung einnehmen. Die Verwendung der göttlichen Gaben zur persönlichen Befreiung von Entbehrungen und Leiden ist ungöttlich! Der Ausdruck »der Mensch« erinnert den Satan daran, daß Jesus trotz seiner Würde als Gottessohn entschlossen ist, die Bedingungen des menschlichen Daseins vollkommen einzuhalten. Das Wort Jesu aus 5. Mose 8 erklärt sodann: Gott kann das menschliche Leben auch durch andere Mittel erhalten als durch das Brot, z. B. auch durch das Manna! Ja, Gott kann sogar ohne irgendein materielles Mittel, nur durch die bloße Kraft Seines Willens, den Menschen ernähren und versorgen.
Mit dieser Antwort: »Der Mensch lebt nicht von Brot allein«, verpflichtet sich also Jesus, die Befriedigung seiner irdischen Bedürfnisse während seines ganzen messianischen Wirkens allein seinem Vater zu überlassen. Wie jeder Mensch, will er täglich den Vater um das Brot bitten. Er will Müdigkeit, Hunger und Blöße erdulden, ohne zu irgend welchen eigenmächtigen Erleichterungsmitteln seine Zuflucht zu nehmen, und erst recht nicht dann, wenn der Böse ihn dazu auffordert. - Schlatter sagt: »Ein Sohn Gottes, der aus der Abhängigkeit von Gott herausträte und eigenmächtig handelte, würde Satanisches offenbaren.« -
Das gleiche gilt auch der Gemeinde Jesu. Das Heraustreten aus der Abhängigkeit von Gott ist die Vernichtung des Vertrauens zu Gott, ist Verunehrung Gottes, ist Erhebung des eigenen Willens zum alles bestimmenden Motiv. Wie der Täufer mit seiner totalen Bejahung Gottes die Verneinung jedes menschlichen und christlichen Eigenwillens verkündete, so wußte auch Jesus aufs allergewisseste: »Der Sohn kann nichts aus sich selbst tun.« Die Bindung Jesu einzig an den Vater allein macht das Eingehen auch auf das kleinste eigensüchtige Begehren unmöglich. Mit anderen Worten: Das Bewußtsein seiner Gottessohnschaft wird ihn niemals dazu bringen, seine Knechtsgestalt als Mensch zu verleugnen. (Vgl. Phil 2,5-8.)

Der Teufel macht dem Herrn Jesus den Vorschlag, durch ein ganz besonderes Mittel die Juden davon zu überzeugen, daß er Gottes Sohn ist. Als Ort dazu erwählt er Jerusalem und dort sogar den Tempel selbst, das Symbol der heiligen Nähe Gottes. Der Böse will den Herrn überreden, mit Hilfe der göttlichen Allmacht seine messianische Tätigkeit mit einem gewaltigen religiösen Eröffnungsakt feierlich zu beginnen. Denn nur durch das göttliche Machtmittel einer großartigen Kundgebung kann der Herr seine Aufgabe, nämlich das »Königreich der Himmel« auf Erden zu bauen, erfüllen. Soweit der Vorschlag des Versuchers.
Dieses sein Ansinnen begründet der Böse wieder mit einem Bibelwort. Er nimmt es aus Ps 91,11-12. Er meint damit: Wenn Gott den gewöhnlichen Frommen so zu schützen verheißt, daß ihm nichts »passiert«, wieviel mehr wird Gott dann seinen Sohn schützen, der ja nur das ausführen möchte, was sein Vater will.
Jesus erklärt, das Schauwunder einer großartigen religiösen Kundgebung mit Hilfe göttlicher Macht ist ein »Gottversuchen«! Gottes Allmacht wird dabei auf die Probe gestellt, und zwar in dem Sinn: Es soll einmal ausprobiert werden, ob Gott wirklich Gott ist.
Indem Jesus auch diese Versuchung zurückweist, erklärt er, daß er die ihm vom Vater versprochenen wunderbaren Hilfeleistungen nur zur Rettung aus solchen Lagen in Anspruch nehmen werde, in die der Vater ihn hineinführen will und aus denen der Vater ihn wieder herausretten will (z. B. bei der Stillung des Sturmes usw.). Jesus verzichtet darum für alle solche Gegebenheiten, die nicht im Plane Gottes liegen, auf jeden göttlichen Beistand. - Wohl wird Jesus den Sturz in die Tiefe wagen, den Gang an das Fluchholz gehen - aber erst dann, wenn Gott es ihm kundtut, wenn Gott es will, sonst nicht. Unbedingter Gehorsam ist Jesu oberstes Gebot. Der Gang an das Fluchholz war aber ein ganz anderer »Sturz in die Tiefe« als dieser Sturz vom Tempel herab.
Die Majestät des allmächtigen Gottes erheischt es, daß unser Vertrauen auf ihn ein unbedingtes sein soll. Wir dürfen ihm jede Hilfe zutrauen, aber keine einzige ihm vorschreiben.
Die Verheißungen der Schrift sind nicht etwa Zaubermittel, durch die uns, so wie wir es meinen, die Hilfe Gottes automatisch zugesichert wird. Wer hier von Zusicherungen oder Garantien redet, hat sich bereits der Grenzüberschreitung in seinem Glaubensleben schuldig gemacht, denn er hat Gottes Wort unter den menschlichen Willen gebeugt. Das ist Vergewaltigung der Schrift. Das ist Gott versuchen!

Dieses Zeigen der Welt mit ihrer Herrlichkeit war ein satanisches Zauber- und Blendwerk! Alle satanischen Wunder haben etwas Täuschendes an sich! Sie sind keine Segenswunder, die zu Gott hinführen, sondern Schaustücke, die von Gott wegführen.
Der Versucher meint: Es wird dem Herrn freistehen, in diesem großen Herrlichkeitsgebiet, das er ihm da zeigt, zu tun, was dem Herrn beliebt. Der Herr kann darin nach seinen Wünschen und edlen Bestrebungen herrschen und diese Welt zu einem Tempel Gottes machen ... »Aber«, und das ist wieder verstohlen das teuflische »Aber«. Alles Gesagte und Angebotene kann erzielt werden nur mittels einer kleinen Rücksicht auf die Welt.
Mit andern Worten: Jesus soll bei dem Gang seines Rettungswerkes doch aus Klugheit und Berechnung den Wünschen des Volkes ein wenig nachgeben, um auf diese Weise sich die Gunst des Volkes und die Mitwirkung seiner Häupter für die Ausführung seiner großen und göttlichen Heilspläne zu vergewissern.
Die Antwort Jesu: »Du sollst Gott deinem Herrn huldigen und ihm allein dienen« ist der große Wahlspruch seines Erdenlebens geworden. Mit allem, was er ist und hat, will er sich restlos als sein Sohn seinem Gott und Vater zur Verfügung stellen. Er läßt sich vom Vater alles geben, was er redet und tut. Er ist völlig abhängig von ihm. Nicht die Gunst der Menschen hat ihn zu bestimmen, noch hat ihn ihr Haß aus der Bahn zu bringen, nur der Vater allein hat Zweck und Mittel seiner Erlöser-Mission zu bestimmen.
Die Waffe, mit der Jesus den Sieg errang, war ganz allein das Gottes-Wort: »Es steht geschrieben.« Und der Böse war geschlagen. Die Bibel ist und bleibt das Rüsthaus der Streiter Gottes, der geistliche Waffensaal. - Die gefährlichste Art aber des Teufels ist, daß er selbst in diesen Waffensaal greift. Er kennt sich gut darin aus, viel besser als wir! Das Wort Gottes gebraucht er dann auch als Waffe, aber als Waffe gegen uns, und zwar so, daß er die Waffe des Wortes Gottes unlauter gebraucht, ja mißbraucht, indem er das Wort z. B. aus dem Zusammenhang reißt, etwas entstellt usw. Da gilt es mit doppelter Wachsamkeit, dem Vorbilde Jesu entsprechend, zu sagen: »Wiederum stehet auch geschrieben.« Das Schwert des Wortes ist dann erst recht zu schwingen gegen den »alt bösen Feind«.

Matthäus 10,16-26

16 Siehe, ich sende euch wie Schafe inmitten von Wölfen; so seid nun klug wie die Schlangen und makellos wie die Tauben.

Lk 10,3; Apg 20,29; Rö 16,19; Phil 2,15; Eph 5,15; Mt 7,24; 1Mo 3,1

17 Hütet euch aber vor den Menschen, denn sie werden euch an die Synedrien überliefern und in ihren Synagogen euch geißeln.

Mt 24,9-14; Mk 13,9-13; Lk 21,12-17

Apg 5,40; 6,12; 2Ko 11,24

18 Und auch vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen und den Heidenvölkern zum Zeugnis.

Apg 27,24; 25,23

19 Wenn sie euch aber überliefern, so seid nicht besorgt, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt.

Luk 12,11f

20 Denn nicht ihr seid die Redenden, sondern es ist der Geist eures Vaters, der in euch redet.

Jo 14,26; 1Ko 2,4; Phil 1,19

21 Es wird aber der Bruder den Bruder zum Tode überliefern, und der Vater das Kind; und Kinder werden sich erheben wider Eltern und sie zu Tode bringen.

Mt 10,35; 24,10; Mk 13,12f; 14,27; Mi 7,6

22 Und ihr werdet von allen gehaßt werden um meines Namens willen. Wer aber ausharrt bis ans Ende, wird errettet werden.

Mt 24,13; Jo 15,18.21; 16,2; Offb 13,10

24 Ein Jünger ist nicht über dem Lehrer und ein Knecht nicht über seinen Herrn.

Lk 6,40; Jo 13,16; 15,20

25 Es ist dem Jünger genug, daß er werde wie sein Lehrer und der Knecht wie sein Herr. Wenn sie den Hausherrn Beelzebub genannt haben, wieviel mehr seine Hausgenossen!

Mt 9,34; 12,24.27

26 Fürchtet euch nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verdeckt worden, was nicht enthüllt, und verborgen, was nicht erkannt werden wird.

Lk 12,2-9

Der zweite Teil der großen Aussendungsrede Jesu

Die gefährliche Situation der Jünger »als Lämmer mitten unter den Wölfen« und ihr Verhalten in solch einer Lage veranschaulicht Jesus symbolisch in V. 16 durch das Bild »Lamm und Wolf« und V. 17 durch das Bild »Schlange und Taube«.
Die Sendung wird also keine angenehme und leichte Angelegenheit sein, sondern voller Gefahr für Leib und Leben. Welch ein unheimliches Bild: ein Lamm mitten unter Wölfen! Die Wirklichkeit dieser Tatsache ist weithin von den Christusboten nicht immer genügend berücksichtigt worden, nämlich, daß dieses Bild »Lamm unter Wolf« nicht das anormale, sondern das normale ist. - Und da gilt es dann, nicht Haß gegen Haß, Gewalt gegen Gewalt zu setzen, sondern »das freudige Martyrium«. »Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen« (Offb 13,10). Jesu Wort: »Ich sende euch« hat einzigartige Bedeutung.
Das Bild »Schlange und Taube« ist ein anderes Bild als das erste: »Lamm und Wolf«. Wir fragen: Inwiefern? »Lamm« bezeichnete den Apostel - »Wolf« deutete hin auf den Feind. - In dem zweiten Bild »Schlange und Taube« beziehen sich beide Bildworte auf ein und dieselbe Person, nämlich auf den Apostel. Der Sendbote Jesu braucht Klugheit, um in all den schwierigen Situationen immer wieder das Rechte zu finden und den Menschen recht zu begegnen. Diese Klugheit muß aber immer mit Lauterkeit und Aufrichtigkeit und Geradheit gepaart sein, damit nichts geschehe, was den Feinden Handhabe zur berechtigten Klage werde. Die Sendboten Jesu stehen ja unter harten Widersachern, die keine Rücksicht kennen, die ohne Gnade über die Apostel herfallen, falls sich irgendwie ein kleiner Anlaß bietet. Darum gilt es, nach Schlangenart den Gegner scharf im Auge zu halten, wachen Auges und nüchternen Sinnes die Situation zu übersehen und dann ohne List und lügnerische Taktik, lauter und wahr in allen Handlungen und Worten, Herr der Situation zu bleiben, also Taubenart unter Beweis zu stellen.
Klugheit und Lauterkeit ergeben die rechte Weisheit. Klugheit, welche Taktik ist, d. h. die die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge ein wenig verwischt und die um des Zweckes willen das Mittel, auch das nicht ganz korrekte Mittel, heiligt, - Klugheit, welche solche Taktik ist - ist keine biblische Klugheit, ist einseitig nur Schlangenart. Es muß die Aufrichtigkeit der Taubenart hinzukommen! - Jesus will also eine Klugheit, mit der wir uns nicht beflecken (nicht Taktik, nicht Diplomatie, nicht Politik, nicht Kompromisse machen), und Jesus will eine Lauterkeit, mit der wir unseren Dienst nicht belasten (d. h. unkluge Ehrlichkeit und unvorsichtige Offenherzigkeit, die also nicht darauf bedacht ist, Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen). Anders ausgedrückt: Das schlichte Vertrauen auf Gottes Hilfe schließt die kluge Vorsicht den Menschen gegenüber nicht aus.

Der Haß im Verkehr mit der Obrigkeit und die Entgegnung in Vers 17-20 - Die jüdische Obrigkeit

»Hütet euch vor den Menschen!« Es ist eigenartig und ergreifend zugleich, wie derselbe Herr, der seine Apostel zu den »Menschen« sendet, sie im gleichen Atemzuge vor den »Menschen« warnt. »Hütet euch vor den Menschen!« Nehmt euch vor ihnen in acht! Ein ernstes Wort für die zu den Menschen gesandten Boten. Ein Wort, das sie ihren Weg einsam gehen läßt! Ein Wort, das sie ganz auf den Herrn, den Auftraggeber, wirft. Nur weil er der Auftraggeber, der Sendende ist, können sie die Last und Verantwortung ihres Auftrages tragen und auch ertragen, daß ihre Hilfe nur bei dem Herrn ist und nicht bei den Menschen. »Nehmt euch vor den Menschen in acht.« Dieses Jesuswort ernst zu beachten gilt auch heute noch. Alle Sentimentalität, weichliche Vertrauensseligkeit und gefühlvolles »Sichanbiedern und Schmeicheln« sind von Übel. - »Männlichkeit« ist des Christen Zierde!
Das Wort: Nehmt euch vor den »Menschen« in acht! Seid vorsichtig! ist ein sehr wichtiges Wort, das viel zu wenig beachtet wird. Trotz Bekennermut ist Vorsicht geboten! Wir werden an Epheser 5, 15 erinnert. »... Wandelt vorsichtig (korrekt und genau), nicht als Unweise, sondern als Weise.«
Verfolgung und Gericht wartet auf die Sendboten. Alle Machtmittel, die der Judenschaft zur Verfügung stehen, werden zur Verurteilung der Apostel in Anwendung gebracht werden! Mit den »Gerichten« sind die jüdischen, örtlichen Gerichtshöfe gemeint. Neben dem großen, aus 71 Mitgliedern bestehenden Synedrium in Jerusalem gab es in den Städten, die mindestens 120 erwachsene Mitglieder zählten, kleinere Gerichtshöfe, die aus 23 Mitgliedern bestanden. An diese kleineren und örtlichen jüdischen Gerichtshöfe ist hier in V. 17 gedacht. Die Mehrzahl von Synedrium = Synedria zeigt uns das auch so an.
Das Urteil dieser örtlichen Gerichtshöfe wird über die Jünger lauten: Geißelung. Daß es in der Tat auch praktisch durchgeführt wurde, zeigt Apg 22,19. Paulus, der ehemalige Christenverfolger, verantwortet sich vor dem jüdischen Volk in Jerusalem mit folgenden Worten: »... Die Juden wissen selbst, daß ich die Christen gefangen legte und geißeln ließ, die, welche an den Herrn Jesus glaubten, in den Synagogen hin und her ...!« Nach 2Ko 11,24 sagt Paulus von sich: »Von den Juden erhielt ich fünfmal vierzig Geißelhiebe weniger eins.« Vgl. weiter zur »Synagogengeißelung«: Mt 23,43; Mk 13,9; Apg 22,19; 26,11. - Von dieser »Synagogengeißelung« ist zu unterscheiden die durch die Römer vollzogene, noch viel grauenhafter durchgeführte »Staatliche Geißelung«, die die Kreuzigung einleitete und an Jesus vollzogen wurde. (Vgl. hierzu das zu Mt 27,26 Gesagte.)
Die »Synagogengeißelung« war eine nicht seltene und sehr entehrende Strafe. Der zu Züchtigende mußte sich über eine (etwa einen Meter) hohe Säule beugen, an deren Seiten seine Hände angebunden wurden. Als Geißel diente ein aus vier zusammengelegten Lederstreifen verfertigter, handbreiter Riemen, mit dem der Synagogendiener neununddreißig Schläge versetzte, ein Drittel auf die Brust, zwei Drittel auf den Rücken. Doch mußte der zu Geißelnde vorher beobachtet werden, ob er diese Zahl ertragen könne oder nicht. Konnte er die Anzahl der Hiebe nicht ertragen, dann wurde die Zahl vermindert. Eine ganze Anzahl von Vergehungen wurden auf diese Weise bestraft: verschiedene Unzuchtsünden, aber auch wer Unreines oder nicht rituell Geschlachtetes oder nicht Verzehntetes gegessen, wer am Passahfest Gesäuertes aß oder das Versöhnungsfasten brach (vgl. Lauck S. 153).

Die heidnische Obrigkeit

Die »Statthalter«, das waren damals die römischen Prokuratoren, wie Pontius Pilatus, Felix, Festus (Apg 24,25 usw.) und die »Könige«, das waren zunächst die Herodier, wie z. B. Herodes Agrippa. Die herodeischen Könige werden, obwohl sie äußerlich das Judentum angenommen hatten, zu den Vertretern des Heidentums gezählt.
Weil der Jünger Jesu vor den Statthaltern und den Königen die Sache des Reiches Gottes vertritt, ist er ein Märtyrer, d. h. ein Zeuge (vgl. das zu Mt 8,4 Gesagte). Märtyrer sein ist in der Urchristenheit zunächst einmal ein Zeuge sein. Später ist aus Märtyrer der »Blutzeuge« geworden, d. h. derjenige, der mit dem Leben seinen Glauben an den Christus besiegelt. Aus mártys = Zeuge ist Martyrium gleich Leiden um Jesu willen geworden. - In V. 18b steht, daß die Verfolgungsleiden der Jünger auch vor den Juden ebenso wie vor den Heiden bezeugt werden sollen. Es klingt mit diesem doppelten Zeugnisgeben das Wort des Paulus schon hier an: 1Ko 1,23: »Wir predigen Christus als den Gekreuzigten, für die Juden ein Ärgernis (Skandal), für die Heiden eine Torheit (Dummheit).«

Wenn nun die Apostel trotz aller Vorsicht dennoch vor Gericht erscheinen müssen, dann dürfen sie sich des Beistandes des Heiligen Geistes getrösten.
Der Jünger steht vor seinen irdischen Richtern nicht allein, sondern wird von einem Rechtsanwalt begleitet; dieser Rechtsanwalt ist der Paraklet, der Heilige Geist (vgl. hierzu Mt 6,25). Jesus sagt also dem, der bekümmert sich ängstlich überlegt, wie er reden und was er sagen soll, weil er ja die allerwichtigste und allergrößte Sache vertritt und um sein Leben redet - Jesus sagt ihm also: »Laß dich nicht in Umtriebe ein, biete nicht besondere Künste auf, sieh dich nicht nach Hilfsmitteln um!«

Der Haß im Verkehr mit den eigenen Familiengliedern und die Entgegnung

Das Verfolgungsleiden wird immer intensiver. Zunächst wurde von den Verfolgungen durch die Außenstehenden, dann von der Verfolgung durch die Behörde gesprochen. Jetzt wird als drittes geredet von der Bedrückung im eigenen Familienkreis. Das ist die schlimmste Not, wenn seitens der nächsten Blutsverwandten todbringender Haß aufglüht und der Bruder seinen Bruder, der Vater sein Kind durch Denunziation dem Tode ausliefern wird. Und weiter: Kinder werden sich gegen Eltern in empörender Weise auflehnen und die eigenen Eltern in den Tod bringen. - Mi 7,6 tritt in Erscheinung. Neben der Ausstoßung aus Volk und Vaterland geht Hand in Hand die Ausstoßung aus der häuslichen Gemeinschaft. - »Bei der leidenschaftlichen Ächtung, mit der die Judenschaft die Denunzianten schändete, malt der Spruch die grausame Unversöhnlichkeit der Entzweiung mit besonders starken Farben. Die Ausrottung des Bekenntnisses zu Jesus erscheint selbst auch den Blutsverwandten als die erste und heiligste Pflicht.« (Schlatter)
Den Gipfel aber erreicht die Verfolgung, wenn die Nachfolger und Jünger des Herrn von allen, d. h. ohne jede Ausnahme, gehaßt werden. Aber all das »Gehaßtwerden« geschieht »um meines Namens willen«, wie der Herr wörtlich sagt.
Die Entgegnung auf dieses Hassen von allen Seiten, im allgemeinen, von den Behörden und von den engsten Verwandten, soll nicht Bitterkeit, Gekränktsein, Unversöhnlichkeit, Unfreundlichkeit, Lieblosigkeit, Hartherzigkeit und Kälte sein, sondern soll sich im Ausharren in der Liebe (der Agape-Liebe) bis ans Ende zeigen (V. 22b). Es sei erinnert an Mt 5,44-47.
Eine andere Art der Entgegnung auf all die Verfolgungen wird in Vers 23 gezeigt.

Diese andere Art der Entgegnung ist also die Flucht. Flucht muß also nicht immer Kleinglaube oder Unglaube sein, sondern kann der Forderung Jesu folgen. Flucht ist dann Klugheit und Vorsicht. Die Jünger sollen in der Verfolgung aus der einen Stadt in die andere fliehen. Jesus versichert für dieses Fliehen aus einer israelitischen Stadt in eine andere israelitische Stadt nun ganz ausdrücklich, es wird den Jüngern bis zur Wiederkunft Christi immer noch eine Stadt in Israel übrigbleiben, wohin sie sich retten könnten.
Ganz unvermittelt spricht hier der Herr von seiner Wiederkunft. Wie ist dieses Wort zu verstehen? Wir können wohl nicht anders, als es vielleicht so zu verstehen, daß der Herr hier wie auch an anderen Stellen (16,28 u. 24,34) seine Wiederkunft zum Gericht mit dem Untergang Jerusalems zugleich sieht. Daß übrigens Matthäus diese Worte hier so wiedergibt, ohne irgendeinen Anstoß daran zu nehmen und ohne eine Aufklärung zu geben, ist auch ein Zeichen dafür, daß das Matthäus-Evangelium vor 70 geschrieben wurde.
Nun folgen sieben Ermunterungsworte des Herrn für die Verfolgten.

1. Ermunterungswort: Der Jünger ist nicht über den Meister


Am Beispiel des Herrn selbst wird dem Jünger die Notwendigkeit des Leidens gezeigt. Der Jünger kann nicht über seinen Meister hinauswachsen. Des Jüngers Los ist zu leiden, wie sein Herr! - Er stand als Lamm mitten unter den Wölfen. Seine Feinde schleppten ihn von Gericht zu Gericht, erst vor das heidnische Gericht (Pilatus), dann vor das jüdische Gericht (Herodes). Seine eigenen Brüder erhoben sich gegen ihn - ein Apostel verriet ihn und überlieferte ihn dem Tode. Das Wort »ein Jünger ist nicht über dem Lehrer« steht im NT noch dreimal: Jo 15,20; Lk 6,40; Jo 13,16.
Wenn die Menschen in ihrer Bosheit sogar so weit gegangen sind, den Herrn selbst als Beelzebub, d. h. als einen Teufelsfürsten, zu bezeichnen, dann dürfen die Jünger auch nichts anderes erwarten. Der Vorwurf der Feinde, Jesus sei von Beelzebub oder von einem Dämon besessen, steht Mk 3,22; Lk 11,15; Jo 7,20; daß er im Bunde mit Beelzebub die Teufel austreibe, dieser Vorwurf steht Mt 12,24.
Der Ausdruck Hausgenossen deutet darauf hin, daß Jesus mit seinen Jüngern eine Hausgemeinde, d. h. eine Familie bildet. Hier wird die neue Gemeinde sichtbar. An die Stelle des Hauses Israel tritt das Haus Jesu, und dieses Haus ist nun »Gottes Haus« geworden hier auf Erden (vgl. die Paulinischen Briefe).

Ermunterungswort: Die jetzt nur im kleinen Kreis bekannte Botschaft wird dereinst in aller Welt verkündigt

26 Fürchtet euch nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verdeckt worden, was nicht enthüllt, und verborgen, was nicht erkannt werden wird.
Lk 12,2-9
Mk 4,22; Lk 8,17
27 Was ich euch sage in der Finsternis, redet im Lichte, und was ihr höret im Ohr, rufet aus auf den Dächern.

Die jetzt gewaltsam niedergehaltene Verkündigung vom Königreich der Himmel wird einmal in ihrer ganzen Herrlichkeit und Kraft hervortreten. Die Jünger sollten das, was der Heiland ihnen ins Ohr gesagt, d. h. im kleinen Jüngerkreis mitgeteilt hat, dann, wenn er einmal von ihnen geschieden sein wird, von den Dächern herab predigen. Dies Bild vom Dach erinnert an die flachen orientalischen Dächer, von denen aus man leicht zu einer großen Menge herab sprechen konnte.
Vielleicht ist auch an folgende Sitte gedacht: »Vom höchsten Dach der Stadt pflegte der Synagogendiener dreimal durch Posaunenschall den Anbruch des Sabbats zu verkündigen, damit die Leute vom Felde heimkamen und den Sabbat vorbereiteten« (Strack-Billerbeck Bd. 1).
Zur Erklärung des Ausdrucks »Was ihr höret im Ohr« sei folgendes gesagt: Das Aussterben des Hebräischen als Muttersprache der palästinischen Judenschaft machte die Übertragung der gottesdienstlichen Gesetzeslektion in die aramäische Umgangssprache zur Notwendigkeit. Bei dieser Übersetzung galt als Regel, daß der Vortragende im Gottesdienst der Synagoge selbst saß - daher die Formel auch von Jesus: »Als er das Buch zutat, gab er´s dem Diener und setzte sich« (Lk 4,20). - Der Dolmetscher, der das Hebräische in die aramäische Sprache übersetzte, mußte aber stehen, und zwar in unmittelbarer Nähe des Vortragenden, damit er dessen Worte deutlich hörte. Der Vortragende sprach nämlich nicht laut, sondern im Flüsterton, so daß der Dolmetscher sich zu ihm niederbeugen mußte, um ihn richtig zu verstehen. Was ihm so gewissermaßen in sein Ohr geflüstert wurde, das verkündigte er dann mit lauter Stimme der versammelten Gemeinde in ihrer Muttersprache (St-B., Bd. 4,1, S. 185).
Damit ist der Ausdruck: »Was ihr höret ins Ohr, das rufet aus auf den Dächern« begreiflicher geworden.

Apostelgeschichte 4,23-30

23 Als sie aber freigelassen waren, kamen sie zu den Ihrigen und berichteten alles, was zu ihnen die Hohenpriester und die Ältesten gesagt hatten.

24 Sie aber, als sie es hörten, erhoben einmütig ihre Stimme zu Gott und sprachen: "Herrscher, der du gemacht hast den Himmel und die Erde und das Meer und alles, was in ihnen ist,

2 Mo 20,11; Neh 9,6; Ps 146,6; Apg 14,15

25 der du im Heiligen Geist durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, gesagt hast: ‚Warum tobten Nationen und Völker sannen Vergebliches?

Ps 2,1f

26 Aufgetreten sind die Könige der Erde, und die Herrscher versammelten sich zusammen gegen den Herrn und gegen seinen Gesalbten.'

27 Versammelt haben sich ja wirklich in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Nationen und mit den Völkern Israels,

Lk 23,12; Apg 10,38

28 zu tun alles, was deine Hand und dein Rat vorausbestimmt hat, daß es geschehen soll.

Apg 2,23

29 Und nun, Herr, sieh auf ihre Drohungen und gib deinen Knechten, mit allem Freimut zu reden dein Wort,

Eph 6,19; 1 Pt 3,14f

30 indem du die Hand ausstreckst, daß Heilung und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus."

Apg 2,2.4;5,42

BERICHT VOR DER GEMEINDE UND GEMEINDEGEBET

23 Nach der Haftentlassung eilen Petrus und Johannes zu den "Ihrigen". Wie man sonst nach bedeutsamen und schweren Erlebnissen seine Familie, seine nächsten Angehörigen aufsucht, so finden die Apostel ihre Heimat in der Gemeinde, die sie ganz als "Familie Gottes" empfinden. Hier wird wirksam, was bei Jesus selbst begonnen hatte: Mk 3,31-35. Natürlich konnten nicht alle jene fünftausend zur Stelle sein. Aber ein Kreis von Betern war offenbar seit der Verhaftung der Apostel mit ernster Teilnahme am Geschehen beisammen geblieben (vgl. Apg 12,12).
Nun kommt das, was wir aus der Zeit des Kirchenkampfes so gut kennen: "der Bericht zur Lage". Petrus und Johannes "berichteten alles, was zu ihnen die Hohenpriester und die Ältesten gesagt hatten". Zum wenigsten der tragende Kreis der Gemeinde muß erfahren, was sich zugetragen hat und wie es steht. Welche Freude wird es ausgelöst haben: Unsere beiden Brüder sind wieder da! Aber wie ernst |102|  war es auch durch das Redeverbot und die Drohung der Regierung.
24 Und nun haben wir Grund zum Staunen. Denn nun folgt nicht, wie wir es selbstverständlich gewohnt sind, die "Aussprache" über den Bericht. Es wird nicht in einer Diskussion die Haltung der Apostel gebilligt, das Unrecht der Regierung festgestellt, die richtige Mitte zwischen geforderter Festigkeit und gebotener Vorsicht ausgewogen. Diese Schar wendet den Blick sofort weg von Menschen hin zu Gott! Sie ist wirklich und im Ernst "gläubig": Gott ist ihr die Hauptsache. Darum folgt auf den Bericht zur Lage statt Aussprache Gebetsgemeinschaft. "Sie aber, als sie es hörten, erhoben einmütig ihre Stimme zu Gott und sprachen."
In diesem Gebet fällt die ausführliche Anrede auf[ A ]. Mit der Anrede vergegenwärtigt sich der Beter, zu wem er jetzt spricht, um dadurch die kühne Zuversicht ebenso zu gewinnen wie die gehorsame Unterordnung. Wir müssen das wieder mehr lernen. "Herrscher, der du gemacht hast . . .". Dieses Gebet geht an Gott, nicht an Jesus. Gott ist der Gewaltige, alles umfassende Schöpfer - was sind neben ihm die mächtigsten Menschen? Er ist aber nicht nur stumme Schöpfermacht. Er hat geredet.

A) Man hat für die ganze Art des Gebetes auf Hiskias Gebet Jes 37,15-20 verwiesen. Warum sollte sich diese bibelkundige Schar nicht an ein atst Gebet in ähnlicher Lage erinnert und davon gelernt haben? In diesem großen Gemeindegebet ist der Streit zwischen "freiem" und "gebundenem" Beten überwunden. Die Gemeinde betet "frei" "aus dem Herzen" und spricht dabei doch unwillkürlich und dankbar in Formen und Worten, die sie von den betenden Vätern empfangen hat.

25/26 Er tat es "im Heiligen Geist durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes"[ A ]. Wieder wie in der Pfingstpredigt ist David auch in seinen Psalmen als Prophet gesehen, durch dessen Mund Gott selber im Heiligen Geist spricht und Zukünftiges voraussagt. Es ist der Anfang des 2. Psalmes, den sich die Beter vor Augen halten. Auch das müssen wir wieder ganz anders lernen, unser Beten auf Gottes eigenes Wort zu gründen. Vor diesem Wort verliert die Lage das Befremdende und Erschreckende. Es hat solche Lage bereits früher gegeben, sie ist von Gott in seinem Wort vorgesehen, und es steht darüber die Gewißheit von Gott her: Alles "Toben der Nationen" ist doch nur "Sinnen auf Vergebliches".

A) Diese Übersetzung ist schon eine Zurechtsetzung des grie. Wortlautes, der überladen und in Unordnung ist. Der kürzere Text der "Koine" (siehe die Richtlinien für den Benutzer der W. Stb. S. 6 dieses Bandes) könnte hier das Ursprüngliche haben: "Der du durch den Mund Davids, deines Knechtes, gesagt hast."

27 Was David damals aussprach, das ist jetzt ganze Wirklichkeit geworden: "Versammelt haben sich ja wirklich[ A ] in dieser Stadt gegen |103|  deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Nationen und Völkern Israels." Diese Verwirklichung des prophetischen Wortes ist unheimlich genug: In der Stadt Gottes selbst, nicht etwa draußen bei den Nationen, haben sich zusammengetan, die gar nicht zusammengehören: der jüdische König und der römische Statthalter, die Heiden und die Israeliten. O ja, was findet sich nicht alles zusammen, wenn es gegen Jesus geht!

A) Wörtlich: "Auf Grund von Wahrheit." Das biblische Wort "Wahrheit" meint nicht die subjektive Wahrhaftigkeit, sondern die objektive Wirklichkeit.

28 Aber nun triumphiert der Glaube. Wenn sie sich alle zu einem widernatürlichen Bündnis gegen Jesus zusammengeschlossen haben, dann könnte der Satz doch eigentlich nur weitergehen: "zu tun, was sie gegen deinen Rat und Willen sich vorgenommen haben." Aber es ist voller Ernst mit der Gewißheit: "Sie sannen Vergebliches." Nicht nur so, daß diese Pläne der Feinde scheitern. Nein, ihre gelungene Durchführung kann nur gerade das zustande bringen, "was deine Hand und dein Rat vorausbestimmt hat, daß es geschehen soll". So die Welt und die Weltgeschichte sehen, das heißt "glauben".
29 Darum kann nach dieser Anrede die eigentliche Bitte nun wunderbar selbstlos und kühn sein. Kein Wort fällt von der Bestrafung der Feinde; kein Wort von Bewahrung und Schutz für das bedrängte Häuflein. "Und nun, Herr, sieh auf ihre Drohungen."[ A ] Das ist genug[ B ]. Für die Gemeinde aber ist der heiße Wunsch nur der: "Gib deinen Knechten mit allem Freimut zu reden dein Wort." Nicht auf uns und unsere "Haltung" können wir bauen. Wir sind schnell am Ende. Petrus mag daran gedacht haben, wohin er mit seinem "und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht verleugnen" gekommen ist. Es ist Gottes Gabe, wenn wir in bedrohten Lagen furchtlos und sachlich die Botschaft weiter ausrichten.

A) Es wird hier eine Eigenart des Betens deutlich. Natürlich "sieht" Gott das Tun der Feinde auch ohne Gebet. Aber indem wir es ausdrücklich erbitten, werden wir an diesem seinem Tun mitbeteiligt und seines "Sehens" tröstlich gewiß.
B) Es braucht sich an der "Lage" noch nichts zu ändern Wenn ich nur in meiner Lage nicht allein und verlassen bin, wenn Gottes Blick und Herz sie nur kennt und umfaßt. Vgl. Offb 2,2.13. Dort lesen wir des erhöhten Herrn Trost für seine bedrängte Gemeinde.


30 Erbeten werden aber auch die "mitfolgenden Zeichen" (Mk 16,26), die die Botschaft bestätigen und den Namen Jesu verherrlichen. Warum haben wir diese Bitte um das "Ausstrecken seiner Hand zur Gesundheit" so preisgegeben?

Hebräer 4,14-16

14 Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, so laßt uns am Bekenntnis festhalten.

Hbr 2,17;3,1;5,5;5,10;6,20;7,26;8,1;9,11;10,21; Hbr 3,1;10,23.32-34

15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid mit unseren Schwachheiten haben könnte, sondern der versucht worden ist in allen Dingen, gleich wie wir, doch ohne Sünde.

Mt 4,1-11; Mk 1,13; Lk 4,1-13; Mt 26,41; Mt 27;40; Lk 22,28; Hbr 2,17.18;5,2; 2 Ko 5,21

16 So laßt uns nun mit freudiger Zuversicht zum Thron der Gnade hinzutreten, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade zu rechtzeitiger Hilfe finden.

Hbr 10,22; Jo 14,6; Rö 3,25; Rö 5,2; Eph 2,18; Eph 3,12; 1 Pt 3,18; 1 Jo 3,12-22

Die Überlegenheit Jesu über Aaron, des ersten Hohenpriester

Schon in Hbr 2,17 und 3,1 hat der Apostel von Jesus als dem "Hohenpriester" gesprochen, ohne näher zu beschreiben, was er damit sagen wollte. Jetzt entfaltet er in kurzen, machtvollen Sätzen diese Aussage. Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, so laßt uns am Bekenntnis festhalten. Die ganze Gewißheit apostolischer Erkenntnis kommt in den Worten "wir haben" zum Ausdruck. Das ist echtes Kennzeichen lebendigen Glaubens: Kinder Gottes sind nicht nur im "Werden", sie leben auch im "Haben". Wir haben die Erlösung durch Christi Blut (Eph 1,7), wir haben Frieden mit Gott (Rö 5,1), wir haben einen Fürsprecher beim Vater (1 Jo 2,1). Diese Gewißheit des "Habens" spiegelt sich auch in dem sicheren "Wissen", von dem der Apostel Johannes spricht, wenn er die Glaubenserfahrungen der Kinder Gottes umschreibt (1 Jo 3,2.14;5,15.18-20)[ A ] Der Apostel vergleicht Jesus Christus und den Hohenpriester Aaron miteinander. Er sagt: Jesus ist der große Hohepriester, weil er das vollbringt, wozu Aaron nicht in der Lage war[ B ]. Aaron war Hoherpriester auf Erden, Jesus Christus dagegen hat nicht nur auf Erden durch die Hingabe seines Lebens das vollkommene hohepriesterliche Opfer dargebracht; auch nach seiner Auferstehung dient er in der Ewigkeit Gottes als der himmlische Hohepriester.

A) Die Gewißheit persönlicher Heilserfahrung spricht auch aus den Worten des Philippus: "Den, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, ihn haben wir gefunden, Jesus, den Sohn Josephs, aus Nazareth" (Jo 1,45).
B) O. Michel, S. 121, Anm. 2: "Wichtig ist ..., daß der Hbr immer die drei Gedankenformen anwendet: Die Parallele, die Überbietung und die Verabsolutierung."


Wie der Hohepriester das irdische Heiligtum zu durchschreiten hatte, um im Allerheiligsten zu dienen, so hat Jesus die Himmel durchschritten, um in die Gegenwart Gottes zu treten. Mit diesem Ausdruck weist der Apostel wie schon Hbr 1,3 auf die Himmelfahrt Jesu hin. Sie ist Bestätigung der überragenden Größe des Hohenpriestertums Jesu. Er ist aus unserer irdischen Welt in die unsichtbare Welt Gottes eingegangen[ A ]. In Hbr 1,10 sind "die Himmel" das Werk der Hände Gottes, ein Teil der Welt, der Schöpfung, des Kosmos. In unserem Vers und Hbr 7,26 sind "die Himmel" der Zwischenbereich zwischen der ewigen Welt Gottes und unserer Menschenwelt (vgl. Eph 2,2;4,10;6,12), der Wirkungsraum der unsichtbaren Geister, auch der bösen Mächte und Dämonen. In Hbr 8,1 sind "die Himmel" der Wohnsitz Gottes, die ewige Herrlichkeit, das "himmlische Heiligtum".

A) Der Apostel gebraucht das Wort "Himmel" in Einzahl und Mehrzahl. So steht die Pluralform Hbr 9,23 grie uranoí die Singularform Hbr 9,24 grie uranós. Nur der Zusammenhang des Textes kann uns zeigen, welche theologische Bedeutung der Vf dem Wort "Himmel" gibt.

14 "Jesus geht nicht nur in den Himmel, sondern |100|  durch den Himmel hindurch über ihn empor zu Gott. Für ihn gibt es keine Schranke, bei der er stille stehen müßte. Nirgends verwehrt ihm eine Warnungstafel den Zutritt; nirgends steht für ihn geschrieben: Hier gehe kein Unheiliger hinein. Er tritt nicht nur zu den seligen Geistern und himmlischen Mächten, sondern noch höher empor, auch über die Schranke empor, die jene von Gott trennt[ A ]."

A) A. Schlatter, S. 291 f.

Jesus Christus lebt jetzt als Hoherpriester in der ewigen Herrlichkeit Gottes; für die Gemeinde auf Erden erwächst daraus die Verpflichtung zum Bekenntnis vor der Welt. Daran erinnert der Apostel mit den Worten: Laßt uns am Bekenntnis festhalten. Auch hier wieder ist das "Bekenntnis" nicht identisch mit einem theologischen Lehrsatz, einem formulierten Glaubensbekenntnis der Gemeinde. Nein, im "Bekenntnis" geht es darum, sich in der Anfechtung und Bedrängnis eindeutig und öffentlich auf die Seite Jesu zu stellen. Gerade auch dann, wenn der Christ um seines Glaubens willen vor Gericht gestellt wird, soll er in der Gerichtsverhandlung die großen Heilstaten Gottes bezeugen (vgl. 1 Pt 4,14-16)[ A ]. Nicht nur der Apostel - auch die Empfänger seines Schreibens sind Augenzeugen der ersten Verfolgungen gewesen. Hbr 10,33 erinnert er sie an die durchstandenen Leiden: "Ihr wurdet teils durch Schmähungen und Trübsale zur Schau gestellt, teils seid ihr Genossen derer geworden, die das erlebten. Ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden hingenommen." Der Gang der Kirchengeschichte bis in unsere Tage hinein lehrt uns, daß jede Verfolgungszeit für die Gläubigen Sichtungszeit ist, weil sie die Möglichkeit des Abfalls in sich birgt. Es liegt unserer menschlichen Schwäche nahe, durch Verleugnung des Glaubens, den vielfachen Leiden auszuweichen. Hier bangt der Apostel innerlich für die ihm anbefohlenen Christen. Er weiß aus dem Kreis der Urapostel, wie nahe am Rand des Glaubensweges die Gefahr der Verleugnung liegt. Es gilt aber um jeden Preis, auch im Leiden - in aller Öffentlichkeit - am Bekenntnis zum Herrn festzuhalten! Inhalt und innere Triebkraft zu diesem Bekenntnis wurzeln in den fünf Worten: "Jesus ist der Sohn Gottes" (vgl. Apg 8,37). Wenn der Apostel hier wie schon Hbr 3,1 nur den Namen "Jesus" nennt, dann geht es ihm darum, den heilsgeschichtlich unendlich wichtigen Tatbestand deutlich hervorzuheben: Jesus von Nazareth, der Sohn der Maria, er, der Fleisch und Blut getragen hat wie wir, der gekreuzigte und auferstandene Herr ist wirklich der Sohn Gottes (vgl. Mt 14,33;16,16). Für den Hbr bezeichnen die Worte "Sohn" und "Hoherpriester" Wesen und |101|  Würde, Person und Werk Jesu und gehören unlösbar zusammen (vgl. Hbr 7,28).

A) O. Michel, Ki-Th Wb. Bd. 5, S. 207: "Der forensische Sinn des homologein ist vielleicht in der ntst Überlieferung der wichtigste."

15 Noch einmal greift der Apostel den Gedanken von Hbr 2,14-18 auf. Zum Menschsein gehören sowohl die Geschöpflichkeit des Menschen als auch seine Versuchlichkeit. Wurde Jesus Mensch, dann mußte er auch daran teilhaben. Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid mit unseren Schwachheiten haben könnte, sondern der versucht worden ist in allen Dingen, gleich wie wir, doch ohne Sünde. Die "Schwachheit" des Menschen bezeichnet seine Hinfälligkeit in körperlicher und glaubensmäßiger Hinsicht. Seine "Krankheit"[ A ] besteht darin, daß er immer wieder der Versuchung nachgibt, "schwach" wird (Mt 26,41). Das ist nun gerade das unbegreifliche Geheimnis des Lebens Jesu, daß er an unserer "Schwäche" Anteil hatte, ihr aber nie erlegen ist. Jesus hat die Versuchung überwunden. Er erwies "seine Gottessohnschaft durch das vollkommene Vertrauen, Gehorchen und Lieben[ B ]".

A) Das grie Wort asténe'ia bedeutet sowohl Schwäche wie auch Krankheit.
B) A. Schlatter, Der Evangelist Matthäus, Stuttgart 1959 5, S. 111.


Von einer besonderen Versuchung, die an Jesus herantrat, erfahren wir zunächst unmittelbar vor Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit. Bei seiner Taufe hatte Jesus die göttliche Bestätigung empfangen: "Dieser ist mein geliebter Sohn" (Mt 3,17). In der Wüste näherte sich ihm der Teufel mit der versucherischen Frage: "Wenn du Gottes Sohn bist ..." (Mt 4,3.6). Diese Worte erinnern uns an 1 Mo 3,1: "Ja, sollte Gott gesagt haben...?" Es gibt eine diabolische Methodik, in der der Teufel sich wiederholt. Hinter diesem Infragestellen der Gottessohnschaft Jesu steht das Messiasbild des Spätjudentums, das den leidenden Messias nicht kennt. Es ist eine wichtige Seite der Versuchung, die im Leben Jesu immer wieder auftaucht, sich dem Leiden zu entziehen. Wir finden sie auch in den beschwörenden Worten des Petrus: "Herr, schone dich selbst; das widerfahre dir nur nicht!", die Jesus mit dem Vorwurf zurückweist: "Hebe dich hinweg, Satan, von mir! Du bist mir ärgerlich; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist" (Mt 16,22-23).
Adolf Schlatter hat darauf hingewiesen, daß es bei der Versuchung Jesu nicht um den äußerlich sichtbaren Erfolg unter Menschen geht[ A ]. Bei der ersten und dritten Versuchung entfallen die Zuschauer. So wird auch Mt 4,5-6. bei der Versuchung zum Sturz von der Zinne des Tempels, nicht von dem Eindruck auf Menschen gesprochen. Es geht vielmehr um die Stellung Jesu zum Vater. Der Teufel spricht Jesus auf sein Vertrauen zu Gott an. Wenn Jesus unbedingten Glauben hat, darf er die Gefahr suchen. Aus der Vollkommenheit des |102|  Glaubens folgt der Mut, der alles wagt (Mk 9,23;10,27). Die Haltung des Sohnes aber ist der vollendete Gehorsam (Hbr 5,8). Jesus stellt die Verheißung nicht infrage, aber sein Glaube an Gottes Zusage schließt den Gehorsam gegen den Willen des Vaters ein. Die Tiefe dieser Versuchung liegt darin, daß der Teufel etwas erwartet, was Jesus mit Recht tun könnte. Jesus hätte als Sohn Gottes die Steine in Brot verwandeln können (Mt 4,3), wie er später mit 5 Broten und 2 Fischen mehr als 5000 Menschen gespeist hat (Mt 14,19-21). Die versucherische Frage: "Wenn du Gottes Sohn bist ..." tritt aber noch einmal an Jesus heran, als er in den allerschwersten Stunden seines Lebens am Kreuz hängt. Jesus hat auch dieser letzten, schwersten Versuchung widerstanden, vom Kreuz herabzusteigen (Mt 27,40;Lk 23,39). Im vollen Gehorsam gegen Gottes Willen blieb er am Kreuz, blieb er ohne Sünde, und so hat er uns den Weg zu Gott bereitet.

A) W. Stb. Matth. S. 42 ff; W. Stb. Luk. 2. 104;vgl. A. Schlatter, a.a.O.S. 95 ff.

16 Weil Jesus uns den Weg zu Gott gebahnt hat, sollen wir ihn jetzt auch gehen (vgl. Rö 5,1-2). Die Tatsache, daß wir einen Hohenpriester bei Gott haben, der für uns eintritt, ermächtigt uns nun auch, mit froher Zuversicht im Gebet zu Gott zu kommen[ A ]. Die freudige, innere Gewißheit, die unser Gebetsleben auszeichnen soll, hat ihre tiefste Wurzel im Hohenpriestertum Jesu, weil er mit seinem Opfer und seinem Gebet für uns eintritt[ B ]. Durch Jesus Christus, den rechten Hohenpriester, ist Gottes Thron für uns zum Gnadenthron geworden[ C ]. Der Weg zum Herzen Gottes steht allen Kindern Gottes offen. Nicht fromme Leistungen, sondern Jesu Mittlerwort beim Vater öffnet die Schleusen für den Segen Gottes, so daß wir seine Barmherzigkeit und Gnade erlangen und Gottes Hilfe zur rechten Zeit erfahren. Mit diesem Vers werden wir auf die Möglichkeiten und Grenzen unseres Gebetes verwiesen. In jeder Lage dürfen wir uns an den allmächtigen Gott wenden. Aber wir können ihm nicht den Zeitpunkt seiner Hilfe vorschreiben, der ihm allein vorbehalten ist. Das Wort sagt uns jedoch zu, daß Gott immer zur rechten Zeit eingreift und hilft.

A) Die grie Form échontes un (V. 14) ... proserch'ometha (V. 16). "Da wir nun haben ... laßt uns herzutreten" finden wir im gleichen Zusammenhang auch Hbr 10,19 und 22. Vgl. Eph 2,13.18;3,12;1 Jo 3,21 f.
B) Ähnlich Jo 17,15.24: Die Gewißheit unseres Betens ruht auf der Fürbitte Jesu für seine Gemeinde. Vgl. auch die Auslegung zu Hbr 9,24
C) Der Ausdruck "Thron der Gnade" (grie thrónos täs cháritos) erinnert uns an den Sühnedeckel, "Gnadenthron" (Luther), die goldene Deckplatte über der Bundeslade, welche die Cherube trug (hebr. kaporet, grie hilastáerion 2 Mo 25,22;Rö 3,25.

Kapitel 8 - Das Sterben

Vertiefung

Das Sterben - Wie wir klug werden

Eine Gesellschaft,  die den Tod verdrängt, verblödet. Das ist jedenfalls die Schlussfolgerungen, wenn das Gebet aus Psalm 90,12 seine Berechtigung hat: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Wenn man ans Sterben denkt, wird man doch eher traurig und schwermütig?! Wieso klug?

Nun ist ja bekannt, dass unser Leben tödlich endet. Jeder weiß das – rein theoretisch. Deshalb kann man sich darauf einrichten und das Leben entsprechend gestalten. Wir tun das aber nicht. Warum nicht? Weil wir den Tod nicht mögen.

Was kommt nach dem Tod? Wir werden in diesem Kapitel dieser Frage nachgehen, ohne dass wir an die Hochrechnung unserer Wünsche oder Ängste glauben. Seit der Auferweckung des gekreuzigten Jesus Christus gibt es auf die Frage eine kompetente Antwort, die jede Menge Folgen für unser Leben hat. Es ist überraschend, mit welcher Radikalität die Fragen in der Bibel gestellt werden.

Was passiert genau, nachdem wir gestorben sind? Wir können uns nur vorstellen, was in unserer Welt von Raum und Zeit, von Werden und Vergehen vorkommt.
Von unserer Einstellung zu Leben und Sterben hängen natürlich auch die unterschiedlichen Beurteilungen von Sterbehilfe ab. Ein heißes Thema, weil immer mehr Menschen immer älter werden – und das nicht ohne schwer erträgliche Nebenwirkungen. Wir genießen Erleichterungen durch die moderne Medizin. Andererseits führt aber gerade diese medizinische Hilfe zu schweren ethischen Konflikten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, worum es hier geht.

Lukas 12, 13-21

13 Einer aber aus der Volksmenge sprach zu Ihm: "Lehrer, sprich zu meinem Bruder, daß er das Erbe mit mir teile!"

14 Er aber sprach zu ihm: "Mensch, wer hat Mich zum Richter oder Erbteiler über euch eingesetzt?"

15 Er aber sprach zu ihnen: "Sehet zu und hütet euch vor jedem Geiz, denn wenn einer Überfluß hat, so kommt sein Leben nicht aus seinen Gütern."

1 Tim 6,9.10

16 Er aber sprach ein Gleichnis zu ihnen und sagte: "Eines reichen Menschen Acker hatte gut getragen.

17 Und er überlegte bei sich selbst und sagte: Was soll ich tun, denn ich habe nicht Platz, wo ich meine Früchte sammeln kann?

18 Und er sprach: Ich will meine Scheunen |311| niederreißen und größere aufbauen und will allen Weizen und meine Güter sammeln.

19 Und ich werde zu meiner Seele sagen: Seele, du hast viele Güter auf viele Jahre vorrätig: ruhe, iß, trink und sei fröhlich!

20 Gott aber sprach zu ihm: Tor, in dieser Nacht fordert man deine Seele von dir! Was du aber zubereitet hast, wem wird es gehören?

Hbr 9,27

21 So ist es mit jedem, der für sich selbst Schätze sammelt und ist nicht reich in Gott.

Mt 6,20

Der Anlaß zu der Mahnrede Jesu. Lk 12,13-15

Das hier Berichtete gehört zum Sondergut des Lukas. Ein Mensch aus der Volksmenge, nicht ein Jünger, hatte vielleicht unter den Tausenden den Herrn zum erstenmal gehört (vgl. Lk 12,1) Dem Mann war vielleicht sein Erbteil vorenthalten worden oder er sollte darum betrogen werden. In solchen Fällen wendeten sich die Juden jener Zeit oftmals an die Schriftgelehrten. Ganz wie bei anderen ähnlichen Anlässen (z. B. die Ehebrecherin) weigert Sich Jesus entschieden, irgend etwas zu tun, was die Meinung erwecken könnte, Er wolle Sich an die Stelle der bestehenden Gerichtsobrigkeiten setzen. |310|
Die Anrede "Mensch!", und die Frage: "Wer hat Mich zum Richter oder Erbteiler über euch eingesetzt?", soll den Fremden zur Besinnung bringen. Jesus gibt damit vor allem zu verstehen, daß Er nicht gesonnen war, Sich auf ein Gebiet zu begeben, was Ihm nicht zustand. Jesus, der von Sich abwies, was Ihm nicht zukam, erkannte damit zugleich die Verpflichtung aller derer an, die dazu eingesetzt sind. In die äußeren politischen und bürgerlichen Verhältnisse wollte Er nicht eingreifen. Das Wort und Vorbild des Meisters gilt für alle Zeiten, daß mit dem geistlichen Amt nicht ungebührlich Fremdartiges vermengt wird. Sehr gern wird das Ansehen eines Geistlichen zur Schlichtung von Rechtsstreitigkeiten mißbraucht.
Es war nicht des Herrn Aufgabe und der Zweck Seines Kommens in die Welt, dem Frager zu seinem berechtigten Erbteil zu verhelfen, sondern ihn von seinem Hauptübel zu heilen. "Er sprach zu ihnen: Sehet zu und hütet euch vor jedem Geiz!" Er warnte alle Hörer, weil fast alle Menschen an diesem einen Grundübel leiden.
Die beiden Imperative "Sehet" und "Hütet euch" in V 15a könnte man als Aufforderung ansehen: "Habt die Augen recht offen gegen den Geiz!" Doch übersetzt man vielleicht richtiger: "Seht diesen Menschen, der eben mit der Forderung nach Besitz an Mich herantrat, und hütet euch!" Der griechische Ausdruck, der mit Geiz übersetzt wird, bezeichnet eher "die Begierde, immer mehr zu haben", als das Verlangen, das zu behalten, was man schon hat. Dies Letzte gehört aber mit zum Ersten. Dieses doppelte Verlangen beruht auf einem abergläubischen Vertrauen zu den irdischen Gütern, deren Besitz man mit dem Glück gleichstellt.
Die schwierige Konstruktion des Grundtextes in V 15b weist trotz mancher Verdunkelungen des Wortlautes auf die Torheit des Geizes in folgendem Sinne hin: "Wenn jemand auch Überfluß hat, so bekommt er kein Leben durch seine Guter". Das ist wohl der Sinn dieses schwer zu konstruierenden Satzes.[ A ]

A) Die Worte enthalten ein Dreifaches: 1. Das Viele oder das Überflüssige tut es nicht, weil man doch nicht alles verbrauchen kann. 2. Leben kommt nicht aus dem Besitz. Keiner lebt einen Tag länger, auch wenn er noch so viel Nahrungsvorrat hat. Um den Vorrat essen zu können, muß einer am Leben bleiben. 3. Gott allein und nicht der Überfluß gibt und erhält in jeder Beziehung das Leben. Der Besitz vieler Güter gibt keine Garantie für die Erhaltung des Lebens. Der "Lebensfaden" wird ganz allein nur durch Gottes Willen verlängert oder verkürzt. Das Leben kann bei der größten Armut erhalten bleiben, aber auch beim größten Reichtum unerwartet erlöschen.

Das Gleichnis vom törichten Reichen. Lk 12,16-21

Dieses Gleichnis im Sondergute des Lukas ist so einfach, daß es kaum einer Erklärung bedarf. Die Schilderung der Torheit des Reichen ist originell. Der Reichtum wird in diesem Gleichnis als Mittel angesehen, sich für viele Jahre ein sorgloses Leben zu verschaffen, als wäre der Fortbestand des Lebens nur ganz allein vom Essen und Trinken abhängig.
Die einfache Fassung: "Eines reichen Menschen Acker hatte gut getragen" verleiht der folgenden Darstellung einen wirksamen Hintergrund. Der Reiche überlegte, wie er den großen Ertrag der Ernte unterbringen sollte.
Der Mann hat an sich nichts Böses getan. Er steht vor aller Welt als kluger Ehrenmann da, ist sehr fleißig, tüchtig und erfolgreich in seinem Beruf und ist doch vor Gott ein Narr. Der Kornbauer spricht zu sich selbst: "Meine Früchte, meine Scheune, meine Güter, meine Seele", als ob dieses alles nur ihm ganz allein gehöre, als ob er nur ganz allein für sich und von sich aus darüber verfügen dürfte. - Er wird erfahren, daß dies alles ihm nicht gehört. Auch sind die sechs "Ichs" des Bauern so sehr charakteristisch: Was soll ich tun - ich habe nicht - wo ich - ich will - ich will - ich werde sagen. -
Am Schluß des Gleichnisses kommt der schärfste und wirksamste Kontrast der Schilderung zur Sprache: "Es sprach aber Gott zu ihm". Dieser packende Gegensatz zwischen dem Selbstgespräch des törichten Reichen und dem Urteil Gottes gehört zu den erschütterndsten Gegebenheiten des Gleichnisses. Es steht fest, daß es wirklich Worte Gottes sind, die der Reiche hört.
Die Worte Gottes zeigen in konkreter Schärfe die Verblendung der Gesinnung des Reichen. Während der Reiche noch in der Wahnvorstellung künftiger Genüsse schwelgt, wird von Gott das Urteil über den törichten Menschen gefällt. Es sind ihm nicht einmal so viele Stunden beschieden, als er sich Lebensjahre träumte. Die nächstfolgende Nacht des Tages, an dem der Reiche über den Fruchtertrag seines Ackers seine Zukunftspläne festgelegt hatte, mußte er schon sterben. "Deine Seele werden sie von dir fordern", ist ein besonderer Ausdruck für das Erleiden des Todes. Es kommt ein widerwilliges Erleiden des Todes zum Ausdruck, daß er "seine" Seele herausgeben muß, die er doch als die "Seinige" festhalten möchte. Sprachlich und sachlich kann übersetzt werden: "Man wird deine Seele von dir fordern".
Die Anrede "Tor" wird in der folgenden Schicksalsverkündigung furchtbar begründet. Gott deckt den Wahn des Mannes auf, der glaubte, |312|  mit seinen für lange Zeit aufgehäuften Schätzen auch sein Leben sichern zu können. Nach dem angekündigten Verlust des Lebens wird noch die Frage nach dem Ergehen des Vermögens aufgeworfen, ohne jede Andeutung einer Antwort. "Was du aber zubereitet hast, wem wird es gehören?"
Jesus hatte gewarnt, sich nicht der Torheit hinzugeben, als wäre das Leben von der Menge der Güter abhängig (Lk 12,15). Unser Gleichnis beleuchtet diesen Ausdruck. Die Erzählung wird in beiden Teilen dieser Tendenz gerecht. Der erste Abschnitt schildert die Art und Weise, wie sich die Habgier die Zukunft vorstellt und mit ihr rechnet. Der zweite Teil deckt die verhängnisvolle Torheit auf, die Geiz und Habgier in Wirklichkeit sind.

Johannes 10,11-30

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte setzt seine Seele ein für die Schafe.

12 Wer Lohnarbeiter und nicht Hirt ist, wem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und läßt die Schafe im Stich und flieht - und der Wolf raubt und versprengt sie - ,

Apg 20,29; 1 Pt 5,2f

13 weil er Lohnarbeiter ist und ihm nicht an den Schafen liegt.

14 Ich bin der gute Hirt, und ich kenne die mir gehörenden [Schafe], und die mir gehörenden [Schafe] kennen mich,

1 Mo 4,1; 1 Ko 8,2f; Gal 4,9; 2 Tim 2,19

15 wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne. Und meine Seele setze ich ein für die Schafe.

Mt 11,27

16 Und andere Schafe habe ich, die nicht aus diesem Hofe sind; und auch die muß ich führen, und meine Stimme werden sie hören, und es wird sein eine Herde, ein Hirt.

Sach 14,9; Jo 11,52; Apg 10,34f; Eph 2,14-18;4,5; Phil 2,8.9; 1 Pt 2,25

17 Deswegen liebt mich der Vater, weil ich einsetze meine Seele, um sie wieder zu nehmen.

Jes 53,10

18 Niemand hat sie von mir genommen, sondern ich selbst setze sie ein von mir selbst aus. Vollmacht habe ich, sie einzusetzen, und Vollmacht habe ich, sie wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

Jo 5,26

19 Eine Spaltung entstand wieder unter den Juden wegen dieser Worte.

Jo 7,43;9,16

20 Es sagten viele von ihnen: Er hat einen bösen Geist und ist wahnsinnig. Was hört ihr auf ihn?

Mk 3,21; Jo 7,20

21 Andere sagten: Diese Worte sind nicht die eines Besessenen. Ist etwa ein böser Geist imstande, Augen von Blinden zu öffnen?

22 Es kam danach das Tempelweihfest in Jerusalem. Es war Winter.

23 Und Jesus ging im Tempel umher in der Säulenhalle Salomos.

Apg 3,11

24 Da umringten ihn die Juden und sagten zu ihm: Wie lange hältst du unsere Seele auf? Wenn du der Messias bist, sage es uns frei heraus.

Mt 26,63

25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich tue in dem Namen meines Vaters, die zeugen von mir.

Jo 4,26;5,36

26 Aber ihr glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört.

Jo 6,64; Jo 8,45 V. 47

27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir,

Ps 95,7; Jo 18,37

28 und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden gewiß nicht umkommen in Ewigkeit, und nicht wird jemand sie aus meiner Hand reißen.

Jo 5,24;6,39;17,12; 1 Pt 1,5

29 Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles (oder: mein Vater, der [sie] mir gegeben hat, ist größer als alles), und niemand ist imstande, aus der Hand des Vaters zu reißen.

30 Ich und der Vater, wir sind eins.

11 Und nun wendet sich die Erklärung der Bildrede von der "Tür" fort zum "Hirten" selbst. Aufs neue erklingt das mächtige Selbstzeugnis Jesu: "Ich bin der Hirte, der gute." Gott hatte in langer, schmerzhafter Geduld die unzulänglichen, ja die bösen Hirten sein Volk vernachlässigen und verderben sehen. Er hatte versprochen, sich selber seiner Herde anzunehmen. Nun tut er dies; er, der eine, wahrhaft "gute" Hirte ist da. "Ich bin es", auf den alle Weissagungen des rechten Hirten zielen, kann Jesus sagen. "Ich bin es", in dem sich das Hirtenbild, das alte Bild für das Königtum in Israel, endgültig verwirklicht. In mir ist Hesekiel 34,11-16 und Jesaja 40,11 erfüllt. Welch eine Blindheit, wenn Israels Führer das nicht erkennen und diese Erfüllung der Verheißungen Gottes zurückstoßen.
 Der "gute Hirte" hat ein einziges, unbedingtes Kennzeichen. "Der gute Hirte setzt seine Seele ein für die Schafe." Über dem Leben der "Diebe und Räuber" steht die Regel des natürlichen Wesens: "Für uns selbst." Über dem Leben Jesu leuchtet das mächtige "Für die Schafe." Warum verließ das ewige Wort den Platz beim Vater in der Herrlichkeit? Warum wurde das Wort "Fleisch" und teilte unser ganzes Dasein? Warum wird der Logos zum leidenden, blutenden, sterbenden Gottesknecht? Es gibt nur eine Antwort: Für die Schafe, für uns! Wir sind dabei an die Fassung des Wortes gewöhnt: "Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe." So behalten auch neuere Übersetzungen das Wort bei. Es ist auch richtig, daß das hbr. "näphäsch", grie. "psyche", nicht die "Seele" im strengen dogmatischen oder philosophischen Sinn meint, sondern die "Lebendigkeit" eines Wesens bezeichnen will und darum auch mit "Leben" wiedergegeben werden kann. Aber andererseits steht hier nun eben nicht das Wort "Leben", weder "bios" noch "zoe", wie der Leser bei der üblichen Übersetzung vermuten muß. Es steht nun einmal "psyche = Seele" da. Die Übersetzung ist aber auch für den Inhalt der Aussage nicht gleichgültig. "Das Leben lassen" läßt ganz einseitig und wesentlich passiv nur an das Sterben denken; dann scheint es so, als sei Jesus nur in den Stunden seines Sterbens dieser gute Hirte gewesen. Aber wenn Johannes in 1 Jo 3,16 mahnt, wir sollen auch "das Leben für die Brüder lassen", dann hat er sicher nicht gedacht, daß alle Christen gegenseitig füreinander sterben sollen. Er meint den gesamten "Lebenseinsatz", den Einsatz der ganzen "Seele", der fort und fort in unserm Miteinander in der Liebe geschehen soll und kann. So hat auch E. M. Arndt das Wort verstanden und es in wörtlicher Übersetzung in sein Lied aufgenommen: |312|  "Wer ganz die Seele dreingesetzt, dem soll die Krone werden." Für solchen Einsatz kann dann das Sterben die äußerste Vollendung sein. So ist es bei dem "guten Hirten" Jesus in seinem Kreuzestod. Aber Einsatz seiner Seele ist fort und fort sein ganzes Leben und Wirken. Einsatz seiner Seele für die Schafe ist gerade auch der heiße Kampf, den er jetzt vor unsern Augen um die irregeleiteten Schafe gegen ihre Verführer, gegen diese "Diebe und Räuber" führt.
12/13 Jesus stellt zur Verdeutlichung das Gegenbild des bloßen "Lohnarbeiters" dem echten "Hirten" gegenüber. Wir sind hier an das Wort "Mietling" gewöhnt, und dieses Wort hat für uns, aus schmerzlichen Erfahrungen heraus mit untauglichen und feigen Hirten in der Gemeinde Jesu, einen abfälligen, und aburteilenden Klang. Jesus aber meint es ganz sachlich, und wir haben es so als sachliche Schilderung zu hören. Der "misthotos" ist der "Lohnarbeiter", ein Mann, der für bestimmten Lohn eine bestimmte Arbeit verrichtet. So Kann er auch als "Lohnarbeiter" zum Hirten der Schafe angestellt werden. Die Schafe gehören ihm nicht, er hat kein eigentliches Interesse an ihnen. Er versorgt sie, wie es sich gehört, aber zum Einsatz seines Lebens weiß er sich nicht verpflichtet. Wenn das Raubtier naht, läßt er die Schafe im Stich und rettet sein Leben. Wer will es ihm verdenken? Soll er für seinen kümmerlichen Tagelohn und für fremde Tiere seine heilen Glieder oder sein Leben riskieren? "Wer Lohnarbeiter und nicht Hirt ist, wem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und läßt die Schafe im Stich und flieht - und der Wolf raubt und versprengt sie -, weil er Lohnarbeiter ist und ihm nicht an den Schafen liegt."
Aber freilich, so wenig einem Lohnarbeiter ein Vorwurf aus solchem Verhalten zu machen ist, für die Schafe ist es schlecht, wenn sie einem bloß gemieteten Knecht ausgeliefert sind, der sie in der Gefahr im Stich läßt. Und wenn der, der sich zum "Hirten" berufen ließ, nun wie ein bloßer Lohnarbeiter handelt, dann triff ihn mit Recht die ganze Verurteilung. Wir haben es mit einem echten Gleichnis zu tun. Ein "Gleichnis" ist keine "Allegorie"; in ihm muß daher nicht jeder Einzelzug ausgedeutet werden. Das Kommen des Wolfes malt zunächst nur die Gefährdung der Herde. Es kann damit jede Bedrohung der Gemeinde von außen und von innen dargestellt sein. So sprach dann auch Paulus von menschlichen Feinden der Gemeinde als von "Wölfen"[ A ]. Es ist daher auch keineswegs nur an äußere Verfolgungen zu denken, in denen der "Lohnarbeiter flieht". Er kann auch der inneren Verstörung der Gemeinde durch Irrlehre ohne Gegenwehr |313|  zusehen, weil er die Nöte und Schmerzen des Kampfes scheut und seinen theologischen Ruf nicht aufs Spiel setzen will. Er mag dabei seinen Dienst in der Gemeinde schlecht und recht tun, er gleicht dann doch dem "Lohnarbeiter", der so weit seine Pflicht erfüllt, der sich aber nicht eigentlich um seine Schafe kümmert und Kampf und Gefahr ausweicht. Das Bild muß recht weit gefaßt werden, damit es wirklich drohend und mahnend vor uns steht.

A) Er tat dies in seiner letzten Ansprache an die Ältesten von Ephesus, der späteren Wirkungsstätte des Johannes (Apg 20,29).

Aber freilich, zuletzt ist in dem allen und hinter dem allen doch Satan der eigentliche "Wolf", der die, "Schafe raubt und versprengt". So sah Jesus in 8,44 hinter den "Dieben und Räubern", die in Israel eingedrungen waren, als ihren "Vater" den Teufel, dessen "Begierden" sie erfüllen. Es ist die letzte und entscheidende Aufgabe des "guten Hirten", die Schafe von diesem "Wolf" zu erretten. Das ganze Leben, Wirken, Leiden und Sterben Jesu ist Kampf mit Satan und Sieg über ihn. So hat es der gleiche Johannes, der uns hier von Jesus berichtet, später grundsätzlich ausgesprochen: "Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, daß er die Werke des Teufels zerstöre" (1 Jo 3,8)[ A ].

A) Unter den bedeutenden Theologen ist es vor allem Karl Heim, der das Werk Jesu so erfaßt und dargestellt hat in "Jesus der Weltvollender", Hamburg 1952 3. Auch wir werden nur dann wahrhaft erfassen, was wir an Jesus haben, wenn wir den "Wolf" in seiner Furchtbarkeit kennen und in der Lebenshingabe des guten Hirten unsere eigene Rettung aus der Macht des Wolfes erfassen.

14/15 Noch einmal bezeugt Jesus "Ich bin der gute Hirt". Aber nun hebt er an dem Hirtenbild eine Seite hervor, die schon in der Schilderung V 2-5 wesentlich war: das gegenseitige "Kennen" zwischen dem Hirten und seinen Schafen. "Und ich kenne die mir gehörenden [Schafe] und die mir gehörenden [Schafe] kennen mich[ A ]." War es zunächst das Erkennen der "Stimme" und das vertrauende "Folgen", das im Bild hervortrat, so wird jetzt gezeigt, wie hinter solchen "Hören" und "Folgen" ein ganz tiefes "Kennen" steht. Das Gleichnis Jesu knüpft an Vorgänge an, wie sie sich tatsächlich zwischen dem Hirten und seinen Schafen abspielen. Aber nun sprengt die Schilderung des "Kennens" zwischen dem Hirten und den ihm gehörenden Schafen das Gleichnis und zeigt uns eine Wirklichkeit, die nicht mehr mit irdischen Vergleichen erfaßt werden kann. Denn dieses "Kennen" ist so tief, daß Jesus es mit seinem eigenen Verhältnis zum Vater vergleichen muß. Jesus und seine Schafe kennen sich gegenseitig, "wie mich der Vater kennt und ich den Vater kennen". Wenn wir schon zu 5,19 zu sagen wagten, daß sich für uns in unserm Leben mit unserm Herrn abbildlich wiederhole, was in der Gemeinschaft |314|  zwischen Sohn und Vater wunderbar als das Wesen innerer Gemeinschaft überhaupt vor uns stehe, so bestätigt das nun Jesus selbst. Es ist wirklich so, daß Jesus uns kennt, "wie ihn der Vater kennt". Ist das möglich? Muß nicht Jesus "Kennen" der Menschen zu jener Zurückhaltung gegen uns führen, die in 2,24 f deutlich hervortrat? Ja, muß Jesu Erkennen meines verdorbenen Wesens nicht in Abscheu, Zorn und Verstoßung enden? Aber Jesus hatte es schon in 6,37 versprochen, daß er keinen hinausstoßen werde, der zu ihm kommt. Wer im Glauben einer der "Seinen" wird, den "kennt" er in einer für uns unbegreiflichen, aber seligen Weise des Zurechtliebens, das einmal in unserer Gleichheit mit ihm sein Ziel erreicht haben wird (1 Jo 3,2;Rö 8,29). Er wird das später in den letzten Gesprächen mit seinen Jüngern ausdrücklich bestätigen, daß dieses sein "Kennen" ein "Lieben" ist: "Wie mich der Vater geliebt hat, habe ich euch geliebt" (15,9). Darum und nur darum kann nun auch unser "Kennen" Jesus seinem Kennen des Vaters gleichen: "Die mir gehörenden [Schafe] kennen mich,... wie ich den Vater kenne." Wir würden ihn niemals "kennen", wenn er uns nicht zuerst erkannt und "zuerst geliebt" (1 Jo 4,19) hätte. Aber nun sehen und lieben wir in Jesus die alleinige Quelle unseres wahren Lebens, wie der Sohn sein Leben aus dem Vater und im Vater hat. Und es ist wenigstens anfangsweise und darin doch grundlegend eine herzlich bejahte Abhängigkeit von Jesus in unserer ganzen inneren Haltung da, die der tief gewollten und bejahten Abhängigkeit des Sohnes vom Vater entspricht.

A) Die uns vertraute Lesart "Ich bin bekannt den Meinen" wird von gewichtigen Handschriften gestützt. Aber der jetzt bevorzugte Text entspricht der Parallelaussage des folgenden Verses besser.

Aber ein solches "Kennen" der Seinen ist nur möglich in dem freien Opfer Jesu für uns. Den Sohn kann der Vater in ganzer Freude und mit völligem Wohlgefallen kennen und lieben. Uns aber kann Jesus nur dadurch kennen und lieben, daß er sein Verhältnis zu uns unter den Willen gestellt hat: "Und meine Seele setze ich ein für die Schafe." Er kennt und sieht uns als die, die er mit dem ganzen Einsatz seiner Seele und seines Lebens erkauft hat und die ihm darum teuer sind. Aber er kennt und sieht an uns schon das, was er mit dem ganzen Einsatz seiner Seele aus uns machen wird[ A ].

A) Er wird uns ja darstellen heilig und unsträflich und ohne Tadel vor seinem Angesicht Kol 1,22; vgl. Rö 8,29;Eph. 5,27.

Jesu Werk und Kampf hat ständig und völlig Israel gegolten. Bei allem, was wir bisher lasen, haben wir immer daran zu denken, Jesus redet zu "den Juden". Gerade auch Johannes, der den Gegensatz zwischen Jesus und "den Juden" in seiner ganzen Tiefe darstellt. weiß doch zugleich, mit welcher Treue Jesus bis in sein Sterben als "König der Juden" an Israel festhielt. Auch die Schafe, von denen unser Abschnitt redet, sind "die verlorenen Schafe aus dem Hause Israels" |315|  (Mt 10,6;15,24), zu denen allein er jetzt gesandt ist[ A ]. Aber bei dieser Treue zum Eigentumsvolk Gottes weiß Jesus doch von seiner weltweiten Sendung. "Und andere Schafe habe ich, die nicht aus diesem Hofe sind; und auch die muß ich führen, und meine Stimme werden sie hören, und es wird sein eine Herde, ein Hirt." Die "andern Schafe" sind nicht im umzäunten Raum, in "diesem Hof", geborgen wie Israel hinter dem "Zaun des Gesetzes". Sie sind "ohne Christus, ausgeschlossen vom Bürgerrecht in Israel und fremd den Testamenten der Verheißung", und daher ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt (Eph 2,12). Aber Jesus weiß, was er tun wird nach des Vaters herrlichem Plan und Willen. Gottes Verheißung an Abraham 1 Mo 12,3 mußte erfüllt werden. Darum "muß" Jesus auch diese vielen anderen Schafe aus allen Geschlechtern und Sprachen und Völkern "führen", die er mit seinem Blut für Gott erkauft (Offb 5,9). Und das Wunder wird geschehen, das kein Mensch erwarten konnte: "Und meine Stimme werden sie hören." Menschen, die nach ihrem Wesen, ihrer Geschichte, ihrer Kultur nicht das geringste mit dem Mann aus Palästina zu tun haben, werden von dem Wort Jesu getroffen und finden in Jesus ihr Leben, ihr ein und alles. Wenn es nicht in der Geschichte des Evangeliums als Wirklichkeit vor uns stände, würde niemand es für möglich halten. Aber Jesu Wort ist Wahrheit: "Meine Stimme werden sie hören". Und dann wird es nicht mehrere verschiedene Herden geben, sondern "es wird sein eine Herde, ein Hirt". Jesus sieht jene Gemeinde aus "Juden" und "Heiden" voraus, die zuerst in Hause des Kornelius geschenkt wurde, die in den paulinischen Gemeinden da war und um die es in dem entscheidungsvollen Apostelkonzil (Apg 15) ging. "Eine Herde, ein Hirt", das ist in jenen Worten des Paulus bestätigt, die die einheit in Christus über alle Unterschiede hinweg bezeugen (1 Ko 12,12f;Gal 3,28;Kol 3,11). Jesu Wort von der "einen Herde" ist nicht ein bloßes Ideal. Es ist herrlich erfüllt. In allen Erdteilen, Ländern, Rassen und Stimmen ist Jesu Stimme "gehört" worden und sind Menschen zu der Gemeinde Jesu hinzugekommen. Diese Gemeinde kann ihrem Wesen nach immer nur die eine Gemeinde sein, wie es nur einen Hirten gibt, der sie sich mit seinem Leben erwirbt[ B ].|316|

A) diese seine Sendung wird nicht vergeblich bleiben. Es wird einmal Israel als ganzes gerettet werden: Rö 11,26.
B)  Darum hat die Evangelische Allianz von Rö 12,5 aus die Einheit aller wiedergeborenen Gotteskinder als eine immer schon geschenkte und notwendige Wirklichkeit angesehen, die nicht das Ziel, sondern die vorgegebene Grundlage aller Bemühungen ist, diese Einheit der Kinder Gottes in dem gemeinsamen Hören auf das Wort und im gemeinsamen Beten konkret zu leben.


17/18 Alles aber ruht auf dem Opfer Jesu. Darum spricht Jesus am Schluß noch einmal von diesem Einsatz seiner Seele, seines Lebens. Was er davon sagt, ist eingefaßt in zwei Worte, die des Vaters Stellung zu diesem Opfer zeigen. Jesus geht seinem Weg nach dem ausdrücklichen Auftrag des Vaters. "Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen." Der Vater gab in seiner eigenen göttlichen Liebe zur Welt den Sohn dahin (3,16; auch Rö 8,32). Und eben weil Jesus diesen Auftrag des Vaters in seinem eigenen Leiden und Opfern der Welt bringt, steht er selber in der Liebe des Vaters. "Deswegen liebt mich der Vater, weil ich einsetze meine Seele."
Aber weil er so vom Auftrag und von der Liebe des Vaters umschlossen ist, ist er in seinem Handeln, in der Hingabe seiner Seele, so völlig, "frei". "Niemand hat sie von mir genommen, sondern ich selbst setze sie ein von mir selbst aus." Die Geschichte seines Lebens und seines Sterbens sieht freilich äußerlich ganz anders aus. Er scheint einfach der Übermacht seiner Feinde zu erliegen. Ist er nicht wehrlos preisgegeben, wenn die früher gegeneinander erbitterten Gegner "Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Völkern von Israel" (Apg 4,27) sich gegen ihn zusammenschließen? "Nahmen" sie ihm nicht seine Seele, sein Leben? Nein, so ist nicht. Das Opfer Jesu ist darin echtes Opfer, daß es in vollkommener Freiheit gebracht wird. Tag um Tag seines Lebens setzt er seine Seele in Freiheit ein, bis er sie im Sterben am Fluchholz ganz hingeben wird. Auf diesen Ausgang seines Kampfes sieht Jesus mit so völliger Gewißheit, daß er von ihm in der Form der vollendeten Vergangenheit spricht: "Niemand hat meine Seele von mir genommen" Zugleich hebt diese Form die Aussage besonders hervor, daß der kommende Ablauf der Ereignisse kein "Zwang" ist, dem Jesus ausgeliefert wäre. Er geht den Weg zum Kreuz in voller Freiheit.
Aber Jesus weiß dabei noch etwas anderes. Die "Seele", das "Leben", die er jetzt einsetzt bis zur letzten Hingabe im Sterben, wird er nicht für immer verlieren, er wird sie "wieder empfangen". Das von Jesus hier gebrauchte Wort kann auch mit "nehmen" übersetzt werden. "Vollmacht habe ich, sie einzusetzen, und Vollmacht habe ich, sie wieder zu nehmen." Aber auch in dieser "Vollmacht" ist das "Wiedernehmen seiner Seele" doch nicht ein eigenmächtiges. Gott ist es, der nach dem Zeugnis des ganzen Neuen Testamentes Jesus von den Toten auferweckt und ihm die "Seele" zu einem neuen Leben in Auferstehungsherrlichkeit zurückschenkt. Aber wie nach 5,19 ff der Sohn in der vollen, willigen Abhängigkeit vom Vater doch immer der Handelnde ist und bleibt und selbst das "tut", was er den Vater tun sieht, so ist dieses Zurückempfangen seine Lebens zugleich sein eigenes "Nehmen", zu dem er die "Vollmacht" hat, freilich vom Vater |317|  verliehen. Diese Aussage Jesu entspricht seiner Ankündigung der Auferstehung in den Leidensweissagungen bei den Synoptikern (Mt 16,21;17,22;20,18 f). Dieses Wissen um sein kommendes neues Leben nimmt aber seinem Opfer ebensowenig seinen schweren und vollen Ernst, wie der Härte eines Märtyrertodes dadurch nichts abgebrochen wird, daß vor dem Blutzeugen die großen Zusagen Gottes stehen und ihm im Sterben die kommende Herrlichkeit zeigen. Es muß gerade dabei der Glaube bewährt werden, der diese Zusage im Wort für wichtiger und gewisser hält als die ganze Wirklichkeit der Leiden und des Todes, in die er jetzt hineingeht.
19/21Eine solche Rede, wie wir sie soeben aus dem Munde Jesu hörten, kann nicht ohne Wirkung auf die Hörer bleiben. Aber wieder ist diese Wirkung nicht eine einheitliche. Der Weg zu der einen Herde unter dem einen Hirten geht durch Entscheidung und darum auch durch Scheidung und Zwiespalt hindurch. "Eine Spaltung entstand wiederum unter den Juden wegen dieser Worte." Bei "vielen" ist der Eindruck aufs neue der, der entstehen muß, wenn es nicht zum Glauben und zur Hingabe an Jesus kommt (vgl. o. S. 240 f); was Jesus von sich sagt, das ist einfach "wahnsinnig". Eine geradezu dämonische Selbstüberschätzung und Anmaßung spricht daraus und zeigt sich auch in der schroffen Verurteilung der anerkannten Leiter des Volkes als "Diebe und Räuber". "Es sagten viele von ihnen: Er hat einen bösen Geist und ist wahnsinnig. Was hört ihr auf ihn?" Aber es gibt unter den Hörern auch ganz andere Stimmen. "Andere sagten: Diese Worte sind nicht die eines Besessenen". Das ist es, was auch uns am Wort Jesu beeindruckt, sobald wir Jesus kennenlernen. Seine Worte sind wohl unerhört, und Jesus sagt von sich das Allergrößte aus, und doch ist es so einfach und ruhig ausgesprochen. Es fehlt alles Krampfhafte und Gewaltsame, es ist auch auf den Höhen des Selbstzeugnisses nur "Hoheit" und nichts von "Anmaßung" zu spüren. Darum hat das Wort Jesu, gerade auch dies Wort von sich selbst als dem guten Hirten, immer wieder Glauben geweckt und Menschen zum Glauben an Jesu überwunden. Wahrlich, "diese Worte sind nicht die eines Besessenen".
Die hier so urteilen, benutzen dabei für "Wort" den Ausdruck "rhema", der auch ein "Geschehen", eine "Tat" bezeichnen kann[ A ]. Sie sehen - beachtlich auch für unser Verständnis - Jesu Rede im Kapitel 10 noch im Zusammenhang mit seiner Heilung eines Blindgeborenen. Darum fügen sie ihrem Urteil über Jesu Wort hinzu: |318|  "Ist etwa ein böser Geist imstande, Augen von Blinden zu öffnen?" Sie haben gemerkt, Jesus "redet" nicht nur, sondern handelt; hinter seinem Wort über sich selbst steht eine große, wirksame Vollmacht, darüber können und wollen sie nicht hinweggehen.

A) Vgl. in unserm Evangelium 3,34;6,63;6,68;8,20. Besonders klar ist "rhema" in diesem Sinn gebraucht Apg 10,37. aber auch Lk 1,37;2,15;Mt 18,16;2 Ko 13,1;nach;5 Mo 19,15.

DER RUF ZUR ENTSCHEIDUNG BEIM TEMPELWEIHFEST Johannes 10,22-42

22 "Es kam danach das Tempelweihfest in Jerusalem. Es war Winter." Die letzte Datierung in der Geschichte Jesu, wie sie Johannes uns berichtet, war in 7,2 das Laubhüttenfest gewesen. Eine Wirksamkeit Jesu in Jerusalem mit Wundertaten wie der Heilung des Blindgeborenen und mit dem inneren Ringen um Israels fromme und führende Kreise, wie es die Kapitel 7,1-10,21 durchzieht, hatte sich dem Auftreten Jesu beim Laubhüttenfest angeschlossen. Diese Wirksamkeit hatte die 2 oder 21/2 Monate seit jenem Fest ausgefüllt. Jetzt war es Winter geworden, Anfang Dezember, wo es auch in Jerusalem kalt ist mit Regen und Schnee. In dieser Zeit wird das Fest der Tempelweihe begangen, vom 25. Kislew an 8 Tage lang. Es ist keines der großen zentralen Feste, die alle männlichen Glieder des Volkes nach Jerusalem riefen. Aber es war ein fröhliches Fest, das in Jerusalem, der Stadt des Tempels, eine besondere Bedeutung hatte. Der nach der Rückkehr aus Babylon wieder aufgebaute und 515 v. Chr. fertiggestellte Tempel war durch Antiochus Epiphanes entweiht worden. 1 Makk 1 und 4,36-61 berichteten davon. Nach dem Befreiungskampf gegen die Herrschaft des syrischen Königs hatte Judas Makkabäus den Tempel wieder hergestellt und 165 v. Chr. neu geweiht. Zum dankbaren Gedächtnis daran beging man das Fest, das hebräisch "chanukka", griechisch "engkainia" = "Erneuerung, Wiederherstellung" hieß.
23/24 Jesus hielt sich im Tempel auf, in jener großen Säulenhalle an der Ostseite des Vorhofes, der "Halle Salomos", in der dann auch die Apostel zu großen Scharen von Zuhörern gesprochen haben (Apg 3,11;5,12). Er scheut die Öffentlichkeit nicht, sondern sucht immer neu die Begegnung mit seinem Volk und dessen führenden Kreisen. "Da umringten ihn die Juden und sagten zu ihm: Wie lange hältst du unsere Seele auf? Wenn du der Messias bist, sage es uns frei heraus." In der Theologie ist sehr betont auf das "Messias-Geheimnis" hingewiesen worden, das bei den Synoptikern über dem Reden und Wirken Jesu nach seinem ausdrücklichen Willen (Mt 16,20;19,9) stehen bleibt. Aber wir sehen, auch Johannes hat von diesem "Messias-Geheimnis" gewußt, das den "Juden" so erregend zu schaffen macht. Nur der Samariterin und dem Blindgeborenen hatte sich Jesus ausdrücklich als der Messias - Menschensohn bezeichnet (4,26;9,37). Unter all den mächtigen "Ich bin"-Worten findet sich keines, das |320|  "Ich bin der Messias" lautet. Darauf aber schien es den Juden gerade anzukommen. Welch sehnendes Verlangen nach dem Messias lebte im Volk. Warum "hält Jesus ihre Seele auf"? Nur eine ausdrückliche Inanspruchnahme der Königswürde und der Königsvollmacht könnte zur letzten Entscheidung führen.
So war eine ganz eigentümliche Lage entstanden. Jesus hatte weit größeres von sich ausgesagt, als man im allgemeinen dem "Messias" zuschrieb. Die Juden waren über diese Selbstzeugnisse empört und empfanden sie als Lästerung, die mit der Steinigung Jesu beantwortet werden müßte (8,59). Zugleich aber beklagen sie sich über Jesu Zurückhaltung und fordern von ihm, sich endlich klar und unmißverständlich als Messias zu bezeichnen. Sie warten auf jene hinreißenden messianischen Aufrufe zum Kampf für Israels Freiheit und Größe, wie sie dann später im Wirken Bar Kochbas zu finden sind. "Wenn du der Messias bist" - bei aller Feindschaft gegen Jesus scheint es ihnen doch auch wieder möglich, daß dieser unbegreifliche Mann der erwartete Helfer ist. Aber dann "sage es uns frei heraus", und dann wäre gerade das Fest der Tempelweihe mit seiner Erinnerung an die nationale Erhebung unter den Makkabäern der rechte Zeitpunkt, um als Messias hervorzutreten.
Es ist eine bezeichnende Tatsache, daß der Unglaube trotz aller erlebten Wunder, immer noch "das Zeichen vom Himmel" fordert (Mt 12,38;16,1) und trotz aller gewaltigen Selbstzeugnisse immer noch ein klareres und eindeutigeres Wort begehrt. Wer nicht im Glauben, im gehorchenden Vertrauen, sein Herz erschließt und ausliefert, dem wird kein Wunder wunderbar genug, kein Zeugnis eindeutig genug und kein Beweis beweiskräftig sein. Darum kann der Unglaube nie von außen widerlegt und überwunden werden. Unglaube wird nur durch Glauben geheilt.
So kann Jesus auf die Beschwerde der Juden nur antworten: "Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht." Und wenn seine Worte ihnen zweifelhaft bleiben, "die Werke, die ich tue in dem Namen meines Vaters, die zeugen von mir". Jesus selbst will freilich den Glauben, der aus dem "Wort" geboren wird. So hat er den Glauben mit Freuden an den Samaritern in Sychar erlebt, bei denen er überhaupt kein "Zeichen" tat. Er weiß, wie leicht "Wunder" mißverstanden werden und zu gefährlich falschem Glauben führen (6,15;6,26). Er kennt die Brüchigkeit des Glaubens, der nur an Wundern entsteht (2,23-25). Aber doch hat Jesus immer wieder "Zeichen" getan. Er weiß auch um die Macht von "Tatsachen", die aus "Taten" entstehen. Er hat erfahren, wie es darum gerade seine Wunder sind, die auch in den Reihen seiner Gegner Menschen nachdenklich machten (3,2;7,21.31;9,16;10,21). So verweist er die Fragenden auch hier auf |321|  seine "Werke". Freilich gebraucht er diesen Ausdruck hier wohl absichtlich anstelle des Wortes "Wunder" oder "Zeichen", weil er gerade nicht nur die einzelnen besonderen Wundertaten meint, sondern sein gesamtes "Wirken". Seine "Werke" umfassen sein ganzes Leben in seiner göttlichen Sohnesart. Er "redet" nicht nur von sich, das konnten ja immer noch leere und unbegründete Worte sein, nein, er "ist" wirklich das, was er sagt. Seine "Werke in dem Namen seines Vaters" bestätigen sein Wort und bezeugen seine Sendung.
26 Wenn aber sein Wort eindeutig genug ist und von seinen Werken bezeugt wird, warum findet er dann keinen Glauben? "Aber ihr glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört." Gehört bei ihm "Wort" und "Werk" und "Sein" unlöslich zusammen, so auch bei seinen Gegnern. Wir stoßen hier freilich auf einen "Zirkel", der sich nicht logisch auflösen läßt. Sie glauben nicht, weil sie nicht seine Schafe sind; aber das ist keine Entschuldigung, denn sie sind nicht seine Schafe, weil sie nicht glauben. Nur mit solchem "Zirkel" kann man das lebendige Geheimnis des "Glaubens" umschreiben. Glaube ist in der Tat nicht etwas, was ich jederzeit von mir aus aufbringen kann, wann ich will. Es muß mir erst von Gott "das Ohr geöffnet" sein, damit ich "höre wie ein Jünger" und in diesem Hören dann auch glauben "kann"[ A ]. Aber dennoch werde ich zum Glauben aufgerufen - wie oft hat Jesus das getan und wird es in unserm Abschnitt erneut tun (V.38) -, und eben indem ich diesem Ruf folge und "glaube", werde ich zu einem, der glauben kann[ B ].

A) Vgl. Jes 50,4. Hinter dem Wort Jesu steht aber auch jene Wirklichkeit, auf die er in 3,19-21 hingewiesen hat.
B) Unsere reformatorischen Väter haben dieses Geheimnis bezeugt, indem sie lehrten, der Glaube selbst sei die neue Geburt und das neue göttliche Leben. Schlatter weist auf den gleichen Tatbestand hin, wenn er sagt, glauben lerne man nur durch Glauben, so wie man laufen nur lerne durch Laufen.


27 Und nun schildert Jesus seine "Schafe" und ihr Wesen und Leben. Er nimmt dabei wieder auf, was er im Grundgleichnis V 1-5 geschildert hat, und wendet es nun auf die Seinen an. Diese sind dadurch zuerst gekennzeichnet, daß sie seine "Stimme" zu "hören" vermögen. "Meine Schafe hören meine Stimme." Natürlich kann jeder das Wort akustisch ins Ohr bekommen; aber es kann ihm dann ein fremdes, verschlossenes Wort bleiben, das ihn nicht trifft, das ihn nicht wirklich "angeht". Es ist ein einzigartiger Vorgang, der sich bis heute immer neu ereignet, wenn wir das Wort Jesu wahrhaft "hören" und darin die "Stimme unseres Herrn", die "Stimme" des wahren "Hirten" erkennen[ A ]. |322|

A) Dieses Geschehen ist das letzte Ziel aller Verkündigung. Est ist aber mit keiner eigenen Kraft und Fähigkeit, mit keiner alten oder neuen Methode zu erreichen. Es will erbetet und erglaubt sein und treibt den Verkünder in das Gebet.

Aber Jesus sagt das nicht nur von dem wunderbaren Beginn des Glaubens an ihn. Dieses "Hören seiner Stimme" kennzeichnet das Leben fortdauernd. Die Welt ist erfüllt von unzähligen "Stimmen" der verschiedensten Art, und alle diese "Stimmen" werben um uns. Ach in unserem eigenen Herzen erheben sich mancherlei Stimmen lockend oder zurückweisend. Aber die, die Jesus gehören, hören durch dieses ganze Stimmengewirr hindurch "seine" Stimme, die einzigartige Stimme des guten Hirten in ihrer unbestechlichen Reinheit und unüberwindlichen Liebe. Immer neu erkennen sie Jesus als das ewige Wort, das allein das Leben bringt.
Diesem unserm "Erkennen" entspricht das uns geltende "Kennen" Jesu: "Und ich kenne sie." Wir sahen schon, daß diese "Kennen" immer ein liebendes und erwählendes und errettendes ist. Wir dürfen hier aber auch daran denken, daß auf diesem "Kennen" die absolute und unverbrüchliche Festigkeit unseres Verhältnisses zu Jesus beruht. In jeder Verbundenheit mit Menschen begleitet uns die heimliche Sorge, die Liebe des andern zu verlieren, wenn er uns erst ganz kennenlernt und merkt, wer wir wirklich sind. Wir ahnen alle die Abgründe unseres Herzens und die ganze Häßlichkeit und Verdorbenheit unseres Wesens. Darum gibt es unter uns so viel Verschlossenheit und so manche feinere und gröbere Schauspielerei. Viel Glaubensleben ist darum auch von der Angst begleitet, Jesus könne uns loslassen oder verwerfen, wenn er uns erst richtig kennenlerne. Aber diese Angst ist unbegründet! Jesus "kennt" uns ganz und gar, wenn er uns annimmt. Wir können ihn nie "ent-täuschen", denn er hat sich nie über uns "ge-täuscht".
Dieses Verhältnis zu Jesus im gegenseitigen "Kennen" führt in die "Nachfolge". "Und sie folgen mir." Das ist das einzige, was die Schafe "leisten" und tun können. Und doch ist es - wie der als Gleichnis benutzte Vorgang anschaulich zeigt - gerade keine "Leistung". Die Schafe tun damit nichts für den Hirten und bringen ihm damit nichts zu. Warum "folgen ihm die Schafe" (V.4)? Weil sie nur bei dem Hirten das finden, was sie selbst zum Leben brauchen: Weide und Wasser und Leitung und Schutz. Für uns aber werden diese Bilder zum Ausdruck für das eigentliche, ewige Leben, das wir nur bei Jesus, unter seiner Führung und in unserer "Nachfolge", finden. Darum hat Simon Petrus, als Jesus auch den Zwölfen das Fortgehen von ihm anbot, mit Recht nicht geantwortet "Wir lassen dich nicht im Stich, wir stehen zu dir", sondern": "Zu wem sollten wir weggehen? Worte ewigen Lebens hast du" (6,68) und eben nur du. Nirgends sonst können wir bekommen, was wir bei dir fanden. Darum kann es Jesus von den Seinen auch mit solcher Gewißheit sagen "Sie folgen mir". Darin liegt ja für sie selbst ihr "Leben".|323|
28 Eben dies bestätigt Jesus. "und ich gebe ihnen ewiges Leben." Hier wie schon in 3,15 f ist das "Leben" nicht zuerst als das unbegrenzt dauernde, "ewige" gekennzeichnet; es wird vielmehr als "äonisch", also als dem neuen, alles vollendenden Äon zugehörig charakterisiert. Es kann auch einfach "das Leben" hießen. Es ist das Leben, nach dem aller Lebenshunger sich eigentlich sehnt und das die Menschen auch auf ihren Irrwegen und Sündenwegen unbewußt und vergeblich suchen[ A ] Aber Jesus gibt es den Seinen, und es ist die ganze und umfassende Gabe, die er zu geben hat[ B ]. Diese Gabe wird jetzt schon "geschmeckt" (Hbr 6,5). Sie ist aber zugleich "unter dem Kreuz verborgen" (Luther) und gehört nur den Glaubenden. Der gute Hirte, der seinen Schafen ewiges Leben gibt, sendet sie doch zugleich "mitten unter die Wölfe" (Mt 10,16) und läßt das Leben immer wieder nur so "gewinnen", daß sie es um seinetwillen "verlieren". Gerade als "änisches", von dem kommenden Äon her bestimmtes Leben kann es nicht die Art des Gedeihens in dieser Welt an sich tragen.

A) hier liegt der Grund, warum die "Sünder" oft so viel leichter und seliger zu Jesus kommen als die "Gerechten". Sie haben auf dunklen und schmutzigen Wegen so leidenschaftlich "das Leben" gesucht; nun steht es in Jesus überraschend und überwältigend von ihnen.
B) Es kann auffallen, daß hier, wie auch sonst bei Johannes, nicht von der "Vergebung der Sünden" als der Gabe Jesu die Rede ist. Aber "ewiges Leben" gibt es für "Sünder" nur durch die Errettung (V.9!) und Vergebung hindurch. Und der "Hirt" ist gerade für den Blick des Johannes immer zugleich das "Lamm", das die Sünde der Welt trägt.


Solches Leben "haben" die Seinen jetzt schon als seine Gabe. Aber sie sind noch unterwegs zu dem kommenden neuen Äon, der erst die volle Erfüllung bringt. Werden sie diesen Äon, die Königsherrschaft Gottes, erreichen und in sie eingehen (3,5)? Werden sie nicht auf dem langen Weg, der bis dorthin vor ihnen liegt, umkommen? Jesus verspricht: "und sie werden gewiß nicht umkommen in Ewigkeit." Dabei ist auch hier wieder nicht ein philosophischer Begriff von "Ewigkeit" gemeint. Nein, "bis in den (kommenden) Äon hinein", wie es in echt biblischer Begriffsbildung wörtlich heißt, werden die Schafe Christi nicht umkommen. Warum darf ich[ A ] dessen gewiß sein, während ich doch die vor mir liegende Zukunft nicht kenne? Wieso kann Jesus es versprechen, obwohl gerade er alle Gefahren und Anfechtungen kennt und sehr wohl den "Wolf" kommen sieht und en Fürsten dieser Welt gewiß nicht unterschätzt? Traut er den Seinen so viel Überwinderkraft zu? Hält er ihren Glauben für so sieghaft? Nein, Jesus kann dieses Versprechen nur geben, weil er fortfahren |324|  kann: "Und nicht wird jemand sie aus meiner Hand reißen." Die Hand dieses Hirten ist stark und unbesieglich. Darum, wer auch immer der "jemand" ist, der uns aus dieser Hand reißen möchte, Tod oder Leben, Engel oder Fürstentümer oder Gewalten. Gegenwärtiges oder Zukünftiges, Hohes oder Tiefes, alles überhaupt, was doch nur "Kreatur" ist, wird es ihm nicht gelingen[ B ].

A) In Mt 16,18 hat Jesus diese Zusage der Gemeinde gegeben. Auch Paulus spricht in dem Siegeslied Rö 8,35-39 von dem "Wir" der Gemeinde. Und auch in unserm Text weist das zugrundeliegende Bild von der "Herde" auf die Gemeinde. Das vereinzelte Schaf, das sich von der Herde löst, gerät mit Ernst in die Gefahr des "Umkommens".
B) Wieder ist Paulus mit Rö 8,38 f der echte Bote Jesu und der beste Ausleger seines Wortes


29 Und wenn wir doch noch zagen sollten, dann verweist uns der Sohn auf den Vater. Hier, bei dem allmächtigen Gott selbst, ist es widerspruchlos gewiß: "Niemand ist imstande, aus der Hand des Vaters zu reißen." Hat Jesus uns dem Vater erworben und in die Hand des Vaters gelegt als seine Kinder (1,12), wer sollte uns dann je aus dieser Hand reißen können[ A ]. So sind wir von einer doppelten Hand umschlossen und in vollkommener Sicherheit. Aber beachten wir es dabei wohl: nur vom "Herausreißen" hat Jesus gesprochen und hat es uns zugesagt, daß es unmöglich sei. Wohl aber können wir uns selbst aus dieser Hand lösen. Wir sind nicht mechanisch und ohne unseren Willen oder gar gegen unseren Willen in ihr festgehalten.

A) Wieder sind die Fragen des Paulus in Rö 8,31-34 die beste Auslegung dazu.

So einfach und klar diese Aussage am Schluß des Verses ist, bietet doch der Anfang des Verses der Auslegung Schwierigkeiten. Das kommt in der Verschiedenheit der Handschriften an dieser Stelle zum Ausdruck. Die heute bevorzugte Lesart sagt: "Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles." Wie hat Jesus das gemeint? Was der Vater Jesus gegeben hat, das sind ja "die Seinen". So hat es Jesus in Kapitel 6,37 ausgesprochen: "Alles, was mir der Vater gibt, kommt zu mir." Dann muß Jesus in seinem Wort jetzt die Überlegenheit der Seinen über alles hervorgehoben haben. Eben als die ihm vom Vater Gegebenen sind sie selber größer als alles. Jesus hat dann radikal ausgesprochen, was Johannes in seiner Weise in 1 Jo 5,5 mit Triumph verkündigt: "Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt." Diese Lesart bleibt aber innerlich schwierig. Sollte Jesus die Seinen wirklich "größer als alles" genannt haben? Nirgends sonst finden wir in seinem Mund etwas Ähnliches. Und warum diese doppelte Zusicherung der Geborgenheit in seiner und des Vaters Hand, wenn sie selber "größer als alles" sind? Viel einfacher ist die uns vertraute Fassung: "Der Vater, der [sie]mir gegeben hat, ist größer als alles." Aber ist das nicht eine - schon früh vorgenommene und darum auch in alten Handschriften bezeugte - Verbesserung des eigentlichen Textes zur Erleichterung des Verständnisses? Doch der Unterschied der Lesarten ist im Griechischen sehr gering und läßt sich darum aus einer bloßen Verschreibung erklären. Es könnte aber auch mit Absicht |325|  zu dieser Änderung gekommen sein, weil bei dem Satz: "Der Vater, der [sie] mir gegeben hat", das Objekt zu "geben" fehlte, das wir mit dem eingefügten "sie" erst ergänzen. Jedenfalls ist in dieser Form des Satzes die Aussage als solche klar und führt unmittelbar und logisch zu dem Schluß des Satzes, den wir schon besprachen. Es wird nun auch deutlich, daß uns nicht eigentlich zwei verschiedene Hände halten. Wir sind in der Hand des wahren Hirten; aber in diese Hand hat uns die Hand des Vaters gelegt. Und dieser Vaterhand entreißt uns niemand, weil der Vater jedenfalls größer ist als alles. Wir sind unverlierbar in der Hand des Sohnes, weil die Hand des Vaters uns dem Sohne gab.
Wie leuchtet hier von neuem die völlige Einheit zwischen Vater und Sohn. Das Geben des Vaters und das Tun des Sohnes ist ein einheitliches Handeln, das in solcher Weise uns und unserer Errettung und Bewahrung bis in den kommenden Äon hinein dient. Wie gewiß wie unverzagt, wie kühn darf der an Jesus Glaubende sein, wenn er so doppelt geborgen ist!
30 Darum spricht Jesus hier seine Einheit mit dem Vater ausdrücklich aus. Er tut es in gedrängter Kürze und gerade darin gewaltig: "Ich und der Vater, wir sind eins." Wir wollen beachten, daß Jesus nicht behauptet: "Ich und der Vater sind Einer." Der Vater und der Sohn fallen nicht in einer Person zusammen. Sie bleiben zwei Personen, die aber in vollendeter Gemeinschaft "eins" sind. Diese "Einheit" hatte Jesus bereits in den Aussagen 5,19 ff näher beschrieben. Es ist die Einheit vollkommenen Liebens, freilich so, daß dabei der Vater der Anhebende, Führende und Gebende ist und der Sohn willig der Nehmende, Gehorchende und Vollziehende bleibt.
Was Jesus hier in knapper Zusammenfassung seiner bisherigen Aussagen bezeugt, ist aber nicht schon damit erfaß, daß man von einer "Willenseinheit" zwischen dem einfachen Menschen Jesus und Gott spricht. Mit solchen Versuchen einer modernen Deutung wäre die Gottessohnschaft Jesu zu einer bloßen symbolischen Bezeichnung entleert und ihres eigentlichen Wesens beraubt. Es wäre aber auch ein Phantasiebild des "Menschen" an die Stelle der Wirklichkeit gesetzt und aus Jesus ein erdichteter "Idealmensch" gemacht. Denn der wirkliche Mensch steht seit dem Sündenfall im tiefsten Gegensatz gegen Gottes Willen und Wesen. Wäre Jesus nur "ein Mensch", dann könnte auch von einer "Willenseinheit" mit Gott bei ihm keine Rede sein. Nur weil in dem Menschen Jesus das "Wort" Fleisch wurde, das "Wort", in dem Gott sein ganzes Herz und Wesen ausgesprochen hat, kann die ungeheure Aussage aus dem Mund dieses einen Menschen kommen "Ich und der Vater, wir sind eins". Kapitel 10,30 ist ohne 1,1 unmöglich.|326| 

Römer 8,32-39

32 (Er), der doch sogar des eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns nicht auch zusammen mit ihm alles schenken?

33 Wer erhebt Anklage gegen die Auserwählten Gottes? Gott (ist ja) der Gerechtsprechende!

34 Wer (ist) der (sie) Verurteilende? Christus (ist) der (für sie) Gestorbene, vielmehr aber der Auferweckte, der auch da ist zur Rechten Gottes, der auch Fürsprache für uns einlegt!

35 Wer wird uns trennen (können) von der Liebe des Christus? Bedrängnis oder Beengung oder Verfolgung oder Hunger oder Nacktheit oder Gefahr oder Schwert?

36 Wie geschrieben ist (Psalm 44,23): »Deinetwegen werden wir getötet den ganzen Tag, wir werden angesehen als Schlachtschafe.«

37 Aber in diesen (Dingen) allen siegen wir überwältigend durch den, der uns geliebt hat.

38 Ich bin also gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, überhaupt keine Mächte,

39 weder Höhe noch Tiefe noch irgendein anderes Geschöpf wird das Vermögen haben, uns zu trennen von der Liebe Gottes in Christus Jesus unserm Herrn.

32 Der Auftakt V. 31 klang grundsätzlich, gültig für Zeit und Ewigkeit. Das ist festzuhalten, auch wenn jetzt wiederholt lediglich die Zeitstufe der Zukunft[A] gewählt worden ist. Sie gestattet sowohl eine Anwendung auf das zukünftige Endgericht als auch auf gegenwärtige Erfahrung der Glaubenden.

A) V. 32: »wird schenken«, V. 33: »wird anklagen«, V. 35: »wird trennen«, V. 39: »wird nicht trennen können«.

Eine zweite Frage beteuert Gottes grenzenloses Für-uns-Sein. (Er), der doch sogar des eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben... Der Ausdruck »dahingeben« hat hier den gleichen Inhalt wie in 1,24.26.28: Auslieferung an den Strafvollzug. Darum: »Der Satz, dass Gott seinen Sohn preisgibt, gehört zu den unerhörtesten Aussagen des NT ... Hier ist geschehen, was Abraham an Isaak nicht zu tun brauchte (1Mo 22,16): Christus wurde vom Vater in voller Absicht dem Schicksal des Todes überlassen; Gott hat ihn hinausgestoßen unter die Mächte des Verderbens ...«[A] Es geschah für uns (s. zu 3,25; 4,25; 5,8), und zwar für uns alle, für Juden und Heiden. Der Einzige, der Sünde wirklich ernst nimmt, Gott, bewirkt die Umschuldung von den Schuldigen auf den Unschuldigen; die von ihm geschaffenen Menschen sind ihm teurer als sein Teuerstes. Hier zeigen sich die »Tiefen Gottes«, wie der Heilige Geist sie nach 1Kor 2,10 ausleuchtet und nach Röm 5,5 dem Menschenherzen erschließt.

A) W. Popkes, Christus, S. 286; vgl. Gal 3,13.

Dem Größten folgt denknotwendig alles Kleinere, der unaussprechlichen Gabe folgen Zugaben. (2Kor 9,15; Mt 6,33; 1Sam 17,37) Wie sollte er uns nicht auch zusammen mit ihm alles schenken? Es ist, als ob eine Lawine losgetreten sei. Über unserm Leben bricht vorbehaltloses Schenken aus. »Alles schenken« heißt zunächst: Alles vergeben! (2Kor 2,7.10; 12,13; Eph 4,32; Kol 2,13; 3,13) Das Gewissen ist wieder so sauber wie ein Maimorgen. Aber »schenken« geht nach biblischem Gebrauch noch darüber hinaus. Gott kehrt die toten Werke nicht aus, ohne zweitens einzukehren mit seinen positiven gegenwärtigen Heilsgaben. (1Kor 2,12; Eph 1,8; Phil 2,29) Drittens legt hier der Zusammenhang ab 8,17 auch den Gedanken an Zukünftiges, eben an das »Erbe« nahe. Es besteht in der »Erlösung unseres Leibes« als der »herrlichen Freiheit der Kinder Gottes« (V. 18.21.23.30). Freie genießen Herrenrecht. So werden die Glaubenden mit Christus herrschen über das All[A] und über die Mächte. Sie erben die Herrschaft Gottes. (Röm 4,13; 5,17; 1Kor 4,8; 6,9f; 15,50; Eph 5,5; Offb 20,6; 22,5) Erst damit ist hier das Wörtchen »alles« ausgeschöpft. Die ursprüngliche Würde des Menschen nach 1Mo 1,26 (»die da herrschen«) ist wieder hergestellt.

A) Griech. ta panta kann sowohl mit »alles« als auch mit »das All« übersetzt werden.

33-34 Es folgt ein ähnlicher Gedankengang wie 31-32. Wer erhebt Anklage gegen die Auserwählten Gottes? Gott (ist ja) der Gerechtsprechende! Wer (ist) der (sie) Verurteilende? Christus (ist) der (für sie) Gestorbene. Aber dann spitzt Paulus anders zu: Christus ist vielmehr der Auferweckte, der auch da ist zur Rechten Gottes, der auch Fürsprache für uns einlegt! In V. 32 und 34a ist er derjenige, an dem gehandelt wird, in V. 34b dagegen der Handelnde. Die Aussage über Christus leitet Paulus hier mit einem »vielmehr« ein und entfaltet daraus ein zweifaches »nicht nur, sondern auch«: Er ist nicht nur gestorben, sondern erstens auch auferweckt und zweitens auch als Erhöhter tätig. Dadurch ist der Wert seines Sterbens in gar keiner Weise herabgestuft; das »vielmehr« besteht darin, dass es sich wirksam in die Gegenwart hinein verlängert. Ein Christus, der nur früher einmal da war und starb, später einmal wiederkommt und dazwischen Pause hat, wäre nicht der biblische Christus. Den urchristlichen Glauben beschäftigte zentral Jesu gegenwärtige Rolle zur Rechten Gottes, dem Platz des Mitregenten. Die Wendung stammt aus Ps 110,1, ein Basisvers für das NT, den es häufiger zitiert als jedes andere Schriftwort. Nach diesem Psalm ist der Herr zu unserer Zeit nach zwei Seiten tätig. Einerseits legt er im Rahmen des Weltgeschehens einen Feind nach dem anderen zu seinen Füßen nieder (1Kor 15,25). Andererseits aber steht er als Priester für seine Gemeinde ein (Heb 4,15-16; 7,25; Joh 14,16f; 17,9-17; 1Joh 2,1; Jes 53,12: Hi 19,25-29). Von einer Sekunde zur anderen verdankt sie sich diesem seinem Wirken. In keiner Befindlichkeit steht sie vor Gott allein, allein als die, die sie in sich selber ist, sondern immer als die, die sie in Christus ist.
35-36 Dies Für-uns-Sterben und Für-uns-Leben bezeichnet Paulus jetzt als die Liebe des Christus[A] und stellt sich für einen Augenblick der atemberaubenden Frage: Wer wird uns trennen (können) von der Liebe des Christus? Das Einssein mit ihm verlieren, hieße wahrhaftig Verlierer sein. Tatsächlich wird an dieser Verbundenheit gerüttelt, z.B. durch apostolische Leiderfahrung. Trotz ihrer Hingabe für ihre Mitmenschen erleben christliche Zeugen sich ausgegrenzt aus der bürgerlichen Gemeinschaft, manchmal als »erbärmlicher als alle anderen Menschen« (1Kor 15,19). Da sind Bedrängnis oder Beengung[B] oder Verfolgung oder Hunger oder Nacktheit[C] oder Gefahr oder Richterschwert? (1Kor 4,9-13; 2Kor 4,9,7-12; 6,4-10; 11,23-27) Passen solche Erlebnisse überhaupt zu ihrer Überzeugung, »Auserwählte Gottes« (V. 33), erklärte Lieblinge der Heilsgeschichte zu sein? War da nicht doch eigene Schuld im Spiel und darum Trennung von Gott und allen guten Geistern? Haben die Verfolger und Spötter und die ringsherum so sicher Dahinlebenden immer nur Unrecht? Aber der Apostel findet in seiner Erschütterung Halt an der Schrift: So ungeschützt er allen möglichen Fehldeutungen ausgeliefert ist, die Gestalt seines Lebens erklärt sich von höherer Warte aus ganz anders. Wie geschrieben ist (Psalm 44,23): »Deinetwegen, gerade wegen tiefster Bindung an den gekreuzigten Herrn (V. 17), gerade weil »uns die Liebe des Christus im Griff hat« (2Kor 5,14), werden wir getötet den ganzen Tag, wir werden angesehen als Schlachtschafe«; nicht einmal zur Gewinnung von Wolle hält man uns für nützlich.

A) In dieser »Liebe des Christus« erweist sich die »Liebe Gottes« (V. 39, vgl. V. 37). So ist nicht nur Gott für uns (V. 31), sondern auch Christus (V. 34-37) und der Geist (V. 26).
B) LÜ übersetzt hier »Angst«, aber in die Aufzählung äußerer Leiden fügt sich ein seelischer Zustand weniger gut ein. Wahrscheinlich denkt Paulus an ausweglos scheinende praktische Engpässe. In 2Kor 1,8f erzählt er, dass er manchmal nicht mehr weiterwusste. Die Vokabel stenochôria findet sich auch 2Kor 4,8; 12,10.
C) Galt als Zeichen äußerster Armut Mangel an nötigster Kleidung.


37 An diesem Tiefpunkt erhebt sich ein unwiderstehlicher Siegeshymnus. Schon in 5,3-5 wurden selbst erfahrene Bedrängnisse in einen Prozess der Hoffnung hineingerissen. Aber in diesen (Dingen) allen siegen wir überwältigend durch den, der uns geliebt hat. Paulus fügt dem Wort »siegen« die Vorsilbe »über« hinzu[A]: nicht nur siegen, sondern »übersiegen«, glänzend siegen.

A) Solche enthusiastischen Wortzusammensetzungen mit »über« (hyper) liebte er sichtlich, z.B.: überreiches Wachstum (2Thess 1,3), überragende Herrlichkeit (2Kor 3,10), Übermaß der Kraft (2Kor 4,7), über alle Maßen mehr, als wir erbitten (Eph 3,20), unüberbietbare Erkenntnis (Phil 3,8), Gnade im Übermaß (Röm 5,20), überschwängliche Gnade an mir (1Tim 1,14), Christus durch Gott übererhöht (Phil 2,9).

38-39 Schließlich wollen uns auch geistige Mächte vom Segens- und Machtbereich der Liebe Gottes abschotten. In seiner großen Darstellung der Menschenschuld von 1,18-3,20 hatte Paulus diese Mächte noch völlig ausgeblendet. Nichts sollte die eigene Verantwortung des Menschen für sein Tun verdecken. Sobald er aber ab 3,21 das Evangelium einführte, musste er auch von überindividuellen Mächtigkeiten sprechen, wie besonders ab Kap. 5 deutlich wird. Das Evangelium, das nach 1,16 selber eine dynamische Macht (dynamis) darstellt, stößt nämlich nicht in ein Machtvakuum hinein, sondern in ganze Systeme, die sich im Aufruhr gegen Gott befinden.[A] Dieser Tatsache stellt sich der Apostel jetzt zusammenfassend und abschließend, um auch auf diesem Feld das Bekenntnis zur Übermacht der Liebe Gottes aufzurichten. Dazu beruft er sich auf das Gewicht geistlicher Erfahrung: Ich wurde überzeugt und bin nun gewiss.

A) Weiteres zu diesen Mächten s. zu V. 39. Herrschaft stößt auf Herrschaft. Darum rüstete Jesus seine Jünger mit »Vollmacht über die unreinen Geister« aus, als er sie aussandte, die Gottesherrschaft auszurufen (Mk 6,7).

Die folgende Aufzählung hat in vielen Briefen Parallelen (1Kor 3,22; 15, 24-26; Phil 2,10.20; Eph 1.21; 6,12; Kol 1,16; 2,10.15; 1Petr 3,22), übertrifft sie aber an Umfang und Geschlossenheit. Unter den zehn Ausdrücken stehen sich vier Mal zwei Eckpunkte gegenüber, die offenbar jedes Mal die ganze Fülle dessen umfassen, was zwischen ihnen liegt. Tod und Leben umfasst ähnlich wie in 14,7 und Phil 1,20 unser ganzes geschöpfliches Dasein. Bei »Tod« sind alle seine Vorformen einzubeziehen (Offb 21,4), so dass der Einfluss mannigfacher Leidensmächte vor Augen steht (Krankheit, Mühsal, Unglück, Armut, Unterdrückung, Streit und Krieg). Ebenso ist »Leben« aufzufächern, nämlich nach seinen aufbrechenden, drängenden, mitreißenden Kräften, die immer auch des Menschen Unglück werden können. Das Paar »Engel - Herrschaften« lässt in die vielschichtige Hierarchie von dienenden und gebietenden Geistern hineinblicken. »Gegenwärtiges - Zukünftiges« macht die unheimliche Größe »Zeit« bewusst. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Die Zeit läuft, wir laufen unweigerlich mit, ob wir wollen oder nicht. Was kommt noch alles auf uns zu! »Höhe - Tiefe« vergegenwärtigt die Weite des Raumes. Schon damals wurden solche Ortsbezeichnungen auch zu bedrohlichen Machtsphären in ihrer Erhabenheit oder Abgründigkeit aufgeladen. 2Kor 10,5 spricht Paulus von überheblichen, »hohen Gedankengebäuden, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen«. Wir Heutigen sprechen auch von seelischen Hochs oder Tiefs und kennen unsere Abhängigkeit von ihnen. Noch in V. 38 wurde als Sammelausdruck »Mächte« eingestreut. Der Abschluss: noch irgendein anderes[A] Geschöpf, ordnet alle genannten Größen rückschauend innergeschöpflich ein (vgl. Kol 1,16). Gott schuf nach 1Mo 1-2 nicht nur Gegenständliches, sondern auch Kräfte, die die Dinge bewegen, ordnen, durchwalten. Aber auch sie sind in den Fall des Menschen hineingerissen, was nun auf ihn zurückschlägt. Statt dem Menschen zu dienen, können sie ihn bedrohen. Der Kosmos funktioniert nicht mehr ohne weiteres. Sie befehden sich auch gegenseitig. Als Chaoten hätten sie aus dem Kosmos längst ein einziges Chaos gemacht, wäre da nicht das Aufhalten Gottes (2Thess 2,6). Von Gott gelöst, können sie nur von Gott lösen und verderben. Darum erstreckt sich das Werk Christi auch auf sie. Gott hat Christus zu ihrem Herrn gemacht, sie niederzuringen (Eph 1,10.20-22; 1Kor 15,25). Dabei darf das Thema »Christus und die Mächte« nicht auf Christus und die politischen Mächte verkürzt werden und die Gemeinde darf nicht kurzschlüssig politisiert werden.

A) Ihre Zahl ist für Paulus hier nicht erschöpft. Ähnlich fügt er Eph 1,22 an: »und jeder Name (jede Autorität), der genannt werden mag«, so dass wir ergänzen dürfen: geistige Prinzipien, Gesetzmäßigkeiten, die sich absolut setzen wollen, Denkschablonen, Systeme, Vorurteile, Ideologien, Utopien, geistige und kulturelle Traditionen. Ganze Epochen sind von ihnen wie chloroformiert.

Paulus geht an dieser Stelle nicht in die Einzelheiten. Er ist gefesselt von »Gottes großer Liebe, mit der er uns geliebt hat« (Eph 2,4), wohlgemerkt von dieser Liebe als Tat, nicht als ruhender Eigenschaft.[A] Gott trat zu einem bestimmten Datum aktiv in die gestörte Welt ein. Das Opfer Christi verlieh dem Gesamten der Schöpfung das entscheidende und unaufhaltsame Gefälle zum Heil. Aus seiner Auferweckung schöpft Paulus jene Gewissheit, die er schon V. 28-30 umriss. Nichts kann diese Tat und dieses Tun der Liebe aufheben noch unsere darin gründende Gemeinschaft mit Gott aufbrechen. Ein ganzer Kosmos von Antikräften wird nicht das Vermögen haben, uns zu trennen von der Liebe Gottes in Christus Jesus, unserm Herrn. Im Gegenteil: Unser Glaube ist der Sieg, der den Kosmos überwunden hat (1Joh 5,4).

A) Die allgemeine Rede vom »lieben Gott«, der gar nicht anders kann als einfach lieb zu sein, ist eine Erfindung des 18. Jh.s Verbissen halten wir an dieser Ideologie fest, erscheinen damit im Gottesdienst und erwarten von der Predigt in kindischer Anspruchshaltung die uns zustehenden Streicheleinheiten. Das ist denkbar weit weg von der »Liebe Gottes in Christus Jesus unserm Herrn«. 

Psalm 23

1 Ein Psalm. Von David. Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er lagert mich auf grünen Auen, er führt mich zu stillen Wassern.

3 Er erquickt meine Seele. Er leitet mich in Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen.

4 Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens1, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir; dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde; du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher fließt über.

6 Nur Güte und Gnade werden mir folgen alle Tage meines Lebens; und ich kehre zurück ins2 Haus des HERRN lebenslang.

 

Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten

Impuls zu Psalm 23 aus:

Ulrich Parzany, Täglich rufe ich zu dir, SCM R.Brockhaus

Bestens versorgt

Der Hirte ist in der Bibel das Bild für den König, der die Verantwortung für das Leben seines Volkes hat. Nichts Romantisches liegt in dem Beruf. Hart und schwer ist die Arbeit. Die meisten Könige scheiterten daran. Die meisten Führungskräfte damals wie heute weiden sich selbst. Gott verurteilt sie scharf. (Jeremia 23,1-6; Hesekiel 34)  Darum sagt Gott: „Siehe, ich will mich meiner Herde selber annehmen und sie suchen.“ (Hesekiel 34,11) Und in Jesus erfüllt das: „Ich bin der gute Hirte“. (Johannes 10,14)

Die Vergleiche sind stark. Mit dem Stab stößt der Hirte auf den Felsboden. Die Schafe nehmen das Klopfen wahr. Das Geräusch ist für sie auch in der Dunkelheit Orientierung. Die Keule in der starken Hand des Hirten kracht auf den Kopf der Hyäne, als sie versucht, die Schafe zu reissen. Der Hirte riskiert dabei Leib und Leben. Aber auf die Keule in seiner starken Hand ist Verlass. Auch in den toddunklen Schluchten.

Was für eine wunderbare Gelassenheit! Die Feinde stürmen heran. Der Herr aber deckt seelenruhig den Tisch: weiße Tischdecke, silbernes Besteck, drei Gänge mindestens, gut und reichlich zu trinken! Wer hätte dazu die Nerven? Der gute Hirte sieht keinen Grund zur Panik. Die Feinde beeindrucken ihn nicht. Sie können ihm nichts anhaben und deshalb auch mir nicht. Ich werde bestens versorgt.

„Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“ (Psalm 23,5) Könige, Priester und Propheten wurden gesalbt. Höchste Würde wird uns damit verliehen, aber auch die Kraft des Geistes Gottes, damit wir tun können, wozu Gott uns sendet. Wir sind wer! Aber alles geschenkt. Reich beschenkt. Bestens versorgt.

Psalm 39

1 Dem Chorleiter. Für Jedutun. Ein Psalm. Von David.

2 Ich sprach: Ich will auf meine Wege achthaben, dass ich nicht sündige mit meiner Zunge; ich will meinen Mund im Zaum halten, solange der Gottlose vor mir ist.

3 Ich verstummte in Schweigen, schwieg - fern vom Guten. Da wurde mein Schmerz erregt.

4 Mein Herz wurde heiß in meinem Innern, bei meinem Stöhnen entbrannte ein Feuer; ich sprach mit meiner Zunge:

5 Tue mir kund, HERR, mein Ende und welches das Maß meiner Tage ist, damit ich erkenne, wie vergänglich ich bin!

6 Siehe, handbreit hast du meine Tage gemacht, und meine Lebenszeit ist wie nichts vor dir; nur ein Hauch ist jeder Mensch, wie fest er stehe. //

7 Nur als ein Schattenbild wandelt der Mann einher; nur um Nichtigkeit lärmen sie; er häuft auf und weiß nicht, wer es einsammeln wird.

8 Und nun, auf was harre ich, Herr? Meine Hoffnung, sie gilt dir!

9 Rette mich von allen meinen Vergehen, mach mich nicht dem Narren zum Hohn!

10 Ich bin verstummt, mache meinen Mund nicht auf; denn du, du hast gehandelt.

11 Nimm von mir deine Plage! Vom Streit deiner Hand gegen mich vergehe ich.

12 Strafst du einen Mann mit Züchtigungen wegen seiner Schuld, so lässt du seine Schönheit wie die Motte zergehen; nur ein Hauch sind alle Menschen. //

13 Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien; schweige nicht zu meinen Tränen! Denn ein Fremdling bin ich bei dir, ein Beisasse wie alle meine Väter.

14 Blicke von mir weg, dass ich noch einmal fröhlich werde, bevor ich dahingehe und nicht mehr bin!

 

Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten

Impuls zu Psalm 39 aus:
Ulrich Parzany, Täglich rufe ich zu dir, SCM R.Brockhaus

Trügerische Sicherheit

Es gibt einige sehr beliebte Begründungen dafür, dass wir gern weitermachen wie bisher. Eine lautet: „Alle machen es so.“ Eine andere: „Es ist bisher gutgegangen, darum wird es auch weiter gutgehen.“ Leider entpuppen sich aber beide Begründungen unweigerlich als die größten Dummheiten, denen wir aufsitzen.

Die Gans, die für das Weihnachtsfest gemästet wird, wird wohl die Menschen, die sie täglich so reichlich und liebevoll füttern, für die größten Wohltäter der Gänse halten. Vielleicht nimmt sie ja auch wahr, dass viele andere Gänse ringsum die gleichen Wohltaten Tag für Tag genießen. Es ging also bisher immer gut. Und alle haben es gemacht. Don’t worry, be happy! Bis eines Tages anstatt Futter in den Hals ein scharfes Messer durch den Hals fährt. Wie kann das passieren, wo es doch bisher noch nie geschah?

Zugegeben, wir wissen alle fast nichts über die Zukunft. Aber der Beter des Psalm 39 möchte jedenfalls nicht wie die Weihnachtsgans leben: „Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.“ (Psalm 39,5) David tut nicht so, als ob ihm die Vergänglichkeit, Endlichkeit und Endgültigkeit seines Lebens immer bewusst wäre. Er weiß, dass er das noch lernen muss. Er will es lernen. Und er bittet den einzigen Lehrer, der wirklich etwas vom Leben versteht, ihn zu unterrichten. Er bittet Gott, den Schöpfer und Erhalter und Richter des Lebens, der sich in Jesus als der Retter der Welt offenbart hat.

Viele wollen nichts dazu lernen. Ihnen gilt die Klage: „Wie nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben!“ (Psalm 39,6)

Psalm 90

1 Ein Gebet von Mose, dem Mann Gottes. Herr, du bist unsere Wohnung gewesen von Generation zu Generation.

2 Ehe die Berge geboren waren und du die Erde und die Welt erschaffen hattest, von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du, Gott.

3 Du lässt den Menschen zum Staub zurückkehren und sprichst: Kehrt zurück, ihr Menschenkinder!

4 Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er vergangen ist, und wie eine Wache in der Nacht.

5 Du schwemmst sie hinweg, sie sind wie ein Schlaf, sie sind am Morgen wie Gras, das aufsprosst.

6 Am Morgen blüht es und sprosst auf. Am Abend welkt es und verdorrt.

7 Denn wir vergehen durch deinen Zorn, und durch deinen Grimm werden wir verstört.

8 Du hast unsere Ungerechtigkeiten vor dich gestellt, unser verborgenes Tun vor das Licht deines Angesichts.

9 Denn alle unsere Tage schwinden durch deinen Grimm. Wir bringen unsere Jahre zu wie einen Seufzer.

10 Die Tage unserer Jahre sind siebzig Jahre, und, wenn in Kraft, achtzig Jahre, und ihr Stolz ist Mühe und Nichtigkeit, denn schnell eilt es vorüber, und wir fliegen dahin.

11 Wer erkennt die Stärke deines Zorns und deines Grimms, wie es der Furcht vor dir entspricht?

12 So lehre uns denn zählen unsere Tage, damit wir ein weises Herz erlangen!

13 Kehre wieder, HERR! - Bis wann? Erbarme dich deiner Knechte!

14 Sättige uns am Morgen mit deiner Gnade, so werden wir jubeln und uns freuen in allen unseren Tagen.

15 Erfreue uns so viele Tage, wie du uns gebeugt hast, so viele Jahre, wie wir Übles gesehen haben!

16 Lass an deinen Knechten sichtbar werden dein Tun und deine Majestät über ihren Söhnen.

17 Die Freundlichkeit des Herrn, unseres Gottes, sei über uns und festige über uns das Werk unserer Hände! Ja, das Werk unserer Hände, festige du es!

Impuls zu Psalm 90 aus:
Ulrich Parzany, Täglich rufe ich zu dir, SCM R.Brockhaus

Wie man klug wird

Jeder weiß, dass er sterben wird. Sollte man denken. Aber Fachleute sagen, dass wir uns unbewusst selber betrügen. Bisher haben wir nur erlebt, dass andere sterben. Uns hat es bisher nie erwischt, also wird es auch weiter gutgehen. So leben wir, als wären wir unsterblich. Das führt zur Verdummung, weil wir nicht vom Ziel her entscheiden, was wichtig und unwichtig ist. Wir verplempern unser Leben mit Albernheiten und Geschwätz. Und wir merken es zu spät.

Der Psalmbeter kennt diese Schwäche auch bei sich. Er sucht einen Lehrer, der ihm die richtige Lebenseinstellung beibringt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90,12) Er bittet Gott selbst. Der versteht schließlich was vom Leben. „Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ (Psalm 90,2) Er hat Jesus auferweckt. Der Auferstandene lehrt uns, vom Ziel her zu leben. Er zeigt uns, dass unser Leben endlich und einmalig ist. Wir müssen nicht depressiv werden, wenn wir mit unserem Sterben rechnen. Wir wissen, dass nichts uns von Jesus scheiden kann. Das Leben ist mit dem Tod nicht aus. Versöhnt mit Gott durch die Vergebung der Sünden werden wir die volle Entfaltung des Lebens in Herrlichkeit erleben. Jesus kennt den Tod und er ist das Leben. Er lehrt uns die Lebensklugheit.

So können wir mit Nüchternheit und Zuversicht jeden Tag bewusst leben. Und solange wir noch was vor haben, beten wir: „Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.“ (Psalm 90,14) „Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. (Psalm 90,17)

Kapitel 9 - Das Gericht Gottes

Vertiefung

Das Gericht Gottes - Gott garantiert die Menschenwürde

Gut, dass es das Gericht Gottes geben wird! Vielleicht überrascht Sie diese Behauptung. Denn ein weichgespültes Christentum versucht in dieser Zeit, die biblischen Aussagen über das Gericht Gottes zu verschweigen. Gott ist angeblich der liebe Gott. Der tut nichts. Man darf doch nicht mit dem Gericht drohen, oder? Das Evangelium ist kein Drohbotschaft, sondern eine Frohbotschaft, heißt es. Ob das kommende Gericht Gottes allerdings als Drohung empfunden wird oder als eine wohltuende Verheißung, kommt ganz darauf an, wo man selber steht und geht.

Die Millionen von Menschen, deren Rechte mit Füßen getreten werden, sehnen sich nach einem Gericht, das ihr Recht durchsetzt. Sie leiden darunter, dass Macht das Recht beugt. Viele haben die Hoffnung aufgegeben, es könnte je so etwas wie Gerechtigkeit für sie geben. In manchen Gesellschaften dieser Welt müssen Menschen erleben, dass die Ungerechtigkeit sogar in Gesetze gefasst wird. Aber was legal ist, muss nicht legitim sein.

Jesus hat den Unterdrückten ein großes Versprechen gegeben: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden“ (Matthäus 5,6). Das heißt: Gott wird ihren Hunger und Durst nach Gerechtigkeit stillen. Er wird das Recht gegen die Rechtsbeuger und Rechtsverdreher durchsetzen.

Es gibt noch einen weiteren starken Grund, warum die Ankündigung des Gerichtes Gottes eine gute Botschaft ist. Gott garantiert dadurch die Würde des Menschen. In einer „Gesellschaft der Schuldlosen“, wie der Frankfurter Politikwissenschaftler Professor Iring Fetscher unsere Gesellschaft bezeichnet hat, können wir die Erinnerung an die Menschenwürde, die in unserer Verantwortlichkeit vor Gott besteht, gut gebrauchen. Sie hilft uns, den aufrechten Gang wieder zu lernen.

Matthäus 25, 31-46

25 Da bin ich aus Furcht hingegangen und habe dein Talent in der Erde verborgen, hier hast du dein Geld wieder!

26 Da antwortete ihm sein Herr: Du böser und träger Knecht! Du wußtest, daß ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?

27 Nun, so hättest du mein Geld bei den Bankhaltern anlegen sollen; dann hätte ich bei meiner Rückkehr mein Geld mit Zinsen zurückerhalten.

28 So nehmt ihm nun das Talent ab und gebt es dem, der die zehn Talente hat.

29 Denn jedem, der da hat, wird noch hinzugegeben werden, so daß er Überfluß hat; wer aber nicht hat, dem wird auch noch das genommen werden, was er hat.

Mt 13,12

30 Den unnützen Knecht jedoch werft hinaus in die Finsternis draußen! Dort wird lautes Weinen und Zähneknirschen sein.

Lk 17,10; Mt 8,12; 24,51; Ps 112,10

31 Wenn aber der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen;

Mt 13,41; 16,27; 19,28; 24,30; Jud 14; Offb 20,11-13; 1Th 4,16; 2Th 1,7

32 alle Völker werden alsdann vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet;

Hes 34,17; Rö 14,10

33 und er wird die Schafe zu seiner Rechten, die Böcke aber zu seiner Linken stellen.

Mt 13,48.49

34 Dann wird der König zu denen auf seiner Rechten sagen: Kommt her, ihr von meinem Vater Gesegneten! Empfanget als euer Erbe das Königtum, das für euch seit Grundlegung der Welt bereitgehalten ist.

35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gereicht; ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt;

Jes 58,7; Ri 19,18; Jak 1,27; 2,15.16

36 ich bin ohne Kleidung gewesen, und ihr habt mich gekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht; ich habe im Gefängnis gelegen, und ihr seid zu mir gekommen.

Hbr 13,23

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist? Oder durstig und haben dir zu trinken gereicht?

Mt 6,3

38 Wann haben wir dich als Fremdling gesehen und haben dich beherbergt? Oder ohne Kleidung und haben dich bekleidet?

39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40 Dann wird der König ihnen antworten: Wahrlich, ich sage euch: Alles, was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.

Spr 19,17; Mt 10,42; Jak 2,13; Hbr 2,11

41 Alsdann wird er auch zu denen auf seiner Linken sagen: Hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bereitet ist!

Mt 7,23; Offb 12,7.9; 14,10; 20,10.15; 22,15

42 Denn ich bin hungrig gewesen, aber ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich bin durstig gewesen, aber ihr habt mir nichts zu trinken gereicht;

43 ich bin ein Fremdling gewesen, aber ihr habt mich nicht beherbergt; ohne Kleidung, aber ihr habt mich nicht bekleidet; krank und im Gefängnis, aber ihr habt mich nicht besucht.

44 Dann werden auch diese antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig, als einen Fremdling oder ohne Kleidung, wann krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht gedient?

45 Dann wird er ihnen zur Antwort geben: Wahrlich, ich sage euch: Alles, was ihr einem von diesen Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.

46 Und diese werden in die ewige Strafe gehen, die Gerechten aber in das ewige Leben.

Jo 5,29; 6,40; Rö 2,7f; Da 12,2

Während der Herr sonst für seine Gleichnisse Bilder aus dem Ackerleben, dem Handwerkerleben, dem Familienleben entnommen hat, hat er in dem vor uns liegenden Gleichnis Vorgänge aus dem Geld- und Bankwesen genommen. Das Geld- und Bankwesen war in der damaligen Zeit eine Sache der Stadt. Und wenn auch die Hörer des Herrn selbst nicht solche großen Geldsummen besaßen, so wußten sie doch um das Geld- und Bankwesen Bescheid, wußten auch, daß man, wenn man viel Geld hat, durch geschickte Spekulation schnell noch mehr Geld dazuverdienen kann. Die Zinsen waren in der Antike sehr hoch. Vielleicht haben die tüchtigen Knechte sich selbst als Bankhalter betätigt und das Geld zu hohen Zinsen ausgeliehen und große Geschäfte damit getätigt.
Wir kommen zur Deutung des Gleichnisses. Es ist wieder ein sehr ernstes Gleichnis, das dritte in dem Abschnitt seiner Abschiedsreden an seine Jünger nach dem Matthäus-Evangelium. Dieses dritte Gleichnis zeigt den Jüngern nochmals, wen die Wiederkunft des Herrn erhöht und wen sie verstößt! - Höchste Verheißung steht neben dem ernstesten Gericht. Es gilt um der hohen und allerherrlichsten Zukunft willen, der der wiedergeborene Christ entgegengehen darf, nämlich der Wiederkunft des Herrn, die Gegenwart, in der er steht, nicht etwa leicht zu nehmen, nicht über dem Ausschauen nach dem wiederkommenden Herrn der Treue im Kleinen und im Alltäglichen zu vergessen! Dies neu gesagt und ernst beleuchtet zu haben, ist der Sinn dieses Gleichnisses des Herrn.
Der Mann im Gleichnis, der in die Fremde zieht, vertraut drei Knechten seine Güter an, und zwar gibt der abreisende Herr dem ersten fünf Talente, dem zweiten zwei Talente und dem dritten nur ein Talent. Ein Talent ist eine Geldsumme von etwa 5000 Mark. Lange Zeit bleibt der Herr des Gleichnisses aus. Er läßt auf sich warten. Man weiß nicht, wann er zurückkommt. Mit besonderer Betonung wird gesagt: »Nach langer Zeit kam der Herr zurück« (V. 19). Dann richtet der Herr über das Schaffen seiner Knechte. Der erste Knecht hat seine fünf Talente verdoppelt, das sind 50 000 Mark, der zweite ebenfalls, das sind 20 000 Mark geworden. Der dritte Knecht hat nichts verloren, aber auch nichts gewonnen. Er hat also nicht gearbeitet. Das Urteil des Herrn lautet für die beiden arbeitenden Knechte gleich. Sie gehen ein »zur Freude« des Herrn. Das Urteil des Herrn über den dritten Knecht ist ein vernichtendes. Das ist kurz der Gang des Gleichnisses.
Nutzanwendung in kurzen Worten: Es genügt nicht, auf die Wiederkunft des Herrn und auf das Gericht zu warten, sondern der Christ muß die Zeit des irdischen Lebens nutzen, um zu arbeiten und zu wirken mit den ihm geschenkten Gaben. Treue erwartet der Herr von einem jeden von uns, bis daß er kommt. »Handelt, bis daß ich wiederkomme!« (Lk 19,13).
Das ist kurz der Grundgedanke der Deutung. Nun die Ausführung: Die verschieden hohe Summe der Talente weist hin auf die verschiedenen Veranlagungen, Fähigkeiten und Gaben der Knechte. Nicht die Gaben als solche sind wichtig, sondern dies, wie die Knechte diese Gaben ausgewertet und genutzt haben.
Der Herr verlangt nicht von allen dasselbe. Dem einen hat er mehr anvertraut, dem andern weniger! Ist das nicht ungerecht seitens des Gebers? Nein, denn in diesem Gleichnis sind nicht die Gaben als solche als das Eigentliche und Wesentliche betont, sondern die Nutzung und Wertung dieser Gaben. Und dabei ist der Herr gerecht, vollkommen gerecht! Denn der Herr mutet niemandem mehr zu, als er leisten kann. Denn nicht der Unterschied ist wichtig, der zwischen den beiden ersten Knechten besteht, sondern der Gegensatz, in dem der dritte Knecht gegenüber den beiden ersten Knechten sich befindet.
Also eine Ungerechtigkeit seitens des gebenden und schenkenden Herrn und Gottes kann nicht vorliegen! Denn nicht die Gabe als solche steht im Mittelpunkt des Berichtes, sondern die Treue, mit welcher die Gaben verwaltet, und zwar genutzt werden ihm zur Ehre.
Wir fragen, was ist mit den uns von Gott geschenkten Talenten, Gaben gemeint?
Wir meinen, daß damit all das gemeint ist, was wir von Gott an natürlichen und übernatürlichen Gaben geschenkt bekommen haben. - Hinsichtlich der natürlichen Gaben meinen wir: das Geschenk eines gesunden Leibes und der damit zusammenhängenden Kräfte und Fähigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens. Es sei erinnert an den ersten Glaubensartikel. Weiter seien genannt die Segnungen einer guten Erziehung, einer rechten Schulung, einer tragenden Berufsexistenz, eines geordneten Staatswesens, alles, was in der Erklärung zur 4. Bitte des Vaterunsers von Luther aufgezählt ist, das ist von Gott geschenkte gute Gabe, für deren treue Verwaltung wir verantwortlich sind dem höchsten Herrn und Richter gegenüber! Alle diese Gaben haben nicht Eigenwert und dienen nicht dem eigenen Zweck, sondern sind Mittel zu dem Zweck, täglich in der Treue im Kleinsten das Glaubensleben zu bewähren und zu beweisen!
Wir kommen zu den übernatürlichen Gaben! Denn der Glaubende steht nicht nur in seinem irdischen Lebensbereich, nicht nur in Beziehung zu den natürlichen Gaben und Gegebenheiten, sondern auch in Beziehung zu den Gaben und Gegebenheiten des Geistes Gottes. Was ist unter den letzteren gemeint?
Es ist die Gabe des Heiligen Geistes selbst, die in der Stunde der Wiedergeburt dem Glaubenden geschenkt worden ist, dann das Wort unseres Gottes und die damit geschenkten Erkenntnisse, dann das Gebet, dann all die kostbaren Segnungen Gottes in himmlischen Gütern, die tägliche gnädige Lebensführung und Erziehung seitens des Vaters im Himmel, dann Leiden und Trübsale - alles, alles ist übernatürliche Gabe, die uns Verpflichtung auferlegt hat. All das ist nicht als etwas den Jüngern privat Gegebenes anzusehen, sondern als etwas, was mit der heiligsten Verpflichtung zum Dienst verbunden ist. Jesus warnt, daß ein Jünger sich in keiner Weise darauf beschränken dürfe, die ewigen Heilsgüter Gottes nur in seinem Herzen zu bewahren und zu bewegen (so wichtig das auch immer als das zuerst Nötige ist), sondern daß er damit das ihm geschenkte Maß der Erkenntnis weiterzugeben, zu wuchern und zu wirken habe, bis daß Er kommt. Wer das ihm verliehene Heilsgut für sich behält, zur eigenen Erbauung und Sättigung allein, der handelt nicht nach dem Willen des Herrn. - Nicht dazu hat ihm sein Herr das Heilsgut, die Segnung und Stärkung und Erquickung von oben gegeben, daß er für seine Person darin sein Genüge finde (das zunächst und zuerst auch), sondern der Glaube und der Trost will in der Liebe tätig sein (Gal 5,6). Ein solcher nur an sich denkender Jünger schadet nicht nur dem Werk des Herrn, sondern schadet sich auch selbst. Dem unnützen Knecht wird das »Talent«, das er mit aller Sorgfalt für sich bewahrt hatte, dennoch fortgenommen.
Es ist die furchtbare Täuschung, in der auch alle Einzelgänger leben, daß sie meinen, sie hätten sich gegen alle Schädigungen gesichert, wenn sie sich von den andern zurückziehen. Von innen her geht ihr geistliches Leben zugrunde. Hingegen in Liebe und Dienst sich selbst den andern hingeben zehrt nicht am eigenen geistlichen Besitz, sondern mehrt ihn gerade. Wer für andere lebt, hält sich die Krankheit der frommen Selbstsucht fern. Es erfüllt sich die Regel geistig-geistlichen Lebens, die in den Spruch gefaßt ist: »Jedem, der da hat, wird gegeben werden; dem, der nichts hat, wird auch das, was er hat, weggenommen werden.« Ein Jünger Jesu »hat« nur, indem er gibt, denn er »hat« nichts für sich selbst bekommen. »Wer nichts gibt, dem wird auch das, was er hat, weggenommen werden, weil er nicht gibt.«
Der Herr spricht zu den treuen Knechten: »Ich werde euch über vieles setzen. Geht ein in die Freude eures Herrn!«
»Der Lohn der Treuen ist ein doppelter: Es wird ihnen viel unterstellt, und sie werden zur Freude ihres Herrn geladen. Sie bleiben seine Diener, die er weiter nach seinem Willen tätig macht. Sie empfangen dazu reichere Kraft, einen größeren Machtbereich. Christus kennt kein müßiges Leben, auch nicht im Himmelreich; denn die Seinen sollen an seiner Herrschaft tätig teilnehmen. Aber er hat nicht nur die größere Aufgabe für sie, sondern teilt seine eigene Freude mit ihnen. So stellt Jesus seinen Jüngern dar, was sein Dienst ihnen bringt.
Von dem einen untreuen Knecht berichtet Jesus, daß dieser Knecht, der das Talent in der Erde vergraben hatte, sich damit rechtfertigt, daß er aus Furcht vor der Strenge des Herrn den Dienst versäumt habe. So redet aber nur der, der keine Liebe hat. Kann die Liebe sagen, sie möge nichts für den Herrn tun? Kann die Liebe den Herrn schelten, er verlange zuviel und sein Gebot sei eine Plage? Wie sollen wir bei der Wiederkunft Jesu das Leben und die Herrlichkeit gewinnen, wenn unser Herz mit dem Herrn hadert? Die Furcht, die der Knecht vorgibt, ist keine Furcht, sondern dreiste Verachtung des Herrn! Denn es ist eine Lüge, wenn wir uns mit der Last und Schwere des Gebotes der Treue entschuldigen! Der Herr überfordert nie seine Jünger!« (Vgl. Schlatter, »Erläuterung«, S. 372.)

Die letzte Rede Jesu, die Matthäus aufbewahrt hat, beschreibt nicht mehr, wie Jesus den Jüngerkreis richtet, sondern schildert den Herrn als Richter über alle Völker, die mit allen Engeln vor seinem Thron versammelt sind.
»Er, der von den Menschen gerichtet wurde, wird die Menschen richten. Der Verurteilte wird urteilen. Seine Richter werden Angeklagte sein und er, der Angeklagte, wird richten.«
Der Richterthron wird hier »Thron der Herrlichkeit« genannt (thrónos doxes autu). Vgl. Mt 19,28.
Also hier ist die Rede vom Richterthron Christi als dem Thron der Herrlichkeit. Es wird Gericht gehalten über alle lebenden Völker, und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet.
Mit dem Ausdruck »alle Völker« werden wohl all die zur Zeit lebenden Heidenvölker gemeint sein. Von den Toten wird nicht gesprochen. Auch wird nicht erwähnt, daß die Liebeswerke irgendwie »im Namen Jesu« getan worden sind. Und weil die »Gerechten«, von denen Jesus hier redet, ihre Liebeswerke, die sie getan haben, in keinerlei Beziehung zu dem Herrn Christus gesetzt haben, so könnte man auch von dorther meinen, daß es sich um Heidenvölker handelt. Und weil den »Gerechten« vom Richter dennoch das »Königreich« zugesprochen wird, so könnte man die Frage aufwerfen: Können Menschen selig werden allein durch Werke? Können Menschen selig werden ohne Glauben an den Herrn Jesus Christus, ohne von Ihm je gehört zu haben? Ja, könnte man nicht sogar die Frage so formulieren, daß soziale Tätigkeit, natürliche allgemeine Menschenliebe, Nächstenliebe zur Seligkeit genüge?
Es sind wahrhaftig allerschwierigste Fragen, die hier gestellt werden. Und wir werden den Sinn des Wortes vom Völkergericht nicht bis ins letzte lösen können.
Unsere Gedanken werden darum nur vorläufige Antworten sein.
Der Hauptgedanke dieser Worte Jesu vom Völkergericht wird der sein, daß der Menschensohn einem jeden vergelten wird nach seinem Handeln und Wandeln. So ist´s auch schon gesagt in Mt 16,27b. Dieser Gerichtsgrundsatz gilt sowohl für den Christus-Nachfolger als auch für den Heiden, der die Schrift noch nicht kennt. Beide Menschengruppen werden nach ein und derselben göttlichen Gerechtigkeit gerichtet. Weil der Herr in diesem Völkergericht von allen Völkern spricht, darum redet er nicht vom Glauben als solchem, nicht vom Bekenntnis zu seinem Namen, sondern nur vom Tun und Wirken der Menschen. Und kommt nicht bei jedem Handeln und Wirken des Menschen, das in ehrlicher und lauterer Absicht selbstlos geschieht, die innerste Herzensverfassung des Menschen zum Ausdruck?
Und ist es nicht eine ganz große, übermächtige Gnade des Herrn, wenn er auf diese innerste Haltung des Herzens blickt und sie schon sieht und anerkennt »gleich einem glimmenden Docht«? Und zwar diesen innersten Funken der Lauterkeit und Wahrheit so wichtig nimmt, daß er zum Maßstab für sein Richten gemacht wird? So groß und so tief und so weit ist die Gnade des Herrn, daß sie sich an jeder lauteren und reinen Guttat des Menschen als solcher freut, und zwar so sehr freut, daß er dafür sogar mit dem Königreich der Himmel dankt.
Vielleicht murren wir wie jene Männer im Gleichnis »von den Arbeitern im Weinberg« (Mt 20,1-6), die über die »Ungerechtigkeit« des Herrn ungehalten waren, weil er denen, welche nur eine Stunde gearbeitet hatten, denselben Lohn gab, wie denen, welche zwölf Stunden sich abgemüht hatten. Vielleicht sagen wir: »Wir müssen an dich glauben, müssen dir gehorchen, müssen unser ganzes Leben lang mit allem Ernst täglich der Heiligung nachjagen, müssen alles dahintenlassen, was an irdischen Freuden und Bequemlichkeiten uns erquickt hätte usw. - und die, welche das alles nicht getan haben, die berücksichtigst du genau ebenso wie uns! Nur weil sie einem der notleidenden Menschen geholfen haben, darum bekommen sie das Königreich der Himmel! (Denn wir dürfen nicht sagen, daß die »Brüder«, die Jesus als seine Brüder bezeichnet, nur die Jünger gewesen wären. Das wäre ein eigenmächtiger Zusatz zu Jesu Wort.)
Wie würde wohl Jesu Antwort lauten auf solch ein Murren und Fragen? Wahrscheinlich würde Jesu Antwort heißen: »Erste werden Letzte sein!« Wem es zu gering scheint, den Notleidenden zu speisen, der ist des Himmelreichs nicht wert! »Warum siehst du scheel, daß ich so gütig bin?« (Mt 20,15). Sollte nicht dein Glaube sich über die unendlich große Gnade des Herrn, die auch den kleinsten Funken Lauterkeit und Wahrheit nicht übersieht, freuen und nur noch fester und inniger werden, und zwar unter dem Gesichtspunkt, daß der in Wahrheit ein wirklicher Heiland ist, der selbst für diese allerkleinsten Zeichen der selbstlosen Lauterkeit und Taten der Liebe ein Auge hat und dafür dankt mit allergrößtem Geschenk!
»Warum siehst du scheel, daß ich so gütig bin?« Ist nicht das geschilderte Murren letztlich nichts anderes als Pharisäismus, Hartherzigkeit, fromme Ichsucht, Knechtsgesinnung, aber nicht Kindesgesinnung?
Eine neue Frage bewegt uns: Beweist nicht diese Geschichte vom Völkergericht, daß der Herr nur einseitig und ganz allein das Werk anerkennt, daß man also durch Werke selig wird und nicht durch Glauben?
Wir antworten: Gewiß anerkennt der Herr das Werk. Es ist aber ein großer Unterschied, ob wir unser Werk preisen oder ob Er es preist. Wenn diejenigen, die Ihn in dem Bruder speisten, zu Ihm sagen würden: »Wir haben dich gespeist usw. Was wird uns nun dafür? ... Du bist uns verpflichtet! ...?« Dann würde der Herr wahrscheinlich antworten: Deine linke Hand wußte, was deine rechte Hand tut - und damit hast du deinen Lohn dahin! (Mt 6,3). Echte Liebe läßt den Herrn unser Werk rühmen. Denn von seiner Gnade erwarten wir das Himmelreich und nicht von unserem Werk.
Andererseits gilt es aber auch, daß unser Werk nicht von uns unbeachtet werden möchte, nicht als null und nichtig in die Ecke gestellt werde, wie bei dem faulen Knecht (Mt 24,48-51; 25,14-30), der nichts tat. Toter Glaube bringt keine Werke. Es gibt nur zwei Wege. Entweder wir tun Gottes Willen - oder wir tun unsern Eigenwillen. Wen das Leben in der Nachfolge nicht zum Tun des Gotteswillens führt, der geht den andern Weg und hat »das Öl nicht im Ölkrug« und hat sein Talent verscharrt!
Noch eine Frage: Der Herr sagt (V. 34) zu den Gerechten: »Ererbet das Reich, das euch seit Grundlegung der Welt bereitgestellt ist.« In dem Verdammungsurteil dagegen spricht der Herr von dem ewigen Feuer, das »dem Teufel und seinen Engeln« bereitet ist. - Wie ist das gemeint? »Für die Gerechten seit Grundlegung der Welt« und dann: »für die Verlorenen, dem Teufel und seinen Engeln bereitet«?
Antwort: Die Hölle gehörte ursprünglich nicht in den Schöpfungsplan hinein. Sie ist erst später auf Grund des Abfalls der Engel hinzugekommen. Und da war sie nur für diese bestimmt, nicht für die Menschen. Es ist also unbiblisch und widerbiblisch, zu behaupten: Gott hat von Anfang an auf Grund seines ewigen Ratschlusses einen Teil der Menschheit von Ewigkeit her für die Hölle bestimmt und einen andern Teil für den Himmel. Diese Geschichte vom Völkergericht zeigt uns, trotz des schweren Ernstes der Verwerfung, daß Gott will, daß alle Menschen selig werden sollen (1Tim 2,4). Gott ist fürwahr kein harter Herr (Mt 25,24). Sein Auge und Herz ist so weit, so weit nur Gottes Auge und Herz sein können!

Lukas 16, 19-31

19 "Es war aber ein Mensch, der war reich und kleidete sich in Purpur und Byssus und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.

20 Ein Bettler aber mit Namen Lazarus war hingeworfen vor seine Tür, mit Geschwüren bedeckt.

21 Dieser begehrte sich zu sättigen von dem, was von dem Tische des Reichen herabfiel. Sogar die Hunde kamen und beleckten mitleidig seine Geschwüre.

22 Es geschah aber, daß der Bettelarme starb, und er wurde getragen von den Engeln in Abrahams Schoß. Es starb aber auch der Reiche und wurde begraben."

23 "Als dieser nun im Totenreich war, wo er Qualen litt, hob er seine Augen auf und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.

24 Und er rief und sprach: 'Vater, Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, daß er die Spitze seines Fingers in Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme!'

25 Abraham aber sprach: 'Kind, denke daran, daß du dein Gutes in deinem Leben empfangen hast, und Lazarus gleicherweise das Schlimme. Jetzt aber wird er hier getröstet, du aber leidest Pein.

26 Und bei alledem ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, auf daß die, welche von hier zu euch hinübergehen wollen, nicht können, daß sie aber auch von dort nicht zu uns herübergelangen.'"

27 "Er sprach aber: 'Ich bitte dich nun, Vater, daß du ihn sendest in das Haus meines Vaters;

28 denn ich habe fünf Brüder, auf daß er ihnen feierlich bezeuge, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual!'

29 Abraham aber sagte: 'Sie haben Mose und die Propheten, die laß sie hören!'

2Tim3,16

30 aber sprach: 'Doch nicht, Vater Abraham, sondern wenn jemand von den Toten zu ihnen hinginge, so werden sie sich bekehren.'

31 Er aber sprach zu ihm: 'Wenn sie Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand aus den Toten auferstehen würde.'"

Das Leben und Sterben des Reichen und des Armen. Lk 16,19-22

Der erste, kürzere Teil des Gleichnisses, der sich mit dem Vorgang auf Erden befaßt, zeigt einen reichen Mann in seinem irdischen Tun und Lebensgenuß als einen untreuen Haushalter hinsichtlich dessen, was "das Gesetz und die Propheten" forderten und was der Reiche wußte. Des Armen Frömmigkeit und die Gottlosigkeit des Reichen werden nur angedeutet.
Mit den Worten: "Ein Mensch aber war reich" wird die Hauptperson der Erzählung eingeführt. Im zweiten Satz wird das fröhliche Prunkleben dieses Reichen geschildert. Es ist ein Gemälde mit starken Strichen und verständlichen Zügen. Purpur war die dunkelrote Farbe eines Wollstoffes, der in überaus hohem Preise stand. Byssus war ein nicht minder kostbarer Baumwoll- oder Leinenstoff, der wegen seiner lichtweißen Farbe ebenfalls sehr teuer war. Beide Stoffarten waren so vornehm, daß nur Könige und Priester solche Gewänder tragen konnten.[ A ] Fröhliche Gelage fanden nicht nur dann und wann, sondern täglich bei ihm statt. Bei allen Vergnügungen trug er den prunkvollen Glanz seiner herrlichen Kleidung zur Schau, wie es durch das grie "lampros" zum Ausdruck kommt. |394|
A) Mit diesen Angaben über die Kleidung wird ausgesagt, daß auf Grund seiner maßlosen Prunksucht dem reichen Manne nur die kostbarsten Gewänder genügten. Mit diesem Prunken in kostbarster Kleidung stand seine üppige und luxuriöse Lebensweise in Zusammenhang. Er benutzte sein Gut für Vergnügungen in geselligen Tafelfreuden.
Im stärksten Kontrast zu dieser Schilderung des Glanzes und der Pracht wird ein von allem zeitlichen Glück Entkleideter im tiefsten Elend beschrieben. Wie sich der Reiche täglich herrlich ergötzte, so war die Not des Bettelarmen sein täglich gleichbleibender Jammer.
Auffällig ist, daß der Name des Reichen unerwähnt bleibt, der des Armen aber genannt wird. Es ist die einzige Namensnennung in allen Gleichnissen Jesu. Der Name Lazaros wird entweder von "Lo-eser" oder von "Ele-azar" abzuleiten sein. Der Name "Loeser" bedeutet "Ohne Hilfe", in diesem Fall wäre der Arme ein von Hilfe Verlassener; "Eleazar" heißt "Gott ist die Hilfe", in dieser Beziehung wäre Lazarus einer, der Gott seine Hilfe sein läßt. Die gleiche Bedeutung des Namens Lazarus mit dem geläufigen "Eleazar" weist darauf, daß der Arme sein Elend im Vertrauen auf Gott ertrug.
Lazarus war an dem Torweg des Reichen "hingeworfen".[ A ] Diese Form "hingeworfen" bringt die Passiv-Konstruktion des Urtextes besser zur Geltung. Es kann jemand durch eine Krankheit niedergeworfen werden (vgl. Mt 8,6.16;Mk 7,30). Hier hat es den Sinn, daß sich der Arme nicht einmal selbst frei bewegen konnte, und dann, daß die Leute, die ihn vor die Tür des Reichen brachten, sich seiner entledigten wie von einer schweren Last, die man hinwirft.
A) Der Torweg, wohin man ihn geworfen hatte, lag unmittelbar vor dem Eingang in das Innere des Hauses. Der Hausbesitzer, der hier oft aus- und einging, mußte den Ärmsten unweigerlich sehen. Wie wenig der Bettler das Mitleid des Reichen erregte, besagt das Folgende.
Er lag am Tor mit Geschwüren bedeckt. Eine so bösartige Krankheit, die offen vor Augen lag, erforderte dringend eine barmherzige Pflege. Neben der Pflegebedürftigkeit hätte sein ungestillter Hunger das Mitleid des Reichen ansprechen sollen. Aber im Hause des Reichen war keine Hilfsbereitschaft vorhanden. Ähnlich wie in einem der vorigen Gleichnisse erbarmte sich keiner über ihn (Lk 15,16).
In drastisch steigender Form heißt es zugleich weiter: "Aber sogar die Hunde kamen und leckten seine Geschwüre ab". Dem Armen wurde weder Pflege noch Fürsorge gewährt. Er wurde so wenig beachtet, daß nur die Hunde sich seiner annahmen, die auf hündische Art seine Geschwüre mitleidig beleckten. Die Gelehrten sind sich uneinig darüber, ob das Lecken der Hunde zur Linderung oder zur Mehrung der Schmerzen geschah.
Der Fortgang der Erzählung spricht von dem glückseligen Zustand, in welchen Lazarus durch den Tod versetzt wurde. Von einem Begräbnis des Armen wird nichts erwähnt, was auch gar nicht vermißt wird. Jesus läßt durchblicken, wie das Sterben für den Armen das Ende seines Leidens und der Eingang in die Seligkeit war. Von der Erde, dem Schauplatz seines Leidens, trugen ihn Engel in den Schoß Abrahams. Der Busen oder der Schoß Abrahams ist in der jüdischen Theologie die Bezeichnung für die Gemeinschaft der verstorbenen Frommen mit Abraham im Scheol. Abraham erscheint den Israeliten als persönlicher Sammel- und Mittelpunkt im Totenreich. Es ist dem |395|  Israeliten darum größte Seligkeit, mit Abraham versammelt zu werden und mit ihm die Glückseligkeit gemeinsam genießen zu dürfen. Die Vorstellung der Tischgemeinschaft liegt nicht notwendig in diesem Ausdruck. Es ist der Engel Beruf, die sterbenden Frommen in Abrahams Schoß zu tragen. So wurde auch Lazarus durch den Dienst der Engel dahin versetzt. Jesus sagt von dem Armen nur das aus, was auch von jedem anderen Frommen in Israel gilt.
Das von dem Armen Gesagte leitet weiter zur Geschichte des Reichen. Es wird berichtet, daß er auch starb. Ehe aber gesagt wird, in welcher Lage er sich befand, wird hinzugefügt: "Und er wurde begraben". So wenig die Erwähnung des Nichtbegrabenwerdens bei dem Armen vermißt wird, so wirkungsvoll erscheint aber dieser Zusatz bei dem Reichen. Von allen Gütern dieser Welt blieb ihm nur das Grab, dem der Leib zur Verwesung übergeben wurde. In diesen Worten liegt ein angedeuteter Gegensatz zu dem Getragenwerden des Armen in Abrahams Schoß. Für Lazarus brachte der Tod das Ende seines irdischen Leidens, für den Reichen das Ende seines irdischen Glücks
.
Das Ergehen des Reichen jenseits des Grabes. Lk 16,23-31

Die Wendung des Geschicks erfolgte sogleich nach dem Tode. Der Hades, der grie Ausdruck für das hebr "Scheol" ist der allgemeine Aufenthaltsort der abgeschiedenen Seelen (vgl. 1Mo 37,35; Apg 2,27.31), der in zwei Teile geschieden ist, einen Ort der Glückseligkeit für die Frommen und einen Ort der Qual für die Gottlosen, welcher auch Gehenna genannt wird.

Die Bitte des in der Qual Befindlichen und Abrahams Antwort. Lk 16,23-26

Der Reiche befand sich am Ort der Qual. Das Aufheben seiner Augen ist als ein Auf- und Ausschauen des Gepeinigten nach Hilfe zu denken. Es ist vom Aufheben der Augen, von der Zunge des Reichen, vom Finger des Lazarus, vom Peinleiden in der Flamme und vom Erquicktwerden durch Wasser die Rede. Von den abgeschiedenen Seelen wird so gesprochen, als befänden sie sich im Stande des leiblichen Lebens. Die Empfindungen und Lebensäußerungen der Abgeschiedenen können auf keine andere Art sprachlich ausgedrückt werden als so, wie Jesus es hier getan und wie es der Wirklichkeit entspricht.
Der Gepeinigte, der durch Aufheben seiner Augen Hilfe suchte, sah Abraham von ferne. Der Erzvater befand sich am Orte der Seligkeit, fern vom Ort der Qual. Lazarus war in seinem Schoße. Damit wird die Vergeltung, die dem Reichen jenseits des Grabes für sein Verhalten im irdischen Leben zuteil wurde, bestimmt hervorgehoben.
Er wendet sich mit seiner Bitte an Abraham, Lazarus zu senden, daß er mit einem Tropfen Wasser an der Spitze seines Fingers ihm die Zunge kühle, um die Glut seiner Qual zu lindern. Eine Geringschätzung des Lazarus, als ob er noch über ihn verfügen könnte, liegt nicht vor. Die Bitte um eine so geringfügige Dienstleistung entsprach dem Bewußtsein, daß er eine Befreiung aus der Qual nicht erwarten konnte. Die Anrufung Abrahams als Vater enthält keinen Rechtsanspruch auf Gewährung seiner Bitte wegen seiner Abstammung von Abraham. Der Reiche möchte nur das Mitleid des Erzvaters erregen.
Durch die Anrede "Kind" atmet Abrahams Entgegnung mitleidige Liebe. Es ist ihm aber unmöglich, die Bitte des Reichen zu erfüllen. Er erinnert ihn zunächst daran, was er bereits im irdischen Lebens empfangen hat und was dagegen Lazarus erleben mußte. Der Reiche hat sein "Gutes" in seinem zeitlichen Leben genossen, Lazarus dagegen das Schlimme. Die gegenwärtige Verschiedenheit der Lage beider im Hades steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Ergehen im Erdenleben.
Zwischen den Seligen und Unseligen im Hades ist eine "große Kluft" befestigt, die keine Willkür und kein Mitleid durchbricht. Es ist ein unüberschreitbarer, weit gähnender, tiefreichender, überall brückenloser Zwischenraum der Scheidung. Durch die "große Kluft" wird die Trennung des Ortes der Seligen vom Ort der Verdammten als eine unabänderliche Weltordnung bezeichnet. Die Gewährung der Bitte des Reichen ist aus diesem Grunde unerfüllbar.

Die zweite Bitte des Reichen und Abrahams Antwort. Lk 16,27-31

Das Verlangen des Reichen, daß Lazarus als Zeuge zu seinen Brüdern gesandt wird, weist Abraham mit den Worten ab: "Sie haben Mose und die Propheten, die laß sie hören!" Mit der Benennung "Gesetz und Propheten" wird die gesamte alttestamentliche Schrift zusammengefaßt. Das AT erteilt keine ausdrückliche Auskunft über die Pein, die den Gottlosen im Hades erwartet, aber es legt überall ein mahnendes und warnendes Zeugnis gegen die Reichen ab, die ihren Reichtum in Genuß- und Prunksucht verschwelgen und hart gegen Arme und Elende sind. Gottes Gericht bricht unausbleiblich über sie herein. Die fünf Brüder des Reiches sollen auf die Zeugen, die sie haben, hören und ihnen gehorchen.
Die Abweisung Abrahams reizt den Bittenden noch einmal zur Widerrede. Der Reiche meint, daß seine Brüder Mose und den Propheten gegenüber in dem gleichen unbußfertigen Unglauben verharren werden, wie er selbst bei Lebzeiten seine Unempfänglichkeit gegen die Schrift bewiesen hat. Er meint, das Zeugnis eines von den Toten würde einen wirksamen Eindruck auf seine Blutsverwandten hinterlassen. Die Erwartung, das Zeugnis eines Menschen,, der von den Toten kommt, werde Buße bewirken, hält Abraham für einen Irrtum, denn die Wirkungskraft zur Umkehr enthält die Schrift. [ A ]
A) Das ganze Gleichnis ist auf die letzte Aussage Abrahams abgestimmt, daß, wer der Heiligen Schrift kein Gehör schenkt, auch nicht darauf achten wird, wenn ein von den Toten Auferstandener Buße predigt.
Es verhält sich in Wahrheit so, daß, wer Mose und den Propheten nicht glaubt, auch durch eine Totenauferstehung nicht zu überzeugen ist. Das Zeugnis der Schrift ist derart wichtig und vollgültig, daß es allein genügt, eine Bekehrung zu bewirken. Ein Wunderzeichen, das auf die Sinne wirkt, reicht bei weitem nicht an das außergewöhnliche Zeugnis der Schrift. [ A ]
A) Besondere Offenbarungen von Hellsehern, Spiritisten oder von Totenerscheinungen und anderen neueren Propheten sind völlig überflüssig, ja sogar unbiblisch und verwerflich.
Jesus hatte bei diesem Gleichnis zunächst die Pharisäer im Auge. Sie sollten sich in dem Reichen selbst erkennen, weil sie in ihrem Hängen an Geld und Gut jenen Menschen glichen. Die Mahnung und Warnung des Herrn an Seine Jünger gegen den Mammon schoben sie spottend beiseite. Hätten aber die Pharisäer auf die Schrift oder auf Mose und die Propheten geachtet, würden sie Jesu Lehre nicht verspottet haben, sondern sie hätten darauf gehört und sich bekehrt.
Was Jesus diesen Pharisäern sagt, gilt allen, die an Geld und Gut hängen und unbarmherzig gegen Arme und Elende sind. Wer nicht auf die Warnung der Schrift achtet, sich vor einer egoistischen Verwendung des Geldes zu hüten, fällt unter das gleiche Urteil des Herrn.
Wie schon in der Einleitung erwähnt wurde, bietet die Parabel keine besonderen Aufschlüsse über das Leben nach dem Tode. Was hier über das Totenreich gesagt wird, geht nicht über die atst Zeugnisse hinaus. Ein Wiedersehen und ein Wiedererkennen kann aus diesem Gleichnis jedoch mit Recht voll und ganz gefolgert werden. Der Zweck dieser Erzählung aber ist, die Wahrheit zu veranschaulichen, daß jedem nach dem Tode vergolten wird, was seinem Leben und WEandel auf Erden entspricht. Über den Zeitpunkt der Vergeltung und der Scheidung der Gottlosen von den Frommen im Hades (vgl. Mt 25,46) erteilt das Gleichnis keine weitere Auskunft. In der Verweisung des Reichen auf Mose und die Propheten ist deutlich ausgesprochen, daß die Heilige Schrift alles enthält, was wir für unsere Bekehrung und Errettung wissen müssen. [ A ]
A) Erwäge: 1. Wo bleiben wir nach dem Tode? 2. Macht das Sterben selig? Was der Mensch sät, das wird er ernten. 3. Bringt der Reichtum in die Hölle, die Armut in den Himmel? Glaube oder Unglaube entscheidet - "alle Tage". 4. Können sich Menschen nach dem Tode bekehren? 5. Wird es Unterschiede in der Herrlichkeit geben? Abraham erscheint als der Höhergestellte. 6. Werden sich die Abgeschiedenen wiedererkennen? Der Reiche erkennt Lazarus und Abraham. 7. Wie beschreibt der Herr das Seelenleben nach dem Tode? Nicht Traum und Schlaf - sprechen, sehen, fühlen. 8. Worin besteht die Qual der Unseligen? (Mk 9,44). Begierden brennen, Reue nagt wie ein Wurm. 9. Was ist das einzige Mittel zur Bekehrung? Wort Gottes - nicht Wunder. - Totenbefragen streng verboten. 10. Wie wird Lazarus über die großen Leiden denken?(Rö 8,18)

Offenbarung 20, 11-15

11 Und ich sah einen großen weißen Thron und den Thronenden darauf, von dessen Angesicht flohen hinweg die Erde und der Himmel, und ihnen wurde kein Ort (mehr) gefunden.

Jes 6,1; Dan 7,9; Ps 114,3.7; Dan 2,35

12 Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, stehend vor dem Thron, und Bücher wurden geöffnet, und ein anderes Buch wurde geöffnet, das (das Buch) des Lebens ist. Und die Toten Wurden gerichtet aus dem Geschriebenen in den Büchern nach ihren Werken.

Dan 7,10; Ps 69,29

13 Und das Meer gab die Toten, die in ihm (waren), und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen (waren), und |508| sie wurden gerichtet - ein jeder - nach ihren Werken.

Jer 17,10; Ps 28,4;62,13

14 Und der Tod und der Hades wurden geworfen in den Feuerpfuhl. Dieser Tod ist der zweite (Tod), (nämlich) der Feuerpfuhl.

15 Und wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens,. wurde er in den Feuerpfuhl geworfen.

Dan 12,1; Ps 69,29

Das endgültige Gericht über die Menschen  Offenbarung 20,11-15

Paulus, faßt 1 Ko 15,24 den sachlichen Gehalt dieses Abschnittes in den einen Ausdruck: "Das Ende"[ A ]. Diesem Ende geht dort im Zusammenhang die Vernichtung "jeder Macht und Gewalt und Kraft" voraus. Dem entsprechen in der Offb die Abschnitte 19,17-21 und 20,7-10, also des endgültige Gericht über den Antichristen und den Satan.
A) Dafür in der christlichen Sprache "Jüngstes Gericht", ein altertümlicher Ausdruck für "letztes Gericht". Luther übersetzte damit den ntst Begriff "Tag Gerichts" in Mt 10,15;11,22.24;12,36.41.42;Mk 6,11. der aber in der revidierten Ausgabe von 1956 wörtlich wiedergegeben wird, so daß heutige Bibelausgaben den Begriff nicht mehr enthalten.
Beispielhaft ist, wie Paulus das Ende in das Licht von Ostern stellt. "Alle werden lebendig gemacht. Ein jeglicher aber in seiner Ordnung: der Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird, danach das Ende." Die Kraft der Auferstehung zieht durch bis an die äußersten Grenzen, die Ausläufer von Ostern erreichen alle und alles. Kein Mensch, keine Tat, kein Wort, das nicht eines Tages vor dem lebendigen Jesus steht und zu dem der Vater unseres Herrn Jesus nicht Stellung bezieht. Das Evangelium wird empfindlich gestutzt, wenn wir diese Linien nicht ausziehen und den Inhalt dieses Abschnitts nicht in unser Bekenntnis aufnehmen. Wir müssen wieder viel selbstkritischer werden gegen unsere Empfindung, solche Predigt würde nur das Osterlicht dämpfen und habe um der größeren Ehre Gottes willen zu unterbleiben.
In unserem Visionszyklus ist unser Abschnitt unmittelbar mit der Parusie (19,11-16) verknüpft. Er vervollständigt den Dreiklang des Gerichtes: Gericht über den Antichristus (19,17-21), Gericht über den Satan (20,7-10) und Gericht über die Menschen (20,11-15). Dem Kommen Christi in Macht und Herrlichkeit entspricht das Vergehen seiner Feinde mit Schimpf und Schande. Jedoch bezeugt das eingeschobene Stück 20,1-6, daß Christus nicht nur als Richter, sondern auch als Retter. Sollte sich die Rettung aber nur auf die dort erwähnte Zeugengemeinde beziehen und auf keinen einzigen Menschen, der hier vor dem weißen Thron steht? Sind nur die Teilhaber der ersten Auferstehung Gerettete und die Teilhaber der allgemeinen Totenauferstehung ausnahmslos Verdammte? Rissi überschreibt diesen Abschnitt tatsächlich "Die Offenbarung der Verdammten". Nach seinem Verständnis gelangen diese Toten im Gegensatz |509|  zu den in 20,6 ausdrücklich Seliggepriesenen alle in den Feuerpfuhl. Allerdings faßt er den Feuerpfuhl nicht als endgültiges Verderben auf. Für ihn ist dieser Abschnitt also noch nicht "das Ende", vielmehr folgt es erst später, und zwar in dem Sinne, "daß die ganze Menschheit, Leib Christi" wird"[ A ]. - Mit diesen Fragen gehen wir an die Auslegung heran.
A) M. Rissi, Was ist, S. 130.
Nachdem Johannes gerade mehrere Throne gesehen hatte (V. 4), heißt es: Und sich sah einen einzelnen Thron.
11 Auch Daniel schaute nach 7,9 mehrere Throne für Gerichtsbeisitzer und einen einzelnen Thron für den Richter. Wenn dieses Bild bei Johannes auch in zwei Visionen zerlegt ist (V. 4 und V. 11), soll die eine Vision doch nicht für die andere verloren gehen. Zu dicht stehen die Verse beieinander. Auch verbindet sämtliche Throne die Aussage, daß von ihnen herab gerichtet wird. Schließlich war es bei der Schau der thronenden Zeugen in V 4 schon merkwürdig genug, daß sie zwar "mit Christus" richteten, ohne daß dieser aber auf seinem Thron zu schauen war. Daraus ergibt sich die Tatsache einer zwar thematisch strengen Trennung der Visionen: Dort ist eben die thronende Gemeinde das Thema, hier der thronende Gott und Christus - sachlich dagegen ist hier nichts zu trennen. Die Gemeinde thront und richtet genau so wenig ohne ihren Herrn wie der Herr ohne seine Gemeinde. Keinesfalls dürfen wir uns die Zeugen Jesu unter den zum Gericht angetretenen Toten vorstellen[ A ].
A) Weder zeitlich noch sachlich, fällt das Gericht über die Gemeinde mit dem über die Welt zusammen. Beteiligung der Gemeinde am Gericht spricht 2,26 aus (vgl. 3,21), Beteiligung des Lammes und der Engel übrigens 14,10.
Nach dieser Klärung konzentriere sich die Aufmerksamkeit auf den Hauptthron. Zwei Beifügungen heben ihn gegen die Nebenthrone ab. Er ist ein großer Thron, also offenbar wie jener "hohe und erhabene" Stufenthron in Jes 6,1. wodurch wir an einen imposanten Hochsitz denken. Schon solche äußeren Merkmale waren für Orientalen Sprechend. Je höher der Thron, desto erhabener die Herrschaft, die er repräsentierte.
Neben diesem Höhenunterschied zu den Thronen in V 4 sticht auch das blendende Weiß an diesem einzigartigen Thron ins Auge. Es ist wieder der überirdische Lichtglanz von 14,14 (s. d.). Darüber hinaus haftet dem Weiß im Altertum auch das Triumphale an. Hier thront der Sieger des Endes. Sicher fehlt dieser Farbton nicht ohne Grund in der Thronbeschreibung von K. 4. Dorf hatte die Herrschaft Gottes noch mit großen Widerständen aufzuräumen, hier aber hat sie sich endlich triumphal durchgesetzt. |510|
Johannes sah auch den Thronenden darauf. Er ist von solch einer Majestät, daß Johannes seinen Namen wieder nicht über die Lippen bringt (vgl. 4,3). Und doch ist dieses Sichausschweigen deutlicher Hinweis auf Gott selbst. J.A. Bengel harmonisiert diese Stelle mit anderen ntst Aussagen, nach denen Gott das ewige Geschick eines jeden Menschen ausdrücklich in die Hand Jesu gelegt hat[ A ], und sieht darum hier Jesus thronen. Gewiß enthält auch unser Abschnitt einen Hinweis auf die Anwesenheit Christi im Endgericht (V. 12b), aber dieser Hinweis befindet sich eben nicht schon in diesem Vers, so daß es exegetisch kaum möglich sein dürfte, hier den Thronenden mit Christus gleichzusetzen.
A) Mt 16,27;25,31;Jo 5,22-30;Apg 10,42;17,31.
Nach der Botschaft des NT haben wir uns hier im übrigen nicht in ein Entweder - Oder treiben zu lassen. Zwischen Gott und dem Lamm gibt es keine Konkurrenz und keine Eifersucht um die Herrlichkeit. Wo Gott thront, thront in alle Ewigkeit auch das Lamm (3,21;22,3); wo er richtet, tut er es nicht ohne den Sohn (6,16;vgl. Jo 3,35;5,22-30). Daß Christus in dieser Vision vom "Ende" so stark zurücktritt, mag ein äußerliches Zeichen für jenen geistlichen Vorgang sein, den Paulus 1 Ko 15,28 zur Sprache bringt: Die Parusie des Herrn wird nicht nur mit der Niederwerfung aller Feinde, sondern auch mit einem außerordentlichen Beweis des Sohnesgehorsams verbunden sein. Der Sohn fällt auch zum Zeitpunkt seiner höchsten Macht nicht aus dem Willen des Vaters heraus. In diesem Sinne also tritt der Sohn zurück. Aber was ehrt den Sohn mehr als eben diese Ehrung des Vaters? So sind beide herrlich und thronen in Gemeinschaft.
Von Dem Angesicht des Thronenden flohen hinweg die Erde und der Himmel. In 6,16 schlug das entsetzliche Richterantlitz die Menschen in die Flucht, die sich wie einst Adam hinter der Schöpfung verstecken wollten. Hier wird das Bild dahin ergänzt, daß ihnen dieses Versteck entzogen wird und in alle Winde zerstiebt[ A ]. Der Ausdruck Erde und Himmel ist in dieser Reihenfolge in der Bibel nicht üblich. Ob sich darin das widerspiegelt, was wir "Schöpfung rückwärts" nannten? (Exkurs 5c).
A) Die Bildrede von der Flucht der Elemente auch in 16,20;vgl. Ps 114,3.7. Andere Bilder für die Auflösung der alten Schöpfung sind Verbrennen, Wegbewegtwerden oder Vergehen.
Jedenfalls zielt der Vorgang auf den Menschen. Der Kosmos, den der Mensch sich zur Festung gegen Gott gemacht hat, explodiert ihm nach allen Seiten. Nun deckt ihn kein Himmel und birgt ihn keine Erde mehr. Der gesamte natürliche Rahmen wie Rasse, Volk, Stand, |511|  Beruf, Familie, Ehe, Kultur und Geschichte platzt ab. Der Mensch selbst kommt zum Vorschein, wie etwa ein Kuchen zum Vorschein kommt, wenn die Hausfrau die Kuchenform abnimmt. In diesem Sinne dient das Vergehen der Schöpfung dem Offenbarwerden des Menschen. Der Mensch selbst - ohne Antichrist, ohne Satan und ohne Kosmos - bleibt übrig vor Gott.
Für Himmel und Erde wurde kein Ort mehr gefunden[ A ]. Die Schöpfung flieht nicht irgendwohin, sondern ins Nirgendwohin. Sie verschwindet spurlos, so daß Menschen, die ihre Hoffnung auf die Kreatur gesetzt haben, hoffnungslos sind. Auf dem Schauplatz bleiben in ungeheurer Leere der thronende Gott und die Menschen zurück. Zu Gott gehören selbstverständlich das Lamm, die Gemeinde und die Engel. Aber hier ist jedes Vielerlei zurückgedrängt und alles auf das eine Thema abgestellt, von dem nichts ablenken soll: der Mensch und sein Gott.
A) Ein alter Gerichtsausdruck, s. Da 2,35;Offb 6,14;12,8;16,20;18,21; vgl. auch Anm. 108.
12 Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, stehend vor dem Thron. Gern wären auch diese Menschen vor dem Antlitz auf dem Thron geflohen[ A ], aber es ist, als ob eine Stimme dazwischendonnert: Steht! Und sie stehen gebannt, vor ihren Richter gezwungen. Während also alles ins Nichts entlassen wird - der Mensch nicht. Er "überlebt" sämtliche Auflösungen, auch die vielleicht gewünschte Auflösung im Tode. Weder kann er durch Selbstmord "Schluß machen", noch macht der Tod Schluß. Das Schlußmachen hat Gott sich selbst vorbehalten. Er wird der Letzte sein, wie er der Erste war. So stehen die Menschen in der allgemeinen Fluchtbewegung wie angenagelt vor Gott[ B ].
A) "Stehen" kann hier also nicht wie in 6,17 mit "bestehen" wiedergegeben werden.
B) Im apokalyptischen Henoch-Buch heißt es ähnlich: "Fürwahr, ich sah sie alle gefesselt vor ihm stehen" (90,23).
Sie stehen da unterschiedslos und gemeinsam als die Großen und Kleinen (vgl. Anm. 428). Darum ist es nicht ganz richtig, hier nur ein individuelles Gericht zu sehen. Gewiß wird jeder einzelne gerichtet, aber jeder im Angesicht aller. Miteinander und voreinander werden sie vor Gott offenbar. Das Gericht über den einzelnen wird zu einem Gericht über die Gesellschaft.
Aber sind mit den Toten wirklich Auferstandene gemeint? M. Rissi verneint die Frage. "Die Menschen stehen in ihrem Todeszustand vor dem Thron"[ A ]. Nach Rissi erfolgt die zweite Auferstehung erst nach dem zweiten Tod im Feuerpfuhl. Wie die erste Auferstehung den ersten Tod beende, so die zweite Auferstehung den zweiten Tod, und zwar ebenfalls als "heilschaffende Realität. Aber so bestechend |512|  einfach dieses Verständnis auch anmutet, ist es exegetisch kaum haltbar. Nach V 13 setzt das Stehen der Toten vor dem Thron eine Entmachtung des Todes und des Totenreiches voraus. So hat also Jesus seine Schlüsselvollmacht von 1,18 eingesetzt und kraft seiner Auferstehung alle Toten auf die Beine gestellt. Nicht umsonst heißt es, daß sie "stehen", statt dahingestreckt in Todesschatten zu liegen.
A) M. Rissi, Was ist, S. 124 und 127; Die Zukunft der Welt, S. 94.
Zum Haltungswechsel tritt ein ausdrücklicher Ortswechsel: Sie stehen nicht im Totenreich, sondern vor dem Thron. Schließlich ist durch V 5 auch der Zeitpunkt der allgemeinen Auferstehung festgelegt. Sie findet nicht nach dem Sturz in den Feuerpfuhl, sondern nach der Vollendung der tausend Jahre statt. So darf an dieser Stelle das Fehlen des Ausdruckes "zweite Auferstehung" nicht irritieren. Es ist dem Leser selbst überlassen, die Zählung fortzusetzen.
Erst in dieser Auferstehung eines jeden einzelnen kommt die Auferstehung Jesu zur Ruhe. Unaufhaltsam dringt Ostern vor, über die erste Auferstehung zur zweiten, allgemeinen Auferstehung, bis es auch beim allerletzten Glied der Menschheit angekommen ist. Wer diese allgemeine Auferstehung nicht mitbekennt, leugnet nach Paulus schon deren Anfang in der Auferstehung Jesu Christi. Das alles hängt so wesentlich zusammen, weil auch die Vernichtungsgewalt des Todes aufs Ganze geht und kein Glied der Menschheit ausläßt. Die Gegenbewegung Gottes würde ja in einem Teilsieg hängenbleiben, wenn sie vor irgendeiner Gruppe von Toten zum Halten käme. Darum müssen alle Widerstandsnester des Feindes ausgehoben, alle von ihnen besetzten Höhen genommen und auch die letzten von ihm verteidigten Tiefen ausgeräuchert werden, sonst wäre das Evangelium kein Evangelium.
Gerade angesichts der Toten zeigt sich, ob wir eine Siegesbotschaft haben. Der Tod ist ja der brutalste Gegensatz zum lebendigen Gott und darum auch ein furchtbarer Schlag gegen den Glauben an Gott. Das schmerzvolle Leiden, die zweifelvollen Anfechtungen oder auch das bewußtlose Daliegen scheint gering gegen den Eintritt des Todes selbst, dieses "Beil des Nichts" (E. Bloch). Solange die Toten tot sind, wird es diesen fast übermächtigen Erfahrungs-Atheismus geben, der wohl jeden von uns einmal angehaucht hat. In solchen Augenblicken kann alles, was nicht Bekenntnis zur Auferstehung Jesu in ihrer ganzen Reichweite ist, als verantwortungslose Redensart wirken[ A ].
A) In 1 Ko 15 und auch hier in der Offb wird die Auferstehung nicht unter dem Gesichtspunkt der Heilsvollendung der Gläubigen behandelt, sondern weil Christus herrschen muß, bis wirklich alle seine Feinde zu seinen Füßen liegen, darum werden die Toten leben. In diesem Punkt müßte unsere Verkündigung wieder reicher und weiter werden.
Und die Toten wurden gerichtet. Indem wir die Art und Weise des Endgerichtes noch überschlagen, stellen wir uns zunächst dem großen |513|  Ernst dieser Tatsache selbst. Es wird gerichtet! (V. 12 und V. 13). Die Bibel kennt keine Übergehung des Bösen. Auch Gottes Liebe macht Gottes sachliche Stellungnahme zum Bösen nicht überflüssig. Er unterzieht jedes gelebte Leben einer Beurteilung und erteilt jeder jemals ergangenen Herausforderung eine Antwort. Zu nichts wird er am Ende geschwiegen haben. Nach einem jahrtausendelangen Stillehalten wird die Menschheitsgeschichte aufgearbeitet.
In diesem Gericht ertönt nichts als die Stimme des Richters. Von den Gerichteten heißt es lediglich, daß sie vor ihm stehen. Sie reden nichts (Hio 9,3), sie antworten nichts, und sie werden ja auch nichts mehr gefragt. Wiederholt heißt es, daß nach dem "Geschriebenen" gerichtet wird, nicht nach dem, was sie sagen. Sie stehen jetzt vor einem Forum, das nicht mehr auf Verhöre mit ihren unvermeidlichen Fehlerquellen angewiesen ist. Zwar mögen sich manche Menschen zurechtgelegt haben, was sie dann alles zu Gott sagen wollen, aber da hat niemand mehr etwas zu sagen. Auch Zusatzerklärungen, wie man es doch gemeint habe und was andere getan hätten, entfallen. Es ist alles bekannt.
Dieses unglaubliche "Gott weiß!" predigt nun die Vision von den Büchern. Und Bücher wurden geöffnet, und ein anderes Buch wurde geöffnet. Zweierlei Bücher bilden die Grundlage dieses Gerichtes. Von der einen Art gibt es nur ein einziges Exemplar, von der anderen Art dagegen eine Mehrzahl[ A ]. Das einzelne Buch enthält nach V 15 Namen, in den anderen Büchern sind die Werke der Angeklagten verzeichnet.
A) Das Judentum lehrte die Existenz von zwei Werke-Büchern. In das eine kommen die Gesetzeserfüllungen, in das andere die Übertretungen, Schrenk, Ki-Th W I, S. 619, A. 23.
Bücher zu besitzen war im Altertum nicht eine Sache für Herrn Jedermann, sondern Vorrecht der Herrscher und Könige. Wenn Gott im AT ein König genannt werden konnte, konnte darum auch im gleichen bildlichen Sinn davon gesprochen werden, daß er im Himmel Bücher, Listen und Chroniken führen und Eintragungen und Streichungen von schwerwiegender Bedeutung vornehmen lasse[ A ]. So stehen diese Bücher für das machtvolle Wissen Gottes. Alles, was Menschen tun, sagen oder auch nur denken, ist von ihm wahrgenommen. Bei keiner unserer Handlungen ist er abwesend. Deswegen gibt es keine zuschauerlose Sünde - Gott schaut zu; und keine wirklich heimliche Schandtat - Gott ist Mitwisser. Ihm bleibt auch alles gegenwärtig, während wir auf Grund unseres schlechten Gedächtnisses |514|  bald ein gutes Gewissen zurückgewinnen und wieder unverfroren sicher auftreten.
A) 2 Mo 32,32.33;Ps 69,29;Ps 139,16;Jes 65,6;Jer 22,30;Mal 3,16;Da 7,10;12,1. Das Judentum bildete sich sehr ausführliche und massive Vorstellungen von der himmlischen Buchhaltung. Zwei Engel tragen täglich Buchungen ein, die dem Sünder in der Sterbestunde oder im letzten Gericht vorgelesen werden. Dabei ahnen sie nicht, daß auch über sie selbst Bücher geführt werden.
In der Begegnung mit ihm begegnet der Mensch darum zugleich seiner eigenen Vergangenheit, als wäre sie Gegenwart. Da ist dann nichts vergangen, nichts erledigt und nichts vergessen. Das wird ein Gericht sein, bei dem der Richter nichts hinzufügen muß und der Angeklagte nichts hinzufügen kann. Das Auftun der Bücher genügt.
Dieses Richten wird zweimal ein Richten nach den Werken genannt. Es gilt nichts als allein der objektive Befund des gelebten Lebens selbst, ohne jede Zwischenschaltung. Während menschliche Gerichte im Grunde immer nach dem Hörensagen von irgendeiner Seite und nach persönlicher Einschätzung[ A ] urteilen und darum nicht nach dem Geschehen unmittelbar, wird das Endgericht Gottes das gerechteste Gericht sein, das jemals stattgefunden hat. Niemand wird als einer verurteilt, der er gar nicht ist. Jeder wird genötigt, sich wirklich mit sich selbst und mit nichts als sich selbst und mit dem selbst gelebten Leben zu identifizieren.
A) Gegenbegriff zum Gericht nach den Werken ist ein Gericht unter Ansehung der Person, das Gott nicht kennt. Das unbestechliche Richten auch Offb 2,23;18,6;22,12;Rö 2,5-11;2 Ko 11,15;2 Tim 4,14;Apg 10,34;1 Pt 1,17 und im AT: Ps 28,4;62,12;Spr 24,12;Jes 59,18;Jer 17,10. - Ein Kind betete, wie viele Menschen denken: "Lieber Gott, schließe beide Augen zu, daß ich in den Himmel komm."
Und ein anderes Buch wurde geöffnet, das das Buch des Lebens ist. Dieses Lebensbuch, das nach 3,5 die Namen der Glieder des Gottesvolkes enthält, ist der Offb offenbar sehr wichtig[ A ].
A) In der Offb sechsmal: 3,5;13,8;17,8;20,12.15;21,27;vgl. Lk 10,20;Phil 4,3;Hbr 12,23.
Um den Begriff evangelisch zu erfassen, ist der religionsgeschichtliche Vergleich nützlich.
Im alten Orient glaubte man allgemein an himmlische Schicksalstafeln. Die Erdengeschicke der Menschen sind nichts als eine Widerspiegelung dieser Aufzeichnungen. Hier geschieht allein, was dort geschrieben steht. Nur scheinbar ist der Mensch auf Erden Mensch, nur scheinbar kann er wollen und nicht wollen, in Wahrheit kann er nur müssen. In biblischer Fassung wird dieses Bild aber vom Fatalismus befreit. So tief auch in die Wahrheit der Erwählung hinabgetaucht wird, besteht doch nie ein Gedanke daran, daß das Menschsein des Menschen verstümmelt wird. Nie wird der Mensch ein unter Naturgesetzen ablaufendes Stück Natur, vielmehr verkehrt Gott mit ihm in lebendiger Zweiseitigkeit. Dabei ist er, Gott, gewiß der unendlich Erhabene, der die Initiative ergreift und ewig in der Hand behält, aber gerade innerhalb dieser Gemeinschaft wird der Mensch ganz Mensch und verantwortlich bis aufs äußerste (vgl. Einltg. Nr. 46). |515|
Wenn z. B. nach 3,5 der Name eines Menschen aus dem Lebensbuch gelöscht wird, geschieht das nicht aus heiterem Himmel. Gelöscht wird vielmehr der Name dessen, der statt den Kampf mit der Welt bis zum Sieg durchzuhalten, einen bequemen Frieden schließt. So verträgt sich der biblische Gedanke der Erwählung durchaus mit dem Appell zum willigen Gehorsam. 2 Mo 32,33 wird scharf der Grundsatz herausgestellt: "Ich will den aus meinem Buche tilgen, der an mir sündigt" (und nicht den Unschuldigen). Die enge Verknüpfung des "Buches" mit dem Evangelium zeigt 13,8;21,27, wo es zum "Buch des Lammes" wird. Jesus selbst führt dieses Buch, seine Stimme liest im Gericht daraus die Namen vor (3,5). Darum darf auch in unserem Abschnitt die Öffnung dieses Buches als Hinweis auf die entscheidende Mitwirkung Jesu im Endgericht gelten. Gewiß ist dieser Hinweis nur indirekt, aber indirekt war auch V 11 das Sprechen von Gott.
So ist ein formal durchaus fatalistisches Bild bei näherem Zusehen ausgehöhlt und mit Evangelium gefüllt. Es ist ein Ausdruck geworden für die Zugehörigkeit zu Jesus aus Gnaden, dies aber nicht schicksalhaft, sondern "glaubenshaft" verstanden. Dieses Verständnis ist in unserem Abschnitt auch dadurch gesichert, daß das Gericht nach dem Lebensbuch verknüpft ist mit dem Gericht nach den Werkbüchern. Wenn das Tun des Guten oder Bösen nämlich Schicksal wäre, könnten die Täter nicht so ernsthaft zur Rechenschaft gezogen werden.
Wer die Wahrheit sucht, hat unbedingt zwei Gedanken miteinander zu verbinden, nämlich das Gericht nach den Werken und die Rechtfertigung aus Gnaden. Aber sind diese beiden Gedanken vereinbar? Nach biblischem Denken setzt die Rechtfertigung aus Gnaden gerade voraus, daß Gott die Werke so ernst nahm, daß sie zur Verdammnis führten. Der Gnadenakt widerspricht nun nicht dem Rechtsspruch. Gott sagt darin nicht zum Verdammten: Ich verurteilte dich zu Unrecht. Ich korrigiere mich! sondern: Das Urteil erging zur recht, aber ich habe Gnade für dich! So hebt die Gnade ohne Werke zwar den Spruch des Gerichts nach den Werken auf, aber zugleich schließt es die Rechtmäßigkeit des Gerichtes nach den Werken ein. Darum führt Begnadigung auch zum guten Werk, wie es in Offb 2 und 3 immer wieder erwartet wird.
Niemand kommt also am Gericht nach seinen Werken vorbei. Gerade der Begnadigte muß erfahren, was er verdient hat, damit die Gnade als Gnade erscheint und als Gnade empfangen wird. Darum sind jene beiden Gedanken, hier im Bild der zweierlei Bücher, in ihrer Zuordnung Merkmal christlicher Lehre. |516|
V 13 streicht die Allgemeinheit des Gerichtes heraus. Es bleibt wirklich kein Toter in irgendeiner Versenkung zurück. Für keinen von ihnen war mit dem Tode alles aus, für alle gilt Hbr 9,27: "Danach aber das Gericht". Es scheinen drei verschiedene Todesquartiere zu sein, die im Zuge der allgemeinen Totenauferstehung ausgeräumt werden.
13 Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen waren, und sie wurden gerichtet - ein jeder - nach ihren Werken. Bei näherem Zusehen decken sich die drei Örter. Die Toten, die z. B. im Tode waren, waren auch im Hades. Tod und Hades sind ja wie in 6,8 ein schwer unterscheidbarer Doppelbegriff[ A ]. Das Meer ist an dieser Stelle kein zur Erde gehöriges Meer; das Mittelmeer oder die Ostsee sind selbstverständlich nach V 11 mit der Erde vergangen. Meer ist hier Parallelbegriff zu Totenwelt (s. z. 20,8). Somit hat die Dreizahl an dieser Stelle nicht den Sinn, drei Örter zu benennen, sondern einen Ort nachdrücklich und restlos zu umreißen. Die gesamte Welt des Todes wird ausgehoben.
A) In 1,18 findet sich ebenfalls dieser Doppelausdruck, allerdings etwas anders aufgefaßt (s. Anm. 85).
Damit, daß die gesamte Beute des Todes in Gottes und Christi Gewalt übergegangen ist, ist auch der Tod selbst entmachtet. Was geschieht jetzt mit ihm? Und der Tod und der Hades wurden in den Feuerpfuhl geworfen. Tod und Hades sind nicht als Raum, sondern als Macht aufgefaßt, die das gleiche Los wie die anderen gottfeindlichen Mächte erleidet (19,20;20,10.15). Im Gedanken an diese im Feuerpfuhl versammelten Feinde Gottes ruft Bengel aus: "O was wird das für ein Schlamm sein: alles Böse und alle Bösen auf einem Haufen beisammen!"
In einer gewissen Beziehung zu dem eben gerichteten Tod erhält an dieser Stelle der Feuerpfuhl einen zusätzlichen Namen. Dieser Tod ist der zweite Tod, nämlich der Feuerpfuhl. Der Feuerpfuhl ist insofern zweiter Tod,, als er für die Menschen, die an ihn überantwortet werden, ein zweites Mal das Leben beendet. Dennoch ist er nicht einfach eine Wiederholung des ersten Todes. Es unterscheidet die beiden "Tode" zunächst der Umstand, daß der zweite Tod niemals als Person oder Macht vorgestellt wird, sondern immer eindeutig als Ort oder Zustand. Vor allem aber erscheint der erste Tod immer als gottfeindliche Größe, der zweite Tod dagegen als göttliche Gerichtsgröße. Diesen Wesensunterschied können wir nicht genug bedenken. Darum würde auch der erste Tod den Vollendungszustand stören (21,4); der zweite Tod aber gehört dazu (21,8).
Erst jetzt sind die Voraussetzungen geschaffen, die Beschreibung vom Endgericht zu beenden. Und wenn jemand nicht gefunden wurde |517| geschrieben in dem Buch des Lebens, wurde er in den Feuerpfuhl geworfen. Das Finden oder Nichtfinden setzt Verhüllung voraus und beschreibt eine Offenbarung. Was heute niemand weiß, wird dann bekannt. Namen kommen im Lebensbuch zum Vorschein, mit denen niemand rechnete. Andererseits überraschen Fehlanzeigen: Nicht gefunden! Die zukünftigen Begnadigungen und Verdammungen Gottes decken sich nicht mit den heutigen Begnadigungen und Verdammungen durch Menschen.
Für die endgültigen Verdammungen Gottes ist noch einmal daran zu erinnern, daß niemand aus reinem Schicksal verdammt wird, also nicht etwa auf Grund einer willkürlichen Liste, die seinen Namen nun einmal nicht enthält. Nicht umsonst hieß es zweimal (V. 12 und 13): gerichtet nach den Werken! Der Sturz in den Feuerpfuhl ist darum kein unerklärliches, beziehungsloses Pech, sondern konkretes Gericht. An den Stellen, an denen noch einmal von diesen Gerichteten geredet wird, wird ihrer konkreten Gottlosigkeit gedacht (21,8.27;22,5). Den Feuerpfuhl haben wir besonders zu 19,20 und in Exkurs 19 ausführlich behandelt, freilich erst jetzt beschäftigt er uns ausdrücklich in bezug auf Menschen.
Wie schon erwähnt, wird er nicht bei der Neuschöpfung von Himmel und Erde abgeschafft[ A ]. Seine Existenz verträgt sich durchaus mit dem Zustand, bei dem "Gott alles in allem" ist (1 Ko 15,28). Eben dann wird es ein "Draußen" geben ein "ewiges Unleben" (Guardini). Augustin formulierte das tiefsinnige Wort: "Welch großes Elend ist es, fern zu sein von dem, der überall ist!"
A) Das gibt auch W. Michaelis zu, spekuliert dann aber auf eine nochmalige Neuschöpfung nach der Neuschöpfung (S. 112-113), über die wir freilich "nichts oder nur sehr wenig erfahren" (S. 121), vgl. Anm. 952.
Gegen die Botschaft vom ewigen Verderben stehen in uns Einwände auf. Darum mag noch ein kurzer exegetischer Hinweis folgen. In 19,1-6 erklang ein vierfaches Halleluja über das Strafgericht Gottes und über die ewig aufsteigende Rauchsäule, und 18,20 fordert zu heller Freude über die Strafen Gottes auf. In diesen und ähnlichen Fällen geht es aber um Jubel nach der Parusie. Erst nach der Endoffenbarung, also unter wesentlich neuen Voraussetzungen und im Lichte neuer Erkenntnisse und Verständnisse vermögen Menschen dem Richter rechtzugeben, und zwar willig und freudig, lobend und preisend, daß er alles wohlgemacht hat. Heute geht es dagegen nicht um vollen Beifall, sondern um volles Vertrauen, daß Gott und das Lamm ein gerechter Richter sein werden. Wo sind die Fragen der Menschheit und der Menschlichkeit auch besser aufgehoben, als in der Ehre Gottes und des Lammes? |518|
Wir sollten das prophetische Wort ein wenig ernster nehmen als unsere sehr unprophetischen Gefühle, die doch eines Tages abgetan sind. So gebieterisch sich menschliche Empfindungsurteile[ A ] auch melden, dürfen wir uns ihnen doch keinesfalls anvertrauen und ihnen gestatten, die Exegese zu stören.
A) Ein Beispiel zeige die Bedingtheit solcher Urteile. Schleiermacher (1768-1834), der einflußreiche Theologe des letzten Jahrhunderts, der aus der Mentalität des Deutschen Idealismus heraus die Lehre von der Allversöhnung erneuerte, folgerte: Wenn es eine ewige Verdammnis gibt, gibt es keine ewige Seligkeit, denn wie kann jemand vollkommen selig sein, wenn er weiß, daß gleichzeitig andere Menschen Tag und Nacht gequält werden. Seine Seligkeit würde Tag und Nacht gestört. Dieser Gedankengang hat immer wieder ergriffen. Demgegenüber konnte das Judentum es als Steigerung der Seligkeit für die Gerechten empfinden, wenn diese die Qual der Verworfenen erblicken würden: "Von oben blickst du her und schaust in die Hölle deiner Feinde, erkennst sie und sagst voller Freude Dank" (Himmelfahrt d. Mose 10,10). "Die zweite Freude (der sieben Freuden der Gerechten) ist, daß sie die wirren Pfade schauen, worauf der Frevler Seelen irren müssen, sowie die Strafe, die jenen bleibt" (4. Esra 7,93). Hier wird übrigens erkennbar, daß die Allversöhnungslehre nicht eine jüdische Verfremdung darstellt, sondern den Stempel grie Geistes an der Stirn trägt. Origenes (185-254), der erste große Systematiker dieser Richtung, hat es selbst ausgesprochen, daß die Philosophen an seiner Lehre nicht unbeteiligt gewesen seien (Oepke, Ki-Th W I, S. 391). Die philosophischen Studienjahre es jungen Origenes bei dem berühmten Neuplatoniker Ammonius Sakkas können in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden. Er lehrte, daß sich alle Dinge wieder zu ihrem Ursprung, also zu Gott, zurückentwickeln. Darum kann das Böse keine dauernde Wirklichkeit besitzen. Wie alle Sünde, alle Strafe und aller Schmerz ist es nur ein dunkler Übergang, den Gottes Fürsorge dennoch zum Besten lenkt. Diese Versöhnungsbotschaft gründet sich offensichtlich nicht auf die Geschichte Jesu, sondern auf eine Philosophie von Gott.
Abschließend nehmen wir die Frage auf, die wir uns in der Vorbemerkung zum Abschnitt gestellt haben: Kennt das Endgericht auch positive Ausgänge, obwohl es doch nur solche Menschen betrifft, die nicht an der ersten Auferstehung teilhaben? Dient das Buch des Lebens vor dem weißen Thron etwa lediglich dem Nachweis, daß die Gerichteten einer wie der andere nicht darin verzeichnet sind?
Der 15. Vers sagt wohlgemerkt nicht: Weil sie nicht gefunden wurden geschrieben in dem buch des Lebens . . ., sondern: Wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens ... Das Sprachgefälle drängt geradezu in eine Verlängerung hinein, die ein positives Ergebnis ins Auge faßt. Warum aber wird der positive Fall nicht tatsächlich formuliert?
Er wird formuliert! Wir dürfen uns freilich nicht zu sehr von der mittelalterlichen Kapiteleinteilung beeindrucken lassen und den Gedanken am Ende von V 15 anhalten. Der Visionszyklus geht ohne tiefen Einschnitt unmittelbar weiter, und schon der nächste Vers (21,1) stellt dem Verderbenspfluhl die Heilswelt gegenüber. In dieser Heilswelt aber erscheint nicht nur die "Braut des Lammes" (21,2), nicht nur das eine Volk Gottes, sondern auch die "Völker" Gottes |519|  (21,3;vgl.21,24.26;22,2). Die erneuerte Menschheit umfaßt also mehr als nur die Gläubigen, und die Gnade Christi erreicht also auch noch im Endgericht weitere Scharen.
Aber heißt es nicht Mk 16,16: "Wer nicht glaubt, der wird verdammt werden?" Gehen danach nicht alle Ungläubigen verloren? Die Aussage zielt dort im Zusammenhang auf Predigthörer. Von den anderen schreibt Paulus entschuldigend: "Wie sollten sie aber an den glauben, von dem sie nicht gehört haben? Und wie sollen sie hören ohne Prediger?" (Rö 10,14). Es gibt Nichtglauben aus Unkenntnis, und es gibt darum Menschen, deren Nichtglauben Gott nicht anklagt, sondern selbst entlastet. Grund zur Verdammung ist der Unglaube allein bei denen, die das Evangelium glaubwürdig hören und darum glauben konnten. Für sie heißt es: "Wer nicht glaubt, wird verdammt werden."
Denken wir an die Milliarden und Abermilliarden von Menschen vor und nach Christi Geburt, denen nie die Herrschaft Christi geheroldet wurde, ferner an die früh verstorbenen unmündigen Kinder, an die nur oberflächlich christianisierten Massen in Europa, die niemals in eine echte Entscheidungssituation gelangten. Bis zum Überdruß vernahmen sie "Christus! Christus!", ohne ihm aber jemals im Heiligen Geist begegnet zu sein. Schließlich denken wir auch an die, die zwar ein vollmächtiges Zeugnis empfingen, aber nicht entscheidungsfähig waren, also an das Heer der Geisteskranken und Psychopathen. Sie alle werden vor dem weißen Thron stehen, und Gott nimmt auch ihr Tun und Lassen heilig ernst. Aber auch für sie ist da "das andere Buch". Es wird für sie nicht etwa von vornherein zugeklappt, als ob für sie das Blut des Lammes nicht gelten könne. Nein, auch dieses Buch wird dort ausdrücklich "geöffnet", womit sich auch ihnen die Möglichkeit eröffnet, Anteil an der Heilswelt Christi zu erlangen. So ergeht das Gericht im außergemeindlichen Raum im Zeichen beider Bücher. Gott ist imstande, alle Taten bis hin zu den innersten Gewissensentscheidungen gerecht zu beurteilen (Rö 2,1-16), auch zu erkennen, wer ein Mensch wäre, wenn er Christus in Klarheit begegnet wäre. So kommt es auch im Gericht vor dem weißen Thron zu durchaus verschiedenen Ausgängen.
Die Ausgänge im einzelnen werden überraschen (s. o.). Die Bildrede vom Völkergericht in Mt 25,31-46 steht unter diesem Vorzeichen. Die erste Überraschung ist die geschlossen wahrgenommene Gruppe der geringsten Brüder Jesu, wobei es sich im Rahmen der Sprache des Matthäus eindeutig um eine Jüngerbezeichnung handelt (s. z. Offb 3,8). Es ist die bisher verkannte, aber bekennende Jüngergemeinde, die darum durch Durst, Blöße, Elend, Verfolgung und Gefängnisse gehen mußte. Aber jetzt erklärt sich der Herr der Parusie |520|  in überwältigender Weise mit ihr solidarisch. Sie trifft jetzt kein Gericht mehr, sichtbar und verherrlicht steht sie an der Seite des Richters. Die Verbindungslinien zu Offb 20,1-6 liegen auf der Hand.
Der Rest der Menschheit ist nicht einfach eine Masse der Verlorenen. Eine Gruppe steht zu ihrer eigenen Verwunderung zur Rechten des Richters. Diese Menschen wissen nichts von einem persönlichen Verhältnis zu Christus während ihres irdischen Lebens. Nie sind sie ihm begegnet. Aber sie waren Christen begegnet, nämlich jenen "Geringen", und hatten sich für ein humanes Verhalten gegenüber diesen Gejagten und Geschundenen entschieden. Eben das wird ihnen als eine Entscheidung für Christus angerechnet. Dann wird diesen Begnadigten wie Träumenden sein, und man leitet sie in die endzeitliche Segenswelt Gottes.
Eine letzte Gruppe steht zur Linken des Richters. Auch sie wissen aus ihrem irdischen Leben nichts von Jesus, und der Richter wirft ihnen das gerechterweise auch nicht vor. Aber sie werden auf ihre rein innerweltliche Unmenschlichkeit und Unbrüderlichkeit hin angesprochen. Sie gehen in die ewige Pein. Mt 12,37b gilt auch hier: "Aus deinen Worten wirst du verdammt werden!" Wer immer in dieser Welt von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Frieden spricht - ob Christ oder Nichtchrist - richtet damit den Maßstab auf für das Gericht seiner selbst. Gott duldet in diesen Dingen keine leeren Phrasen.

Kapitel 10 - Der Himmel

Vertiefung

Der Himmel - Das Beste kommt noch!

Was wissen wir über den Himmel? Die Engländer haben zwei Worte für den Himmel. „Sky“ bezeichnet den Himmel, wo die Wolken sind und die Flugzeuge fliegen. „Heaven“ wird gebraucht, wenn es um Gottes unsichtbare Wirklichkeit geht. Im Deutschen haben wir nur ein Wort für beides, das je nach Zusammenhang unterschiedlich gefüllt werden kann.

Obwohl unser Vorstellungsvermögen die Wirklichkeit Gottes nicht erfassen kann, sind doch gewisse Rückschlüsse möglich. Wenn die Welt, das Werk des Schöpfers, so unglaublich bunt, vielfältig, dynamisch und reich ist, wie viel bunter, vielfältiger, dynamischer und reicher muss der Schöpfer selbst sein. Die Bibel deutet das an, wenn sie von den Engeln wie von Gottes Hofstaat und Boten spricht. Jedenfalls liegen wir völlig falsch, wenn wir uns Gott als einen blassen Gedanken und ein abstraktes Prinzip vorstellen – sozusagen als Verlängerung unserer eigenen blutleeren Gedanken.

Gott hat dem Apostel Johannes die Augen für einen Blick in Gottes Welt geöffnet. Wir lesen darüber im Buch der Offenbarung, Kapitel 21 und 22. Manche Aussagen sind unmittelbar verständlich, andere beschreiben in bildhafter Redeweise die Wirklichkeit der Welt Gottes, die unser Vorstellungsvermögen übersteigt.

Die Religionskritik seit dem 19. Jahrhundert hat den Christen vorgeworfen, sie würden die Armen und Unterdrückten nur auf den Himmel vertrösten, damit sie an der gegenwärtigen ungerechten Wirklichkeit dieser Welt nichts ändern müssten. Diese Kritik hat viele Christen erschreckt und eingeschüchtert. Sie haben sich den Erwartungen angepasst und nicht mehr vom Himmel gesprochen. Stattdessen haben sie in das Horn aller Hoffnungslosen geblasen: „Wir wollen alles, aber jetzt!“ Wie können wir eine neue Perspektive gewinnen? Jetzt mit Zuversicht leben und dann getrost sterben?!

1. Thessalonicher 4, 13-18

13 Wir wollen aber nicht, daß ihr in Unkenntnis seid, Brüder, über die Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie die übrigen, die eine Hoffnung nicht haben.

1 Ko 15,6.12.13.20.51; Eph 2,12

14 Denn wenn wir glauben, daß Jesus starb und auferstand, ebenso wird auch Gott die da entschliefen durch Jesus mit Ihm zusammenführen.

Rö 14,9; 1 Ko 15,3.4; 1 Th 5,10

15 Denn dieses sagen wir euch in einem Wort des Herrn, daß wir, die Lebenden, die übrigbleiben bis zur Parusie des Herrn, auf keinen Fall zuvorkommen werden denen, die entschliefen.

1 Ko 15,18.22.23.51

16 Denn Er selbst, der Herr, wird unter einem Befehlswort, unter einem Ruf eines Erzengels und unter einer Posaune Gottes herabsteigen vom Himmel. Und die Toten in Christus werden auferstehen zuerst.

Mt 24,31; Apg 1,11; 1 Ko 15,23.52; 2 Th 1,7

17 Alsdann werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrafft werden in Wolken zur Einholung des Herrn in die Luft und werden so allezeit mit dem Herrn zusammen sein.

Apg 1,9; Offb 11,12; Jo 12,26;14,3; 17,24

18 Also tröstet einander mit diesen Worten.

1 Th 5,11

DIE PARUSIE JESU IST DER RECHTE TROST DER GEMEINDE 
1. Thessalonicher 4,13-18

Wir haben mehrfach gesehen, daß es den Aposteln nicht nur um die "reine Lehre" ging. Aber es Ging ihnen allerdings um einen klaren und umfassenden Erkenntnisstand in den Gemeinden! Eben weil sie als "Gemeinden Gottes" in ihrer ganzen Selbständigkeit und Freiheit geachtet wurden, durften sie nirgends über wichtige Punkte "in Unkenntnis sein", sondern mußten in allen wesentlichen Fragen die rechten Kenntnisse besitzen und zu einem klaren Urteil fähig sein. Wie oft wird darum Paulus diese Formel "Wir wollen nicht, daß ihr in Unkenntnis seid" in seinen Briefen noch wiederholen!
Hier geht es nun wirklich um eine wichtige Frage. So jung die Gemeinde noch ist, sie hat die ersten Todesfälle in ihren Reihen erlebt. Daß diese Todesfälle im Zusammenhang mit ihrer "Bedrängnis" standen, wird nicht angedeutet und auch durch die Formulierung "die da entschliefen durch Jesus" nicht ausgesagt. Aber Timotheus hat offenbar berichtet, wie erschüttert die Gemeinde durch dies Sterben ihrer Glieder ist. Sie wartet doch erstlich auf ihren wiederkommenden Herrn und freut sich von ganzem Herzen auf den großen Tag. Aber - dann sind ja die jetzt Gestorbenen nicht mit dabei?! Was wird mit ihnen? Kommen sie nicht zu kurz? War nicht das Wegsterben vor der Parusie so etwas wie eine Durchkreuzung ihrer Berufung? Es war jedenfalls etwas ganz Unvorhergesehenes, das auch die Boten bei ihrer Evangelisation gar nicht mit in Betracht gezogen hatten. |76|
Diese Fragen scheinen uns heutigen Christen ganz töricht. Aber die Antwort der Boten Jesu wird uns erst recht in äußerstes Erstaunen setzen. Sie lautet nämlich durchaus nicht so, wie wir sie heute ganz selbstverständlich geben würden! Die Boten "trösten" die Gemeinde nicht mit der Versicherung: Die Verstorbenen kommen nicht zu kurz, im Gegenteil, sie haben einen großen Vorsprung: sie sind ja schon am Ziel, schon in der Herrlichkeit beim Herrn, auf die wir Lebenden noch warten müssen. Kein Wort davon! Kein Wort vom "in den Himmel kommen", das hier bei der sorgenden Frage nach den Entschlafenen doch unbedingt hätte geschrieben werden müssen, wenn - es eben überhaupt zur Hoffnung der Boten Jesu gehört hätte!
Zwar "getröstet" wird hier. "Also tröstet einander mit diesen Worten", ist Schluß und Ziel des ganzen Abschnitts. Die Christen in Thessalonich sollen "nicht traurig sein[ A ] wie die Übrigen, die eine Hoffnung nicht haben"[ B ]. Aber diese wahrhaft tröstende, alle Trauer überwindende Gewißheit lautet nicht: Eure Lieben sind ja im Himmel, in der Herrlichkeit!, sondern sie lautet in einem kurzen Satz: Das nächste große Ereignis der Heilsgeschichte, die Parusie des Herrn und die Vollendung der Gemeinde, erleben wir zusammen mit ihnen, erleben wir alle gemeinsam! Der ganze "Trost" steckt in dem einen kleinen Wort "zugleich": "zugleich mit ihnen entrafft." Es hat also gerade niemand etwas vor dem anderen voraus: weder die noch auf Erden weilende Gemeinde etwas vor den Toten, noch die Toten etwas vor uns, indem sie jetzt schon "vor uns" in der Herrlichkeit wären. Für die noch Lebenden und für die schon Entschlafenen gilt ein entscheidendes "Zugleich".
A) Es steht hier in der Tat der Ausdruck für die innerliche Trauer, das Traurigsein im Umterschied von den vielfältigen "Äußerungen der Trauer. Dabei meint das "nicht wie die Übrigen" nicht einen einschränkenden Vergleich im Sinne von "nicht so heftig". Der Satz vielmehr: Ein Traurigsein im Sinne heidnischer Trauer kennen die Christen überhaupt nicht mehr. Gut illustriert das der Apologet Aristides (um 140 n. Chr.): "Und wenn ein Gerechter von ihnen aus der Welt hinübergeht, so freuen sie sich und danken Gott und geleiten seinen Leichnam, als wanderte er von einem Ort zum andern." Wie weit sind unsere "Trauerfeiern" davon abgekommen!
B) Paulus braucht auch Eph 2,3 "die Übrigen" im Sinne von "die Heiden", und "die eine Hoffnung nicht haben" heißen sie auch Eph 2,12. Stimmt das denn aber? Hat Paulus nichts gewußt von den Unsterblichkeitsgedanken des griechischen Philosophen Plato und seiner Schüler? Nichts von den Mysterienkulten jener Zeit, die ebenfalls Leben über den Tod hinaus verhießen? Sicher ist er auf dies alles gestoßen, spätestens bei seinen Gesprächen in Athen (Apg 17,17.18). Aber er wußte auch, wie dennoch die große Menge der Menschen im Tod nur das große Dunkel sah und wie auch bei den wenigen ernsthaften Anhängern einer idealistischen Philosophie oder einer Mysterienreligion die "Hoffnung" so unsicher und kraftlos war und die Trauer am Grabe darum so trostlos.
Aber bis dahin? Was ist mit den Entschlafenen jetzt? Im Grunde gibt der Text darauf überhaupt keine Antwort. Es ist das gar nicht so wichtig. Wenn die, die jetzt in dem Herrn sterben, bei der Parusie |77|  mit dabei sein werden, zugleich mit uns, dann ist alles in bester Ordnung. Mehr zu wissen ist eigentlich nicht nötig.
Wir blicken hier tief hinein in echt biblisches Denken! wie ist es so ich-gelöst und von den großen Dingen Gottes erfüllt! "Dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe auf der Erde!", das ist sein brennendes Verlangen. Was dem einzelnen kleinen Ich als herrliche Gnade zuteil wird, ist das Dabei-sein-dürfen, wenn die großen Dinge Gottes geschehen. Was "inzwischen" aus dem Ich wird, ist nicht wichtig. Wie völlig verkehrt hat sich das alles bei uns! Gerade nur das einzelne Ich und sein Schicksal über das Grab hinaus ist uns interessant. Die Gemeinde und ihre Vollendung, der Sieg Jesu, die Sache Gottes läßt uns völlig kalt und ist unserm "christlichen" Blick so gut wie entschwunden. Da ist es uns heilsam, wenn die Bibel hier und auch anderwärts von dem Zustand unseres lieben, wichtigen Ich nach dem Sterben nur in wenigen Andeutungen redet und unsere eigentliche Hoffnung und unseren wesentlichen Trost völlig an Jesus und seine kommenden großen Taten bindet. "Jesu Kommen, Jesu Sieg, Jesu Herrschaft werde ich jedenfalls wieder miterleben" - sollte das nicht auch uns Trost genug sein beim Sterben?
Worauf ruht unsere klare Hoffnung für unsere Toten und für uns selbst beim Sterben? "Denn wenn wir glauben, daß Jesus starb und auferstand." Unsere "Hoffnung" kann sich nicht von unserem "Glauben" lösen und sozusagen eigene Wege gehen. Sie erwächst aus unserem Glauben. Unser Glaube hat volle Klarheit über Jesu Weg. Jesus starb, bleib aber nicht im Tode, sondern wurde auferweckt. Dies aber nicht als eine einzelne Privatperson, sondern als der Christus, als der König Seines Volkes, als das Haupt Seines Leibes. Er ist in dem allen der "Erstling" (1 Ko 15,20), die "erste Garbe" vom Erntefeld, der die ganze große Ernte folgen muß. Von daher ist der Schluß zwingend und für die beunruhigten Thessalonicher und für uns heute Gewißheit gebend: "Ebenso wird auch Gott die da entschliefen durch Jesus mit Ihm zusammenführen."
Dreierlei ist hier für uns bedeutsam. Erstens: Jeder Versuch, eine "Unsterblichkeit der Seele" zu beweisen und darauf die Hoffnung zu gründen, liegt völlig fern. Gottes offenbare Tat an Jesus gibt ein ganz anderes, festes Fundament. Zweitens: Weil wir diesem Jesus angehören, der da "starb und auferstand", darum sind wir in unserem Sterben nicht allein und verlassen. Wir "entschlafen durch Jesus"[ A ]. Hier ist schon angedeutet, was später in Rö 14,7 ff so klaren und tröstlichen Ausdruck findet. Ob ich den Zeugentod für Ihn sterbe oder an einer |78|  Krankheit dahinsieche, ob viele um mich sind oder mir ein einsames Ende beschieden ist, Jesus selbst hat dieses mein Ende in Seiner Hand. Und endlich: die Formulierung "Gott wird die da entschliefen durch Jesus mit Ihm zusammenführen" ist zwar sehr schwebend. Sie könnte einfach nur sagen: Gott wird bei der Parusie die Entschlafenen wieder mit Jesus zusammenführen. So entspräche es beinahe am besten den letzten Zeilen unseres Briefabschnittes. Im Verfolg seines Satzes: "Wenn wir glauben, daß Jesus starb und auferstand", hätte Paulus eigentlich fortfahren müssen: ebenso wird Gott auch die da entschliefen durch Jesus "mit ihm auferwecken". Da aber ihm wie den Thessalonichern alles auf die Teilnahme der Toten an der Parusie, nicht nur auf ihre Lebendigmachung als solche ankam, geht er über das "Auferwecken" sogleich hinaus auf das "mit Jesus zusammenführen", nämlich bei der Parusie. Und doch dürfen wir vielleicht von da aus einen Schritt weitergehen. Da sich doch Gott des Herrn Jesu angenommen hat auch in den Tagen zwischen Tod und Auferstehung, so wird Er sich auch "ebenso" um die entschlafenen Christen nach ihrem Sterben kümmern und sie "mit Jesus zusammenbringen". Dann läge in diesem Ausdruck der Ansatz zu jener frohen Gewißheit, die Paulus Phil 1,23 angesichts seines möglichen baldigen Zeugentodes äußert: auf das Abbrechen des Zeltes im Sterben folgt unmittelbar ein "bei Christus sein", das "weit mehr besser" ist, wenn auch durchaus noch nicht die Vollendung und die volle Herrlichkeit[ B ]. Der schwebende Ausdruck "mit Ihm zusammenführen" wäre ein ganz knapper Blick in den "Zwischenzustand". Die Entschlafenen sind und bleiben zwar "Tote"; das steht durch V 16 eindeutig fest. Aber "Tote" |79|  heißt keineswegs "Nichtseiende". Es heißt auch nicht "Schlafende"[ C ], da die Verwendung des Wortes "entschlafen" in unserem Brief lediglich dem allgemeinen griechischen Sprachgebrauch entspricht und sachlich über den Zustand nach dem Tode nichts aussagt. Und "Christen" sind auf jeden Fall "Tote in Christus", also Tote, über die "Jesus Christus der Herr ist" wie über die Lebenden (Rö 14,9;Hbr 12,23; Luk 23,43)! Sie sind auch als "Tote" von Christus ungetrennt, also umfaßt von Seiner Herrschaft, Seinem Frieden, Seinem Schutz. Sie sind "nicht verloren" (1 Ko 15,18). Aber freilich - dies Wissen muß auch genug sein. Weiteres erfahren wir nicht, viele Fragen bleiben unbeantwortet. Noch einmal: für eine wirklich auf den wiederkommenden Herrn wartende Gemeinde ist das alles auch nicht wichtig, wenn sie nur des einen gewiß sein darf: unsere Toten sind in Christus geborgen und kommen am Tage der Parusie keinesfalls zu kurz.
A) Das "durch Jesus" gehört zweifellos zu "die da entschliefen", das eine solche nähere Bestimmung verlangt, während es bei "mit ihm zusammen führen" eine unnötige Häufung der Bestimmungen verursachte: durch Jesus mit Jesus zusammen führen.
B) Auch in 2 Ko 5,1-10 finden wir beides zusammen: eine bestimmte Hoffnung für das, was unmittelbar nach dem Sterben kommt, und ein bangendes Ungenügen daran. Es ist das Sterben zwar ein "Einwandern zum Herrn" und darum vorzuziehen dem jetzigen Zustand des Lebens in der Fremde fern vom Herrn. Aber es ist doch zugleich auch ein "Entkleidetwerden", das uns schwer wird! So sehr ist für biblische Menschen das wirkliche Leben ein "leibhaftes", daß sie die Heimkehr der Seele zum Herrn, so schön sie ist, doch nicht ohne Seufzen ansehen können. Wieviel herrlicher wäre das "Überkleidetwerden" bei der Parusie! Bestätigt wird diese ganze Anschauungswelt durch 1 Ko 11,30. Der Mißbrauch des Herrenmahles ist durch Krankheiten und durch Todesfälle gestraft worden. Wieso sind denn solche Todesfälle "Strafe"? Wenn das Sterben uns in die Herrlichkeit führt, ist es doch eher "Belohnung"! Aber - es führt eben nicht in die Herrlichkeit! Damit wird verständlich, daß auch bei ernsten gläubigen Christen der leibliche Tod nicht nur begrüßt wird. Wäre unser Tod wirklich das, was er nach der üblichen christlichen Anschauung sein soll, dann müßte jeder echte Christ sich nach einem recht baldigen Sterben sehnen, und jeder Todesfall eines jungen Menschen in der Gemeinde müßte besonders bedankt werden. Statt dessen dankt die Gemeinde aufrichtig mit jedem ihrer Glieder, das aus schwerer Krankheit oder sonstiger Todesgefahr herausgerettet wurde! Das ist biblisch recht, weil in der Tat das "Entkleidetwerden", der Verlust des leibhaftigen Lebens, schwer und schmerzlich ist und bleibt! Hier wird auch deutlich, daß der oben angeführte Apologet Aristides nicht mehr ganz biblisch, sondern schon ein wenig "platonisch" denkt.
C) Das wird besonders deutlich an 1 Ko 15,20. wo Jesus selbst der "Erstling der Entschlafenen" genannt wird. Kein Christ dachte sich Jesus nach seinem Sterben als wirklich "schlafend".
Dieser Parusie selbst wendet sich daher jetzt der Brief zu. Es fällt ausdrücklich das Stichwort "Parusie". Es heißt wörtlich "Anwesenheit", aber auch "Ankunft" und kann so ganz schlicht in der Alltagssprache vom Kommen eines Menschen gebraucht werden: 1 Ko 16,17; 2 Ko 7,6. Aber schon in der Sprache jener Zeit[ A ] kann das Wort einen feierlichen, "amtlichen" Klang bekommen. Es wurde gebraucht für den "Staatsbesuch", für den "Advent" eines Herrschers, besonders für den neuen Kaiser, der nach Jahren der Wirren und der Not nach Rom "kam" und mit seiner "Anwesenheit" alle beglückte und alles in Ordnung brachte. Auch hier im Brief ist es ja die Ankunft eines Herrschers: "Parusie des Herrn", und dies Wort "Herr = Herr = Kyrios" - uns noch liturgisch bekannt durch das "Kyrie eleison" - ist damals noch nicht so abgegriffen wie heute. Was die junge Christenheit mit "Ankunft des Herrn" meinte, war in allem Ernst das Gegenstück zu all den Herrschereinzügen und Staatsbesuchen jener Zeit. Jetzt kommt der eigentliche und wirkliche Weltherrscher, der der zerrissenen und blutenden Erde wirklich und endgültig das Heil und den Frieden bringt, während die Advente der irdischen Kaiser trotz alles Aufwandes von Pomp und Begeisterung nur zur immer neuen Enttäuschung führten. |80|
A) Es handelt sich dabei um die "politische" Sprache. Es entsprach der Größe, Weltweite und Sachlichkeit der Botschaft, wenn die junge Christenheit nicht zur "erbaulichen" Redeweise der Religionen und Mysterien griff, sondern für ihr "Herolden" der "Siegesnachricht" lieber das "politische" Wort verwendete. Allerdings wird das Wort "Parusie" auf hellenistischem Boden auch für das machtvolle Hervortreten von Gottheiten gebraucht. Darum wendet es der damalige jüdische Schriftsteller Josephus auch auf Gottes Offenbarung auf dem Sinai und in der Stiftshütte und vor Elia an.
Darum wird die "Parusie des Herrn" nun auch als ein Gegenstück zu jenen Kaisereinzügen in all ihrer Mächtigkeit und Größe geschildert. Das neue Hervortreten des jetzt verborgenen und unsichtbaren Jesus steht "unter einem Befehlswort". Denn Tag und Stunde dafür "weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater", Mk 13,32. Sie wird ja von Gottes großen Plänen bestimmt, die nur Er, der Vater selber, überschaut. Darum "wartet" nicht nur die Gemeinde, sondern auch unser hochgelobter Heiland "sitzt nun zur Rechten Gottes und wartet hinfort" (Hbr 10, 12.13). Der Vater muß es dem Sohn erst sagen: "Nun ist es so weit, nun gehe hin und vollende das Werk!" Der Sohn "kann nichts von sich selber tun" (Jo 5,19). O, welch gewaltiger Befehl, wenn der heilige, lebendige Gott den Auftrag zu den letzten, alles vollendenden Taten Jesu geben wird[ A ]!
A) Andere Forscher denken an einen Befehl, den Jesus selbst als der "Herr" gibt: er befiehlt die Auferstehung der Toten und die Sammlung und Entrückung all der Seinen über den Erdball hin.
Der Himmel nimmt sofort von diesem Befehl Kenntnis. Wie arm und dunkel ist unser Weltbild, wenn wir nicht mehr an jene ungeheure Welt voll Licht und Leben denken, die solchen Anteil an allem nimmt, was Gottes Werk auf der Erde betrifft. Nun tut es ein Erzengel, ein Engelfürst, mit lautem Heroldsruf den Himmeln kund: Die Stunde ist da!
Auch die Posaune fehlt nicht, die im römischen Heer und bei den großen Aufmärschen zu Ehren des Kaisers zu hören war. Nur - hier ist es eine "Posaune Gottes"! In 1 Ko 15,52 nennt Paulus sie "die letzte Posaune", also doch wohl die letzte jener "sieben Posaunen", von denen der Seher Johannes in Offb 8 ff spricht. Es darf aber bei dem ganzen Bild nicht die Beziehung zu Mt 24,31 vergessen werden. Wohl war das Matthäusevangelium zur Zeit unseres Briefes noch nicht geschrieben. Paulus hat daher diese Stelle nicht in Buchform vor sich gehabt. Aber die Darstellung der "letzten Dinge" durch Jesus war in den Gemeinden überall bekannt. In dieser Darstellung war die Rolle der Engel und der "großen Posaune" bei der Parusie und bei der Entrückung der Gemeinde schon ausgesprochen[ A ].
A) Der starke Posaunenton war auch bei der Offenbarung Gottes auf dem Sinai zu hören (2 Mo 19,16); wie auch der Ps 47,6. der Prophet Sacharja in 9,14 und Jes 27,13 in ähnlichen Zusammenhängen davon weiß.
Und nun erscheint er selbst, der Kyrios, er selbst der Herr". Vom Thron zur Rechten des Vaters kommt er und "steigt vom Himmel herab". Und dann ... Paulus versichert der Gemeinde, daß er jetzt nicht seine Phantasie spielen lasse und auch nicht etwa Auslegung anderer Schriftworte bringe. Nein "dieses sagen wir euch in einem Wort des Herrn"! Ob die Apostel Worte Jesu über Sein Kommen besaßen, die |81|  uns in den Evangelien nicht überliefert sind oder ob Paulus bei seinen "Geschichten und Offenbarungen des Herrn", von denen er 2 Ko 12 spricht, oder bei anderer Gelegenheit besondere ausdrückliche Aufschlüsse von Jesus erhalten hat, wissen wir nicht. Genug, daß er seine und unsere Gewißheit unmittelbar auf Jesus und Sein Wort selbst gründet[ A ] und hier nicht dogmatische oder exegetische Meinungen vertritt. Und dies ist nun seine Gewißheit: beim Herabkommen des Herrn vom himmlischen Thron "werden zuerst die Toten in Christus auferstehen". In das Totenreich hinein geht also die erste Wirkung der Parusie, so daß eben die entschlafenen Christen "auf keinen Fall" hinter den anderen zurückstehen werden. In welchem Zustande immer diese "Toten in Christus" sein mögen, jetzt "auferstehen" sie: sie erhalten die neue herrliche Leiblichkeit - ähnlich dem Herrlichkeitsleib Jesu selbst, Phil 3,21 - und erlangen damit die ganze Lebensfülle göttlichen Lebens. Dann erst wendet sich die Wirkung der Parusie den "Lebenden, die übrigbleiben bis zur Parusie"[ B ] zu.
A) In 1 Kö 20,35 steht eine ganz ähnliche Redewendung: "Da sprach ein Mann unter den Kindern der Propheten zu seinem Nächsten durch das Wort des Herrn" Schlage mich doch." Es muß also auch an unserer Stelle nicht ein geschichtliches Wort Jesu gewesen sein. Der Inhalt dieses Herrenwortes ist zunächst nur der V 15, also die Gewißheit, daß die Lebenden keinesfalls den Toten zuvorkommen werden bei der Parusie. Dazu paßt keins der uns überlieferten Worte Jesu.
B) Paulus sagt hier: "Wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Parusie." Daraus hat man oft gefolgert, daß Paulus also sicher damit rechnet, die Parusie zu erleben. In der Aussage selbst aber liegt das nicht! "Wir Lebenden" ist eine einfache Zusammenfassung der Lebenden gegenüber den schon Gestorbenen ohne den sinnlosen Anspruch, von diesen "Lebenden" dürfe nun keiner mehr vor der Parusie sterben oder er dürfe wenigstens nicht "Paulus" heißen! Gewiß hat Paulus das Kommen des Herrn "bald" erwartet - wie jede wirkliche Hoffnung das tut und tun muß. Aber gerade er, der damals schon jahrelang im Botendienst stand und dessen tödliche Gefahren kannte, wird nüchtern genug gewesen sein, mit der Möglichkeit seines Todes zu rechnen.
Von ihrer "Verwandlung" (vgl. 1 Ko 15,51-53) wird nicht gesprochen - davon hatten die Thessalonicher genug gehört, das war ihnen keine Frage, darauf freuten sie sich. Das ihnen Neue und Wichtige ist dies, daß nun die Auferstandenen und die Verwandelten "zugleich" wie von stürmischer Gewalt gezogen "entrafft[ A ] werden in Wolken ... in die Luft". Die "Wolken" sind hier natürlich nicht irdische Wolkengebilde. Wir brauchen nichts zu "entmythologisieren". "Wolke" ist vielmehr göttliche Umhüllung göttlichen Geschehens, wie schon beim Wüstenzug der anführende lebendige Gott in der "Wolkensäule" verborgen ist und bei der Verklärung Jesu auf dem Berge "eine lichte Wolke sie überschattete", aus der die Stimme Gottes ertönte, und bei der Himmelfahrt "eine Wolke Ihn aufnahm vor ihren Augen". Die auferstandene, verwandelte, verherrlichte Gemeinde bei ihre Bergung |82|  mit ihrem Herrn wird ebenso von "Wolken" den Blicken der Welt entzogen.
A) Das gleiche Wort "entraffen" "verwendet Paulus auch zur Beschreibung seiner "Entrückungen" bei seinen Geschichten 2 Ko 12,2.4. Auch Philippus wurde nach seinem Dienst am Kämmerer "entrafft" (Apg 8,39) und ebenso Paulus selbst durch das römische Militär aus der tumultuarischen Sitzung des Hohen Rates Apg 23,10.
Und nun - was für ein Geschehen und was für ein Erleben ist dies! Das vom Heiligen Geist geleitete Wort malt hier seinerseits nichts aus. Wir aber dürfen doch einen Augenblick dabei verweilen. Das große Lied Johann Meyfarts ist zwar nicht voll biblisch in seinem ganzen Aufriß, aber von dieser "Entraffung" dürfen wir es schon sagen: "Was für ein Volk, was für ein edle Schar / kommt dort gezogen schon? / Was in der Welt an Auserwählten war / seh ich, die edle Kron..." und "Propheten groß und Patriarchen hoch, auch Christen insgeheim, die weiland dort trugen des Kreuzes Joch / und der Tyrannen Pein / schau ich in Ehren schweben / in Freiheit überall / mit Klarheit hell umgeben, / mit sonnenlichtem Strahl." Ja, da kommen sie alle, alle aus allen Jahrhunderten, aus allen Völkern, Rassen und Erdteilen, Große und Kleine, Männer und Frauen! Uns erscheint die Gemeinde Jesu hier oft so klein, nun ist sie doch eine so unermeßliche Schar, die aufwärts stürmt dem geliebten Haupt entgegen. Wie kümmerlich war diese Schar hier oft, unansehnlich genug in sich selbst und von der Welt her verlacht, verachtet, bedrängt, vielleicht sogar gequält, eingekerkert, hingerichtet. Nun leuchtet sie in strahlender Vollendung, allem Leid, aller Anfechtung, allem Tod für immer entnommen! Und das Entscheidende: sie alle, die Ihn liebe hatten, den sie nicht sahen, nun sehen sie Ihn und freuen sich mit unaussprechlicher und herrlicher Freude (1 Pt 1,8) und "werden so allezeit mit dem Herrn zusammen sein". Jawohl! Wie sehr immer das wirkliche Christenleben ein "Sein in Christus" ist, wie sehr immer "Christus in uns" wohnt im Heiligen Geist, es bleibt jetzt unser Christenstand ein "Fernsein vom Herrn". Kein anderer als Paulus selbst, der dies "in Christus" geprägt und wieder und wieder auf alle Lebenslagen bezogen hat, der das "Christus in mir" von seinem eigenen Leben so klar bezeugt, hat dies Fernsein vom Herrn tief empfunden und 2 Ko 5,7 ausgesprochen. Er ist kein "Mystiker" und hat den wesenhaften Unterschied von "Glauben" und "Schauen" nüchtern festgehalten. Darum ist es nun aber auch die eigentliche Herrlichkeit der Parusie und der Entrückung, daß wir dann ganz leibhaftig in unmittelbarem Schauen mit Jesus zusammen sind! Nun hört das "stückweise Erkennen" endlich auf! Nun "werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin" (1 Ko 13,12), nun werde ich "Ihn sehen, wie Er ist" (1 Jo 3,2). Das ist es! Fanden wir wirklich in Jesus das Leben, riß Seine Liebe uns aus Verderben und Tod, dann ist auch die ganze Herrlichkeit der Entrückung in einem einzigen Wort unaussprechlich ausgesprochen: "Mit dem Herrn zusammen allezeit!" Und dann danken wir es dem Apostel, daß er hier so wenig wie irgendwo sonst uns Blick und Herz von dieser einen großen Hauptsache |83|  ablenkt. Die ganze Gemeinde der geliebten Brüder und Schwestern für ewig beieinander und die ganze Gemeinde für ewig untrennbar mit Jesus zusammen - das ist die Herrlichkeit jenes Tages. Sollten wir nicht viel öfter mit unseren Herzen bei diesem Tage der Parusie verweilen, damit wir mehr Freude, mehr Überwinderkraft, mehr Leidensbereitschaft haben?
Warum aber wird die Gemeinde von der Erde weg "in die Luft" entrafft? Jesus kommt zunächst zu Seiner Gemeinde und erst einmal nur für sie. So innig ist die Liebe des Hauptes zu seinem Leib. Darum wird jetzt schon rein äußerlich die Erde ganz beiseite gelassen. Das hohe Fest der Vereinigung von Haupt und Leib soll völlig ungestört abseits der Welt vor sich gehen. Die ganze Wichtigkeit und Besonderheit der Vollendung der Gemeinde wird dadurch nachdrücklich unterstrichen. Zugleich dürfen wir aber auch daran denken, daß Satan in Eph 2,2 der "Beherrscher der Vollmacht über die Luft" genannt wird. Die übliche Vorstellung, daß der Teufel in der Hölle sei und dort wohne, hat mit der biblischen Wahrheit nichts zu tun. Der Wirkungssitz Satans ist der Luftraum, von dort erfüllt er die ganze "Atmosphäre" der Welt. Und nun erfolgt die große selige Siegesfeier dessen, der der Schlange den Kopf zertreten hat, eben dort im "Hauptquartier" des Feindes selbst.
Die Entraffung von der Erde bedeutet aber noch mehr! Als Zweck und Ziel geben die meisten Übersetzer das griechische "eis apántesin tou kyríou" nur mit "dem Herrn entgegen" wieder. Nun kann gewiß das griechische Wort diese abgeblaßte Bedeutung haben. Aber ein Vergleich mit Mt 25,1 sollte uns doch warnen. Ziehen die Brautjungfern dem Bräutigam nur so allgemein "entgegen"? Nein, sie sollen ihn doch "abholen" oder "einholen"! Dazu sind sie da, dazu haben sie sich geschmückt. Ebenso aufschlußreich ist Apg 28,15: "Und von dort (Rom) kamen die Brüder, die gehört hatten das von uns, zu unserer `apántensis' nach Appiphor und Tretabern." Sie kamen doch natürlich nicht, um fortan mit Paulus in Tretabern und Appiphor zu wohnen, sondern um ihn abzuholen nach Rom! Zugleich dürfen wir wieder an politische Vorgänge jener Zeit denken, mit deren Sprache unser ganzer Abschnitt redet. Auch der neue Kaiser, der seinen "Advent", seine "Parusie" feiert, wird von Senat und Volk von Rom feierlich "eingeholt". Das Volk zieht ihm aus der Stadt heraus entgegen und begleitet dann seinen Einzug in die Hauptstadt. In diesem Sinne darf die vollendete und verklärte Gemeinde ihrem Herrn entgegeneilen "zur Einholung des Herrn."
Dann wird auch sofort klar, daß diese Begegnung mit dem Herrn im Luftraum nicht selbst schon das Ende sein kann! Nein, die große Gottesgeschichte und die Weltgeschichte enden nicht damit, daß eine |84|  entrückte Gemeinde beim Herrn in der Luft ist! Das wäre ja so, als ob die Hochzeit damit fertig wäre, daß die Brautjungfern den Bräutigam auf der Straße treffen und sich ihm zugesellen. Soll der Bräutigam nun mit ihnen auf der Straße bleiben?! Verweilt Paulus für immer mit den römischen Brüdern in Appiphor und Tretabern? Oder ist der "Advent" des neuen Kaisers damit zu Ende, daß festliche Scharen ihm vor die Stadt entgegengingen? Bleibt der Kaiser nun sein Leben lang mit einer Schar Getreuer draußen vor Rom? Unmöglich! Unser Brief sagt zwar nicht mehr, weil ihm ja nur am "Trost" in dem "Zugleich" der Entrückung liegt. Er ist ein echter Brief, der auf die besonderen Anliegen der Empfänger eingeht, und nicht eine kleine Dogmatik, die ein vollständiges Bild der Eschatologie geben möchte. Für unser persönliches Verständnis des Briefes ist es aber wichtig, daß wir uns bewußt sind: die "Einholung des Herrn" ist nicht das Letzte, nicht der Schlußpunkt. Sondern notwendig geht es weiter, so wie der Kaiser durch seine "Einholung" nach Rom gelangt und dort seine Regierung beginnt oder wie Paulus mit den römischen Brüdern nach Rom kommt, um dor seinen Prozeß abzuwarten und intensiv evangelistisch und seelsorgerlich tätig zu sein. Für die "Einholung des Herrn" durch Seine Gemeinde ist uns aber das Ziel im prophetischen Wort Alten und Neuen Testamentes eindeutig gezeigt: Von der Luft her kommt Jesus mit Seiner Gemeinde zur Erde, vernichtet dort den Antichristen mit dem Hauch Seines Mundes und bringt endlich das, was die Propheten verheißen und was Er selbst, Jesus, in Seinem Erdenleben wieder und wieder angekündigt hat: das Königreich der Himmel auf der Erde!
So bekommt der knappe Satz "Wir werden allzeit mit dem Herrn zusammen sein" seine inhaltliche Fülle. Mit Ihm zusammen sein, das heißt teilnehmen an all Seinen großen kommenden Taten: am Sturz des antichristlichen Weltreiches, an der Regierung des Herrn auf dieser alten Erde, am Weltgericht vor dem großen weißen Thron und endlich am Durchwalten des neuen Himmels und der neuen Erde vom neuen Jerusalem her.
Noch einmal: Wenn die durch Jesus Entschlafenen an all dem den vollen Anteil haben, dann ist das voller und mächtiger Trost, und die kurze "Zwischenzeit" kann füglich so beiseite gesetzt werden, wie es in unserem Brief jedenfalls geschieht.
Mit einer Grundfrage wird sich der heutige Leser auseinandersetzen müssen: Ist diese ganze Schilderung hier nicht zu "kompakt", zu "massiv"? Wir haben uns freilich den Geschmack am biblischen Realismus durch die immer neuen Vergriechungen der Kirche gründlich verderben lassen. Aber bedenken wir doch: Auch die Schöpfung Gottes ist ja nun unleugbar eine sehr "massive" Sache und nicht ein vergeistigtes |85|  Ideenreich! Ebenso ist das Erlösungswerk des Herrn Jesu "kompakt" bis zu den Hieben, die den wirklichen Körper ganz "massiv" zerreißen, und zu den Nägeln, die als wirkliche eiserne Nägel durch die Hände dringen und wirkliches rotes Blut fließen lassen. Die ganze Geschichte der Menschheit einschließlich aller Taten Gottes darin ist eine massive, wirkliche, leibhaftige Geschichte. Sollte sich nun am Ende und Ziel alles in Luft und Nebel auflösen? Entspricht nicht allein eine realistische Eschatologie dem Realismus unseres ganzen Daseins? Oder wollen wir unsererseits wirklich auf jenen Vergleich eingehen, den die Herrscher dieser Welt uns so gern anbieten: "Die Seele und der Himmel eurem lieben Gott und euch, aber die Wirklichkeit dieser Erde uns und unsrer Macht!"? Nein, Jesu geistige Geltung im Reich der Ideen ist uns nicht genug! Wir warten genau auf das, was der Brief hier geschildert hat, auf die sichtbare Einlösung Seines königlichen Wortes: Mir ist gegeben alle Gewalt in Himmel und auf Erden! Der Beginn dieser Einlösung seines Königswortes heißt: Parusie und Entrückung!
Auf der anderen Seite müssen wir aber auch dies sehen: Wie mächtig zurückhaltend ist das biblische Wort hier wie anderwärts! Vom Zustand der "Toten in Christus" erfahren wir - nichts! Für die Schilderung der Parusie selbst muß bei allem Realismus ein einziger Satz genügen! Eine Beschreibung des verherrlichten Herrn wird nicht versucht. Und von dem Zustand der vollendeten Glieder der Gemeinde selbst hören wir kein Wort! Zwei Gründe bestimmen diese Zurückhaltung. Einmal weiß jeder, der wirklich Jesus kennt, erst recht das, was schon der Beter im Alten Bunde wissen durfte: "Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde!" (Ps 73, 25.) Mit Jesus zusammen allezeit - das ist wahrhaft genug! Zugleich aber ist Paulus tief davon durchdrungen[ A ]: Was Gott uns bereitet hat, das hat kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, keines Menschen Herz erfaßt! Wir sehen darum auf "unsichtbare Dinge" (2 Ko 4,18), wie auch all das, was Paulus selbst in Visionen vom Paradies sah und hörte, "unaussprechbar" blieb (2 Ko 12,4). Könnten wir es aussprechen, sichtbar machen, schildern, so wäre es nicht mehr ewige Vollendung. Darum war es grundmäßig falsch, wenn die Gemeinde - in wenig guter Annäherung an andere Religionen - im Laufe der Zeit immer wieder versucht hat, ihrerseits nachzuholen, was Paulus ihr versagte, und nun doch Schilderungen des Jenseits, des Himmels und |86|  der Herrlichkeit zu geben. Mehr wissen und haben wollen als die Männer der Bibel bleibt ein bedenkliches Unterfangen[ B ]! Es ist auch darum so bedenklich, weil es allzu leicht in jenes "Wissen" hineinführt, das "bläht" (1 Ko 8,1) und dabei von der Liebe ablenkt, in der allein wir das bleibende Wesen der Vollendungswelt jetzt schon erfassen und in uns haben können (1 Ko 13,13).
A) Der vom Heiligen Geist erfüllte und bevollmächtigte Paulus zeigt diese herbe Zurückhaltung darum nicht nur an unserer Stelle. Sie prägt seine Aussagen über das Kommende durchweg und überall: 1 Ko 13,8-13; 15,20-28; 15,42-55; 2 Ko 5,1-10; Phil 1,23; 3,20.21. Froher Realismus, enge Bindung an die Offenbarung in Jesus und Zurückhaltung kennzeichnen alle diese Stellen, gerade auch die "ausführlichen".
B) Darum wahren wir uns die ernste biblische Nüchternheit auch gegen einen Sadhu Sundar Singh, so hoch wir ihn als leidensbewährten Zeugen des Christus für Indien und Tibet schätzen. Und erst recht gegen die vielen Geister und Irrgeister, die da reden zu müssen meinen, wo ein Paulus schwieg!
Zum Schluß wollen wir uns noch einmal dessen bewußt sein, daß Paulus hier nicht eine "Dogmatik" schreibt, sondern einen Briefabsatz, der in einer ganz bestimmten Not und Frage die Gemeinde trösten will. Es ist also vieles hier nicht gesagt, was wir zur Vervollständigung des Bildes aus anderen Darlegungen des Apostels ergänzen müssen. Vor allem vom Gericht über die Gemeinde, auf das die Boten in unserem Brief mehrfach mit solchem Ernst hinweisen (Kap. 3,13; 4,6; 5,23), ist hier nicht die Rede. Es kann hier unberücksichtigt bleiben, weil es nicht etwa das "Weltgericht", das "Jüngste Gericht", das Gericht vor dem großen weißen Thron ist, das erst viel später nach dem Sturz des Antichrist und nach dem "Tausendjährigen Reich" stattfindet (vgl. Offb 20,11-15) und an dem die vollendete Gemeinde als Mitrichter teilnimmt (1 Ko 6,2.3). Bei dem Gericht über die Gemeinde geht es ausdrücklich (1 Ko 3,15!) nicht um Seligwerden oder Verlorengehen. Diese Frage ist entschieden für die Erretteten, so wahr es "Heilsgewißheit" gibt! Es geht - freilich mit einem erschreckenden Ernst - um das Lebenswerk der Christen auf Grund ihrer Bekehrung und Wiedergeburt. Davon konnte hier abgesehen werden, weil dadurch grundmäßig an dem Schicksal der "Toten in Christus" nichts geändert und der Trost der Gemeinde nicht beeinträchtigt wird.

Feedback geben!