Evangelisch?

Evangelisch?

Reformation bei SCM

Das Herzstück unseres Glaubens

500 Jahre Reformation bedeuten auch 500 Jahre evangelischer Glaube. Doch was ist eigentlich "evangelisch"? Was ist das Herzstück evangelischen Denkens, Glaubens und Feierns für die Menschen in Deutschland heute?
Wir haben 95 Personen befragt, bekannte und unbekannte, und einige tiefsinnige und spannende Antworten bekommen.

Evangelisch?

Was bedeutet für Sie ‚evangelisch'?"

"Keine Angst mehr" , "Widerspruch wagen" oder auch "Weit wie das Meer" – so lauten einige der Antworten von 95 Prominenten und Nichtprominenten, darunter Torsten Albig, Dieter Falk, Gundula Gause, Ludwig Güttler, Nina Hagen, Peter Hahne, Margot Käßmann, Christine Lieberknecht, Friedhelm Loh, Andreas Malessa, Ulrich Parzany, Frauke Petry oder Bodo Ramelow. Ihre kurzen und sehr persönlichen Beiträge zeigen uns die faszinierende Vielfalt des Glaubens auf.

Überraschende Perspektiven vermitteln auch die für diesen farbigen Bildband eigens erstellten Fotografien von Jürgen M. Pietsch.

Das Buch ist 2015 im SCM Verlag erschienen.

19,95 €

Was bedeutet für Sie ‚evangelisch'?
12 Menschen stellen wir hier vor, die sich der Frage gestellt haben "Was bedeutet für Sie ‚evangelisch'?":
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Dr. med. Mengiste Frehiwot Alemayehu, äthiopische Ärztin

Evangelisch ist für mich heute weniger eine Bezeichnung für eine Konfession als dafür, zu versuchen, nach den Prämissen des Evangeliums zu leben. Es kommt darauf an, herauszufinden und das zu tun, was Jesus von uns in der jeweils konkreten Lebenssituation erwartet. Menschen verschiedener Konfessionen beweisen, dass das funktioniert: etwa Martin Luther King, Mutter Teresa oder der amerikanische Neurochirurg Ben Carson, der mich besonders beeindruckt: „Erkenne deine Gaben und Fähigkeiten. Nimm sie dankbar an, Gott hat sie dir geschenkt ... Entwickle sie und setze sie ein.“

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Frank-Jürgen Weise, seit 2004 Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit

„Evangelisch“ betont das Geschenkhafte und Unverdiente des Geschehens, Gottes Initiative und vorlaufendes Handeln. Gottes Liebe und Gnade können wir uns nicht durch menschliche Rituale verdienen, sie ist schon von vornherein gegeben: Wir können nur durch Einstellung und Verhalten die Annahme verweigern. „Evangelisch“ glauben heißt für mich: die Orientierung im Leben auf Jesus.

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Torsten Albig, seit 2012 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein

In meiner Kirche darf ich mich frei fühlen, so wie jeder andere Gläubige auch. Meine Gemeinde ist eine Gemeinschaft, egal ob Mann oder Frau, arm oder reich, Deutscher oder Ausländer. Wir bestimmen selbst, wer uns im Kirchengemeinderat leiten soll. Diese Menschen sind leidenschaftlich engagiert, meist ehrenamtlich. Ich werde von ihnen gut vertreten. Ich fühle mich in meiner Kirche heimisch. Mehr als das: Ich fühle mich geborgen.

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Sr. Christa Grau, Schwester der Communität Christusbruderschaft Selbitz

Ich liebe die Freiheit und die Weite, die ich in der evangelischen Kirche spüre, aber ich schätze auch die Klarheit, mit der anders geprägte Christen ihre Entscheidungen treffen. So suche ich als evangelische Christin immer wieder das ökumenische Gespräch mit Menschen, die Christus nachfolgen und sich für die Einheit einsetzen. Denn das braucht unsere Welt vor allem anderen: das praktische Zeugnis der Versöhnung und der Einheit, in aller Verschiedenartigkeit miteinander zu leben.

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Prof. Herbert Blomstedt, Dirigent und Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie

Auch Musik ohne Text hat eine geistliche Mission. Für Ludwig van Beethoven, ja auch für Anton Bruckner, den großen katholischen Kirchenmusiker, wurde die Kirche letztendlich zu klein: „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns andere anstimmen und freudenvollere.“ Ihre Botschaft sollte die ganze Welt erreichen. Das Lebenswerk beider gipfelt in neun Sinfonien. So wurden sie „Evangelisten“ für den Konzertsaal und erreichten dadurch auch Menschen, die den Kirchen fernblieben. Evangelisch denken ist gut, aber evangelisch handeln ist besser.

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Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann, elf Jahre lang Bischöfin der hannoverschen Landeskirche

Als Evangelische fühle ich mich frei im eigenen Urteil im Glauben, nicht gebunden an kirchliche Instanzen oder Traditionen. Selbst die Bibel lesen und daran das Gewissen schärfen bis hin zu einer Haltung, dass ich hier stehe und nicht anders kann, wenn ich nicht durch Bibel oder Vernunft widerlegt werde – das ist evangelisch für mich.

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Prof. Georg Christoph Biller, von 1992 – 2015 Thomaskantor zu Leipzig

Da ist der einstige Begriff „protestantisch“ charakteristischer: Wenn ich sicher in der Verbindung zu Gott stehe, brauche ich keine Angst vor Auseinandersetzungen zu haben. Um diese wichtige Beziehung lohnt es sich auch zu streiten! Ich möchte uns Christen ermuntern, mehr aus dem Evangelium heraus zu leben. Dazu gehört, das Leben mit allen Sinnen zu gestalten und auch Widerspruch zu wagen, wo ich eine andere Auffassung habe!

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Eva Sophie Albrecht, Musikstudentin

Als konvertierte Katholikin denke ich da weniger an eine von der katholischen Konfession getrennte evangelische Kirche – nein. Vielmehr sehe ich einen Raum der Offenheit vor mir, in dem ich mich als Christin stets wohlfühle, wo ich mich abseits jedes strengen Rituals bewegen kann, mit meinen Fragen willkommen bin und auch den lebendigen Austausch über den Glauben und die Kultur erlebe.

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Dr. Günther Beckstein, seit 2009 Vizepräsident der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland

Das eigene Gewissen ist ausschlaggebend und nicht die Lehren aus Rom oder sonstwo. Aber das Gewissen muss geschärft und ausgerichtet sein an der Bibel, deren Lektüre für den Evangelischen wichtig ist. Er verlässt sich nicht auf die Interpretation anderer, sondern erarbeitet sich seine eigene Überzeugung. Da ist es zwangsläufig, dass sich unterschiedliche Meinungen ausbilden. Dies ist kein Nachteil. Jeder soll seinen eigenen Weg des Glaubens finden, durch Bibellese und Grundsatztreue, Gewissenhaftigkeit und Nächstenliebe.

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Susanne Steppat, Fachbereichsleiterin für Betriebswirtschaftslehre

Als Erstes fällt mir eigentlich das Wort Hoffnung ein. Das ist das Schöne am evangelischen Glauben: Der Zorn Gottes tritt in den Hintergrund und die Liebe Gottes, seine Gnade und Vergebung spielen eine ganz große Rolle. Für mich ist auch wichtig, dass der evangelische Glaube alle mit einbeziehen will. Dass er in dieser Hinsicht liberal ist. Denn Nächstenliebe wird innerhalb der Gemeinschaft zum zentralen Aspekt, und deshalb ist er nicht vereinbar mit Diskriminierung.

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Daniel Jundt, seit 2010 Dekan in der Inspection de La Petite Pierre in Frankreich

„Evangelisch-Sein“ sollte auch bedeuten, dem Denken viel Raum zu geben. Ein beeindruckendes Erlebnis war, zu erfahren, dass die Reformatoren einstmals die Landesherren aufforderten, Schulen für Jungen und Mädchen zu öffnen. Jedem Menschen wurde so die gleiche Chance gegeben, damit eines Tages aus ihm eine verantwortliche Präsenz im privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Rahmen entstehen kann.

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Isabel Wünsche

Luthers Reformation bedeutet für mich Reinigung von starren Traditionen und menschlichen Hilfskonstruktionen; sie fordert mich auf, mich auf den Weg zu machen und mich auf den Kern des Glaubens zu besinnen. Diesen Kern sehe ich in meiner, deiner und jedermanns persönlichen Beziehung zu Gott. Ich entdecke ihn in Gottes unendlicher Liebe, die mich derart zu erfüllen vermag, dass ich diese Liebe durch ihn an meinen Nächsten weitergeben kann.

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